„Des Menschen Wille, das ist sein Glück“ – Dieses Zitat stammt von Friedrich von Schiller und reißt eine Thematik der Wissenschaft an, deren Ausmaß heute kaum mehr überschaubar ist. Bereits Platon philosophierte vor mehr als zwei Jahrtausenden in seiner Seelenlehre darüber, was es mit dem Willen des Menschen auf sich hat. Etabliert hat sich über den Zeitraum ein bis heute währender wissenschaftlicher Disput verschiedener Fachrichtungen, aber auch allerhand Positionen innerhalb einzelner Fächer, ob denn so etwas wie Willensfreiheit existent ist oder nicht. Dabei hat sich in den letzten Jahrzehnten ein relativ neuer Wissenschaftszweig vehement in die Diskussion eingemischt. Es handelt sich dabei um die Neurowissenschaften, die sich aufgrund ihrer Erkenntnisse der letzten Jahre dazu befähigt sieht, bei der Frage der Willensfreiheit neue Antworten liefern zu können.
Dabei vertritt eine Reihe von Vertretern des Faches (wie Wolf Singer und Gerhard Roth), die Meinung, dass wir uns von unserem heute gängigen Bild des Menschen, der einen freien Willen besitzt, verabschieden müssen. Sind Gedanken, Wünsche und letztendlich Entscheidungen nur das Ergebnis neuronaler Impulse und Prozesse im Gehirn und wird so unser Gefühl des Bewusstseins produziert? Oder allgemeiner formuliert: Sind wir in unserer Entscheidungsfindung in irgendeiner Art determiniert?
In dieser Ausarbeitung wird dargelegt werden, warum die Neurowissenschaft die Frage nach der Existenz eines freien Willens gegenwärtig nicht beantworten kann. Um eine Grundlage zu bieten, worauf die Diskussion um die Willensfreiheit zwischen der Hirnforschung und Philosophie zurückgeht, werden im Folgenden zunächst die Hauptargumente, die einerseits gegen und andererseits für einen freien Willen sprechen, dargelegt werden. Darauffolgend werden im nächsten Kapitel sprachkritische Einwände von Maxwell Bennett und Peter Hacker an der Neurowissenschaft vorgestellt werden. Diesem Kapitel schließt sich dann eine Zusammenfassung von Peter Janichs Werk „Kein neues Menschenbild“ an. Er kritisiert ebenfalls die Sprache der Hirnforschung. Ziel ist es, in dieser Ausarbeitung zu zeigen, dass die Disziplin der Hirnforschung zunächst einmal ihre eigene Fachsprache entwickeln und gewisse sprachliche Schwächen überwinden muss. Am Ende der Ausarbeitung werden die wesentlichen Punkte der kritischen Einwände noch einmal zusammengefasst und ein abschließendes Fazit gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Argumente, die gegen die Willensfreiheit sprechen
2.1. Libets Nachweis von neurophysiologischen Vorbereitungen im Gehirn
2.2. Aufgezwungene Gehirnaktivitäten, die als „eigener Wille“ interpretiert werden
3. Argumente, die für die Willensfreiheit sprechen
3.1. Die subjektive Primärevidenz von Entscheidungsfreiheit
3.2. Das Argument des ganzen Ich’s
4. Die Kritik von Maxwell Bennett und Peter Hacker an der Neurowissenschaft
4.1. Die Sprachkritik und der mereologische Fehlschluss
4.2. Die Kritik an der Reduktion der qualitativen Beschaffenheit von Bewusstsein und Erfahrung
5. Die Kritik von Peter Janich an der Neurowissenschaft
5.1. Die generelle Problematik der neurowissenschaftlichen Sprache
5.2. Kritik der Objektsprache
5.3. Kritik der Parasprache
5.4. Kritik der Metasprache
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, weshalb die moderne Neurowissenschaft trotz ihrer Fortschritte die philosophische Frage der Willensfreiheit gegenwärtig nicht abschließend beantworten kann. Der Autor legt dar, dass die Disziplin durch mangelhafte Sprachverwendung und logische Fehlschlüsse in der Theoriebildung an ihre Grenzen stößt.
- Wissenschaftlicher Disput zwischen Neurowissenschaft und Philosophie
- Kritische Analyse neurowissenschaftlicher Experimente zur Willensfreiheit
- Sprachphilosophische Untersuchung (Bennett, Hacker, Janich)
- Mereologischer Fehlschluss und das Leib-Seele-Problem
- Methodische Anforderungen an die Hirnforschung
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Sprachkritik und der mereologische Fehlschluss
Maxwell Bennett und Peter Hacker geben in der Einleitung ihres Bandes „Neurowissenschaft und Philosophie“ einen Überblick darüber, was die sprachliche Problematik der Neurowissenschaften beinhaltet:
„Die kognitive Neurowissenschaft überschreitet die Grenze zwischen zwei Bereichen – nämlich Neurophysiologie und Psychologie –, deren jeweilige Begriffe verschiedenartigen Kategorien angehören. Die logischen, also begrifflichen Beziehungen zwischen dem Physiologischen und dem Psychologischen sind zweifelhaft. Bei vielen psychologischen Begriffen und Begriffskategorien bereitet es große Mühe, die Optik scharf einzustellen.“
So erläutern sie weiter, dass deshalb auch die großen Fragen, wie das „Geist-Gehirn-Problem“ oder auch das „Leib-Seele-Problem“ von den Neurowissenschaften unter der Verwendung der falschen Begrifflichkeiten nicht zu lösen sind. Das werde daran deutlich, dass Neurowissenschaftler oftmals das Gehirn gleichsetzen mit dem Geist eines Menschen. Dadurch spreche man dem Gehirn implizit psychologische Eigenschaften zu, die es aber so eigentlich nicht besitze.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die historische Debatte um Willensfreiheit und die aktuelle Einmischung der Neurowissenschaft.
2. Argumente, die gegen die Willensfreiheit sprechen: Darstellung der klassischen Libet-Versuche und moderner Erkenntnisse über Gehirnaktivität als Determinanten des Willens.
3. Argumente, die für die Willensfreiheit sprechen: Erörterung der subjektiven Primärevidenz und der Untrennbarkeit von Ich und Körper.
4. Die Kritik von Maxwell Bennett und Peter Hacker an der Neurowissenschaft: Analyse sprachlicher Kategorienfehler, insbesondere des mereologischen Fehlschlusses.
5. Die Kritik von Peter Janich an der Neurowissenschaft: Untersuchung der verschiedenen Sprachebenen (Objekt-, Para- und Metasprache) in der Hirnforschung.
6. Fazit: Zusammenfassendes Urteil über die Notwendigkeit einer fachsprachlichen Reform innerhalb der Hirnforschung.
Schlüsselwörter
Willensfreiheit, Neurowissenschaft, Hirnforschung, Philosophie, Sprachkritik, Benjamin Libet, Mereologischer Fehlschluss, Bewusstsein, Qualia, Peter Janich, Maxwell Bennett, Peter Hacker, Objektsprache, Metasprache, Leib-Seele-Problem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, warum die Neurowissenschaft die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit bisher nicht schlüssig beantworten kann und welche Rolle sprachliche Unsauberkeiten dabei spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Hirnforschung, die Philosophie des Geistes, die Sprachphilosophie sowie die wissenschaftstheoretische Analyse von Laborexperimenten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Neurowissenschaften ihr Fachvokabular methodisch ordnen müssen, um die philosophischen Probleme der Willensfreiheit nicht durch logische Fehlschlüsse zu verzerren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine literaturwissenschaftliche und philosophische Analyse-Methode, bei der bestehende Werke und Argumentationslinien (u.a. von Bennett, Hacker und Janich) kritisch synthetisiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der neurowissenschaftlichen Argumente gegen die Freiheit, Gegenargumente der Philosophie sowie eine tiefgehende sprachkritische Untersuchung der neurowissenschaftlichen Fachterminologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Willensfreiheit, Sprachkritik, mereologischer Fehlschluss, Hirnforschung und Leib-Seele-Dualismus charakterisiert.
Was genau ist ein „mereologischer Fehlschluss“ im Kontext der Hirnforschung?
Es handelt sich um den Fehler, dem Gehirn (einem Teil des Menschen) psychologische Fähigkeiten zuzuschreiben, die eigentlich nur dem gesamten Menschen als psychophysischer Einheit zukommen (z.B. „das Gehirn denkt“ statt „der Mensch denkt mit seinem Gehirn“).
Warum hält der Autor die Sprache der Hirnforschung für „kauderwelsch“?
Der Autor stützt sich auf Peter Janich, der kritisiert, dass Neurowissenschaftler Begriffe aus anderen Disziplinen oder der Alltagssprache unreflektiert vermischen, wodurch wissenschaftliche Widersprüche und populärwissenschaftliche Missverständnisse entstehen.
- Arbeit zitieren
- Florian Meier (Autor:in), 2011, Warum kann die Neurowissenschaft die Frage der Willensfreiheit nicht beantworten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181750