Margot Käßmanns Neujahrspredigt in der Frauenkirche im Jahr 2010

Eine Redeanalyse


Seminararbeit, 2011
30 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rhetorische Aspekte
2.1 Rhetorik und Predigt
2.2 Das äußere aptum
2.3 Die fünf Produktionsstadien einer Rede
2.4 Die Redeteile (partes orationis)
2.5 Die Überzeugungsmittel des Redners

3. Analyse

4. Exkurs: „Die Rede des Jahres“

5. Auswertung

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Rhetorice ars es bene dicendi“ - Rhetorik ist die Kunst gut zu reden. So definierte der römische Rhetoriklehrer Quintilian die Rhetorik.1 In der Antike begründet, spielt sie bis heute noch eine wichtige Rolle für Reden jeglicher Art und wird sogar in Hollywood aufgegriffen. Der Film „The King’s Speech“ gewann im Jahr 2011 vier Academy Awards und handelt von dem englischen König George VI., der durch eine unkonventionelle Rhetoriktherapie von seinem Stottern geheilt wird und fortan bei öffentlichen Reden glänzt.2 Entstanden im 5. Jahrhundert vor Christi3, ist die Rhetorik bis heute noch ein wichtiger Bestandteil politischer oder juristischer Reden und auch Predigten.

Diese Hausarbeit befasst sich mit der Neujahrspredigt der Theologin Margot Käßmann, die sie am 01. Januar 2010 in der Frauenkirche in Dresden gehalten hat. Käßmann nimmt den Leitvers der Jahreslosung als Anknüpfungspunkt für ihre Predigt und referiert in Anlehnung an den Anlass der Rede – den Neujahrstag und somit den Jahreswechsels – über die Kluft zwischen der Hoffnung und Erwartung an ein neues Jahr und der Realität. Sie skizziert diese Realität auf einer individuellen und einer globalen Ebene und verweist auf Missstände in der Gesellschaft. Mithilfe der Kraft, die aus dem Glauben an Gott geschöpft werden kann, soll gehandelt werden, so ihr Appell. Die Jahreslosung wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen herausgegeben und soll für Christen als Leitvers für das kommende Jahr gelten.4 Für das Jahr 2010 lautete die Jahreslosung „Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich“, aus dem Johannesevangelium, Kapitel 14, Vers 1.5

Auf die Geschichte der Rhetorik und ihre Hintergründe soll in dieser Arbeit nicht eingegangen werden. Vielmehr werden einige für eine Redeanalyse relevante Aspekte herausgegriffen, vorgestellt und in der Praxis der Analyse der Rede, die für diese Arbeit als Basis gilt, angewendet. Hierzu gehören die officia oratores und die partes artis, die partes orationis oder die Überzeugungsmittel des Redners.

Die Disziplin Rhetorik steht in einem engen Bezug zur Germanistik, betrifft sie doch die Sprache selbst, in ihrer Anordnung und Ausformung. Interdisziplinär betrachtet fügt sich die Rhetorik auch in das Forschungsfeld der Kommunikationswissenschaft oder der Psychologie ein, da sie eingesetzt wird, um zu überzeugen: „Die Rhetorik geht davon aus, dass Denken und Handeln der Menschen nicht dem Muster von Befehl und Gehorsam, sondern auf höchst vielfältige Weise interpersoneller Vermittlung folgt.“6 Zur Anwendung kommt die Rhetorik in den verschiedensten Bereichen und Situationen, sei es im Gerichtssaal, bei einer Festrede oder in journalistischen Texten. Prinzipiell gilt, dass jedes Halten von Reden rhetorisch geprägt ist, da jeder Redner seine Zuhörer mit dem Gesagten von einer Sache oder der eigenen Position überzeugen möchte.

Das Thema Rhetorik ist in zahlreichen und umfassenden Werken behandelt worden. Abgesehen von den alten Schriften Quintilians, Ciceros oder der Rhetorik von Aristoteles, die 340/330 v. Chr. entstanden ist und bis heute als das bedeutendste Lehrbuch zur Rhetorik7 gilt, gibt es zahlreiche neuere Werke, die aber auch auf die alten Schriften Bezug nehmen oder diese aufarbeiten. An erster Stelle ist dort der „Grundriß der Rhetorik“ von Gert Ueding und Bernd Steinbrink zu nennen.8 Dieses Werk vereint die einzelnen Elemente der Rhetorik, wie die Tropen, die Stilfiguren, den Aufbau einer Rede, die Redeteile, die Redegattungen und natürlich die Entstehungsgeschichte der Rhetorik. Ueding und Steinbrink orientieren sich dabei insbesondere an Quintilian, aber auch an Cicero und Aristoteles.

Weiterhin nicht aus dem Literaturkanon der Rhetorik wegzudenken, ist das „Historische Wörterbuch der Rhetorik“, ebenfalls von Gert Ueding, das ein enormes Glossar zum Thema Rhetorik lexikalisch zur Verfügung stellt.9 Gert Ueding ist Leiter des Lehrstuhls für „Allgemeine Rhetorik“ an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Diese bietet als einzige Universität in Deutschland diesen Studiengang an.10

Weiterhin sind zum Thema Rhetorik die Bücher „Populäre rhetorische Ratgeber“ von Albert Bremerich-Vos11 oder „Systematische Rhetorik“ von Heinrich F. Plett12 zu nennen. Diese Werke orientieren sich zwar an der klassischen Rhetorik, thematisieren aber aktuellere Texte und Problemstellungen. Die bisher aufgezählten Werke sind aber nur einige von Zahlreichen, denn die Literaturliste sowohl für die Rezeption der klassischen Rhetorik als auch für neuere Formen der Rhetorik ist lang. Für diese Arbeit werden nur Werke verwendet, die sich auf die klassische Rhetorik von Aristoteles, Quintilian oder Cicero beziehen. Im Vordergrund stehen hier der „Grundriß der Rhetorik“ von Gert Ueding und Bernd Steinbrink und „Rhetorik“, von Clemens Ottmers.13

In Kapitel 2.1 wird zunächst die Predigt in Bezug zur Rhetorik gesetzt und die Anforderungen an eine Predigt und ihre Besonderheiten werden erläutert. Im Anschluss werden die für eine Redeanalyse relevanten Aspekte der Rhetorik, wie zum Beispiel das äußere aptum in Kapitel 2.2, die fünf Produktionsstadien einer Rede in Kapitel 2.3, die officia orationis in Kapitel 2.4 und die Überzeugungsmittel des Redners in Kapitel 2.5 beleuchtet. Im Folgenden soll die Predigt von Margot Käßmann auf ihren Aufbau, ihre Stilmittel und ihre Überzeugungskraft analysiert werden.14 Zusätzlich zur Betrachtung der Rede von Margot Käßmann sollen in einem kurzen Exkurs die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf diese Rede skizziert werden, die unter anderem dazu führten, dass Margot Käßmann der Preis für die „Rede des Jahres 2010“ von der Universität Tübingen verliehen wurde. In einem abschließenden Kapitel soll die Rede ausgewertet und in Hinblick auf die in Kapitel 2 dargelegten rhetorisch-theoretischen Aspekte bewertet werden.

2. Rhetorische Aspekte

2.1 Rhetorik und Predigt

Aristoteles und andere Rhetoriker nach ihm, haben drei Redegattungen definiert, in die Reden einzuordnen sind. Die erste Gattung ist die beratende oder politische Staatsrede, „in der der Redner vor dem beratenden Gremium der Volksversammlung über öffentliche Angelegenheiten spricht […]“.15 Die zweite Gattung ist die juristische Rede oder Gerichtsrede, in dem der Redner dem vermeintlich Schuldigen gegenüber als Ankläger auftritt oder den vermeintlich Unschuldigen verteidigt. Adressaten sind hier die Geschworenen und der Richter.16 Die dritte Gattung vereint die Gelegenheits- oder Festrede in sich, die dem Lob oder Tadel vorbehalten sind. Der Redner bezieht sich in dieser Form der Rede auf eine ganz bestimmte Person, Gemeinschaft, Institution oder auf besondere Leistungen.17

Diese klassische Trias wurde in der frühen Neuzeit erweitert18 und hat sich bis heute stetig modifiziert. Seit der Frühen Neuzeit wird auch schriftlichen Formen der Rhetorik mehr Beachtung geschenkt19, heutzutage zählen auch Essays, Zeitungsartikel und andere journalistische Texte wie Rezensionen, Reportagen, Interviews oder Kommentare zur Rhetorik.20

Die Rede von Margot Käßmann ist in die Gattung der Predigt einzuordnen, die einen Sonderzweig der Rhetorik ausmacht.

Der Begriff Predigt stammt vom lateinischen praedicatio, was so viel wie öffentliches Bekanntmachen oder Ausrufen heißt. Eine Predigt ist eine „(zumeist) liturgisch eingebundene, kirchengeschichtlich und religionskulturell spezifizierten Formgesetzen verpflichtete, an eine bestimmte Hörerschaft (Gemeinde) gerichtet, einen traditionalen (meist biblischen) Sinngehalt in die eigene konkrete Situation vermittelnde und dadurch auf die ‚Kommunikation des Evangeliums’ zielende religiöse Rede.“21 Predigten können in verschiedene Gattungen unterteilt werden, so gibt es zum Beispiel Wanderpredigten, Mottopredigten, Ehestandspredigten und liturgische Predigten, also Weihnachts-, Fasten- oder Passionspredigten. Weiterhin gibt es kalendarische Predigten wie die Sonntagspredigt oder die Wochenpredigt und eben die politische Predigt.22 Die Predigtlehre wird in der Theologie als Homiletik bezeichnet und ist im Mittelalter entstanden.23

Die mit der Predigt verbundene Redeabsicht kann nicht eindeutig in die der drei klassischen Gattungen der Rhetorik eingeordnet werden.24 Vielmehr existiert die ars preadicandi, also die Predigtlehre, neben den drei klassischen Gattungen.25 Über die christliche Predigt lässt sich insgesamt sagen, dass sie „die biblische Überlieferung für den Hörer der Gegenwart auslegt, um ihm die Gewissheit im Christentum zu stärken und die Orientierung im Leben zu fördern“.26 Die Wirkung der Predigt befindet sich im Spannungsfeld verschiedener Komponenten, nämlich „zwischen dem historischen Bestand des Christentums und der gegenwärtigen Wirklichkeit, zwischen dem christlichen Wahrheitsanspruch und dem zeitbedingten Wahrheitsbewusstsein [und] zwischen der Generalität der christlichen Glaubenslehre und der Individualität der Predigthörer.“27

Zu Beginn der 1920er Jahre riet Eduard Thurneysen – Theologe und Freund des „Kirchenvaters des 20. Jahrhunderts“28 Karl Barth – allen Predigern, der Rhetorik abzuschwören. Eine Predigt brauche keinen Schmuck, sie sei das weitergegebene Wort Gottes.29 „Die Hinwendung zum Worte Gottes geht einher mit der Abwendung vom Menschenwort und vom Hörer, von den Bemühungen um eine kunstvolle und wirkungsvolle Gestaltung von Sprache und Predigt“, so Thurneysen.30 In der Mitte der 1960er Jahre wurde Kritik an dieser herrschenden anti-rhetorischen Predigtlehre laut und das Bild des „Theologen als Gottesorakel“31 war nicht länger vertretbar. Der Theologe Manfred Josuttis erinnerte daran, dass der Prediger nicht nur die Verantwortung für den Inhalt seiner Rede trägt, sondern auch für die Form und die Vermittlung der Rede zuständig ist.32 Eine Predigt kommt ohne Rhetorik demnach also nicht aus. Das Wort Gottes muss „übersetzt und erweitert, bis zur Gegenwart hin verlängert und […] an die gegeben Situation [appliziert werden]“.33 „Predigen ist ein kreativer Prozess auf der Basis souveräner Beherrschung von Methoden und Techniken.“34 In den folgenden Kapiteln soll herausgestellt werden, inwieweit Margot Käßmann diese Methoden und Techniken für ihre Neujahrspredigt angewendet und beherrscht hat.

2.2 Das äußere aptum

Für die elocutio, also die Ausformulierung der Rede, müssen das innere und das äußere aptum berücksichtigt werden. Das aptum ist die Angemessenheit einer Rede und entscheidend für ihre Wirkung. Für das innere aptum müssen dabei alle „Bausteine und Teile der Rede untereinander“ 35 berücksichtigt werden, das äußere aptum bezieht sich auf die Gegebenheiten, zu denen die Rede gehalten wird.36 Auf das innere aptum wird in Kapitel 2.3 eingegangen. Das äußere aptum bezeichnet den Ort der Rede, den Zeitpunkt der Rede, die Person des Redners, die Zuhörer der Rede und den Gegenstand der Rede.37

Rednerin Margot Käßmann ist eine Evangelisch-Lutherische Theologin und Pfarrerin. Sie wurde am 03. Juni 1958 in Marburg geboren und 1999 zur Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers gewählt. Ab Oktober 2009 war sie zudem auch Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss im Februar 2010 trat sie von beiden Ämtern zurück.38 Im Jahre 2012 wird Margot Käßmann wieder in den Dienst der Evangelischen Kirche in Deutschland zurückkehren, für das Reformationsjubiläum 2017 ist sie zur Botschafterin ernannt worden.39

Der Ort der Rede ist die Frauenkirche in Dresden. Sie wurde 1945 im Zweiten Weltkrieg zerstört und von 1994 bis 2005 wieder aufgebaut. Die Frauenkirche lädt neben Gottesdiensten und Andachten auch zu Konzerten, kirchenmusikalischen Veranstaltungen, Vorträgen, Literaturabenden und Besichtigungen ein.40

Der Zeitpunkt der Rede ist gleichzeitig der Anlass, nämlich der Neujahrsgottesdienst in der Frauenkirche. Der Neujahrstag wird auch thematisch in der Rede aufgegriffen und macht ihn zum Gegenstand und Ausgangspunkt der Rede. Es ist davon auszugehen, dass die Teilnehmer dieses Gottesdienstes bunt gemischt aus allen Altersstufen und verschiedenen sozialen Hintergründen stammen. Im Speziellen kann über die anwesenden Zuhörer aber nichts gesagt werden, sie werden in Käßmanns Begrüßung unter dem Begriff „Gemeinde“ zusammengefasst.

Im weiteren Verlauf werden nun theoretische Grundlagen der Rhetorik erläutert. Im Anschluss daran wird die Neujahrspredigt von Margot Käßmann analysiert.

2.3 Die fünf Produktionsstadien einer Rede

Ein Redner hat gewisse Aufgaben beziehungsweise Arbeitsschritte, die officia oratoris, zu absolvieren, um seine Rede zu gestalten. Diese sind in die fünf Produktionsstadien einer Rede, die partes artis, unterteilt.41 Die partes artis sind ein Teil des inneren aptums, sie müssen untereinander harmonieren.42

Im ersten Schritt, der inventio, muss der Redner die überzeugenden und zu seinem Thema passenden Argumente suchen und finden. Im zweiten Schritt, der dispositio, werden die Argumente in einer sinnvollen Reihenfolge angeordnet. In der elocutio wird die Rede dann sprachlich und stilistisch ausgearbeitet. Hier spielen Satzbau, Wortfiguren und andere Stilmittel eine Rolle. Das innere aptum fordert für eine Rede, dass „der Redner seine Auffassung von einer Sache in die den Gedanken angemessenen Worte kleidet.“43 Dies passiert im Prozess der inventio, der dispositio und der elocutio. In der Phase der memoria eignet der Redner sich die Rede gedanklich an, im besten Fall kann er sie danach auswendig. Die actio, auch pronuntiatio genannt, bezeichnet dann in einem letzten Schritt den gestischen, mimischen, körpersprachlichen und stimmlichen Vortrag der Rede vor einem Publikum.44

Über die memoria und die actio von Margot Käßmann kann hier keine Aussage getätigt werden, da die Rede der Öffentlichkeit in audiovisueller Form nicht zugänglich ist, sondern nur in Textform vorliegt.45 Über ihre Mimik, Gestik und die Körpersprache ist daher öffentlich ebenso wenig bekannt wie über ihre Stimmlage, Betonung oder ob sie auswendig predigte. In der folgenden Redeanalyse werden also nur die inventio, die dispositio und die elocutio untersucht, also die Argumente, ihre Anordnung und die stilistische Ausarbeitung.

2.4 Die Redeteile (partes orationis)

Trotz der verschiedenen Gattungen der Rhetorik haben sich die ursprünglichen Anforderungen an eine Gerichtsrede als übergreifendes Einteilungsprinzip für die Teile einer Rede durchgesetzt.46 Diese sind an erster Stelle das exordium, also die Einleitung einer Rede, die narratio, dann die argumentatio und zuletzt der Schlussteil einer Rede, die peroratio.

Der Anfang einer Rede, das exordium, ist womöglich der wichtigste Teil, da die Zuhörer gleich zu Beginn zu einem Thema hingeführt und für dieses fasziniert werden müssen.47 Die erste Hürde zur Überzeugung der Zuhörer muss an dieser frühen Stelle bereits genommen werden. Das exordium sollte knapp ausfallen, „denn es muss deutlich werden, wo die Einleitung abgeschlossen ist und die narratio beginnt“.48 Die narratio ist der nächste Teil der Rede, die Erzählung. Eigentlich bezeichnet sie die Darstellung des Tathergangs beziehungsweise die Schilderung des Sachverhalts, diese Definition ist aber sehr an der juristischen Rede orientiert49. Generell – und vor allem in der nichtjudizialen Rede – ist die narratio oft nur ein „bestimmtes narratives oder deskriptives Darstellungsverfahren, das sich kaum als eigenständiger Redeteil definieren lässt“.50 Die auf die narratio folgende argumentatio entstammt ebenso der Gerichtsrede und bezeichnet die Beweisführung und Begründung durch Argumente. Diese können faktische Argumente wie zum Beispiel Zeugenaussagen oder Geständnisse sein oder auch künstliche Beweismittel. Diese stammen ausschließlich aus der Fähigkeit des Redners und seiner Überzeugungskraft, die Argumente vorzubringen und auszubreiten.51 Als vierter Redeteil ist die peroratio zu nennen, der Redeschluss. Der Redner sollte seine Botschaft am Schluss einer Rede noch einmal verdeutlichen und auf die von ihm beabsichtigten Affekte hinwirken, denn „die antiken Theoretiker wussten bereits, dass die meisten und lebhaftesten Erinnerungen, die von einer Rede im Gedächtnis bleiben, aus deren Schlusssätzen stammen.“52

Auch im Aufbau vieler Predigten ist das Muster der antiken Gerichtsrede heute noch zu erkennen.53 Allerdings ist sowohl für Predigten als auch andere Redegattungen ein modernerer Aufbau möglich, der sich nicht strikt an der klassischen Aufteilung orientiert wie zum Beispiel die Zusammenfassung von narratio und argumentio zu einem gemeinsamen Hauptteil.54 In diesem Fall dient der gesamte Hauptteil dazu den Redegegenstand darzulegen und zu erörtern.55

2.5 Die Überzeugungsmittel des Redners

Die Rhetorik hat eine Trias von Überzeugungsmitteln ausgebildet, die auf Aristoteles zurückgehen, nämlich ḗthos, páthos und lógos.56 Das ḗthos bezeichnet „die auf Glaubwürdigkeit zielende ethisch-moralische Selbstdarstellung des Redners – Aristoteles spricht hier vom ‚Charakter’ des Redners“57. Die auf die „Affekterregung der Zuhörer gerichtete Darstellung des Sachverhalts“ wird als páthos bezeichnet und das „sachlogische Beweisverfahren“ als lógos.58 Das lógos muss also redeimmanent betrachtet werden, während ḗthos und páthos die Person des Redners und das Publikum mit einbeziehen. Sie sind subjektiv und personengebunden. Am überzeugendsten wirken diese Mittel dann, wenn sie zusammenwirken.59

Weiterhin überzeugt ein Redner durch stilistische Mittel und Wortfiguren. Nach Quintilian lassen sich diese in zwei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe lässt sich in Wortfiguren grammatischer Art einteilen, die zweite Gruppe ist rhetorischer Art. Die erste bildet sich durch die Neuerungen von Sprachgrundsätzen, also „durch ein Abweichen von der normalerweise als richtig bezeichneten grammatischen Sprachnorm.“60 Die zweite Gruppe enthält Figuren, die durch die Wortstellung bestechen und „die nicht nur auf dem Sprachgebrauch beruh[en], sondern dem Sinn selbst bald Reiz, bald zudem auch noch Kraft verleih[en].“61

Im nächsten Kapitel wird nun die Rede von Margot Käßmann analysiert, die genaue Auswertung folgt in Kapitel 5.

3. Analyse

Margot Käßmann beginnt ihre Predigt mit den üblichen Eingangsworten: „Liebe Gemeinde“. Ihre Einleitung, das exordium, beginnt mit der Wiedergabe der Jahreslosung. Sie zitiert den Bibelvers „Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich“ (Johannes 14,1) und knüpft direkt an den Neujahrstag an, den Anlass der Predigt. Mit den Worten: „Denn wir stehen ja am Beginn eines neuen Jahres meist in einer Spannung zwischen der Hoffnung, dass alles gut wird, und den Ängsten, dass Schweres auf uns zukommen könnte“, macht sie durch die Gegenüberstellung von Angst und Hoffnung direkt zu Beginn der Predigt deutlich, in welchem Spannungsfeld sich ihre Rede befindet. Durch das Personalpronomen „wir“ grenzt sie sich nicht von der Gemeinde ab, sondern stellt sich ihr gleich, indem sie klar macht, dass alle Menschen zu Beginn eines neuen Jahres ähnliche Gedanken teilen – auch sie.

Im folgenden Abschnitt der Rede geht Margot Käßmann auf den Spruch der Jahreslosung mit einer rhetorischen Frage ein: „Hört sich das nicht etwas naiv an, diese Antwort auf das Erschrecken: glaubt [sic!] an Gott?“ Eine rhetorische Frage ist eine Frage, „auf die der Redner keine Antwort erwartet und in die er eine Aufforderung oder Aussage kleidet, wenn er besonders eindringlich und emotional wirken will.“62 Auf dieser Frage baut sie ihre folgende Argumentation auf und kommt im Verlauf der Rede immer wieder darauf zurück.

Käßmann rezitiert das Weihnachtskartenmotto „Alles wird gut“ und wiederholt es mehrmals. Durch diese repetitio prägt es sich beim Zuhörer ein. Sie schmückt diesen Spruch mit Beispielen aus, wie dem Briefträger, der ihr „Frohes Neues!“ zuruft, der Frau an der Kasse, die „Guten Rutsch auch“ sagt, oder der Mitarbeiterin, die sich „auf ein Neues nächstes Jahr“ verabschiedet. Käßmann steigert nun die Bedeutung ihrer Worte: „Neu. Vorfreude. Neugier auch. Der Neubeginn als Chance. Wir dürfen gespannt sein, was kommt. Voller Hoffnung und Erwartung“ und führt den Zuhörer durch diese Klimax von „Vorfreude“, „Neugier“ bis hin zu „Neubeginn“ zu einem ersten Höhepunkt in ihrer Rede. Käßmann benutzt die Tautologie „Hoffnung und Erwartung“, diese zwei Begriffe sind bedeutungsähnlich. Sie verstärkt und betont so, mit welchen Gefühlen Menschen in ein neues Jahr gehen. Diese semantische Redundanz wird im folgenden Verlauf der Rede noch häufig vorkommen.

In diesem Fall gipfeln Hoffnung und Erwartung darin, dass sie noch einmal den Spruch „Alles ist gut“ betont, daraufhin anhand des Liedes „Alles kann besser werden“ von Xavier Naidoo erneut Hoffnung und Erwartung in Ihre Worte legt und sie dann aber bedauernd zunichte macht. Sie stellt fest, dass eben nicht alles gut ist. Die Gemeinde wird dabei direkt angesprochen: „Aber – ja, auf dieses aber haben Sie sicher schon gewartet. Denn leider ist eben nicht alles gut“ und es wird klar, dass sie mit den Erwartungen des Publikums kokettiert hat.

An dieser Stelle endet das exordium und Margot Käßmann beginnt nun mit dem Hauptteil ihrer Rede. Auf Grund der Gattung „Predigt“, kann hier nicht von einem Teil der Rede als narratio und einem Teil als argumentio gesprochen werden, vielmehr hat die Rede einen großen Hauptteil.

Durch eine Klimax definiert sie das Wort „Erschrecken“, einen Begriff aus dem Spruch der Jahreslosung, genauer:

Wir haben allen Grund, zu erschrecken. Damit ist nicht ein lustiger Spaß nach dem Motto: huch [sic!], da habe ich mich erschrocken, gemeint! Kein Halloweenunfug oder Horrorfilm oder Scherz. Nein, es geht hier um echtes Erschrecken, tiefe Erschütterung, Lebensangst in einer existentiellen Dimension.

Jeder Ausdruck – „echtes Erschrecken“, „tiefe Erschütterung“, „Lebensangst in einer existentiellen Dimension“ – ist eine Spur intensiver. Durch diese Steigerung werden die Nachdrücklichkeit und die Dimension ihrer Aussage, dass wir alle Grund haben zu erschrecken, sehr deutlich. Sie verwendet ein epitheton ornans,63 also ein schmückendes Beiwort – „echt“, „tief“ und „existentiell“ – für jedes der Substantive, um diesen noch mehr Aussagekraft zu verleihen.

[...]


1 Vgl. Ottmers, Clemens: Rhetorik. 2. aktualisierte und erw. Auflage, Stuttgart 2007, S. 6.

2 Der Inhalt des Films ist unter http://www.film-zeit.de/Film/21632/THE-KINGS-SPEECH/Inhalt/ oder http://de.wikipedia.org/wiki/The_King%E2%80%99s_Speech nachzulesen. Stand beider Links: 29.07.2011.

3 Ueding, Gerd; Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode, 2. Aufl., Stuttgart 1986, S. 11.

4 http://www.jahreslosung.net/geschichtliches.htm Stand: 02.08.2011.

5 http://www.losungen.de/losungenheute/jahreslosung.php Stand: 02.08.2011.

6 Ueding, Gerd; Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode, 2. Aufl., Stuttgart 1986, S. 4.

7 Vgl. Ottmers, Clemens: Rhetorik. 2. aktualisierte und erw. Auflage, Stuttgart 2007, S. 6.

8 Ueding, Gerd; Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode, 2. Aufl., Stuttgart 1986.

9 Ueding, Gerd (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 2005.

10 http://www.uni-tuebingen.de/uni/nas/ Stand: 29.07.2011.

11 Bremerich-Vos, Albert: Populäre rhetorische Ratgeber. Historisch-systematische Untersuchungen, Tübingen 1991.

12 Plett, Heinrich F.: Systematische Rhetorik. Konzepte und Analysen, München 2000.

13 Ottmers, Clemens: Rhetorik. 2. aktualisierte und erw. Auflage, Stuttgart 2007.

14 Die komplette Rede befindet sich im Anhang der Arbeit. Im Internet ist die Rede unter http://www.nordelbische.de/beitraege/?p=1261 oder http://www.ekd.de/predigten/kaessmann/100101_kaessmann_neujahrspredigt.html nachzulesen.

15 Ottmers, Clemens: Rhetorik. 2. aktualisierte und erw. Auflage, Stuttgart 2007, S. 16.

16 Vgl. Ottmers (2007), S. 16.

17 Vgl. Ottmers (2007), S. 16.

18 Ottmers (2007), S. 30.

19 Ebd. S. 30.

20 Ottmers (2007), S. 42.

21 Predigt, in: Ueding, Gerd (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 7, Tübingen 2005, 45-96, hier 45.

22 Vgl. Ueding (2005), 46f.

23 Vgl. Ottmers (2007), S. 33.

24 Predigt, in: Ueding, Gerd (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 7, Tübingen 2005, 45-96, hier 47.

25 Ottmers (2007), S. 33.

26 Vgl. Ueding (2005), 47f.

27 Ueding (2005), 47.

28 http://www.evangelisch.de/themen/religion/evangelischer-kirchenvater-des-20-jahrhunderts-karl-barth40513 Stand: 19.08.2011.

29 Vgl. Ueding, Gerd; Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode, 2. Aufl., Stuttgart 1986, S. 182.

30 Ueding; Steinbrink (1986), S. 182.

31 Ebd. S. 182.

32 Vgl. Ueding; Steinbrink (1986), S. 183.

33 Ueding; Steinbrink (1986), S. 184.

34 Lütze, Frank M.: Absicht und Wirkung der Predigt. Eine Untersuchung zur homiletischen Pragmatik, Leipzig 2006, S. 37.

35 Ueding (1986), S. 203.

36 Ueding (1986), S. 204.

37 Ueding (1986), S. 205f.

38 http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/margot-kaessmann Stand: 02.08.2011

39 http://www.ekd.de/aktuell_presse/news_2011_07_08_3_mk_pk_reformationsbotschafterin.html Stand: 02.08.2011.

40 http://www.frauenkirche-dresden.de/ Stand: 29.07.2011.

41 Vgl. Ottmers, Clemens: Rhetorik. 2. aktualisierte und erw. Auflage, Stuttgart 2007, S. 13.

42 Vgl. Ueding (1986), S. 203.

43 Ueding (1986), S. 204.

44 Vgl. Ottmers (2007), S. 14.

45 Die Rede von Margot Käßmann befindet sich im Anhang.

46 Vgl. Ottmers, Clemens: Rhetorik. 2. aktualisierte und erw. Auflage, Stuttgart 2007, S. 53.

47 Ueding; Steinbrink (1986), S. 240.

48 Ebd. S. 240.

49 Vgl. Ottmers (2007), S. 56.

50 Ottmers (2007), S. 57.

51 Ottmers (2007), S. 58f..

52 Ottmers (2007), S. 60.

53 Vgl. Ottmers (2007), S. 62.

54 Vgl. Ottmers (2007), S. 63.

55 Ebd. S. 63.

56 Vgl. Ottmers (2007), S. 123.

57 Ebd. S. 123.

58 Ebd. S. 123.

59 Ebd. S. 123.

60 Ueding, Gerd; Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode, 2. Aufl., Stuttgart 1986, S. 278.

61 Ebd. S. 278.

62 Ueding, Gerd; Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode, 2. Aufl., Stuttgart 1986, S. 286.

63 Ueding (1986), S. 270.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Margot Käßmanns Neujahrspredigt in der Frauenkirche im Jahr 2010
Untertitel
Eine Redeanalyse
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Konzepte und Probleme von Literatur- und Medientheorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
30
Katalognummer
V181898
ISBN (eBook)
9783656052159
ISBN (Buch)
9783656052418
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rhetorik, Rede, Redekunst, Redeanalyse, Margot Käßmann, Kirche, Neujahr, Predigt, Rede des Jahres
Arbeit zitieren
B.A. Farina Fontaine (Autor), 2011, Margot Käßmanns Neujahrspredigt in der Frauenkirche im Jahr 2010, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181898

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