NS-Idole: Hanns Johsts Schauspiel ´Schlageter´ und die Wiederbelebung des Heldenmythos


Seminararbeit, 1998

23 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Fall ,Albert Leo Schlageter‘

3. Ablehnung der Weimarer Republik
3.1. Die ,Dolchstoßlegende’
3.2. Satire der Regierung der Republik
3.3 Die ideologische Krise in der Nachkriegszeit

4. Die Konzeption des ,Neuen Menschen’ in Schlageter
4.1. Soldatentum und Kampf als Berufung
4.2. Die Idealisierung des ,Deutschen’
4.2.1. Kameradschaft
4.2.2. Heldentum
4.2.3. Bereitschaft zum ,Opfer’ des eigenen Lebens
4.2.4. Die Zukunft liegt in der Jugend
4.2.5. Verachtung des Auslands
4.4. Innere Determination statt Rationalität

5. „Wir sind Deutsche!“ – Der ,Neue Mensch’ als Teil der ,Volksgemeinschaft’
5.1. Die scheinbare Individualität
5.2. Eine ,Volksgemeinschaft’ der Deutschen Exkurs: Die Erweckung des ,Neuen Menschen’ durch das ,Erlebnistheater’

6. Schlußbemerkung und Kritik

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit jeher haben Menschen nach anderen, neuen Daseinsformen gesucht. Immer wieder wurden Konzepte und Visionen eines ,Neuen Menschen’ entworfen, die das gegenwärtige Leben verändern und in eine höher entwickelte Phase bringen sollten. Die Suche der Menschen nach Erlösung aus den und ihr Streben nach Überwindung der gegebenen Lebensverhältnisse scheint ein Phänomen zu sein, das nicht von Religions- und Kulturzugehörigkeit abhängt, sondern als anthropologische Konstituente bezeichnet werden kann.

Dem ,Neuen Menschen’ als einer zentralen Denkfigur kam besonders im Nationalsozialismus eine besondere Bedeutung zu. Der heroische Mensch war die Hoffnungsvision, auf dem sich ein ,Drittes Reich’ gründen sollte. So verkündete die nationalsozialistische Literatur einen

,Neuen Menschen’ auf nationaler Basis.

Hanns Johst, ein aus dem literarischen Expressionismus stammender Autor, veröffentlichte nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 sein Drama Schlageter, mit dem er sich offen zum Nationalsozialismus bekannte1. Schon fünf Jahre zuvor hatte Johst in seinem programmatischen Bekenntniswerk „Ich glaube!“ den Zustand der Gesellschaft beschrieben, der ihm die Forderung nach einem ,Neuen Menschen’ als dringend notwendig erscheinen ließ: „Der Mensch als treibende Idee hat abgewirtschaftet. Die Mechanik der

menschlichen Weltbestimmung treibt die innere Triebkraft der Seelen nicht mehr zu Ekstasen und Erhebungen über Menschenmacht hinaus.“ (Johst 1928, S. 30).

In dieser Arbeit soll nun versucht werden, das Bild des ,Neuen Menschen’, wie Hanns Johst es in Schlageter entwirft, darzustellen und somit die Ideologie der Nationalsozialisten, denen die Titelfigur des Stückes als „[...] der erste politische Soldat des neuen Reiches“ galt, der

„[...] mit seinem Opfergang das Signal für den Freiheitsmarsch in die Zukunft“ 2 gebe, zu

umreißen.

2. Zum Fall ,Albert Leo Schlageter‘

„Der Fall Schlageter gehört zu den neuralgischsten Ereignissen der Weimarer Republik.“ (Rühle 1974, S. 734). Ausgelöst wurde er durch die Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen im Januar 1923, die auf diesem Weg ausgebliebene Reparationszahlungen in Form von Kohle sichern wollten. Die deutsche Regierung unter Reichskanzler Cuno rief zum

„passiven Widerstand“ auf. Kohlelieferungen an Frankreich wurden verweigert, und die deutschen Arbeiter an den Bahnstrecken streikten.

Den folgenden ,Ruhrkampf‘ radikalisierten Gruppen ehemaliger Soldaten und Freikorpskämpfer, in denen Albert Leo Schlageter eine wichtige Rolle spielte. 1894 im Schwarzwald geboren, wurde Schlageter im Ersten Weltkrieg zum Leutnant befördert. 1919 brach er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Freiburg ab und kämpfte zunächst im Baltikum gegen die bolschewistischen Truppen, nahm an der Rückeroberung Rigas teil, kämpfte mit der Gruppe „Heinz“ in Oberschlesien gegen die Polen sowie gegen kommunistische Umsturzversuche im Ruhrgebiet. Ab Ende Februar 1923 verübte Schlageter zusammen mit ehemaligen Mitgliedern seines Freikorps Anschläge auf Brücken und Bahnlinien im Ruhrgebiet, um den Abtransport der Kohle nach Frankreich zu verhindern. Nach der Sprengung einer Brücke über den Haarbach in Calcum bei Düsseldorf wurde Schlageter verhaftet und am 8. Mai 1923 mit sechs Mitkämpfern vom französischen Kriegsgericht in Düsseldorf angeklagt. Schlageter wurde als einziger seiner Gruppe zum Tode verurteilt und am 26. Mai 1923 auf der Golzheimer Heide vor dem Nordfriedhof Düsseldorfs von einem französischen Exekutionskommando erschossen (vgl. ebd., S. 734f).

3. Ablehnung der Weimarer Republik

3.1. Die ,Dolchstoßlegende’

Die nach 1918 als ,Dolchstoßlegende’ von deutschen Nationalisten verbreitete These, daß die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg nicht auf militärische und wirtschaftliche Gründe zurückzuführen, sondern Schuld der deutschen demokratischen Politiker und der revolutionären Unruhen sei, fand viele Anhänger. Allen voran versuchten die ehemaligen Generäle von Hindenburg und Ludendorff, auf deren Gesuch die deutsche Regierung den Waffenstillstand erwirkt hatte, die Niederlage des Militärs zu vertuschen. Die Darstellung des im Kampf unbesiegten deutschen Heeres, dem die ,Novemberverbrecher’ in der Heimat den

,Dolch in den Rücken gestoßen’ hätten, rief bei vielen eine starke Aversion gegen den neuen demokratischen Staat und seine Politiker hervor und diente somit den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken (vgl. Taschenhandbuch zur Geschichte1988, S. 182). Auch Schlageter

akzeptiert die Niederlage seiner Armee nicht, sondern ist überzeugt, daß nur der Kaiser, nicht aber das Militär die Kapitulation gewollt habe:

„1918 konnte der deutsche Kaiser plötzlich kein Blut mehr sehen. Er entband uns unseres Eides. Das Gottesgnadentum ... das Geheimnis ... das Mysterium der Verantwortung ... alles Unsagbare löste er damit auf! Der Rest ist Demokratie.“ (Johst 1933, S. 29)

Selbst Alexandra vertritt die ,Dolchstoßlegende’, wenn sie zu ihrem von Selbstvorwürfen geplagten Vater sagt:

„Kein Mensch verlangt von Euch Weißhaarigen Einsatz ... aber wenn ihr schon selber gebrauchsunfähig seid, dann fallt denen, die eure, eure Lehre zur Tat machen, die euren Idealismus verwirklichen, mit eurem Umfall nicht in den Rücken!“ (ebd., S. 122)

Soldaten, die auch nach dem Kriegsende an ihrer ,Berufung’ (vgl. Kapitel 4.1.) festhielten, kämpften in den Freikorps als Grenzschützer im Baltikum und in Oberschlesien. Den Mißerfolg dieser Aktionen begründet Schlageter mit der bewußten Gegensteuerung durch die deutsche Regierung. Eine Niederlage will er daher nicht noch einmal erleben, und er warnt seine Kameraden, die gegen die französische Besatzung gewaltsam vorgehen wollen:

„Was habt ihr vor? Ihr stürzt wieder einmal an die brennende Grenze! Und wer wird euch diffamieren? Wer wird euch fallen lassen? Wer in den Rücken fallen? Eine feine Regierung ... in Berlin! [...] Und Berlin spielt euch aus, spielt Schindluder mit euch!!“ (Johst 1933, S. 48)

Demzufolge fordert Schlageter, zunächst die eigene Regierung auszuschalten, bevor gegen die Franzosen gekämpft werden soll: „Erst Aktion nach innen – dann Politik nach außen. [...] Die Weltverbrüderer von 1918 an die Wand!“ (ebd., S. 48). Dieser kompromißlose, Terror und Revolution fordernde Aufruf „[...] bezeichnet die eindeutige Absage an den Parlamentarismus eines demokratischen Regierungssystems“ (Pfanner 1970, S. 235).

3.2. Satire der Regierung der Republik

„Als die Franzosen das Ruhrgebiet besetzen, gilt es zu handeln. Die Weimarer Republik handelt jedoch nicht, ja sie distanziert sich sogar von der Widerstandsbewegung.“ (Riedel 1970, S. 80). General X erklärt Schlageter, daß er den Widerstand selbst verantworten müsse. Unausgesprochen akzeptiert er den Plan der Gruppe. Allerdings kann er Schlageter weder einen Befehl erteilen, noch der Regierung die Wahrheit seines Verhaltens auf Schlageters Bitte hin mitteilen (s. Johst 1933, S. 72-76) – ein Seitenhieb Johsts auf eine Regierung, in der seinem Empfinden nach keine Offenheit herrschte, sondern jeder sein eigenes Spiel spielte, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen. „Die Art, mit der Johst die politischen Zustände Deutschlands in seinem Drama Schlageter schilderte, zeigt deutlich, daß er die

Sabotageakte der jungen Nationalisten für eine vaterländische Pflicht hielt.“ (Pfanner 1970, S. 228)

Im vierten Akt treibt Johst die Satire der Regierung auf die Spitze. August, Sohn des Regierungspräsidenten Schneider, wurde wegen seiner Freundschaft mit Schlageter inhaftiert. Auf Befehl der deutschen Regierung hin verhaftet ein Wachtmeister Schlageters Burschen, Peter Fischer, noch bevor dieser aufbrechen kann, um seinen Herrn aus der Gefangenschaft zu befreien. Schlageters Freundin Alexandra kommentiert das Geschehen:

„Deutsche liefern Schlageter an das Messer ... Deutsche fangen seine Kameraden wie streunende Hunde!! Ich hatte geglaubt, Taten würden Deutschland wie Brisanz aufreißen! Aber Deutschland läßt selbst über seine Heldentaten Frankreich zu Gericht sitzen!!“ (Johst 1933, S. 132)

Klarer hätte Johst seine Antipathie gegen die Weimarer Republik nicht formulieren können. Die Frustration über die Regierung drückt Schlageter aus, indem er sich an den Blockierungstaten gegen die Politik beteiligt. In seinen Augen hat zunächst die Monarchie versagt, da sie den Krieg für beendet erklärte; nun versagt auch die Republik, die gegen die französische Besatzung des Ruhrgebietes nicht vorgehen will. Schlageter – und auch Johst – betrachten die Politiker der Weimarer Republik als skrupellose Mitläufer, die ihre politische Macht lediglich nutzen, um ihre Karriere zu fördern und den eigenen Wohlstand zu vermehren. In der Unterhaltung zwischen Regierungspräsident Schneider und Reichstagsmitglied Willi Klemm wirft Johst der Regierung implizit politische Inkompetenz, fehlendes Engagement, Nepotismus, Bespitzelung und Heuchelei in bezug auf politische Verantwortung vor. Zudem sehen die Politiker die Zukunft nicht im Krieg, sondern in „Arbeit und Existenzkampf“ (Johst 1933, S. 77), das krasse Gegenstück zum extremen Militarismus der Schlageter-Gruppe (vgl. Pfanner 1970, S. 229ff).

3.3 Die ideologische Krise in der Nachkriegszeit

Schlageter: „Und nun, da wir Kameraden alle sehr einsam wurden und jeder sich mutterseelenallein auf sich selbst gestellt sieht, sehen wir langsam ein, daß wir gar nicht in Deutschland sind ... daß wir unter Fassaden potemkinscher Dörfer leben ... daß die Verbrüderung, von der man uns sprach, Kitsch ist, daß wir hier Fremdkörper sind, wir Kameraden!“ (Johst 1933, S. 36)

Leo Schlageter, erfolgreich als Soldat und Freikorpskämpfer, kehrt nach Kriegsende zwar zurück in seine Heimat, doch sie erweist sich als eine für ihn und seine Kameraden fremde Welt, in der sie sich verlassen fühlen, und in die sie sich kaum integrieren können. Schlageter versucht sich zwar anfangs den geänderten Verhältnissen anzupassen, indem er ein Studium

beginnt, doch er ist trotz anfänglicher Einwände schon nach Ende der ersten Szene bereit, die militärische Aktion gegen die französische Besetzung zu leiten:

Schlageter: „Die Hauptsache: das Volk muß nach Priestern schreien, die den Mut haben, das Beste zu opfern ... nach Priestern, die Blut, Blut, Blut vergießen ... nach Priestern, die schlachten!“ Friedrich Thiemann: „Warum wirst du Kaufmann? Du könntest Priester werden

...“ Schlageter: „Priester werden ...? Das wird man nicht durch Examina ... Das wird man durch Befehl!“ (Johst 1933, S. 30)

Für die Regierung der Weimarer Republik haben Schlageter und seine Freunde außer Hohn und Spott nichts übrig. „Aus ihrem Gefühl der Ausgestoßenheit erwächst bei ihnen die Sehnsucht nach einem neuen Deutschland. Der neue Glaube wird unter den Freischärler- Kameraden zu einem Gemeinschaftsgefühl, welches sie zum Handeln vereinen wird.“ (Riedel 1970, S. 79). Dieser Wunsch nach einem ,neuen Deutschland’ verbindet die Gruppe und intensiviert ihre Ablehnung der bestehenden Gegebenheiten. Schlageter erklärt:

„Wir sind keine Republikaner ...? Gut! Die Republik will von uns auch nichts mehr. Sie will nicht mal etwas von uns wissen! Wir sind ausrangierte, abservierte, kaiserliche Offiziere. [...] Wir sind an allem schuld: am Krieg, am verlorenen Krieg ... und die ehrenhafte Republik konsolidiert die pleite Firma: Vorkriegsdeutschland!“ (Johst 1933, S. 16).

[...]


1 Der Wandel Hanns Johsts vom Vertreter des Expressionismus zum überzeugten Nationalsozialisten wird in der Sekundärliteratur – in einem einleuchtenden Argumentationsgang – nicht als widersprüchlich gedeutet. Als Beispiel hierzu: Pfanner, Helmut F.: Hanns Johst. Vom Expressionismus zum Nationalsozialismus. Paris: Mouton 1970 (= Studies in German Literature 17).

2,Völkischer Beobachter’ vom 7. Juli 1940; zitiert nach: Drewniak, Boguslaw: Das Theater im NS-Staat. Szenarium deutscher Zeitgeschichte 1933-1945. Düsseldorf: Droste 1983.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
NS-Idole: Hanns Johsts Schauspiel ´Schlageter´ und die Wiederbelebung des Heldenmythos
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für NDL)
Veranstaltung
Proseminar Der Neue Mensch - Utopie, Ideologie, Fiktion
Note
1,8
Autor
Jahr
1998
Seiten
23
Katalognummer
V1819
ISBN (eBook)
9783638111201
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drama/Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Daniela Schroeder (Autor:in), 1998, NS-Idole: Hanns Johsts Schauspiel ´Schlageter´ und die Wiederbelebung des Heldenmythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1819

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