Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" - Kitsch oder Kunst (oder etwa beides)?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Aspekte des Kitsches in Puccini-Kritiken
2.1 Was genau ist Kitsch?
2.2 Puccini-Kritiken

3. Puccinis musikalischer Kitsch am Beispiel von Madama Butterfly
3.1 Der Einfluss der Geschichte der Oper auf die Kitsch-Thematik
3.2 Liebesduett
3.3 „Un bel di“

4. Puccini-Stil

5. Fazit

6. Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kitsch, der; -[e]s [wohl zu mundartl. veraltend kitschen = schmieren, eigtl. = Geschmiertes]: aus einem bestimmten Kunstverständnis heraus als geschmacklos empfundenes Produkt der darstellenden Kunst, der Musik oder Literatur [«]“ (Duden, 6. Auflage). Kitsch ist etwas, womit Menschen mit (dem „richtigen“) Geschmack und einer gewissen Bildung nicht in Zusammenhang gebracht werden wollen. Er löst bei ihnen Unbehagen, wenn nicht sogar ein Ekelgefühl aus und sie unterscheiden Kitsch streng von Kunst, das eine scheint das andere auszuschließen. Was aber ist der Unterschied zwischen Kunst und Kitsch? Wo liegt die Grenze? Diese Fragen sollen untersucht werden am Beispiel eines „Grenzgängers“: Giacomo Puccini und seine Oper Madama Butterfly.

Puccinis Opern gehören zu den beliebtesten und meistgespielten der Welt. Seine vier Opern La Bohème, Tosca, Madama Butterfly und Turandot gehören zu den bekanntesten der heutigen Zeit. Trotzdem stand Puccini seit den Uraufführungen seiner Werke unter Kitsch-Verdacht: seine Musik wird als schmalzig empfunden, seine Opern als „Einsteiger-Opern“ bezeichnet, die für wahre Musikkenner und ±liebhaber nicht von Bedeutung sind. Dennoch scheinen die seit über hundert Jahren anhaltenden Besucherzahlen und der Beliebtheitsgrad der Opern dem Kitsch-Verdacht entgegen zu stehen. Wissenschaftler haben Puccini lange Zeit ignoriert und erst seit den letzten 30 Jahren gibt es Bemühungen ihn zu rechtfertigen und zu rehabilitieren. Die große Debatte um Puccini entbrennt an der Frage, ob seine Musik nun Kitsch oder Kunst sei. Oder am Ende etwa beides?

Um sich dieser Fragestellung zu nähern, werden in dieser Arbeit zunächst valide KitschAspekte, die auf Puccinis Oper angewendet werden können, zusammengetragen. Da der „Kitsch“-Begriff um die Jahrhundertwende erst entstand und sich etwas später erst im Volksmund verankerte, folgt danach eine Untersuchung von Vorwürfen an Puccinis Musik von Zeitgenossen. Hier soll geklärt werden, inwieweit sich diese mit den KitschAspekten decken. Anschließend werden das Werk und Puccinis Personalstil eingehend betrachtet, um zu einem Fazit zu kommen.

2. Aspekte des Kitsches in Puccini-Kritiken

2.1 Was genau ist Kitsch?

Das Problem an dem Begriff „Kitsch“ ist, dass er sich tatsächlich schwer beschreiben oder definieren lässt. Das mag daran liegen, dass er einen extrem subjektiven Gefühlstand gegenüber einer Sache betitelt: Kitsch ist etwas, das von jedem Menschen anders empfunden wird, was zu einem sehr schwammigen, schwer fassbaren Gebilde geführt hat. Das Wort „Kitsch“ ist negativ konnotiert, nur was genau an einem kitschigen Gegenstand die abstoßende Reaktion hervorruft, vermag kaum einer genau zu sagen. Mit dem Thema „Kitsch“ ausführlich beschäftigt haben sich unter anderen Dieter Kliche in dem Artikel „Kitsch“ in Ästhetische Grundbegriffe, Uberto Eco in „Die Struktur des schlechten Geschmacks“, Frank Illing in Kitsch, Kommerz und Kult und speziell zu musikalischem Kitsch Bernd Sponheuer in „Zu schön? Mahler, Čajkovskij und der musikalische Kitsch“ und Carl Dahlhaus in „Trivialmusik des 19. Jahunderts“.

Als Elemente von Kitsch werden Sentimentalität und Schwärmerei genannt.1 Kitsch ist anspruchslos und banal, gibt sich aber als das Gegenteil aus. Eigentlich altes und verschlissenes wird als reizvoll dargestellt durch pure Effekthascherei. Die Reaktion des Konsumenten ist einziger Zweck des Kitsches. Sie wird gelenkt durch unterschiedliche aufdringliche Reize, die auf einen Affekt abzielen.2 Dadurch wird der Konsument manipuliert und unterliegt einer ästhetischen Täuschung. Kitsch ist etwas „Gemachtes“, er besitzt eine Unnatürlichkeit und erschafft ein Trugbild. Er wird häufig mit Verklärtheit und Eskapismus in Verbindung gebracht.3 Durch diese Falschheit, die der Kitsch innehat, fehlt ihm der ethische Ernst, den die Kunst aufweist. Kitsch ist häufig ein Serienprodukt, anders als die Kunst, die nach Einmaligkeit strebt. Ein weiterer Punkt ist, dass Kunst durch den Verlust des Kontext und Reproduktion zu Kitsch werden kann.4

Banalität äußert sich musikalisch im simplen Tonmaterial, das häufig wiederholt wird, ohne kompositorisch entwickelt zu werden. Sponheuer spricht vom kumulativen, nicht prozessualen Charakter der Musik. Die Verfahrensweise mit dem musikalischen Material ist epigonal, eklektisch und schablonenhaft.5 An Stelle einer komponierten Steigerung durch Motiventwicklung wird auf Effekte gesetzt. Dabei steht ein einfacher musikalischer Einfall im Attraktionszentrum, der durch Wiederholung intensiviert wird. Als charakteristische Melodiekurve nennt Sponheuer einen großen Sprung aufwärts gefolgt von einem sekundweisen Abstieg, typisch für die Rhythmik sind ein langsames Zeitmaß und ein Dreiertakt. Effekthascherei kann musikalisch auch durch die Harmonik geschehen, zum Beispiel in Form von homophon geführten Akkorden, verminderten oder übermäßigen Harmonien zur Steigerung und Betonung einer ganz normalen Kadenz oder die Betonung der Mollsubdominante.6 Ansonsten ist der Harmonieverlauf eher unspektakulär und hält sich weitgehend an die Tonika, Subdominante und Dominante. Auch Ornamentierungen und Schwelldynamik werden zu musikalischen Attraktionen. Als Einzelmittel nennt Sponheuer Vorhalte, chromatische Wechselnoten und abwärtsgeführte Leittöne.7 Da nur auf den Affekt abgezielt wird, passt eventuell das Wort-Tonverhältnis nicht, es entsteht also eine Diskrepanz zwischen Gehalt und Gestalt.8 Exotismen, die so klingen sollen als könnten sie einen bestimmten Nationalcharakter darstellen, die aber nicht eigentlich etwas mit der wirklichen Musik aus dem jeweiligen Land zu tun haben, zählen ebenfalls zum Kitsch. Auch hier wird etwas Falsches als echt verkauft. Zu unterscheiden ist zwischen einem kitschigen Stück und einem kitschig vorgetragenen Stück, zum Beispiel durch einen unpassenden expressiven Vortragsstil, anhaltende Schwelldynamik oder übermäßigen Einsatz von Vibrato. Dadurch soll eine bestimmte Gefühlsresonanz erzeugt werden, die Sponheuer den „lyrisiernden Ton“ nennt. Auch die Ornamentik trägt zur Lyrisierung bei.9

2.2 Puccini-Kritiken

Puccini war mit seinen Opern nur teils zu Lebzeiten erfolgreich. 1927 bemerkte Guido Gatti zu seinem Werk:

„there has perhaps been no example, in the history of Italian music of the last 50 years, of an œvre that has provoked as much praise and as much hostility as that of Giacomo Puccini; that has had idolisers and detractors in such equal measure, all of them impassioned and resolute.”10

Dabei war Puccini beim Publikum eigentlich immer sehr beliebt, nur die Kritiker überschlugen sich mit vernichtenden Aussagen. Nachdem seine ersten Opern eine allgemein gute Rezeption aufwiesen, hagelte es für die späteren Opern durchweg schlechte Kritiken und es gab regelrechte Skandale bei den Uraufführungen. Interessanterweise geben die meisten Kritiken nur ein Urteil ohne wirkliche Begründung ab. Die Kritiker scheinen kaum sagen zu können, was sie eigentlich ganz konkret stört. Stattdessen gibt es nur vage Anspielungen, wie in dieser Kritik von Altini aus der Zeitschrift Il tempo nach der Uraufführung von Madama Butterfly:

„Maestro Puccini‟s languid sentimentalism seemed this time to the listener to be vacuous and perhaps it was. [«] The maestro, who was himself moved and knew how to move us with the sorrowful laments of Manon, with the romantic story of Mimì, did not know how to touch the public this time, perhaps because the emotion that he aspired to translate into notes eluded even him.”11

Ein anderer Kritiker behilft sich, indem er einen Vergleich zur Kunst zieht: „All that has remained of passion and feeling is a painted varnish exterior: a varnish that is always attractive, perhaps, but, unfortunately, varnish nevertheless.”12

Sie benutzen Worte wie „falsche Sentimentalität“, „leer“ und „attraktiv gemachte äußere Hülle“, alles Umschreibungen, die sich mit dem Kitsch-Begriff decken.

Der größte Puccini-Gegner war jedoch Fausto Torrefranca. Mit 29 Jahren verfasste der absolute Wagner-Anhänger die vor Ironie nur so strotzende, 133 Seiten umfassende Schrift Giacomo Puccini e l‟opera internazionale, die teilweise verze]rrte und an den Haaren herbeigezogene Argumente enthält, aber dennoch lange Zeit das Bild des Komponisten prägte. Dort beschreibt er Puccini als möchte-gern „Wagner- Karikatur“ und als „Symptom des Niedergangs“, womit er die Dekadenz im Fin-de- Siècle meint. Die Kunst der Dekadenz bezeichnet er als „gezwungen“, sie hat keine Ausdruckskraft mehr (verloren durch Mangel oder Übertreibung) sondern repräsentiert nur noch den „Wunsch nach Ausdruckskraft“.13 Laut Torrefranca ist Puccinis Musik eben nicht eine Kunst des Ausdrucks, sondern des „Quasi-Ausdrucks, eine Kunst des Ungefähr, geschaffen aus gut kalkulierter Schlauheit, selten von Feinheit, manchmal von Scharfsinn zeugen[d], jedoch häufiger von Zugeständnissen an den Vulgärgeschmack, die es dem Verständnis des gemeinen Publikum leicht machen, aber notwendigerweise die Sympathie der gebildeteren und empfindsameren Personen ausschließen.“14 Torrefranca vergleicht die Musik mit schlechtem Journalismus und kündigt ihr einen schnellen Untergang an. Er bezeichnet sie als „Kunst des Talentierten, der, wie man sagt, beeindrucken will“, weshalb sie nicht Kunst, sondern nur ein Kunstkniff sei. Alle diese Punkte, die Torrefranca aufführt, decken sich mit der Falschheit und der Künstlichkeit, die dem Kitsch anhaften. Und auch das hervorgerufene Unbehagen und die Tendenz, einer ungebildeteren, vulgäreren Publikumsschicht zugeschrieben zu werden, stimmen überein.

Torrefranca hält Puccini vor, ein internationaler Komponist zu sein, der die italienische Oper vernichtet. Zu seinem Stil sagt er:

„Puccini, der in den Augen der Ausländer, und wir wissen nicht warum, der typische und repräsentative Komponist des modernen Italien ist, hat [«] mit knapper Not einen leichten Traditionszusammenhang mit dem späten 18. Jh., was man unschwer an seiner zimperlichen Sentimentalität ablesen kann, die, weil unecht, instabil ist, und mal ins Komische abgleitet und dann wieder in tragischen Schwulst verfällt.“15

Puccini ist faul, deshalb wiederholen sich seine Opern, laut Torrefranca, jeden Augenblick selbst und besitzen weder klangliche Eindringlichkeit noch Komplexität: „Was nun das symphonische angeht, so entwickelt Puccini weder Themen noch Motive, sondern wiederholt sie einfach.“16 Sentimentalität, musikalischer Schwulst, nicht entwickelte Themen und Wiederholungen sind, wie gesehen, ebenfalls Eigenschaften des Kitsches.

Torrefranca bemängelt weiterhin offene Quinten, die Puccini als billigen Mechanismus einsetzt, um eine Stimmung ausdrücken zu wollen, sowie eine Überzahl an perfekten Akkorden, die Puccini zu jedweder Stimmung gebraucht: „Bei Puccini wird das Beruhigungsmittel zum Kamillentee, das ist der Unterschied!“17 Auch verminderte Septen und Tremoli benutzte Puccini ganz ohne künstlerische Gestaltung, sondern rein nach dem erstbesten Schema, seine Melodik pendelt ebenfalls immer nur nach einem Schema rauf und runter, und musikalische Charaktere zu schaffen sei er schlichtweg nicht in der Lage. Ihm fehlt einfach musikalische Tiefgründigkeit, laut Torrefranca: Puccinis Opern sind hochgradig oberflächlich und beruhen nur auf Effektsuche. Desweiteren wirft er ihm ein unpassendes Wort-Ton-Verhältnis vor und dass ihm der Versuch, den Zuhörer dahin zu manipulieren, diese Mängel nicht wahrzunehmen, kläglich misslingt.18

[...]


1 Bernd Sponheuer. „Zu schön? Mahler, Čajkovskij und der musikalische Kitsch“. In: Bernd Spohnheuer, Wolfram Steinbeck (Hrsg.). Gustav Mahler und die Symphonik des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main: Lang, 2001. S. 169-181.

2 Umberto Eco. „Die Struktur des schlechten Geschmacks“. In: Umberto Eco. Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen. Hrsg: Michael Franz, Stefan Richter. Leipzig: Reclam, 1995. S. 246-294.

3 Sponheuer. „Zu schön? Mahler, Čajkovskij und der musikalische Kitsch“.

4 Eco. „Die Struktur des schlechten Geschmacks“.

5 Sponheuer. „Zu schön? Mahler, Čajkovskij und der musikalische Kitsch“.

6 Ebd.

7 Sponheuer. „Zu schön? Mahler, Čajkovskij und der musikalische Kitsch“.

8 Otto Brodde. „Kitsch und Kunst in der Kirche“. In: Musik und Kirche. Walter Blankenburg [u.a.] (Hrsg). Kirchenchor, 52. Jahrgang. Bärenreiter, 1952.

9 Sponheuer. „Zu schön? Mahler, Čajkovskij und der musikalische Kitsch“.

10 Zitiert nach Alexandra Wilson. The Puccini Problem. Opera, Nationalism and Modernity. Cambridge: Cambridge University Press, 2007. S. 1.

11 Zitiert nach ebd. S. 110.

12 Ebd.

13 Fausto Torrefranca. Giacomo Puccini und die internationale Oper. Übers. Richard Müller-Dombois. Detmold: Syrinx-Verlag, 2007. S. 18 f.

14 Ebd. S. 19.

15 Ebd. S. 18, 28.

16 Ebd. S. 52.

17 Ebd. S. 61.

18 Ebd. S. 68 ff.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" - Kitsch oder Kunst (oder etwa beides)?
Hochschule
Universität Hamburg  (Musikwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Musikalischer Kitsch
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V181962
ISBN (eBook)
9783656053156
ISBN (Buch)
9783656052937
Dateigröße
1421 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Versucht sich an dem alten Streit, ob Puccinis Musik Kitsch oder Kunst ist und untersucht dazu u.a. Fausto Torrefrancas Schrift "Giacomo Puccini e l‟opera internazionale". Zunächst wird betrachtet, was genau musikalischen Kitsch überhaupt ausmacht. Liedanalyse: Liebesduett und "Un bel di".
Schlagworte
Giacomo Puccini, Madama Butterfly, Kitsch, Fausto Torrefranca, Kritik, Trivialmusik, Liebesduett, Un bel di, Affekt, Konsum, Massenpublikum, Exotismus, Musik, musikalischer Kitsch, Oper
Arbeit zitieren
BA Felisa Kowalewski (Autor), 2011, Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" - Kitsch oder Kunst (oder etwa beides)?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181962

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