Die enge Verflechtung von Politik und Wirtschaft wird am Beispiel der Wirtschaftsreform in der DDR in den 1960er Jahren besonders deutlich. Vorliegendes Buch untersucht einerseits die staatlichen Erwartungen an das umfassende Reformvorhaben sowie die Zukunftsvorstellungen, die man mit den ökonomischen Maßnahmen verband. Andererseits richtet es den Blick auf die Legitimationsprinzipien, nach denen das Reformpaket von staatlicher Seite mit Berechtigung aufgeladen wurde. Dabei wird deutlich, dass die Wirtschaftsreform vordergründig dazu dienen sollte, die ökonomischen Probleme der 1960er Jahre in der DDR zu lösen. Tatsächlich aber galt sie dem SED-Regime auch und insbesondere als Mittel, "den umfassenden Aufbau des Sozialismus zu vollenden".
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die widersprüchliche Wirtschaftsreform
3. Legitimation und „Zukunft“ durch die Wirtschaftsreform
3.1 Bewusstsein der DDR-Führung
3.1.1 Verständnis und Notwendigkeit von Legitimation
3.1.2 Verständnis von „Zukunft“
3.2 Legitimationsprinzipien und Zukunftserwartungen
3.2.1 Langfristige Machtsicherung
3.2.2 Modernisierung und Revolution in Technik und Wissenschaft
3.2.3 Durchsetzung des Sozialismus und internationale Anerkennung
3.2.4 Vergleich mit der BRD und Lösung der Deutschlandfrage
3.2.5 Verankerung in der geschichtlichen Entwicklung
3.2.6 Bruch mit dem Zweiten Weltkrieg und Befriedung der Welt
4. Ergebnisse der Reform
5. Zusammenfassung
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellenverzeichnis
6.2 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Legitimationsprinzipien und Zukunftsvorstellungen der DDR-Wirtschaftsreform der 1960er Jahre. Das primäre Ziel ist es, die Verflechtung von politischer Herrschaftssicherung und wirtschaftlichem Reformkonzept zu analysieren und zu hinterfragen, wie die SED versuchte, durch Zukunftspathos und wirtschaftliche Zielvorgaben ihre Macht zu rechtfertigen.
- Die Rolle der Wirtschaftsreform als Element der Machtstabilisierung der SED
- Die Bedeutung von Zukunftserwartungen und Fortschrittsglauben in der sozialistischen Ideologie
- Die Systemkonkurrenz zur Bundesrepublik Deutschland als treibende Kraft der Wirtschaftspolitik
- Die Diskrepanz zwischen geplanten Wirtschaftsreformen und den tatsächlichen Ergebnissen
- Der Zusammenhang zwischen geschichtlicher Identität, antifaschistischer Ideologie und wirtschaftlicher Legitimation
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Wir werden das Wort ‚unmöglich’ aus dem deutschen Lexikon streichen“. Mit dieser stolzen Selbsteinschätzung gab Walter Ulbricht, der Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) einen Eindruck von der euphorischen Zukunftsgewissheit der DDR in den sechziger Jahren. Alles schien möglich. Zukunft galt als beherrschbar.
Niederschlag fand diese Zukunftsbegeisterung besonders in den einzelnen Etappen der Wirtschaftsreform, die, 1963 eingeführt, bis 1970/71 unter vielen Veränderungen Bestand hatte. Der Anspruch, die Wirtschaft umzugestalten, war mit vielen Visionen und Zukunftserwartungen verbunden, sowohl auf Parteiebene wie auch in der Bevölkerung. Nicht nur die akuten Wirtschaftsprobleme zu Beginn des Jahrzehnts sollten gelöst werden. Ziel war es auch, durch die Reform der Wirtschaft „den umfassenden Aufbau des Sozialismus zu vollenden“, so Ulbricht. Es wird deutlich, wie eng an dieser Stelle Politik und Wirtschaft miteinander verflochten waren. Zwar blieb die Ökonomie politischen Prämissen immer untergeordnet, spielte aber dennoch eine elementare Rolle in der politischen Entwicklung der DDR der sechziger Jahre.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die euphorische Zukunftsgewissheit der SED in den 1960er Jahren ein und erläutert die zentrale Fragestellung nach der Verbindung von Wirtschaft, Politik und Legitimation.
2. Die widersprüchliche Wirtschaftsreform: Das Kapitel beleuchtet die wirtschaftliche Krise um 1960 und die Einführung des „Neuen Ökonomischen Systems“, wobei die innewohnenden Widersprüche und das Primat der Politik hervorgehoben werden.
3. Legitimation und „Zukunft“ durch die Wirtschaftsreform: Dieser Hauptteil analysiert die Instrumentalisierung von Zukunftsvisionen und Legitimationsprinzipien, um die Herrschaft der SED und die wirtschaftlichen Reformbemühungen zu rechtfertigen.
3.1 Bewusstsein der DDR-Führung: Hier werden das Führungsverständnis der SED sowie die spezifische Bedeutung von Legitimation und Zeitverständnis in der sozialistischen Ideologie untersucht.
3.2 Legitimationsprinzipien und Zukunftserwartungen: Dieses Unterkapitel widmet sich detailliert den verschiedenen Legitimationssäulen, wie Machtsicherung, Modernisierung und der Systemkonkurrenz zur Bundesrepublik.
4. Ergebnisse der Reform: Das Kapitel zieht Bilanz und konstatiert das Scheitern der anspruchsvollen Reformziele trotz punktueller Modernisierungen und wirtschaftlicher Stabilisierungsversuche.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese, die verdeutlicht, dass die Wirtschaftsreform zwar an ihren Zielen scheiterte, aber dennoch zur jahrzehntelangen Sicherung der SED-Herrschaft beitrug.
6. Quellen- und Literaturverzeichnis: Hier sind die verwendeten primären Dokumente sowie die wissenschaftliche Sekundärliteratur aufgelistet.
Schlüsselwörter
Wirtschaftsreform, DDR, SED, Legitimation, Sozialismus, Zukunftserwartungen, Planwirtschaft, Walter Ulbricht, Modernisierung, Systemkonkurrenz, BRD, Machtpolitik, Wissenschaft, Ideologie, Industriereform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die wirtschaftspolitischen Reformmaßnahmen der DDR in den 1960er Jahren und deren Funktion als Legitimationsinstrument für die politische Herrschaft der SED.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die Verzahnung von Wirtschaft und Politik, die Rolle der Planwirtschaft, die Systemkonkurrenz zur Bundesrepublik sowie die ideologische Konstruktion von Zukunft und Fortschritt.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie die Wirtschaftsreform gerechtfertigt wurde und welche Rolle Zukunftsvorstellungen für die innere Legitimation der SED vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Rückstandes gegenüber dem Westen spielten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine zeithistorische Analyse, die auf der Auswertung zeitgenössischer Quellen (insbesondere Richtlinien und Äußerungen von Walter Ulbricht) sowie moderner wirtschaftshistorischer Forschung basiert.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Selbstverständnis der DDR-Führung, der langfristigen Machtsicherung, der Rolle von Technik und Wissenschaft sowie dem Vergleich mit der BRD und der Lösung der Deutschlandfrage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Wirtschaftsreform, Legitimation, Systemkonkurrenz, Zukunftspathos und Planwirtschaft charakterisiert.
Warum war die wirtschaftliche Stabilität für die SED so kritisch?
Da sich die SED nicht auf demokratische Legitimität stützen konnte, diente wirtschaftlicher Erfolg als entscheidender Faktor, um die Bevölkerung von der Überlegenheit des Sozialismus zu überzeugen und die Macht der Partei langfristig zu sichern.
Welchen Einfluss hatte der Vergleich mit der BRD auf die Reform?
Der ständige Vergleich zur Bundesrepublik fungierte als Referenzrahmen. Die SED versuchte durch Motti wie „Einholen und Überholen“, die Überlegenheit des eigenen Systems zu beweisen, was jedoch den Legitimationsdruck massiv erhöhte, als die Ziele nicht erreicht wurden.
- Arbeit zitieren
- Ulrich Kreutzer (Autor:in), 2007, Legitimationsprinzipien und Zukunftsvorstellungen der Wirtschaftsreform der 1960er Jahre in der Deutschen Demokratischen Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181994