Die Fabel im Unterricht


Seminararbeit, 2000

31 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Geschichte der Fabel
2.1 Zum Begriff
2.2 Entstehungsgeschichte und Edition

3 Die Fabel als literarische Gattung
3.1 Zum Wesen der Fabel
3.2 Die Struktur
3.3 Funktion und Intention
3.4 Die Tiere als Akteure der Fabeln

4 Die äsopische Fabel

5 Martin Luther als Fabeldichter und Übersetzer
5.1 Standpunkte Martin Luthers
5.2 Martin Luther über Äsop

6 Bedeutende Autoren der Fabeldichtung
6.1 Gotthold Ephraim Lessing
6.2 Erasmus Alberus

7 Abgrenzung der Fabel gegenüber anderen literarischen Gattungen
7.1 Vergleich mit der Parabel
7.2 Vergleich mit dem Märchen
7.3 Vergleich mit der Kurzgeschichte

8 Didaktik
8.1 Geschichte
8.2 Erlebnispädagogische und literaturästhetische Fabeldidaktik
8.3 Literatursoziologische Didaktik
8.4 Lernziele

9 Zusammenfassung

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der folgenden Arbeit widme ich mich der literarischen Gattung der Fabeln. Bei der Erarbeitung des Themas schien es mir als sehr bedeutungsvoll, die Entstehungsgeschichte und somit auch das Wesen der äsopischen und lutherischen Fabeln näher zu betrachten. Die Arbeit besteht zum größeren Teil aus literaturwissenschaftlichen Gedanken. Im letzten Teil versuche ich, mich mit didaktischen Problemen der Fabeldichtung auseinanderzusetzen. Das besondere Kennzeichen der Gattung ist die Verwendung von Wesen der belebten und unbelebten Natur, die mit Eigenschaften und Fähigkeiten der Menschen versehen werden. Besonders in diesem Punkt hebt sich die Fabel von den anderen literarischen Gattungen ab. Um diesen Fakt zu bekräftigen, versuche ich die Fabel sowohl vom Märchen, als auch von der Parabel und der Kurzgeschichte abzugrenzen, in dem ich auch hier jeweils eine kurze Charakterisierung vornehme. Als geschichtlichen Schwerpunkt wählte ich das Schaffen Martin Luthers, der durch sein Wirken wesentlich zur Verbreitung der Fabeldichtung beitrug und durch dessen Beitrag die Fabel auch heute diese bedeutungsvolle Rolle in der Literatur und im Literaturunterricht einnimmt.

Inhalt meiner Arbeit sind in erster Linie Betrachtungen aus geschichtlicher Perspektive, denn ich halte diese für besonders wesentlich, stellt doch die Geschichte die Weichen für die heutige Bedeutung. Andererseits wählte ich die Historie, da sie für die Gegenwart Basis für sämtliche Forschungsansätze darstellt.

2 Die Geschichte der Fabel

2.1 Zum Begriff

Den Ursprung des Wortes „Fabel“ finden wir in der lateinischen Sprache als „fabula“, das sowohl mit „fari“ als „sprechen“ als auch mit „fateri“ als „bekennen“ in Verbindung zu bringen ist.[1] In der mittelhochdeutschen Sprachepoche wählte man für diese Art der Literatur die Bezeichnungen b  spel oder b  schaft[2] , die beide ausdrücken, dass eine belehrende Erzählung vorliegt. Es wurde auf den Zusammenhang zwischen diesen Begrifflichkeiten und der Gattung Fabel hingewiesen. Thomasin von Zerklaere übersetzte fabula mit b  spel[3] , sogar die gesamten äsopischen Fabeln wurden als b  spel bezeichnet.

Hier kristallisierte sich das Wort „Fabel“ an sich heraus und wurde zum festen Bestandteil des Gemeinwortschatzes. Erst viel später, zu Beginn des 18.Jahrhunderts, wurde der Begriff als Bezeichnung einer literarischen Gattung verwendet. Es stand für eine Redeweise, bei der der Inhalt zunächst übertragen werden musste - von der belebten und unbelebten Natur in die menschliche Welt. Hier findet man eine Art der bildlichen Rede, der Allegorie, der Übertragung des Sinns und der Lehre auf die Menschen. Hier wurde erkannt und hervorgehoben, dass eine neue Form der Erzählung, nämlich in der Tiere und Pflanzen im Mittelpunkt stehen, zum Repertoire der Literatur gehörte.

2.2 Entstehungsgeschichte und Edition

Über das Ursprungsland der Fabeln ist bislang wenig Verbindliches bekannt. Fabelartige Texte sind zeitgleich und unabhängig voneinander in den verschiedenen Völkern anzutreffen. Zwei der ältesten Fabelmotive stammen möglicherweise aus Ägypten um die Zeit 1100 vor Christi[4] - dem „Streit zwischen Kopf und Leib,..., als Magen und Glieder durch die Römische Geschichte,..., der Rangstreit der Pflanzen,...“.[5] Die eigentliche Heimat der Fabeln ist nicht erforschbar, eher findet man zum Beispiel im Orient, in Indien, in Ägypten, in Griechenland den Ursprung einzelner Motive, wie erwähnt auch das Gleichnis vom Magen und den Gliedern, das nachweisbar ägyptisch ist.

Es ist unsicher, welches die tatsächlich erste deutsche Fabelsammlung war. Bekannt ist eine mittelniederdeutsche Sammlung des Gerhard von Minden, die auf das Jahr 1370 datiert ist. Hier gibt es aber einige Unstimmigkeiten, denn diese Sammlung geht auf eine später folgende Magdeburger Sammlung zurück, bei der vermutet wird, man habe sich verlesen, denn ein Gerhard von Minden ist lediglich zwischen 1260 und 1278 als Dekan bekannt, nicht aber 100 Jahre später. In der Überlieferungsgeschichte fänden wir hier aber nicht das erste Beispiel, bei der Jahreszahlen falsch gelesen und übertragen wurden. Das kann an der Unleserlichkeit der Handschrift oder überhaupt an der mangelnden Qualität des Originals gelegen haben.

Später wurde eine Fabelsammlung in hochdeutscher Sprache bekannt, die der Berner Dominikaner Ulrich Boner[6] in den Jahren von 1324 bis 1350 schrieb und unter dem Titel „Der Edelstein“ veröffentlichte. Als Grundlage seiner Arbeit wählte er Fabeln aus dem Anonymus Neveleti. Dieses Werk wurde vielfach abgeschrieben und im Jahr 1461 als eines der ersten Bücher gedruckt.

Als bedeutungsvoll muss sicher erwähnt werden, dass in diese Zeit der Versuch Martin Luthers, die deutsche Sprache zu einer Gemeinsprache zu entwickeln, fiel. Zu dieser Zeit wurden erste Werke auch in der schriftlichen Form in deutscher Sprache notiert und gedruckt. Der Unterricht in den Schulen wurde nunmehr in deutscher Sprache gehalten, ebenso wie die Predigten, Lieder, Geschichten. Es führte dazu, dass mehr Menschen die Möglichkeit hatten, sich mit Literatur zu befassen und sich zu bilden.

Die Geschichte der Fabel ist gekennzeichnet durch Aktualisierungs - und Latenzphasen[7]. Die Latenzphasen sind durch einen relativen Stillstand in der Aktualität der Fabeln gekennzeichnet. In diesen Zeiten verändern sich Fabeln nicht, entwickeln sich auch nicht weiter, finden im Schulunterricht wenig Beachtung. Solch eine „Ruhephase“ gab es unter anderem im Barock, im 19. und im beginnenden 20.Jahrhundert.[8]

Fabeln erlebten, wie zahlreiche andere literarische Gattungen, ihre Blütezeiten während gesellschaftlicher Umstrukturierungen.

Zum Beispiel gewann die Fabel während der Reformation, der Bauernkriege, der Entwicklung des Bürgertums im 15. und 16.Jahrhunderts als literarische Form der Aufklärung an Bedeutung. So finden wir in der reformatorischen Zeit namhafte Fabelautoren oder Fabelübersetzer wie Martin Luther, Hans Sachs, Burkard Waldis und Erasmus Alberus.[9] Die Blütezeit der Fabel begann mit den Werken Lessings zur Zeit der Aufklärung. Lessing verfasste nicht nur zahlreiche Fabeln, sondern widmete sich ihnen auch aus literaturwissenschaftlicher Sicht.

Tendenzen der Latenz und Aktualisierung zeichnen sich auch im 20.Jahrhundert ab. Allerdings finden wir in der Gegenwart eine thematische Neuorientierung, die man durchaus unter drei Schwerpunkten betrachten kann:

1 Negierung/ Umkehr
2 Entlarvung typischer Schwächen der modernen Gesellschaft und des Menschen
3 explizite zeitkritische Dichtung.[10]

Bedeutende Autoren der Gegenwart sind Schnurre, Arntzen und Thurber. Sie halten sich zwar an das historische Modell der Fabel, verwenden aber neue Themen und Formen, um der entsprechenden Zeit und Entwicklung gerecht zu werden. An späterer Stelle werde ich genauer auf die Entwicklungsgeschichte der Fabeln eingehen, die mit der äsopischen Fabel beginnt und mit der „modernen“ endet.

3 Die Fabel als literarische Gattung

3.1 Zum Wesen der Fabel

Es ist bis heute schwierig, eine genaue Definition der Gattung Fabel vorzunehmen, da jede begriffliche Eingrenzung autoren -, epochen - und typenabhängig ist.

Die Fabel besteht gewöhnlich aus zwei Bestandteilen, „dem comparatum und dem comparandum, dem bildhaften Vergleichs - und Grundbereich“[11] der gemeinten Sache.

Eine Fabel hat einen belehrenden Charakter, deren Pointe meist eine Entlarvung derjenigen Person ist, die falsch gehandelt oder gedacht hat. Sowohl die Tiere (Hund, Schaf, Wolf, Fuchs, Katze)[12] als auch die Pflanzen, so sie die handelnden „Personen“ sind, nehmen menschliche Züge an, sie können prinzipiell sämtliche Tätigkeiten ausführen, wie es auch Menschen können. Bestimmte Tierfiguren mit ihren Charakteren werden immer bestimmten Typen von Menschen zugeordnet. Das kann zum einen den Grund gehabt haben, dementsprechende Menschen nicht zu beleidigen und so durch die allegorischen Mittel eine bestimmte Kritik und Ironie zum Ausdruck zu bringen. Zum anderen könnte man eine Ursache auch in der Tarnung finden, denn eine Fabel kann eine politische Gruppierung, Situation, gesellschaftliche Misstände kritisieren und angreifen. So dient das stilistische Mittel der Allegorie einer von vornherein gefährdeten Veröffentlichung durch Zensur.

Das Ziel einer jeden Fabel ist die Erkenntnisgewinnung, eine Einsicht, die man haben kann, also appelliert eine Fabel auch an die Leser und Hörer.

Laut Dithmar haben Fabeln einen „problematischen“ Charakter, in dem immer ein bestimmtes Thema oder Verhalten kritisiert und problematisiert werden. Allerdings werden die Probleme nicht einfach nur genannt, sondern sie werden als Vorwurf, als Pointe formuliert, die jeder Rezipient auf eine für sich eigene Art und Weise auslegen muss. Der eigentliche Kern beziehungsweise die Aussage sind verschlüsselt darzustellen, und es erweist sich als abhängig vom Horizont des Lesers und Hörers, welche Aussagen für ihn von Bedeutung sind.

Weitere Differenzierungen müssen vorgenommen werden. Die am häufigsten auftretenden Charaktererscheinungen, die dem Menschen in der fabulosen Verkleidung zugeschrieben werden sind „Bosheit und Anstand, Zufriedenheit und Unzufriedenheit, Anmaßung und Bescheidenheit, Gier und Beherrschung, Falschheit und Ehrlichkeit, Schläue und Dummheit, Prahlerei und Zurückhaltung, Stärke und Schwäche“.[13] Es handelt sich ausschließlich um Eigenschaften, die sich auf Tiere, die vorwiegend als Fabelwesen verwendet werden, übertragen lassen.

Der Ausgangspunkt einer Fabel ist stets ein Konflikt oder eine Zwangslage, in der sich die Handelnden befinden. Das heißt, derjenige, der in der Zwangslage ist, hat dies durch vorhergehendes falsches Verhalten selbst herbeigeführt. Die eigentliche Handlung beinhaltet den Vorgang, in dem sich die Konfliktfiguren aus der gegebenen Zwangslage befreien. Zudem scheint die Situation ausweglos, so dass die genannten Eigenschaften von Nöten sind, um eine Lösung zu erreichen.

Die Hauptmotive einer Fabel sind Macht und Protest. Auf diese beiden oppositionellen Motive basiert die gesamte Handlungsbreite einer Fabel. Durch den Protest werden Misstände, Unzufriedenheiten, Ungerechtigkeiten bewältigt.

Die neueren Forschungsergebnisse über die Fabeldichtung gehen in zwei Richtungen. Man unterscheidet den phänomenologisch - strukturalistischen von dem literatursoziologischen Ansatz.[14] Die erstgenannte Form beschreibt die Vielfalt der Erscheinungsformen, Wirkungs- und Funktionsfelder. Nach dem Wissenschaftler Dauderer gibt es drei Gruppen, die sich unterscheiden lassen:

1 „die religiöse Belehrung
2 die politisch - soziale Kritik
3 die lebensphilosophische und moralische Einflussnahme“.

Die literatursoziologische Forschung unterstreicht eindeutig die sozialkritische Funktion, wobei davon ausgegangen wird, die Fabel fände ihren Ursprung in der Rhetorik. Aus der gleichnishaften Rede, einer Fabel kann also durchaus eine politische Rede hervorgehen.
Die Erzählform der Fabel ist mit dem Ziel der Erkenntnisgewinnung verbunden, die immer eine Herausforderung an Hörer und Leser ist, da der Inhalt auf das reale Leben zu übertragen ist.

3.2 Die Struktur

Laut Gotthold Ephraim Lessing sind Prägnanz und Kürze die eigentlichen Stilmittel, die die Wirkung unterstreichen und gegebenenfalls verstärken. Denn es ist die Kürze, die lehrt, nicht die sprachliche Ausdehnung, die schmückt. Lessing sprach sogar von „leeren Verlängerungen“, zu denen er lokale Erläuterungen und Zeitangaben zählte.

Die Pointe, die eigentliche Lehre und Moral, wird am Schluss einer Fabeldichtung erzählt. Diese Variante dient vor allem dazu, die Spannung aufzubauen und zu steigern.

Fabeln sind Prosastücke, lehrhafte, meist sehr kurze, Erzählungen, Lehrstücke und Gleichnisse, in denen Tiere und Pflanzen die Handlungsträger sind. Die Ursache, dass nicht der Mensch auftritt, liegt in der Entstehungsgeschichte der Fabel.

In der Fabeldichtung treten epische und dramatische Elemente kombiniert auf, in dem die dramatische Handlung in knappster Form in das Geschehen eingefügt wird. Normalerweise bilden Ort, Zeit und Handlung eine Einheit, die innerhalb kürzester Zeit abgehandelt wird.

Im Unterschied zu anderen Gattungen bietet die Fabel keine abgeschlossene Handlung, sondern nur einen Part. Der Zuhörer und der Leser erfährt keinerlei Informationen über Hintergründe, Ereignisse, die vorausgegangen sind. Das muss auch nicht aufgeführt werden, da es prinzipiell unwesentlich ist, wann, wo und wie etwas geschehen ist. Wesentlich ist einzig und allein die kurze Episode, in der die Handelnden vorgestellt und charakterisiert werden. Zudem lässt sich die Episode verallgemeinern und soll nicht nur in einem bestimmten Zeitintervall Aktualität besitzen.

Vorwiegend finden in einer Fabel Dialoge statt, nur ganz selten können wir einen Monolog finden, bei dem statt eines Gesprächspartners ein Ereignis fungiert.

Voraussetzung für die Gattung ist die Parallelität der Erzählung und der gleichnishaften Rede, denn erst durch die Erzählung einer Handlung ergibt sich eine fabelartige Dichtung.

Das Schema des Aufbaus einer Fabel ist von der Antike bis zur Moderne konstant geblieben und kann in vier Abschnitte unterteilt werden:

1 situatio
2 actio
3 reactio
4 Ergebnis.[15]

Ursächlich für dieses Aufbauprinzip ist die didaktische Intention. Der Redner möchte zuerst die Situation an sich schildern, um zu erklären und zu erläutern, und um den Zuhörern einen Überblick zu verschaffen, bevor er das Dramatische erläutert mittels Dialog oder auch Monolog und somit logisch das Ziel, die Pointe, erreicht.

Es gibt allerdings auch Variationen innerhalb des Grundschemas. Es können zum Beispiel im doppelten Wechsel actio und ratio ausgedehnt werden, Steinhöwel bediente sich sogar des vierfachen Wechsels.[16] Diese stilistischen Variationen sind eine sprachliche Bereicherung, die in jedem Fall der Unterstreichung dienen. Wiederum aber existieren auch Fabeln, bei denen das Schema gekürzt wurde, in dem nur noch zwei oder drei Teile auftreten. Die Situation wird in diesem Fall während des Dialoges erläutert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieser konstante Aufbau innerhalb dieser vier Teile variabel ist, es kann sowohl expandieren als auch reduziert werden.

3.3 Funktion und Intention

Die Fabel hat von Anfang an eine gesellschaftskritische Funktion, bei der eben auch kleinere und schwächere Tiere die Rechte eines Stärkeren einnehmen können. Also auch Sklaven können sich emanzipieren und erheben gegenüber ihren Herren. Diese Lehren mussten demzufolge in verhüllter Form erzählt werden.

Das Einkleiden der zu kritisierenden Bemerkungen war ein beliebtes Stilmittel zur Vereinfachung der Möglichkeit der Kritikäußerung der Epoche der deutschen Aufklärung. Die Verwendung der Wesen aus belebter und unbelebter Natur dienen der Verallgemeinerung des Alters, des Standes und des Geschlechts, damit gewährleistet werden kann, dass sich nicht eine spezifische Gruppe der Menschen sondern alle angesprochen fühlen.

Daraus ergibt sich auch die Funktion der Fabel in der Gesellschaft, sie war stets Hilfsmittel zur Aufklärung, zur Offenlegung jener Misstände in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Sie sollte den Menschen helfen, ihnen gleichzeitig auch Unterstützung gewähren, sich gegen eine marode Gesellschaft, sei es in der kleinen Form wie auf Höfen oder in der großen, nämlich dem Gesamtsystem, aufzulehnen. Aber gerade dazu benötigte man entsprechendes Wissen und Grundlagen, theoretisches Verständnis, um in der Praxis etwas zu verändern.

Speziell in der Zeit Martin Luthers, als sich auch der Buchdruck durchzusetzen begann und nicht zuletzt aus diesem Grund auch die Bibelübersetzungen veröffentlicht wurden, spielten Fabeln, neben anderen literarischen Werken, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Fabeln sind prinzipiell gleichnishafte Reden, die schon in der Bibel, was bei Luther diese Wirkung vermutlich verursachte, in großer Anzahl nachzulesen sind.

Schlussfolgernd kann behauptet werden, Fabeln finden größere Bedeutung in Zeiten gesellschaftlicher Unruhen und Veränderungen. Demzufolge sind die Aktualisierungsphasen gekennzeichnet von Veränderungen, von Fortschritt und von Problemen.

3.4 Die Tiere als Akteure der Fabeln

Der Vergleichsbereich, also das Bild einer Fabel, umfasst die gesamte belebte und unbelebte Natur, die Menschen und die Götter. Resümierend können wir aber festhalten, dass speziell Wesen aus der Tierwelt die beliebtesten Fabelwesen sind, denn gerade die Tiere eigenen sich sehr gut, um in versteckter Weise Kritik zu äußern, um durch Metaphern und Allegorien auf Misstände hinzuweisen. Allen Fabelwesen ist gemein, dass sie miteinander reden und handeln, was ein ganz wesentliches Element der Fabel ist. Es können Steine, Blumen, Bäume, Steine mit Tieren, diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, Dialoge führen.

Es ergibt sich auch der Vorteil, dass bei den Bildern der Tiere Missverständnisse fast auszuschließen sind, denn die typischen Tierbeispiele haben einen relativ eindeutigen Charakter oder zumindest Charakterzüge, die man nur ihnen zuschreiben würde. Es bedarf nicht einer zusätzlichen Beschreibung der Charaktere der Handlungsträger.

Mittels eines einzigen Tieres lassen sich ganz verschiedene, zum Teil antagonistische Charakterzüge, des Menschen verdeutlichen.

Im folgenden werde ich versuchen, einige der am häufigsten auftretenden Fabelwesen (Wolf, Fuchs, Löwe, Schaf, Katze...) zu charakterisieren. Diese typischen Wesen treten sehr häufig in ganz bestimmten Paarungen auf, die durch ihre Gegensätzlichkeit in den Charakteren gut voneinander profitieren. Beide Phänomene möchte ich mit einigen Textbeispielen illustrieren.

Der Fuchs ist zum Beispiel immer derjenige, den man für hinterhältig, listig und schlau hält, der aber genauso gut auch plumpe Verhaltensweisen an den Tag legt, während ein Schaf nicht unbedingt das dumme Tier ist, aber gutmütig, zurückhaltend, aber auch das Tier ist, welches vom Wolf gefressen wird. Gerade an den Beispielen des Wolfes und des Schafes lässt sich auch eine bestimmte Abhängigkeit der Fabeltiere erkennen. Nicht selten treten Wolf und Schaf parallel als Handlungsträger in einer Fabel auf. So identifizieren sich mit beiden aber auch nur bestimmte Personengruppen, und sowohl der Wolf als auch die Schafherde sind mit einer bestimmten Aufgabe, einer gesellschaftlichen Funktion versehen.

Der Wolf

Frieden ist, wenn niemand uns Wölfe jagt.[17]

Der Fuchs

Ein verfolgter Fuchs rettete sich auf eine Mauer. Um auf der andern Seite gut herab zu kommen, ergriff er einen nahen Dornenstrauch. Er ließ sich auch glücklich daran nieder, nur daß ihn die Dornen schmerzlich verwundeten.

„Elende Helfer“, rief der Fuchs, „die nicht helfen können, ohne zugleich zu schaden!“[18]

Die Schafherde

Dann hat sich der Wolf wenigstens eher satt gefressen, wenn wir uns nicht wehren.[19]

Der Löwe, der ein sehr beliebtes Fabelwesen ist, kennzeichnet stets eine herrschende, selbstbewusste Person oder Personengruppe. Der Natur eines Löwen ist es eigen, stark zu sein, ähnlich wie bei Katzen, dass sie vor Selbstherrlichkeit und Selbstzufriedenheit strotzen. Der Löwe wird eigentlich ausnahmslos mit dem Bild der Macht und der körperlichen Überlegenheit gleichgesetzt. Wobei die körperliche Überlegenheit wiederum auf finanzielle, politische und materielle Macht bezogen werden kann.

[...]


[1] Lange, Günter. Textarten - didaktisch. Schneider Verlag Hohengehren GmbH. Baltmannsweiler.

2.Auflage. 1998. Seiet 33

[2] Dithmar, Reinhard. Die Fabel. Verlag Ferdinand Schöningh. Paderborn. 7., völlig neu bearbeitete

Auflage. 1988. Seite 163

[3] Siehe oben. Seite 163

[4] Dithmar, Reinhard (Hrsg.). Fabeln, Parabeln und Gleichnisse. Ferdinand Schöningh. Paderborn,

München, Wien, Zürich. 1995. Seite 11

[5] Siehe oben. Seite 11. (Brunner - Traut. 1968. 43)

[6] Vgl. Geschichte der deutschen Literatur. Seite 720

[7] Lange, Günter. Textarten. Schneider Verlag. Hohengehren. 2.Auflage. 1998. Seite 35 [Doderer]

[8] Siehe oben. Seite 35

[9] Siehe oben. Seite 35

[10] Siehe oben. Seite 36

[11] Vgl. Dithmar, R. Die Fabel. Seite 168

[12] Wehrli, Max. Geschichte der deutschen Literatur. Band I. Philipp Reclam. Stuttgart. 1980. Seite 719

[13] Lange, Günter. Textarten. Schneider Verlag. Hohengehren.2.Auflage. 1998. Seite 35 [Doderer]

[14] Lange, Günter. Textarten. Schneider Verlag. Hohengehren. 2.Auflage. 1998. Seite 37

[15] Siehe oben. Seite 36

[16] Dithmar. R.. Die Fabel. Seite 194

[17] Capek, Karel. Fabeln und Kleingeschichten. Aufbau Verlag. Berlin. 1.Auflage und deutsche

Übersetzung. 1986. Seite 52

[18] Lessing, Gotthold Ephraim. Der Rabe und der Fuchs. Der Kinderbuchverlag. Berlin. 2.Auflage. 1983.

Seite 27

[19] Siehe oben. Seite 79

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Fabel im Unterricht
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Seminar
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
31
Katalognummer
V18205
ISBN (eBook)
9783638225984
ISBN (Buch)
9783638645553
Dateigröße
2846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fabel, Unterricht, Seminar
Arbeit zitieren
Juliane Wagner (Autor), 2000, Die Fabel im Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18205

Kommentare

  • Gast am 16.12.2007

    Fabel???.

    Hi Juliane,
    wo steht hier eine Fabel??? In Google sagen sie das hier eine zu lesen ist! Ich sehe keine. Wenn hier doch eine stehen würde mach mich darauf aufmerksam.

    Shanty

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