Die schleichenden Gefahren des Modernisierungsprozesses in Japan


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

41 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen und Annahmen der Modernisierungstheorie
2.1 Definition
2.2 Ablauf und Entwicklung
2.3 Talcott Parsons Pattern Variables
2.4 Almonds politische Modernisierung
2.5 Die „Stages of economic growth“ nach Rostow

3 Japan - eine Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne?
3.1 Japans Eintritt in die Neuzeit
3.2 Von der Meiji-Restauration bis zum Zweiten Weltkrieg . .
3.3 Das japanische Wirtschaftswunder

4 Ideen und Einflüsse hinter der japanischen Modernisierung
4.1 Koexistenz von Tradition und Moderne
4.2 Bestand und Wandel in der japanischen Familie
4.3 Die Rolle der Frau im Wandel?
4.4 Charakteristiken der japanischen Arbeitswelt

5 Kollateralschäden der Moderne in Japan
5.1 Demographieentwicklung
5.2 Schäden in der Ökologie - Fukushima
5.3 Über die schleichenden Gefahren der Modernisierungsprozesse

6 Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis VI

1 Einleitung

Am 11.03.2011 wurde Japan von einem Erdbeben der Stärke 9,1 erschüttert, gefolgt von einem fünfzehn Meter hohen Tsunami, der den Osten der Insel Honshu verwüstete. Kurz darauf wurden Meldungen einer möglichen Kernschmelze in den Atomkraftwerken Fukus- hima I und II sowie Onaga publik. Das Informationsmanagement der Betreibergesellschaft Tepco und der japanischen Regierung lässt die Weltöffentlichkeit bis heute im Unklaren über das Ausmaß und mögliche Folgen der Katastrophe. Die dadurch in Europa und vor allem Deutschland entfachte Debatte macht jedoch klar, dass dieser Zwischenfall einen Wendepunkt in der friedlichen Nutzung der Kernenergie markiert. Der energiepolitische Zick-Zack-Kurs der schwarz-gelben Koalition lässt die deutschen Politiker dabei ähnlich kompetent wie ihre japanischen Kollegen erscheinen. Es stellt sich die Frage, warum ge- rade Japan solch ein positives Verhältnis zu nuklearer Energieerzeugung zeigt, wurde es doch vor 65 Jahren in Hiroshima und Nagasaki als bisher einziges Land der Welt Opfer der militärischen Nutzung der Nuklearenergie. Hinzu kommt, dass der Archipel eine der weltweit höchsten vulkanischen und seismischen Aktivitäten aufweist. Diese Arbeit will den Versuch unternehmen, eine modernisierungstheoretische Anamnese des „äußerst dy- namische[n], aber auch sehr konfliktreiche[n], zerstörerische[n] und selbstzerstörerische[n] Prozess[es] der Modernisierung Japans“ (Weiß 2008: 9) durchzuführen. Dabei soll die Modernisierungstheorie auf den Prüfstand gestellt werden. Nach einer Beleuchtung der Grundannahmen dieser Theorie soll ein Überblick über die neuere kulturelle, soziale und wirtschaftliche Geschichte Japans gegeben werden. Im Vordergrund steht dabei das wech- selhafte Verhältnis zu westlichen Staaten und deren Bedeutung für die Wege, die Japan in seiner Geschichte einschlug. Anhand der analytischen Kategorien der Modernisierungs- theorie soll der Frage nachgegangen werden, welche modernen und traditionellen Züge die japanische Gesellschaft aufweist. Daraus ergibt sich die Frage, inwieweit die Moderni- sierungstheorie ein geeigneter Bezugsrahmen für ein differenziertes und umfassendes Ver- ständnis der japanischen Realität bietet. Hier sollen vor allem Inkongruenzen zwischen der wirtschaftlichen und sozialen Lage Japans, die nicht in das Raster der Modernisie- rungstheorie passen, aufgezeigt werden. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Folgen des wirtschaftlichen Werdegangs des Inselstaates. Es soll der Frage auf den Grund ge- gangen werden, welche Kollateralschäden mit dem Primat der ökonomischen Entfaltung einhergehen. Darunter fällt zum einen der demographische Status Quo als Resultat der wirtschaftlichen Modernisierung, zum anderen die ökologischen Konsequenzen des japani- schen Ressourcenmanagements. Es scheint, als ob die Überbetonung der Produktion und des Wachstums seine eigene Existenzgrundlage zerstört. Dazu zählen die Bereiche Familie beziehungsweise die Demographie und die Umwelt, welchen im wirtschaftlichen Prozess die Funktion der Reproduktion zukommen (Chizuko 1988: 171). Der Aufbau der Arbeit intendiert, zunächst einen allgemeinen Hintergrund über modernisierungstheoretische An- sätze und die jüngere japanische Geschichte zu liefern. Sodann können Einzelaspekte en détail betrachtet werden, ohne den Bezug auf den Rahmen des gewählten Themas zu verlieren. Das Verhältnis Japans zur Modernisierung wurde auf vielfältige und detaillierte Art und Weise behandelt, daher konnten in die Arbeit verschiedenste Werke von Autoren westlicher als auch japanischer Provenienz einfließen. Diese Arbeit soll darüber hinaus den Versuch unternehmen, die aktuellen Ereignisse nach dem Erdbeben im März 2011 einzubinden und auf die soziale und ökologische Sackgasse aufmerksam machen, in der sich Japan findet.

2 Grundlagen und Annahmen der Modernisierungstheorie

Im Folgenden Kapitel soll die Entstehung und Definition der Modernisierungstheorie dargestellt und näher erläutert werden. Historisch ist ihre Entstehung in die 1950er Jahre, der Phase des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg, einzuordnen. Man stellt sich die Frage, warum in einigen Staaten Entwicklung stattfindet und in anderen nicht. Hier werden zwei Dimensionen unterschieden:

- Die analytische: Wie kommt es zu gesellschaftlicher Modernisierung und damit zu Wachstum, Industrialisierung? Welches sind die Ursachen dafür, dass diese Faktoren in einigen Ländern zu finden sind und in anderen nicht?
- Die normative: Im Lichte der Erkenntnis aus der analytischen Dimension: Wie ist dieses Ziel politisch zu erreichen? Dies zielt auf die politische Gestaltung des Handelns in einer Gesellschaft ab.

Ursprünglich entstand dieser Gedanke insgesamt aus Theorien und Ansichten der vorklas- sischen Nationalökonomie (Adam Smith) des 17. und 18ten Jahrhunderts, Emile Durk- heim (Über soziale Arbeitsteilung) und Ferdinand Tönnies (Gemeinschaft und Gesell- schaft). Als soziologischer Vorreiter dieser Frage gilt vor allem auch Max Weber bereits Jahrzehnte zuvor, in seiner Schrift „Wirtschaft und Gesellschaft“ (Bendix, 1966: 262), In dieser schildert er den beispiellosen Aufschwung Englands in der industriellen Revolu- tion, die die sozialen Gefüge im innersten verändert und den Weg zu einer „modernen Gesellschaft“ ebnet. Man suchte hier nach einer „Zauberformel“ um Entwicklung auch für andere möglich zu machen und Nutzen daraus zu ziehen. Eine universelle Theorie ist hier gefragt, die die Frage der „nachholenden Entwicklung“ (siehe UN- Entwicklungsdekaden, 1960) beantwortet. Das Fundament dazu zementiert Talcott Parsons Mitte des 19. Jahr- hunderts in seiner Systemtheorie der Pattern Variables, der als erster Theoretiker einen Ansatz liefert, um modern von traditional zu unterscheiden.

2.1 Definition

Bevor jedoch tiefer auf die Theorie eingegangen werden kann, muss eine Definition er- folgen, um Entwicklungstheorie von anderen abzugrenzen. „Modernization theory - the belief that industrialization and economic development lead directly to positive social and political change“ (Berman 2009: 1). Dies ist eine westliche Sichtweise der Moderne und beschreibt die Entwicklung eines Staates von der einfachen Agrargesellschaft zur kom- plexen Industriegesellschaft. Impliziert ist hier die Möglichkeit der Selbststeuerung, das heißt, dass ein Staat über sich selbst bestimmt und die Fähigkeit innehat, autark und oh- ne Fremdeinfluss über seine Entwicklungspolitik zu bestimmen. Einen realen Bezug dazu sehen die westlichen Vertreter in der Industriellen Revolution, die als Glanzleistung der Modernisierung angesehen wird. Mit wirtschaftlicher Entwicklung folgt automatisch auch die Soziale, denn es soll ein „trickle-down“ Effekt (Smith 1985) stattfinden, der es durch die Akkumulation von losgebundenem ökonomischen Kapital in Händen der oberen Schichten ermöglicht, dass auch untere davon profitieren. Ein Beispiel dafür wäre die Lohnerhöhung und die damit verbundene erhöhte Konsummöglichkeit für Arbeiter im Falle einer ho- hen Produktion des Unternehmens. Das Kapital würde wortgemäß von den oberen in die mittleren und unteren Schichten „tröpfeln“, was den Lebensstandard aller Beteiligten er- höhen würde. Diese Vorstellung macht eine andere Wirtschaftsform als den Kapitalismus unumgänglich und alternativlos. Ebenfalls impliziert ist, dass andere Staaten und Länder sich ein Beispiel an den Vereinigten Staaten und England nehmen und eine ähnliche Entwicklungsstrategie anstreben sollten. Wirtschaftlicher und politischer Fortschritt der westlichen Länder sollten Wandlungsprozesse bei Nachzüglern auslösen. Dies ist mit dem Stichwort der „nachholenden Entwicklung“ gemeint (Oesterdiekhoff, 2006: 27ff.). In einem Wort: die Modernisierungstheorie intendiert eine „Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Anpassungs- und Selbststeuerungskapazität“ (Zapf. 1979: 23). Sie gilt als, irreversibel, global, progressiv und systemisch. Sie zeigt einen unilinearen Entwicklungsweg auf, der durch die Politik des Staates bzw. Landers initiiert werden soll.

Hierzu sind fünf Annahmen gegeben (ebd.):

- Modernisierung gilt als endogene Leistung, kommt also aus einer Gesellschaft selbst und ist nicht durch Druck von außen entstanden
- Einzelne Züge unterstützen sich gegenseitig
- Vorläufer behindern Nachzügler sich gegenseitig
- Modernisierungsprozesse enden in einer weit höheren gesamtgesellschaftlichen Anpassungsfähigkeit

Die Transformation eines Staates zu einer modernen, komplexen Gesellschaft ist dann beendet, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: Durch den „trickle-down“ Effekt schlägt sich das erwirtschaftete Kapital positiv im Konsum aller Gesellschaftsschichten nieder. Die Menschen, unabhängig von Status und Zugehörigkeit zu einer Klasse, besitzen mehr Geld, das sie aufwenden, um ihre Konsumbedürfnisse zu stillen. Dies fußt gesamtgesellschaftlich in einem Massenkonsum (Rostow, 1959). Zudem lebt die Gesellschaft in einer Demokratie, die jedem erlaubt sich politisch zu engagieren und das Recht auf freie Wahl auszuüben. Ein demokratischer Staat impliziert hier politische Modernisierung. Weiterhin existieren soziale Ballungsräume in Form von Städten, die eine Charakteristik ist von sozialer Entwicklung. Schließlich muss für alle ein höherer Bildungsstandard erreichbar sein. Dies folgt aufgrund einer hohen Alphabetisierungsrate.

2.2 Ablauf und Entwicklung

Über die Kenntnis der Inhalte der Entwicklungstheorie schauen wir uns nun den Ablauf dieser an. Sie folgt in fünf Phasen. Die erste beschreibt Parsons in seiner bereits genannten Theorie der Pattern Variables, in der er zwischen traditional und modern unterscheidet. Sie zeigt die Veränderung auf der kulturellen Ebene der Gesellschaft auf. Diese ist charak- terisiert durch Säkularisierung, Wissenschaftsentwicklung und Rationalisierung. Im zwei- ten Schritt folgt die politische Entwicklung eines Staates. Hier ist vor allem Almond zu nennen, der einen Staat für entwickelt hält, wenn dieser sich Formal und auf Grundlage einer öffentlichen Deklaration gebildet hat. Ebenfalls muss auf Seiten des Volks der Wille zur Partizipation vorhanden sein. Die Seite des Staates muss dieses Recht wiederum für jedes Mitglied der Gesellschaft möglich machen, sodass Umverteilungsprozesse stattfinden können. Der politischen Modernisierung folgt im dritten Schritt die wirtschaftliche Ent- wicklung, welche vor allem Rostow in seinem Buch „Stages of economic growth“ vertritt. Hier soll die Akkumulation von Kapital erfolgen, welches wieder reinvestiert wird, um weitere Gewinne zu erwirtschaften. Technischer Fortschritt ist hiermit unumgänglich und soll gefördert werden bis der Staat einen Take-Off erreicht. Nach diesem folgt die Reife und die Zeit des Massenkonsums.

In einem vierten Schritt folgt die gesellschaftliche Veränderung und damit eine soziale Mobilisierung (nach Lerner). Es folgen Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und eine Kommunikationssteigerung der Individuen die sich in solch einer Gesellschaft befinden. In einem letzten Schritt folgt dann, fünftens, eine psychische Entwicklung. In dieser soll laut Lerner und Hagen eine Empathiesteigerung stattfinden und soziale Akteure zu einer höheren Leistungsbereitschaft animieren.

Alle Phasen detailliert zu beleuchten würde den Rahmen einer Hausarbeit sprengen, daher konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf die ersten drei Phasen der kulturellen, politischen und ökonomischen Entwicklung.

2.3 Talcott Parsons Pattern Variables

In Parsons makrosoziologischer Theorie der Pattern Variables untersucht der Soziologe Merkmale der traditionellen und modernen Gesellschaft und extrahiert daraus einen funk- tionalistischen Ansatz zur sozialen Differenzierung. Er macht den Unterschied zwischen traditionell und modern an dem Grad der Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Rollen fest (Parsons 1951). Hierauf teilt er Gesellschaft in drei Ebenen. 1. Das soziale System, also makrosoziologisch betrachtet, 2. Das Persönlichkeitssystem, Mikrosoziologisch und 3. Das System allgemeiner kultureller Werte. Hierdurch kommt er auf fünf kulturelle Muster mit dichotomer Ausprägung: Seine Pattern Variables.

- Affektivität versus affektive Neutralität: Das Individuum hat die Wahl, seine unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen z. B. wie unter Familienmitgliedern (Affektivität) oder aber, die Affektivität zugunsten der Befriedigung eines langfristigen Bedürfnisses aufzuschieben (Neutralität)
- Universalismus vs. Partikularismus, Alternative zwischen dem Akzeptieren allgemeiner und besonderer Gruppennormen. Partikularismus bedeutet eine Handlungsmöglichkeit, die stärker an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtet ist, also ob sich der Akteur an der zu ihm selbst in einer Situation orientieren soll. Universalismus hingegen richtet sich an den gesellschaftliche Vorgaben aus.
- Selbstorientierung vs. Kollektivorientierung, Alternative zwischen Eigeninteressen (Eigennutz), also vorrangig an sich selbst denken, und Kollektivwohl, sprich sich an die Wünsche eines Kollektivs ausrichten (Gemeinnutz).
- Zuschreibung vs. Leistung, Werte die z. B. aufgrund eines Charismas zugeschrieben werden (siehe Max Weber „Charismatische Herrschaft“) gegenübergestellt zu wirklicher Leistung (überprüfbar, vergleichbar)
- Diffusität vs. Spezifizität, Alternative zwischen Handlungen, die auf die ganze Person und solchen, die auf spezielle Segmente, d. h. einzelne, klar definierte „Teile“ (Rollen) des Individuums bezogen sind.

Während die Punkte eins bis drei sich aus den drei Modi der motivationalen Orientie- rung und den drei Modi der Wertorientierung zusammensetzen (Sie resultieren aus dem Fehlen einer biologisch vorgegebenen Hierarchie unter den Orientierungen), ergeben sich die beiden letzten Variablen aus der Indeterminiertheit der Objektsituation. Sie beziehen sich vornehmlich auf soziale Objekte. Die Entscheidung des Akteurs wird im Falle von „Zuschreibung vs. Leistung“ durch die Unterscheidung sozialer Objekte als Komplexe von

Eigenschaften (Qualities) oder Leistungen (Performance) abgeleitet, während sich die Va- riable „Diffusität vs. Spezifität“ aus der spezifischen bzw. diffusen Bedeutung von sozialen Objekten für den Akteur ableitet (Scheuch 2003: 210ff.)

Der Akteur in einer Gesellschaft kann laut Parsons zwischen diesen dichotomen Alterna- tiven wählen. Jedoch wurde häufig an dieser Konstruktion kritisiert, dass sie nicht der Realität entspräche, da ein Individuum ebenfalls über die Option verfügt sich zwischen diesen Alternativen zu entscheiden. Im Normalfall wägen Akteure ab, welche Position sie wählen und dies geschieht nicht wie von Parsons postuliert fix, sondern wird in jeder Situa- tion neu ausgemacht (Dahrendorf, 1958). Diese Grundmuster sind nützlich um bestimmte Tendenzen in einer Gesellschaft auszumachen, jedoch war es in den Augen der zeitge- nössischen Soziologen (Vgl. Merton 1967) zu reduktionistisch, um weitere Erklärungen zuzulassen.

2.4 Almonds politische Modernisierung

Der nächste Schritt zu einer modernen Gesellschaft findet sich in Almonds Ausführungen in einer politischen Entwicklung. Diese muss ein Garant für Stabilität eines Staates sein, um ihn handlungsfähig und effizient zu machen. Hierzu muss ein Wertegerüst innerhalb der Bevölkerung aufgebaut werden, in der sich Einstellungen zur politischen Struktur des Staates reflektiert werden. Fehlt solch eine zumindest „positiv - neutrale“ (Pickel 2006: 1ff.) Betrachtungsweise der Politik unterliegt die Gesellschaft einem Krisenfall, denn da- mit wird auch wirtschaftlicher und sozialer Nährboden entzogen, da keine Stabilität und ungewissheit vorherrscht. Ebenfalls muss das politische System in ihren Institutionen gewissen Normen und Regeln einhalten und der Erwartungshaltung der Bürger gerecht werden. Ein Beispiel: In einem Staat der die konstitutionelle Monarchie vertritt und auf der anderen Seite das Volk eine Demokratie präferiert, trifft das System nicht die bürgerli- che Erwartungshaltung. Ein Sturz wäre hier wahrscheinlich. Die Schlussfolgerung daraus ist also, dass nur eine Kongruenz zwischen einer politischen Struktur und politischen Kultur eine „Persistenz des Systems über einen längeren Zeitraum“ (ebd.) sichern kann. Almond kommt zu dieser These aufgrund seiner Untersuchungen von politischen Kultu- ren in fünf Nachkriegsstaaten. In dieser „Civic Culture“ (Almond und Verba 1963, 1980) Studie verbindet er theoretische Überlegungen mit Umfrageergebnissen und erarbeitet auf diese Weise Grundtypisierungen politischer Strukturen. Als politische Kultur verstanden sie die gesammelten auf das System ausgerichteten Einstellungen und Wertorientierungen der Bürger eines Landes, welche die Folge historischer Prozesse und kollektiv ähnlicher individueller Sozialisation darstellen.

2.5 Die „ Stages of economic growth“ nach Rostow

Im dritten und zugleich wichtigsten Schritt eines Staates zur Modernisierung entwickelt Walter Rostow seine „Stages of economic growth“. Diese zielt auf die wirtschaftliche Ent- wicklung und zeigt fünf Stadien auf, die jedes Land durchlaufen haben muss, um als „modern“ zu gelten (Rostow 1960). Er geht im ersten Stadium von einer traditionalen Gesellschaft aus, in der Agrarproduktion den größten Teil des Wirtschaftens ausmacht. Charakteristisch dafür ist ein begrenztes Produktionsniveau, da Naturwissenschaften und Technik entweder noch nicht existieren oder rudimentär zur Verfügung stehen. Die Gesell- schaft ist hier also agrarisch geprägt und verfügt über eine hierarchische Sozialstruktur mit geringer sozialer Mobilität. Im zweiten Schritt sieht er die Staaten Westeuropas des 17. Und 18. Jahrhunderts. Diese befinden sich in einer sowohl sozialen als auch ökonomischen Übergangsphase. Es entstehen neue Produktionsmöglichkeiten- und methoden im Agrar- und Industriesektor, die die Effizienz erhöhen. Weiterhin folgt die Vernetzung in Interna- tionalen Handel und damit die Herausbildung eines Weltmarkts. Rostow sieht in dieser Entwicklung die „preconditions to take-off“ (Ebd.). Hierauf folgt die wichtigste dritte Pha- se der ökonomischen Entwicklung: Der Take-Off. Dieses Stadium ist gekennzeichnet durch eine erhöhte Produktivität die durch technische Innovationen im primären und sekundären Sektor möglich gemacht werden. Damit folgt eine stark erhöhte Nachfrage nach Arbeits- kräften, Dienstleistungen und industriellen Fertigprodukten. Es kommt zur Abwanderung von Menschen in die Städte und neue Industrien entstehen. Auf der anderen Seite wird die Landwirtschaft durch neue Techniken stärker Kommerzialisiert. Entscheidend für Rostow in dieser Phase ist, dass durch die nun entstandenen internationalen Wirtschaftsverflech- tungen eine Kapitalzufuhr von außen stattfindet um die Investitionsrate im Land auf 5 bis 10 % des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Dies würde eine hohe Wachstumsra- te im Manufakturensektor auslösen, die wiederum Reinvestitionen in neue Fabriken, in Innovationen etc. zur Folge hat. Ebenfalls müssen politische, soziale und institutionelle Rahmenbedingungen erfüllt werden um ein stetiges, andauerndes Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Der moderne Glaube und die damit einhergehende Rationalität muss dem traditionellen affektuellen Teil der Gesellschaft spätestens in diesem Stadium über- wiegen. Diese Phase ist nach Rostow relativ kurz (20 bis 30 Jahre). Er bezieht sich hier auf die beispiellose Entwicklung Englands (die zwei Jahrzehnte nach 1783), Deutschlands (die 25 Jahre nach 1850) und den Vereinigten Staaten (die Dekade vor 1860). Nach dem Take-Off folgt die vierte Phase der Entwicklung zur Reife namens „selfsustained growth“ (Ebd.). Charakteristisch hierfür ist eine gleichbleibend hohe Investitionsrate von 10 bis 20 % und eine Spezialisierung von Arbeitskräften und Sektoren. Gesamtgesellschaftliche Veränderungen sind die Folge. Hier schließt sich das letzte Stadium des Massenkonsums an („age of mass consumption“) in dem der idealtypische Reifeprozess abgeschlossen gilt. Die zu Beginn rapide wachsende Schwerindustrie verliert in dieser Phase an Bedeutung und wird von Konsumgüterproduktion abgelöst. Dies geschieht aufgrund eines im Zuge der Modernisierung, erhöhten Volkseinkommens der Mittelschicht, die nun ein Konsum- niveau erreicht, dass „oberhalb der Bedarfsdeckung“ liegt. Während die Nachfrage nach Kleidung und Nahrung, also inferioren Gütern gesättigt ist, werden Luxusgüter für brei- tere Bevölkerungsteile erschwinglich. Ein Kennzeichen dafür ist zum Beispiel die weite Verbreitung von Autos. Dies führt dazu, dass die Wirtschaftspolitik der Steigerung des privaten Konsums Priorität einräumt und sich ein Wohlfahrtsstaat etabliert (vgl. Rostow).

[...]

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Die schleichenden Gefahren des Modernisierungsprozesses in Japan
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Grüner Imperialismus?
Note
1,7
Autoren
Jahr
2011
Seiten
41
Katalognummer
V182079
ISBN (eBook)
9783656355847
ISBN (Buch)
9783656357094
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Modernisierungstheorie, Modernisierung, Japan, Kultur, Fukushima, Nachhaltigkeit
Arbeit zitieren
Dimitrij Gede (Autor)Kaspar Meyer (Autor), 2011, Die schleichenden Gefahren des Modernisierungsprozesses in Japan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182079

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die schleichenden Gefahren des Modernisierungsprozesses in Japan



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden