Implikaturen und ihr Beitrag zur Erklärung der Informationsstruktur von Äußerungen


Magisterarbeit, 2003

66 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Das Kommunikationsmodell von Grice
1. Begriffsdefinition
2. Das Kooperationsprinzip
3. Die Maximen
a) Die Quantitatsmaxime
b) Die Qualitatsmaxime
c) Die Relevanzmaxime
d) Die Modalitatsmaxime
e) Verletzungen der Maximen
4. Implikaturen
a) Konversationale Implikaturen
b) Partikularisierte konversationale Implikaturen
c) Generalisierte konversationale Implikaturen
d) Konventionale Implikaturen
e) Skalare Implikaturen
5. Grenzen und Kritik von Grices Modell
a) Das Kooperationsprinzip und die Maximen
b) Implikaturen

III. Skalen-Modelle
1. Die Hierarchie des Bekanntheitsgrades
a) Die einzelnen Status
b) Grenzen und Kritik
2. Vertrautheitsskala
3. Topik-Kontinuitat
4. Identifizierbarkeit und Zuganglichkeit
5. Zusammenfassung der Skalen-Modelle

IV. Zusammenspiel der Skalen-Modelle mit Grices Theorie
1. Die Quantitatsmaxime und die Hierarchie des Bekanntheitsgrades
2. Vergleich von Implikaturen und Ableitungen

V. Zusammenfassung

VII. Literaturverzeichnis

VIII. Erklarung

I. Einleitung

In unserer Gesellschaft werden wir rund um die Uhr mit einer Flut von Informationen konfrontiert. Diese mussen nach ihrer Wichtigkeit eingeordnet und nach Bedarf im Gehirn gespeichert werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, wie diese Informationen prasentiert werden sollten, damit sie dauerhaft im Gedachtnis bleiben konnen. Ob etwas gespeichert wird, hangt von verschiedenen Faktoren wie z.B. der Informations- struktur ab.

Wie diese Struktur durch verschiedene Faktoren beeinflufit werden kann, soll in dieser Arbeit gezeigt werden. Den Schwerpunkt werden folglich Implikaturen bilden, die eine Sonderform der Aufierungsbedeutung darstellen. Sie reprasentieren die zusatzliche und vom Sprecher nur gemeinte statt geaufierte Bedeutung. Dieser indirekte Charakter hat, wie am Ende dieser Arbeit zu sehen ist, einen bedeutenden Einflufi auf die Informationsstruktur von Aufierungen.

In dieser Arbeit werde ich mich im wesentlichen auf die mundliche Kommunikation konzentrieren. Sie ermoglicht die direkte Kontrolle uber das Verstandnis zwischen Sprecher und Horer und kann so Aufschlufi geben, ob die Informationen adressatengerecht aufgebaut sind. Dies ist bei schriftlicher Kommunikation nicht sofort moglich. Hier konnen unabhangig von Zeit und Raum Informationen ausgetauscht werden, eine direkte Verstandnissicherung ist somit nicht vorhanden. Die in dieser Arbeit gewonnenen Ergebnisse zur Informationsstruktur konnen jedoch teilweise auch auf nonverbale Kommunikation ubertragen werden.

Das Ziel dieser Arbeit ist zu zeigen, wie Implikaturen die Struktur von Informationen beeinflussen und welche Erkenntnisse sie bringen konnen. Viele Wissenschaftler beschaftigten sich schon mit diesem Thema und haben eine Vielfalt von Theorien entwickelt. Aus diesem Grund werde ich mich auf wenige ausgesuchte Modelle konzentrieren, um den Rahmen dieser Untersuchung einzuhalten.

Grice legt in seinem Kommunikationsmodell verschiedene Kriterien fest, die innerhalb eines Gespraches beachtet werden sollten. Ist dies nicht der Fall, entstehen Implikaturen. Sie gestalten die Kommunikation auf einer gesonderten Ebene, die es vom Adressaten zu verstehen gilt. Bei diesem Prozefi sind die Kommunikations- maximen eine wichtige Hilfe. Anschliefiend werden die Verbesserungen dieser Theorie durch andere Wissenschaftler kurz erlautert. Dieser kritische Blick erlaubt eine Uberprufung des Modells hinsichtlich seiner Anwendbarkeit auf die alltagliche Kommunikation.

Praziser wird die Struktur von Informationen durch die Skalen-Modelle untersucht. Hier wird der Schwerpunkt auf die verschiedenen kognitiven Status gelegt, die

Sprecher und Horer wahrend eines Gespraches innehaben konnen. Der Status gibt Auskunft uber die Bedeutung des aktuellen Themas. In der Sprachwissenschaft wird jedoch uber die Anzahl der jeweiligen Status diskutiert. Die Hierarchie des Bekanntheitsgrades als auch die Vertrautheits-Skala formulieren zwar die gleiche Anzahl an Status, jedoch bestehen zwischen ihnen kleine Unterschiede.

Nachdem die Modelle vorgestellt wurden, werde ich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausstellen. Auf diese Weise konnen neue Erkenntnisse gewonnen werden, wie Informationen gestaltet sein mussen, damit die Kommunikation erfolgreich verlauft. Dabei ist es sehr hilfreich, dafi in dieser Arbeit sowohl ein allgemeineres Modell als auch spezifische Untersuchungen betrachtet werden. Auf diese Weise konnen unterschiedliche Aspekte der Informationsstruktur berucksichtigt und kritisch betrachtet werden. Den Mittelpunkt bilden hier die Implikaturen.

Zum Schlufi der Arbeit werde ich definieren, was genau unter dem Begriff Informationsstruktur zu verstehen ist. Anhand der so bestimmten Merkmale konnen die vorgestellten Modelle gute Ansatze liefern, um die Forschung auf diesem Gebiet in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Die Begriffe Bezug, Thema, Entitat und Referent werden in dieser Arbeit gleichbedeutend verwendet. Sie bezeichnen den aktuellen Gesprachsgegenstand. Bei meiner Untersuchung der verschiedenen Modelle schliefie ich mich den jeweils dort verwendeten Begriffe an.

II. Das Kommunikationsmodell von Grice

1. Begriffsdefinition

Die folgenden Modelle untersuchen, welchen Kriterien Kommunikation unterliegt. Darum ist es notwendig, diesen Begriff vorab zu erlautern. Nur so kann der Nutzen der einzelnen Modelle fur die Informationsstruktur bewertet werden.

Kommunikation kann in verschiedenen Situationen mit unterschiedlichen Absichten zustande kommen. Diese Vielfaltigkeit erleichtert nicht gerade die wissenschaftliche Diskussion. Jedoch verfolgt Kommunikation immer ein bestimmtes Ziel. Der Sprecher mochte mit seiner Aussage die Meinung oder das Handeln des Horers beeinflussen. Damit dies passieren kann, beurteilt der Horer die Signale des Sprechers anhand seines gesamten Wissens sowie dem Situations- und Weltwissen. Wenn der Adressat die Intention des Sprechers erkennt und befolgt, ist die Kommunikation erfolgreich verlaufen.[1] Im anderen Fall wird die Wirkungsabsicht des Sprechers vom Horer nicht erkannt und das Ziel der Kommunikation nicht erreicht.

Damit dieser Fall aber nach Moglichkeit gar nicht erst eintritt, erleichtert der Sprecher dem Horer das Verstandnis mit unterschiedlichen Mitteln. Eines davon ist Kooperation. Laut dem Duden handelt es sich dabei um die Zusammenarbeit von ver­schiedenen Partnern.[2] Diese Definition scheint im Hinblick auf die unterschiedlichen Gesprachssituationen und -konstellationen jedoch zu allgemein und undifferenziert. Um die genaue Bedeutung von Kooperation innerhalb eines Gespraches zu erfassen, mussen die Beziehungen und die Charaktereigenschaften der beteiligten Personen beachtet werden.[3] Freunde reden zum Beispiel vertrauter miteinander als der Chef zu seinem Angestellten. In beiden Fallen kann Kooperation also anders aussehen, da die Ziele der jeweiligen Kommunikation variieren. Freunde sprechen uber ihre Erlebnisse und helfen sich gegenseitig bei ihren Problemen. Der Chef bespricht mit seinem Angestellten einen „Job" und tauscht mit ihm hauptsachlich Informationen aus. Es ist also keineswegs so, dafi alle Gesprachsteilnehmer immer ein und dasselbe Ziel verfolgen.[4] Auch wenn mehrere Gesprachspartner gemeinsam eine Sache planen, so sind doch die Interessen und Wunsche unterschiedlich. Diese gilt es durch kooperatives Verhalten zu berucksichtigen, um so eine Gesamtbelohnung zu erreichen. „Es ist definitorisches Merkmal der Kooperation, dafi Kooperation eine hohere Gesamtbelohnung erbringen soil als entsprechende nicht-kooperierende Handlungen."[5] Wenn die Ziele jedes einzelnen erreicht sind, war die Kommunikation fur alle Gesprachsteilnehmer erfolgreich, so dafi in diesem Falle von einer Gesamtbelohnung gesprochen werden kann.

Da die Grundbegriffe fur diese Arbeit nun genau definiert sind, werde ich das Modell von Grice vorstellen.

2. Das Kooperationsprinzip

Grice berucksichtigt in seinem Kommunikationsmodell den Aspekt, dafi man sein Verhalten der jeweiligen Gesprachssituation anpassen mufi. Er entwickelte das Modell 1968 und erklarte damit die Unterschiede zwischen dem Gemeinten und dem Gesagten. Es besteht aus vier Maximen, denen das Kooperationsprinzip vorangestellt_ wird:

„Mache deinen Gesprachsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprachs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird."[6]

Das Kooperationsprinzip macht deutlich, dafi die Gesprachspartner gemeinsam die Kommunikation gestalten. Sie mussen sich also daruber einigen, welchen Verlauf und welches Ziel das Gesprach haben soll. Dabei ist der akzeptierte Zweck des Gespraches nicht unbedingt mit der Absicht des jeweiligen Sprechers identisch. Es ist demnach wichtiger, dafi der Rahmen des Gesprachs beachtet wird.[6]

Allerdings ist fraglich, ob Kooperation fur die Zielerreichung ausreichend ist.[7] Denn im Kooperationsprinzip werden nur die erforderlichen Voraussetzungen genannt, unter denen der Sprecher sein Ziel verwirklichen kann. Auch der Gesprachsbeginn scheint nicht durch kooperatives Verhalten erklarbar. „Da zur Kooperation mindestens zwei gehoren, kann der Gesprachsbeginn nicht unter die Definition von

Kooperation fallen. Aber er tragt Zuge der Kooperation/'[8] Denn schliefilich kann nur eine Person ein Gesprach beginnen und mufi die Kommunikationspartner dazu einladen. Der Sprecher erfullt also bestimmte Erwartungen des Horers, damit dieser in die Kommunikation einwilligt.

Es scheint trotz allem so, dafi kooperatives Verhalten allein nicht eine erfolgreiche Kommunikation gewahrleistet. Kooperation bedeutet fur Grice, dafi sich alle rational verhalten und dies auch von den anderen Gesprachsteilnehmer angenommen wird.[9] Denn nur wer vernunftig handelt, wird sich an das Kooperationsprinzip halten. Diese Rationalitat schafft eine Basis, anhand der Sprecher und Horer die jeweiligen Aufierungen besser beurteilen konnen. „ Rational handeln heifit, zur Erreichung des Handlungsziels aus den subjektiv gegebenen Handlungsalternativen diejenigen auszuwahlen und anzuwenden, die den hochsten subjektiv erwarteten Nettonutzen verspricht."[10] Die Einschrankung an dieser Stelle auf die subjektiven Moglichkeiten ist sinnvoll, da der Sprecher nur von seiner personlichen Situation und von seinem Ziel ausgehen kann. Unter Nettonutzen wird der Nutzen abzuglich der aufgewendeten Kosten verstanden. Schliefilich wagt der Sprecher ab, mit welchen Mitteln er sein Ziel erreichen kann. Dafi er sich fur die sparsamere Moglichkeit („Hallo" statt „Guten Tag") entscheidet, ist nur verstandlich. Denn der Sprecher erreicht mit dieser kurzeren Version eine schnellere Zielerreichung und minimiert den Verarbeitungsaufwand des Horers. „Eine Aufierung sollte so prasentiert werden, dafi sie moglichst einfach zu verarbeiten ist; das erleichtert die kommunikative Kooperation."[11] Berucksichtigt der Sprecher diese Anforderung, so wird er leichter verstanden und kann sein Ziel besser erreichen. Rationalitat ist also ebenfalls ein bedeutender Faktor fur gelungene Kommunikation. Doch um die Aufierung des Sprechers als rational einstufen zu konnen, mufi der Horer zusatzliche Informationen uber den Sprecher haben.[12] Der Adressat macht daher Annahmen uber das dem Sprecher zur Verfugung stehende Wissen. Dies wird naturlich erschwert, wenn das Wissen des Sprechers und Horers voneinander abweichen. Dann mufi der Adressat komplexere Uberlegungen machen, um das Verhalten des Sprechers als rational einstufen zu konnen. Wenn jemand um eine Leiter herumgeht, obwohl darunter ausreichend Platz gewesen ware, erscheint dies auf den ersten Blick irrational. Weifi man jedoch, dafi diese Person aberglaubisch ist und durch diese umstandliche Handlung eventuelles Ungluck vermeiden wollte, wird sie wieder nachvollziehbar.[13]

Das Kooperationsprinzip ermoglicht zudem eine Art Vertrauen der Gesprachs- teilnehmer. Wir alle vermuten, dafi sich die anderen ebenso kooperativ verhalten wie man selbst auch.[14] Trifft diese Annahme ebenfalls auf Beleidigungen und Streit zu? Denn hier geht es ja darum, seine eigene Meinung zu behaupten und durchzusetzen. Man verhalt sich also nicht kooperativ oder rational. Wird das Kooperationsprinzip aber allgemeiner gesehen, konnen auch Streit und Beleidigungen kooperativ sein. Schliefilich verwendet der Sprecher eine Sprache, die der Horer versteht.[15] Der Adressat hat so die Moglichkeit, auf die Aufierungen des Sprechers zu reagieren und ebenfalls seine Meinung zu behaupten. Werden diese Pramissen erfullt, ist im weiteren Sinne auch hier ein kooperatives Verhalten der Gesprachspartner zu finden.[16] Doch allein mit dem Kooperationsprinzip sind wohl kaum das Gesprachsverhalten und die Ziele von Kommunikation zu erklaren. Aus diesem Grund ordnet Grice dem Kooperationsprinzip vier Maximen unter.

3. Die Maximen

Ist das Kooperationsprinzip noch recht vage und allgemein formuliert, geht Grice bei seinen Maximen detaillierter vor. Er unterteilt sie in vier Gruppen: Quantitat, Qualitat, Relevanz und Modalitat. Die Begriffe ubernahm Grice der Kategorien von Kant.[17] Ob jedoch auch ein inhaltlicher Zusammenhang besteht, wird in der Linguistik noch diskutiert. Kant versteht seine Kategorien eher als Gesetze, wahrend Grice lediglich Maximen aufstellt, gegen die auch verstofien werden kann. „Ein sachlogischer Zusammenhang der Griceschen Maximen mit Kants Kategorienkonzept ist nicht erkennbar. Das gilt vor allem fur die Kategorien der Relation und Modalitat."[18] Ein Vergleich ist darum schon hinsichtlich der theoretischen Grundlage nicht moglich.[19] Aus diesem Grund scheint die Ahnlichkeit von Grices Maximen mit

Kants Kategorienkonzept nur auf die Namensgebung zuzutreffen. „Es gibt keine Anzeichen dafur, dafi Grice seine Maximen in den Rang praktischer Gesetze (im Sinne Kants) heben will."[20]

Was jedoch noch einer Klarung bedarf, ist die Grundlage der Maximen und des Kooperationsprinzips.[21] Es spricht einiges dafur, dafi diese Aspekte anerzogen und aus diesem Grund empirisch belegt sind. Schliefilich halten sich alle Gesprachsteilnehmer an diese Regeln ohne sie genau zu kennen.

Die vier Maximen konnen als Obermaximen angesehen werden, da Grice ihnen weitere Untermaximen zuordnet. Ich werde sie nacheinander vorstellen und zum Schlufi auf die moglichen Verletzungen der Maximen eingehen.

a) Die Quantitatsmaxime

1. Mache deinen Beitrag so informativ wie (fur die gegebenen Gesprachszwecke) notig.
2. Mache deinen Beitrag nicht informativer als notig.

Die Quantitatsmaxime regelt die Menge an Informationen, die der Sprecher dem Horer mitteilen sollte.[22] Wenn zuwenig oder zuviel Information an den Adressaten weitergegeben werden, kann dieser Fehlschlusse ziehen, die einem erfolgreichen Gesprachsverlauf nicht forderlich sind. Die Quantitatsmaxime schrankt also das Ausmafi der Informativitat auf den jeweiligen Gesprachszweck ein. „Die Okonomie des von Seiten der Quantitatsmaxime empfohlenen Umgangs mit Informationen hat ihre Erfullung in der vollkommenen Angemessenheit der ubermittelten Information."[23] Erzahlt der Sprecher eine Geschichte mit einer Pointe, wird sie vom Adressaten nicht verstanden, wenn sie nicht alle notwendigen Informationen enthalt. Geht es jedoch um die Beantwortung einer Frage, so konnen zu viele Angaben den Horer verwirren und eine erfolgreiche Kommunikation verhindern. Schliefilich geht der Adressat davon aus, dafi der Sprecher sich dem Kooperationsprinzip entsprechend verhalt und es darum etwas Bestimmtes mit dem Gesagten auf sich hat. Der Horer kann auf diese Weise in die Irre gefuhrt werden.[24] Dieser Fall zeigt, dafi die zweite Quantitatsmaxime ihre Berechtigung findet, auch wenn sie in der Forschung umstritten ist.[25] Dies ist jedoch nach Grice nicht der einzige schwache Punkt dieser Untermaxime . Sinngemafi uberlappt sie sich zudem mit der Relevanzmaxime.[26] Denn wer zu viele Informationen weitergibt, ist nicht relevant. Dies wurde also bedeuten, dafi entweder die zweite Quantitatsmaxime oder die Relevanzmaxime uberflussig ist. Doch ist die Beschrankung von Informationen schon allein deshalb wichtig, weil die Verarbeitungskapazitat des Horers begrenzt ist.[27] Halt der Sprecher sich an die Quantitatsmaxime, richtet der Adressat seine Aufmerksamkeit auf die fur das Gesprach wichtigen Informationen und wird nicht durch unwichtige abgelenkt. So wird der Sprecher vom Horer leichter verstanden und die Kommunikation kann als gelungen bezeichnet werden.

Es kommt jedoch auch darauf an, wie etwas gesagt wird. Den Unterschied machen folgende Beispiele deutlich:

1. a) Peter heiratete Anna, und Anna bekam ein Kind.

b) Anna bekam ein Kind, und Peter heiratete Anna. (aus: Meibauer 1999)

Obwohl die Satze die gleichen Informationen beinhalten, werden sie vom Horer anders verstanden. Gemafi der zweiten Quantitatsmaxime wird die Konjunktion „und" als „und dann" interpretiert.[28] Dies ergibt eine zeitliche Abfolge, welche die un- ausgesprochene Information des Satzes verandern kann. Beachtet der Sprecher also die Quantitatsmaxime nicht, so ist der Horer nicht in der Lage, das Gesagte richtig zu interpretieren.

b) Die Qualitatsmaxime

Versuche deinen Beitrag so zu machen, dafi er wahr ist.

1. Sage nichts, was du fur falsch haltst.

2. Sage nichts, wofur dir angemessene Grunde fehlen.

Die Qualitatsmaxime regelt die Glaubwurdigkeit einer Aussage. Um entsprechend dieser Maxime zu handeln, mufi der Sprecher nicht unbedingt die Wahrheit sagen. Aber er sollte nur das aufiern, was er fur wahr halt oder fur das er entsprechende

Belege vorweisen kann.[29] Schliefilich kann der Sprecher nicht immer wissen, ob seine Informationen immer der Wahrheit entsprechen. Darum ist die Einschrankung der Qualitatsmaxime sinnvoll. Kann der Sprecher also eine Aussage nicht verantworten, sollte er sie besser nicht aufiern. Auf diese Weise sorgt die Qualitatsmaxime fur eine Kommunikation, die frei von Zweifeln und Skepsis ist.[30] Schliefilich geht der Horer davon aus, dafi der Sprecher nicht wissentlich etwas Falsches oder Unwahres sagt. Ein anderes Verhalten ware auch irrational. Aus diesem Grund aufiert der Sprecher nur das, was er fur wahr halt. Kann er jedoch nicht davon ausgehen, dafi seine Informationen richtig sind, zeigt er dies durch zusatzliche Ausdrucke an:

Peter heiratete Anna, und Anna bekam ein Kind. Doch weifi ich nicht, in welcher Reihenfolge das geschah.

(aus: Meibauer 1999)

Durch diese Einschrankungen macht der Sprecher deutlich, dafi seine Aussagen nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Es ist jedoch auch moglich, dafi der Sprecher die Quelle seiner Information angibt. Dies geschieht durch Ausdrucke wie „Von meiner Nachbarin habe ich gehort,..." oder ahnliche. Auf diese Art teilt er dem Horer mit, dafi er sich nicht personlich von der Wahrhaftigkeit der Information uberzeugen konnte. Mit einschrankenden modalen Ausdrucken ist es dem Sprecher also moglich, sich trotzdem an die Qualitatsmaxime zu halten.[31]

c) Die Relevanzmaxime

Sei relevant.

Die Formulierung der Relevanzmaxime ist sehr kurz. Dies entspricht zwar dem Sinn dieser Maxime, macht jedoch ihre Zuordnung schwierig. Damit deutlich wird, was genau unter Relevanz zu verstehen ist, wird eine Ausformulierung notwendig. Grice sieht mehrere Problem e, wie die Relevanzmaxime einzuordnen ist: „Was genau fur verschiedene Arten und Brennpunkte der Relevanz es geben kann; wie sie sich im Verlauf eines Gesprachs verschieben; wie dem Umstand Rechnung zu tragen ist, dafi der Gesprachsgegenstand zu Recht geandert wird; und so weiter."[32] In der Linguistik ist daher nicht eindeutig klar, was genau Grice unter Relevanz versteht. Ich stimme
darum mit der Definition von Rolf uberein, der sagt: ^Relevant (im Hinblick auf eine Vorgangeraufierung) ist eine Bemerkung, wenn sie aufgrund der Aufierungs- bedeutung zu der Bedeutung der Vorgangeraufierung pafit."[33] Es kommt also nicht auf die wortliche Bedeutung an, sondern auf den Sinn der Aufierung. Dies wird auch im folgenden Beispiel deutlich:

3. a) Ist Peter noch im Hause? b) Im Hof steht ein gelber VW. (aus: Keller 1995)

Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, was ein gelber VW mit der Frage zu tun hat. Wissen aber die Gesprachspartner, dafi Peter ein solches Auto fahrt, ist die Aufierung als Antwort auf die Frage relevant.

Der Relevanzmaxime kommt in der Linguistik eine besondere Bedeutung zu. Sie wird einerseits erweitert[34] oder sogar als eigenstandiges Modell weiterentwickelt.[35] Die Be­deutung der Relevanzmaxime darf also nicht unterschatzt werden. „Die Maxime der Relevanz erhalt hier [bei Grice, EQ] einen zentralen Stellenwert, vielleicht sogar den eines grundlegenden Prinzips sprachlicher Kommunikation."[36] Denn wie oben schon angedeutet, regelt auch die Quantitatsmaxime die Menge an Information und konnte durch die Relevanzmaxime ersetzt werden. Eine weiterfuhrende Diskussion der Beziehung von Quantitats- und Relevanzmaxime ist aber fur die Aufgabenstellung dieser Arbeit nicht notwendig.

d) Die Modalitatsmaxime

Sei klar.

1. Vermeide Dunkelheit des Ausdrucks
2. Vermeide Mehrdeutigkeit
3. Sei kurz (vermeide unnotige Weitschweifigkeit)
4. Der Reihe nach!

Die letzte der Griceschen Maximen bezieht sich im Gegensatz zu den bereits genannten auf die Form der Aufierung. Sie ist also nicht inhaltsbezogen.[37] Die Obermaxime „Sei klar" gibt an, wie die vier Untermaximen zu verstehen sind.

In der ersten Untermaxime werden mit Dunkelheit die Aufierungen gemeint, die fur den Horer nicht verstandlich sind.[38] Es ist aber offensichtlich, dafi jeder sich so deutlich wie moglich ausdruckt, da er vom Gegenuber verstanden werden mochte. Daher scheint diese Untermaxime uberflussig, weil jedem Gesprachsteilnehmer die Sprache und Regeln vertraut sind, um das Gesagte zu verstehen. Wird jedoch das den Gesprachsteilnehmern gemeinsame Wissen nicht beachtet, kann es zu Dunkelheit kommen.

4. a) Woher kommt Nastassja eigentlich? b) Sie lebt in Kusterdingen. b') Sie lebt in der Nahe von Stuttgart.

(aus: Meibauer 1997)

Weifi der Adressat nicht, wo genau Kusterdingen liegt, kann er mit der Antwort wenig anfangen. Im umgekehrten Falle ware der Sprecher nicht informativ genug, wenn sich der Adressat in der Gegend um Stuttgart auskennt. Dies entspricht dann aber eher der Quantitatsmaxime. „Nicht die Ausdrucke an sich sind ja dunkel, sondern sie sind es nur relativ zum Kenntnisstand der Beteiligten. Damit ist aber wiederum die Quantitatsmaxime einschlagig."[39] Denn sie beinhaltet ja schon die Informations- menge innerhalb eines Gespraches. Doch kommt hier meines Erachtens das gemeinsame Wissen der Beteiligten zu kurz, so dafi die erste Untermaxime durchaus ihre Berechtigung findet.

Die Obermaxime und die zweite Untermaxime regeln, dafi sich der Sprecher deutlich ausdruckt. Dies beinhaltet selbstverstandlich auch die Vermeidung von ambigen Ausdrucken. Schliefilich wird durch diese nicht genugend Information ubermittelt, damit der Horer den Sprecher verstehen kann. Es scheint, als ob auch hier wieder die Quantitatsmaxime eine Rolle spielt.[40]

Bei der dritten Untermaxime ist es wichtig zu wissen, ob die Weitschweifigkeit beabsichtigt ist oder nicht.[41] Doch wie genau kann der Horer unterscheiden, ob der Sprecher sich nicht kurzer fassen konnte oder ob er etwas mit der umstandlichen Aufierung sagen wollte? Dies wird im folgenden Beispiel deutlich:

Fraulein X brachte eine Reihe von Tonen hervor, die entfernte Ahnlichkeit mit der Melodie von „Home sweet home" aufwiesen.

Fraulein X sang „Home sweet home".

(aus: Meibauer 1997)

Hier wird genaugenommen in beiden Satzen das Gleiche zum Ausdruck gebracht. In 5a) fafit sich der Sprecher nicht so kurz wie es moglich ware und teilt so dem Horer mit, dafi Fraulein X nicht die richtigen Tone traf und der Gesang mifigluckt ist. Diese zusatzliche Information wird in 5b) nicht deutlich, weswegen die Weitschweifigkeit in 5a) beabsichtigt ist. Es gibt jedoch auch Aufierungen, die unnotig ausfuhrlich sind.

6. a) Geh zur Tur, dreh den Griff in Uhrzeigerrichtung, bis es nicht mehr weitergeht, und dann ziehe den Griff langsam in deine Richtung. b) Offne die Tur.

(aus: Meibauer 1997)

Erklart der Sprecher nicht gerade einem Kind, wie es eine Tur offnet, ist 6a) zu weitschweifig und somit ein Verstofi gegen die 3. Untermaxime der Modalitat Allerdings besteht hier ein Problem in der Abgrenzung zur Quantitatsmaxime. Denn die Lange oder Kurze eines Ausdrucks hinsichtlich des Informationsgehaltes fallt eher in deren Bereich.43

Werden dem Horer identische Sachverhalte mitgeteilt, so ist deren Reihenfolge gemafi der 4. Untermaxime wichtig.44 Denn nur wenn die Ereignisse in der richtigen Abfolge erzahlt werden, kann der Horer den temporalen und kausalen Zusammenhang erkennen. Ebenso wie bei der zweiten Quantitatsmaxime spielen hier die Konjunktionen eine wichtige Rolle. Die Satze

7. a) [Nastassja betrat den Laden] und [kaufte ein Paar Jeans]. b) [Nastassja kaufte ein Paar Jeans] und [betrat den Laden].

(aus: Meibauer 1999)

werden unterschiedlich interpretiert. In 7a kauft Nastassja die Jeans in dem erwahnten Geschaft. Bei 7b jedoch kann es sich um irgendeinen Laden handeln, der nicht mit der Hose zusammenhangt. Die Satze werden also je nach Ursache und Wirkung auf verschiedene Weise verstanden. Im englischen Sprachgebrauch wird in diesem Fall von Vorwarts- oder Ruckwartsinterpretation gesprochen.[42] Der Horer sortiert die Ereignisse so, wie sie anhand seines Weltwissens realistisch vorkommen konnen.

8. a) Max fell. John pushed him.

b) John pushed him. Max fell.

(aus: Meibauer 1997)

Die Beispiele zeigen, dafi die Reihenfolge der Ereignisse vom Horer geordnet werden mufi, um der Aussage einen Sinn geben zu konnen. In 8a ist das schubsen von John die Erklarung fur das Fallen. Bei 8b ist das Fallen die Folge vom Schubsen. Je nachdem, wie der Sprecher die Informationen erzahlt, benotigt der Horer mehr Zeit, um die Aufierung zu verstehen.

Weil die Modalitatsmaxime sich auf die Art, wie etwas gesagt wird bezieht, wird sie im Gegensatz zu den anderen Maximen nicht zum Kooperationsprinzip zugehorig und als „Aschenputtel" bezeichnet.[43] Schliefilich ist die Notwendigkeit der Modalitats­maxime in der Linguistik umstritten. Da sie in vielen Punkten mit den anderen Maximen, besonders der Quantitatsmaxime, kollidiert, erhoht sie nur den Verarbeitungsaufwand des Adressaten.[44] Eine weitere Erleichterung gabe es auch bei den Implikaturen, wenn die Modalitatsmaxime gestrichen werden wurde. Sie waren dann nur auf den semantischen Aspekt beschrankt, weil die Formebene mit der Modalitatsmaxime wegfallen wurde. Auffallend ist ebenfalls, dafi drei Untermaximen als Verbote und nur die vierte Untermaxime als Gebot formuliert ist. Der Horer mufi hier zusatzlich zwischen der Be- oder Mifiachtung einer Maxime entscheiden. Wurde jedoch die Modalitatsmaxime komplett wegfallen, so mufiten die anderen Maximen eine grofiere Aufgabe ubernehmen. Auch Grice weifi um den Verbesserungsbedarf der Modalitatsmaxime.

„I would be inclined to suggest that we add to the maxims of Manner which I originally propounded some maxime which would be, as it should be, vague: „Frame whatever you say in the form most suitable for any reply that would be regarded as appropriate", or, „Facilitate in your form of expression the appropriate reply."[45]

e) Verletzungen der Maximen

Da Grice seine Maximen nicht als Gesetze versteht, kann gegen sie auch verstofien werden. Ich werde daher die verschiedenen Moglichkeiten der Maximenverletzung nun vorstellen.

Mittels einer Tautologie kann gegen die Quantitatsmaxime verstofien werden, da diese keine Informationen enthalten.[46] Dies erscheint aber nur auf den ersten Blick so. Geht der Horer jedoch davon aus, dafi sich der Sprecher an das Kooperationsprinzip halt, besitzen Tautologien eine zusatzliche Bedeutung. Diese ist fur den Horer mittels des Kontextes nachvollziehbar.[47]

9. a) Der Fritz hat die alle total abgezockt. b) Geschaft ist Geschaft.

(aus: Meibauer 1999)

In diesem Beispiel wird das Fehlverhalten damit erklart, dafi in der Geschaftswelt bestimmte unfaire Praktiken erlaubt sind. Weil Tautologien immer wahr sind, eignen sie sich wie in diesem Fall zur Rechtfertigung.[48] Der Gesprachspartner kann einer solchen Aussage nicht widersprechen. Aus diesem Grund kann mit einer Tautologie auch ein Gesprach beendet werden.

10. Entweder er kommt oder er kommt nicht.

(aus: Rolf 1986)

Bei diesem Beispiel wird deutlich, dafi die momentane Situation durch die Gesprachspartner nicht zu andern ist. Das weitere Geschehen liegt nicht in ihrer Hand und die Kommunikation macht darum keinen weiteren Sinn.

Gegen die Quantitatsmaxime kann nicht nur mittels einer Tautologie verstofien werden. Hoflichkeit kann ebenso ein Grund sein, nicht so viel zu sagen, wie man eigentlich sollte.[49] Dies wird im folgenden Beispiel deutlich:

11. a) We'll all miss Bill and Agatha, won't we? b) Well, we 'll all miss BILL.

(aus: Leech 1983)

Die Antwort macht deutlich, dafi Agatha nicht unbedingt gern gesehen wird. Dies wird aber nicht gesagt, da es gegen die Hoflichkeit verstofit. 11b) ist also nicht so informativ wie notwendig und verletzt die Quantitatsmaxime.

Wiederholungen sind ebenfalls ein Verstofi gegen diese Maxime.[50] Denn in dem etwas mehrmals gesagt wird, ist der Sprecher informativer als er sein sollte. Dies kann zum Beispiel durch das Modalpartikel „ja" ausgedruckt werden.[51]

12. Norbert ist ja ein erfahrener Kammerer.

(aus: Bublitz 2001)

Durch das „ja" gibt der Sprecher zu verstehen, dafi er sich auf etwas Bekanntes bezieht. Der Horer kennt den Beruf von Norbert und weifi daher ohne eine zusatzliche Bemerkung, was der Sprecher ihm mitteilen mochte. Eine Wiederholung bekannter Informationen dient der Verstandnissicherung und erleichtert die Aufnahme neuen Wissens. So kann der Sprecher beim Horer das fur die Kommunikation notwendige Wissen hervorrufen.

Ebenfalls beugt der Sprecher durch den Einsatz des Modalpartikels dem Entstehen von Sarkasmus und Unmut beim Horer vor. Der Sprecher signalisiert so, dafi ihm die Wiederholung klar ist und er sich nicht korrekt an die Quantitatsmaxime halt. Weil die Verstandnissicherung eine wichtige Rolle innerhalb erfolgreicher Kommunikation spielt, ist ein Verstofi der Quantitatsmaxime nicht so gravierend, sie mufi also nicht strikt beachtet werden.[52]

Wird die Quantitatsmaxime verletzt, entstehen haufig skalare Implikaturen.[53] Da der Sprecher eine bestimmte Menge an Information an den Horer weitergibt, konnen die Werte auf einer Skala angeordnet werden. Der links stehende Wert ist dabei starker als der rechts stehende. Um die Erwartungen des Horers zu erfullen, wahlt der Sprecher immer die starkstmogliche Information, die moglich ist.[54] In dem Satz

13. Peter hat 14 Kinder. (aus: Levinson 1990) gibt der Sprecher zu verstehen, dafi Peter nicht mehr als 14 Kinder hat. Die hier gesetzte Grenze versteht der Horer mittels einer unausgesprochenen Information. Er geht davon aus, dafi keine starkere Aussage gemacht werden konnte.[55] Anders verhalt es sich im folgenden Beispiel:

14. a) Karin ist glucklich.

b) Karin ist nicht glucklich, sie ist euphorisch

(aus: Rolf 1997)

Der vom Sprecher verwendete niedrigere Wert wird hier vom Horer durch eine Negation korrigiert.[56] Dadurch wird deutlich, dafi die Grenze der Aussage a) nicht zu- treffend ist.

Die Quantitatsmaxime kann nicht nur verletzt werden. In speziellen Fallen tritt sie sogar ganz aufier Kraft. Dies geschieht zum Beispiel wahrend eines Kreuzverhors.[57] Der Angeklagte kann sich hier selber belasten und wird aus diesem Grund nicht so kooperativ sein wie er sollte. Doch wird daran deutlich, dafi auch unkooperatives Handeln rational sein kann.[58] Wenn ein Sprecher ganz bewufit schweigt, also gegen die Quantitatsmaxime verstofit, druckt er in einer bestimmten Situation damit ebensoviel aus, als wenn er sich verbal geaufiert hatte.

Ironie ist ein klassisches Beispiel fur eine Verletzung der ersten Qualitatsmaxime.[59] Schliefilich aufiert der Sprecher hier etwas, das er nicht fur wahr halt. Er sagt genau das Gegenteil dessen, was er eigentlich sagen mochte.

15. X ist ein feiner Freund.

(aus: Grice 1979)

Diese Aussage widerspricht der Meinung des Sprechers. Dies ist auch dem Horer bewufit. Mit Hilfe des Kooperationsprinzips wird die Ironie fur ihn deutlich.[60] Der Horer weifi, dafi der Sprecher nicht die Wahrheit gesagt und somit gegen die Qualitatsmaxime verstofien hat. Jedoch nimmt der Adressat an, dafi der Sprecher etwas anderes gemeint hat, seine Aussage also nicht wortlich zu verstehen ist. Anhand des Kooperationsprinzips sucht der Horer nach einer passenderen Interpretation und
kommt so zu dem Schlufi, dafi der Sprecher seine Aufierung ironisch meinte.

Es ist aber auch moglich, aus Hoflichkeit gegen die Qualitatsmaxime zu verstofien.[61] Dies wird im folgenden Beispiel deutlich:

16. a) Geoff has just borrowed your car. b) Well, I like THAT!

(aus: Leech 1983)

Der Horer erkennt hier, dafi das Handeln von Geoff nicht dem Wunsch des Sprechers entspricht. Der Adressat macht also die Schlufifolgerung, dafi die Aussage des Sprechers nicht wahr ist, er aber gleichzeitig nicht unhoflich sein wollte. Jedoch ist die Zuweisung der Ironie lediglich als Verletzung der Qualitatsmaxime nicht korrekt. Gerade bei ironischen Untertreibungen wie

17. Nicht gerade sein bestes Spiel heute

(aus: Lapp 1992)

wenn ein Fufiballer noch kein einziges Tor geschossen hat, sind durch die Verletzung der Qualitatsmaxime nicht erklarbar.[62] Hier besteht also noch Erweiterungsbedarf, so dafi auch solche Aufierungen mit Grices Kommunikationsmodell verstandlich werden.

Euphemismen beuten die Qualitatsmaxime ebenfalls aus.[63] Da diese keine spezifisch- eren Informationen geben, entsprechen sie nicht dem von der Maxime geforderten Wahrheitsgehalt. Im Beispiel

18. Although the allies stressed that every effort was being made to minimize ^collateral damage", it was generally accepted that significant civilian casualties were inflicted during the air campain.

(aus: Bublitz 2001)

wird durch den Ausdruck [64] collateral damage" das Geschehen schon geredet. Dafi die Folgen dieses Militareinsatzes weitreichend sind, wird durch diesen Euphemismus verschleiert.

[...]


[1] Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 18 f.; Keller: Rationalitat, Relevanz und Kooperation, in: Liedtke (Hrsg.), Implikaturen, S. 8; Levinson: Pragmatik, 1990, S. 16.

[2] Duden: Das Fremdworterbuch, 6. Aufl., 1997, S. 447.

[3] S. Keller: Kooperation und Eigennutz, in: Liedtke/Keller (Hrsg.), Kommunikation und Kooperation, 1987, S. 5.

[4] Vgl. Keller: Kooperation und Eigennutz, in: Liedtke/Keller (Hrsg.), Kommunikation und Kooperation, 1987, S. 7 f., der Zielidentitat eher fur einen Sonderfall halt.

[5] Keller: Kooperation und Eigennutz, in: Lie dtke/Keller (Hrsg.), Kommunikation und Kooperation, 1987, S. 9.

[6] Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S. 248.

[7] Rolf: Eine sprechakttheoretische Verallgemeinerung der Griceschen Konversationstheorie, in: Hundsnurscher/Weigand (Hrsg.), Dialoganalyse, 1986, S. 338 f.

[8] So auch Liedtke: Kooperation, Bedeutung, Rationalitat, in: ders./Keller (Hrsg.), Kommunikation und Koperation, 1987, S. 111.

[9] Keller: Kooperation und Eigennutz, in: Lie dtke/Keller (Hrsg.), Kommunikation und Kooperation, 1987, S. 12.

[10] Vgl. Bublitz: Englische Pragmatik, 2001, 167 f.

[11] Keller: Rationalitat, Relevanz und Kooperation, in: Liedtke, Implikaturen, 1995, S. 11.

[12] Meibauer: Modulare Pragmatik und die Maximen der Modalitat, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 237.

[13] Vgl. Liedtke: Kooperation, Bedeutung, Rationalitat, in: ders./Keller (Hrsg.), Kommunikation und Kooperation, 1987, S. 118, der das Rationalitatskriterium von C.G. Hempel diskutiert.

[14] Dieses Beispiel einer bewufiten Handlung ist ubertragbar auf sprachliche Aufierungen, weil ihre Form ebenfalls vom Sprecher beeinflufit wird und sowohl rational als auch irrational sein kann.

[15] Leech: Principles of pragmatics, 1983, S. 82.

[16] Keller: Rationalitat, Relevanz und Kooperation, in: Liedtke (Hrsg.), Implikaturen, 1995, S. 10; gegensatzlich Bublitz: Englische Pragmatik, 2001, S. 167 und Wagner: Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt, 2001, S. 87, die Streit nicht als kooperativ bezeichnen.

[17] Dies nicht so sehend Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S. 253.

[18] Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S. 249.

[19] Klein: Kategorien der Unterhaltsamkeit, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 180.

[20] S. Klein: Kategorien der Unterhaltsamkeit, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 179; zum gesamten Kategorienkonzept von Kant s. Storig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 1998, S. 402 f.

[21] Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 168.

[22] Vgl. Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S. 251.

[23] Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S. 249; Meibauer: Modulare Pragmatik und die Maxime der Modalitat, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 240; Bublitz: Englische Pragmatik, 2001, S. 169.

[24] Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 146.

[25] Rolf: Eine sprechakttheoretische Verallgemeinerung der Griceschen Konversationstheorie, in: Hundsnurscher/Weigand (Hrsg.), Dialoganalyse, 1986, S. 341.

[26] Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S. 249.

[27] Vgl. Horn: Toward a new taxonomy for pragmatic inference, in: Schiffrin (Hrsg.), Meaning, form, and use in context, 1984, S. 12.

[28] Klein: Kategorien der Unterhaltsamkeit, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 181.

[29] Rolf: Der Gricesche Konversationszirkel, in: ders. (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 300; Grice: Presuppositin and conversational implicature, in: Cole (Hrsg.), Radical pragmatics, 1981, S. 186.

[30] Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 147; Klein: Kategorien der Unterhaltsamkeit, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 181.

[31] Bublitz: Englische Pragmatik, 2001, S. 171; Meibauer: Pragmatik, 1999, S. 26.

[32] S. Bublitz: Englische Pragmatik, 2001, S. 183.

[33] Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S. 249.

[34] Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 151.

[35] Die Maxime auf thematische und rhematische Aufierungen erweiternd Liedtke: Informations- struktur, Text und Diskurs, in: ders./Hundsnurscher (Hrsg.), Pragmatische Syntax, 2001, S. 91.

[36] S. die Relevanzmaxime von Sperber/Wilson: Relevance, 2. Aufl., 1995.

[37] Liedtke: Relevanz und Konversation, in: Hundsnurscher/Weigand (Hrsg.), Dialoganalyse, 1986, S. 326.

[38] Meibauer: Modulare Pragmatik und die Maximen der Modalitat, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 236.

[39] Meibauer: Modulare Pragmatik und die Maximen der Modalitat, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 242 f.

[40] Ebd., S. 245.

[41] Ebd., S. 239.

[42] Ebd., S. 240 f.

[43] S. Meibauer: Modulare Pragmatik und die Maximen der Modalitat, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 247.

[44] Leech:Principles of pragmatics, 1983, S. 99 f.

[45] Meibauer: Modulare Pragmatik und die Maximen der Modalitat, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 250 f.

[46] Grice: Presupposition and conversational implicature, in: Cole (Hrsg.), Radical pragmatics, 1981, S. 189.

[47] Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S. 257; 3; Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 20S. 27; Levinson: Pragmatik, 1990, S. 11; 9; Meibauer: Pragmatik, 1999, Bublitz: Englische Pragmatik, 2001, S. 184.

[48] Levinson: Pragmatik, 1990, S. 114.

[49] Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 210.

[50] S. Leech: Principles of pragmatics, 1983, S. 81.

[51] Meibauer: Modulare Pragmatik und die Maximen der Modalitat, in: Rolf (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 245.

[52] Bublitz: Englische Pragmatik, 2001, S. 169.

[53] Ebd., S. 186 f.

[54] Meibauer: Pragmatik, 1999, S. 29; Gundel u.a.: Cognitive status and the form of referring expressions in discourse, Language 1993, S. 295; naher unten II.4.e.

[55] Levinson: Pragmatik, 1990, S. 109.

[56] Levinson: Pragmatik, 1990, S. 148.

[57] Rolf: Der Gricesche Konversationszirkel, in: ders. (Hrsg.), Pragmatik, 1997, S. 301.

[58] Levinson: Pragmatik, 1990, S. 124.

[59] S. Keller: Rationalitat, Relevanz und Kooperation, in: Liedtke (Hrsg.), Implikaturen, 1995, S. 12. Grice: Logik und Konversation, in: Meggle (Hrsg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung, 1979, S.

[60] 258; Meibauer: Pragmatik, 1999, S. 28; Lapp: Linguistik der Ironie, 1992, S. 69 f.; Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 212; Levinson: Pragmatik, 1990, S.112.

[61] Lapp: Linguistik der Ironie, 1992, S. 70.

[62] Leech: Principles of pragmatics, 1983, S. 82.

[63] Rolf: Sagen und Meinen, 1994, S. 213; Lapp: Linguistik der Ironie, 1992, S. 71 f., der weitere Kritik- punkte an Grices Ironiebegriff feststellt.

[64] S. Rolf: Zur Grammatikalisierung konversationeller Implikaturen, in: Liedtke (Hrsg), Implikaturen, 1995, S. 100; Bublitz: Englische Pragmatik, 2001, S. 184.

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Implikaturen und ihr Beitrag zur Erklärung der Informationsstruktur von Äußerungen
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
66
Katalognummer
V18208
ISBN (eBook)
9783638226011
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Implikaturen, Beitrag, Erklärung, Informationsstruktur
Arbeit zitieren
Ellen Rennen (Autor), 2003, Implikaturen und ihr Beitrag zur Erklärung der Informationsstruktur von Äußerungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18208

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