„Das ist doch getürkt“, oder „Kümmeltürke“. Diese Ausdrücke als Synonym für eine betrügerische Fälschung oder als österreichisches Schimpfwort sind bis heute im Sprachgebrauch der christlich geprägten Bevölkerung verankert. Betrachtet man die Herkunft dieser Begriffe näher, so stellt man fest, dass einige von ihnen Erfindungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind, andere wiederum begründen sich auf seit Jahrhunderten entwickelten Vorurteilen, die mit unter bewusst von unterschiedlichsten Personenkreisen und aus unterschiedlichsten Gründen verbreitet wurden. Die Fragen nach dem Warum und von Wem, die sich daraus ergeben, sollen in dieser Hausarbeit näher betrachtet und beantwortet werden.
Ein Ereignis, welches mit dem Diskurs eng verbunden ist, ist der Fall Konstantinopels als Hauptstadt des Byzantinischen Reiches. Die Forschungsliteratur ist sich weitestgehend über die Wertung der Belagerung und Einnahme der Stadt am 29. Mai 1453 durch die Osmanen als ein einschneidendes und fundamentales Ereignis und der damit verbundenen zeitgenössischen Auffassung über die Osmanen einig. Doch nicht nur die Auffassung spielt bei der Betrachtung eine wichtige Rolle. Weiterhin mündet mit der Eroberung der Stadt die Geschichte des Byzantinischen Reiches in die Geschichte der Osmanen, denn mit dem Besitz der Stadt ging die Nachfolge des oströmischen Kaisertitels einher. Somit sind beide Historien fortan miteinander verknüpft und das bedeutet bis in die heutige Zeit für die christliche wie auch für die türkische Geschichte eine nachhaltige Wirkung in der Entwicklung der Beziehungen und der Auffassungen mit- und übereinander. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Geschichte des Osmanischen Reiches bis zur Eroberung Konstantinopels 1453: Eine kurze Zusammenfassung
3. Die Eroberung Konstantinopels und ihre Wirkung
3.1. Die Belagerung und Eroberung der Stadt: Ein kurzer Überblick
3.2. Der Fall Konstantinopels als Beginn des Diskurses über die vermeintliche „Türkengefahr“
4. Die „Türkengefahr“
4.1. Der Begriff und die Wahrnehmung der Türkengefahr in der Forschung
4.2. Die Wahrnehmung und Funktion des Türkenbildes
4.3. Der Einfluss der Kirche und ihrer Propaganda auf das Türkenbild
4.4. Reformation und Türkenfrage
5. Die „andere“ Wahrnehmung und Anziehungskraft des Osmanischen Reiches
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Entstehen des Diskurses über eine vermeintliche „Türkengefahr“ im ausgehenden Mittelalter und der Frühen Neuzeit. Dabei wird analysiert, inwiefern der Fall Konstantinopels 1453 als Auslöser für eine gezielte politische und kirchliche Propaganda fungierte, um innere Probleme zu überdecken und die Einheit der Christenheit zu beschwören.
- Historische Genese des Osmanischen Reiches
- Die symbolische Bedeutung der Eroberung Konstantinopels
- Propagandistische Instrumente der Kirche (Predigten, fingierte Briefe)
- Die Rolle der Reformation im Diskurs über die „Türkengefahr“
- Soziale Gegenströmungen und die Anziehungskraft des Osmanischen Reiches
Auszug aus dem Buch
3.2. Der Fall Konstantinopels als Beginn des Diskurses über die vermeintliche „Türkengefahr“
Mit dem Diskurs über eine Türkengefahr, der sich mit der Betrachtung der Ereignisse und der damit vermeintlich verbundenen Gefahr einer türkischen Einflussnahme verbindet, stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum spielt ausgerechnet der Fall von Konstantinopel bei dieser Thematik eine entscheidende Rolle mit solch weitreichenden Auswirkungen? Sicherlich war die Stadt ein wichtiges, militärstrategisches Ziel, jedoch stellt die Eroberung der Bosporus-Metropole nur eine von vielen weiteren osmanischen Eroberungen von christlichen Großstädten dar.
Die Bedeutsamkeit verwundert um so mehr, betrachtet man die Vorgeschichte der Stadt und ihrer Bedeutung für die Christen. Seit der Teilung des Römischen Reiches in Ost- und Westreich 395 n. Chr. klaffte eine unüberwindbare Lücke zwischen den beiden Herrschaftsgebieten, die für die Entwicklung in Europa über den gesamten Zeitraum prägend war. Einen vorläufigen Höhepunkt in der verfahrenen Situation der beiden Mächte stellt der Kreuzzug von 1204 des römischen Papstes gegen das Byzantinische Reich dar, der beinahe zur vollständigen Zerstörung Konstantinopels führte und eine Vereinigung der Kirchen unmöglich machte.
Weiterhin ging mit dem Fall Konstantinopels die Hauptstadt des gesamten Byzantinischen Reiches verloren und somit auch das Reich selbst unter und in die Osmanische Geschichte über. Zwar rief Nikolaus V. am 30. September 1453 zum Kreuzzug gegen die Türken auf, jedoch stellte dies keine außergewöhnliche Reaktion und Vorgehensweise dar. Bereits vorher, Nikopolis (1396) und Varna (1444), gab es solche Aufrufe gegen die Osmanen und dennoch stellt diese Eroberung einen entscheidenden Wendepunkt in der Wahrnehmung der Osmanen für die Christen dar. Warum war das so?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Begriffsherkunft und die Relevanz des Falls von Konstantinopel für das historische Verständnis der christlich-türkischen Beziehungen.
2. Die Geschichte des Osmanischen Reiches bis zur Eroberung Konstantinopels 1453: Eine kurze Zusammenfassung: Überblick über den Aufstieg der Osmanen aus den seldschukischen Trümmern zu einer bedeutenden Macht am Rande Europas.
3. Die Eroberung Konstantinopels und ihre Wirkung: Analyse der Belagerung als militärisches Ereignis und als Wendepunkt in der religiösen und politischen Wahrnehmung.
4. Die „Türkengefahr“: Untersuchung der Begrifflichkeit, der kirchlichen Propaganda und der reformatorischen Positionen zum Thema.
5. Die „andere“ Wahrnehmung und Anziehungskraft des Osmanischen Reiches: Darstellung der sozialen Realität, in der das Osmanische Reich für einige Bevölkerungsschichten als Alternative zum bestehenden europäischen System wahrgenommen wurde.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Konstruktion des Türkenbildes als politisches Instrument zur Sicherung gesellschaftlicher Einheit.
Schlüsselwörter
Türkengefahr, Konstantinopel, Osmanisches Reich, Propaganda, Kirche, Reformation, Kreuzzüge, Türkenbild, Türkenpredigten, Feindbild, 1453, Mittelalter, Frühe Neuzeit, Religion, Machtpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie das Bild des "gefährlichen Türken" nach der Eroberung Konstantinopels 1453 konstruiert und gezielt für politische und kirchliche Zwecke eingesetzt wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die osmanische Expansion, die Rolle der katholischen Kirche und der Reformation bei der Propagandabildung sowie die Wahrnehmung des Osmanischen Reiches als alternatives Gesellschaftsmodell.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu hinterfragen, ob die "Türkengefahr" eine faktisch begründete Bedrohung war oder eine inszenierte Panikmache, um von inneren Krisen abzulenken.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Autorin verwendet eine diskursanalytische Herangehensweise, um historische Ereignisse (Fall von Konstantinopel) von der späteren propagandistischen Verarbeitung in Schriften und Predigten zu trennen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil befasst sich mit der Wirkmacht von Medien wie Buchdruck und Predigten, der Instrumentalisierung religiöser Symbole und der konträren Wahrnehmung durch die Bevölkerung.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Analyse?
Begriffe wie "Türkengefahr", "Propaganda", "Antichrist-Motiv" und "Feindbildkonstruktion" sind zentral für das Verständnis der Argumentation.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Reformation im Diskurs?
Die Reformatoren, insbesondere Luther, nutzten das Feindbild der Türken ebenso wie die katholische Kirche, jedoch dienten ihre Polemiken stärker dazu, den Papst als Antichrist zu delegitimieren.
Inwieweit spielte die Angst der Bevölkerung eine Rolle für die Obrigkeit?
Die Angst vor den Osmanen wurde gezielt geschürt, um die Einheit der christlichen Gesellschaft zu wahren und eine Abwanderung (Flucht ins Osmanische Reich) der unteren Schichten zu verhindern.
- Arbeit zitieren
- Stephan Lembke (Autor:in), 2010, Der Fall Konstantinopels und die vermeintliche Türkengefahr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182091