Von der Divergenz des Utopie- und Ideologiebegriffs Karl Mannheims


Seminararbeit, 2010
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zum Mannheimschen Ideologiebegriff
2.1 Ideologie und die Standortgebundenheit des Denkens
2.2 Die Genese der Ideologie
2.3 Ideologie als „falsches Bewusstsein“
2.4 Kritik des Ideologiebegriffs

3 Zur Wissenssoziologie
3.1 Die Wissenssoziologie und die freischwebende Intelligenz
3.2 Kritik zur freischwebenden Intelligenz

4 Zum Utopiebegriff
4.1 Der Utopiebegriff in Abgrenzung zum Ideologiebegriff
4.2 Die vier Utopien
4.3 Zur Bedeutung der Utopie

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Utopieforschung steht sich mit Utopien befassend nicht selten vor dem Problem der Formulierung eines konsistenten Utopiebegriffs. In diesem Punkt gehen die Ansichten der Philosophen und Philologen weit auseinander. Aus ersterem Lager soll in folgender Arbeit der durchaus fruchtbare Ansatz Karl Mannheims thematisiert werden. Er kann eine Orientierung bei der Bestimmung des Utopischen in seiner gesellschaftlichen Relevanz bieten und uns somit das Gesichtsfeld erweitern. Dazu wird vor allem auf Mannheims 1929 veröffentlichtes Werk ÄIdeologie und Utopie“ eingegangen werden, in welchem er sein System der Wissenssoziologie konstruierend die Begriffe Ideologie und Utopie zwar in semantischer Nähe jedoch in einigen Kernpunkten in einem Gegensatz positioniert. Um in der Auseinandersetzung mit der mannheimschen Lektüre nicht in Begriffsverwirrung zu geraten, muss entsprechend eine inhaltliche Trennung zwischen dem Ideologie-und dem Utopiebegriff erfolgen. In vorliegender Arbeit wird eben dies versucht werden. Zu diesem Zweck soll damit begonnen werden, die Rolle des Ideologiebegriffs im Gesamtkonzept der Wissenssoziologie darzustellen und dergestalt den Begriffsraum auszuloten. Aufbauend auf dieser Begriffsbestimmung werden wir den Vergleich zwischen dem Ideologie- und dem Utopiebegriff entwickeln können. Dies erfolgt durch die ausführliche Darstellung der divergenten Aspekte der mannheimschen Definitionen. Wir werden nicht umhin kommen, die politische Relevanz der Wissenssoziologie und der Ideologieforschung festzustellen. Eben diese macht auch den Utopiebegriff Mannheims zu einem durchaus politischen, wie schließlich gezeigt werden soll.

2 Zum Mannheimschen Ideologiebegriff

2.1 Ideologie und die Standortgebundenheit des Denkens

Den Dreh- und Angelpunkt in Mannheims ÄIdeologie und Utopie“ bildet seine Auseinandersetzung mit dem Ideologiebegriff. In Bezug hierauf lässt sich eine klare Beziehung zwischen dem marxistische und dem mannheimschen Ideologiebegriff erkennen, die wohl vor allem auf die Nähe zu dem Marxisten Georg Lukacs zurückzuführen ist, der in seinen Studienjahren zu Budapest die Rolle eines Mentors für Mannheim übernahm.1 Die Lektüre dessen Werkes ÄGeschichte und Klassenbewusstseins“ stellt wohl die philosophische Grundlage für Mannheims ÄIdeologie und Utopie“ dar, der damit wiederum auf dem Marxschen Postulat der Identität von Sein und Bewusstsein aufbaut.2 Folglich basiert auch bei Mannheim die Kernaussage des Ideologiebegriffs auf der sozialen Zugehörigkeit des Menschen und dessen Einfluss auf Wahrnehmungsstrukturen (Äkategoriale Apparatur“3 ) denn, Ädiese Gebundenheit des Menschen an einen Bestimmten Ähistorisch-sozialen Standpunkt“ bewirkt, daß ihm ein Erkenntnisgegenstand nie in seiner Totalität zugänglich wird. Vielmehr sieht jeder Erkenntnisträger nur den Teilaspekt, der ihm von seinem ÄDenkstandpunkt“ zugänglich wird.“4 Soweit geht Mannheim im Allgemeinen mit der marxistischen Doktrin konform. Denken und Erkennen ist also immer nur das Denken und Erkennen aus den Notwendigkeiten und Interessen einer in der gegenwärtig geltenden Machtstruktur verankerten sozialen Schicht heraus. Damit sind ideologiehafte Erkenntnisse aber immer auch mit der Realität nicht gänzlich kongruente, da nur auf Teilaspekte konzentrierte, standpunktbehaftete Wahrnehmungen der Realität. ÄMannheim, […], refuses to make a seperation between existence and counsciousness, and is led to consider the typical consciousness of members of different classes as structurally identical with their social existence.“5

Dem Marxismus geht es mit dem Ideologiebegriff in erster Linie um die Entlarvung der Ideologiehaftigkeit des Denkens und Handelns der bourgeoisen Position und also um die begrenzte Rationalität und Interessengebundenheit dieser.6 Dergestalt wird Ideologie zu einem Kampfbegriff. ÄDa der politische Konflikt von Anbeginn eine rationalisierte Form des Kampfes ist, greift er den sozialen Rang des Gegners, sein öffentliches Prestige und sein Selbstvertrauen an.“7 Des Selbstvertrauens beraubt er den Gegner, indem er dessen Ansichten von der Wirklichkeit als falsch oder unvollkommen, da interessengebunden, entlarvt, wie es der Ideologievorwurf tut. Auch noch Mannheim scheint es nicht möglich, den Ideologiebegriff aus einer anderen Perspektive zu definieren als aus jener parteiischen, die bemüht ist, die Ideologie im Denken des ÄGegners“ zu entlarven.8 Den Ideologiebegriff Mannheims allerdings auf die Grundannahme der marxistischen Schule, Ä […] ideologies are rationalizations of established power“9 zu verkürzen, nähme dem Ansatz Mannheims seine Brisanz, die eben darin liegt, dass Mannheims Ideologiebegriff, wie gezeigt werden wird, weitergefasst ist als allein auf die Profiteure der jeweils gegenwärtigen Machtstrukturen.

2.2 Die Genese der Ideologie

Interessant in Mannheims Auseinandersetzung mit der Ideologie ist sein genealogischer Ansatz, in dem er die Entstehung der Ideologie nachvollzieht. Die Betrachtung dieses Ansatzes wird uns helfen, die Feinheiten seines Konzeptes zu verstehen. Die Wurzeln der Ideologie liegen nach Mannheim in den historischen Wandlungen, die das Weltbild/ die Weltanschauung der Menschen im Laufe der Zeit vollzog. Das Weltbild ist hierbei als eine Ä[…] historisch wandelbare Matrix zur noetischen Aneignung von Welt“, die Änoch hinter den standortgebundenen Denkweisen der Ideologien“10 liegt, zu verstehen. Damit ist ein wahrnehmungsverknüpfender, vorbewusster Mechanismus der Erkenntnis gemeint.11 Weltanschauung bildet dabei den den Individuen einer Epoche eigenen, historischen Mechanismus der Wahrnehmung, der allgemeiner ist als der historisch-sozial verortete Mechanismus der kategorialen Apparatur schichtgebundener Ideologien. Den ersten Schritt auf dem Weg zur Ideologie sieht Mannheim in der Abkehr vom mittelalterlich-christlichen, objektiven Weltbild, als die gesamte Christenheid einendes Verständnis zugunsten des subjektbezogenen Bewusstseins jedes Einzelnen, das dem Humanismus der Renaissance entwuchs. Hiermit wurde die Erkenntnis von einem absolut allgemeinen zu einem relativ subjektiven Phänomen. Für den nächsten Schritt hält Mannheim die Historisierung der Weltanschauung als ein im geschichtlichen Verlauf dynamisches Weltbild durch Hegel und die historische Schule. Erkenntnisstrukturen werden hiermit auf eine Epoche begrenzt und sind nur im Kontext der Bedingungen dieser Epoche verständlich.12 Konsequenterweise beruht auch Mannheims Denken Ä[...] auf einem totalen Historismus, für den alles Geistige in den geschichtlichen Werdeprozess eingebettet ist.“13 Der letzte und entscheidende Schritt für den Ideologiebegriff setzt mit der idealistischen Kollektivierung des Erkenntnisprozess durch Hegel und deren Fragmentierung ein. So spricht Hegel schließlich von einem Volksgeist als Ausdruck einer den Individuen des Kollektivs, eines Volks gemeinen Auffassung der Wirklichkeit. Von diesem Punkt bedarf es keiner großartigen Abstraktion, um die Idee eines gemeinsamen Bewusstseins auf kleinere kollektive zu projizieren, wie es schließlich in der marxschen Ideologiekritik geschah. Die soziale Schicht oder Klasse wurde nun zum Kollektivsubjekt, dessen Wahrnehmung nicht mehr allein historisch, sondern zusätzlich sozio-ökonomisch determiniert ist.14

Folglich kann nunmehr eine Ideologie, wie sie nun genannt werden kann, entlang zweier Achsen verortet werden: Zeit und soziale Lage. Ä Ideas cannot only be dated, but they can also be placed within a given society“15 Diese doppelte Verankerung macht nun aber aus der Ideologie ein relatives Konzept, denn Ideologien Ä[…] kommen und gehen mit den dynamischen Struckturverschiebungen innerhalb einer Gesellschaft und stehen ganz in der Funktionalität kollektiver Auseinandersetzungen um das Primat, das eigene Gruppeninteresse als absolutes Weltbild für die Geschichtszeit zu verankern.“16

2.3 Ideologie als „falsches Bewusstsein“

Seine Definition des Ideologiebegriffs baut Mannheim, wie bereits oben erwähnt, an der Konfrontation verschiedener Positionen auf.17 In dieser Herangehensweise ist das Ideologische also die seins-inkongruente Ansicht des ÄGegners“, die zudem der Eigenen widerspricht. Mannheim unterscheidet in diesem Zusammenhang jedoch zwischen einem partikularen Ideologiebegriff und einem totalen.18

Der partikulare Ideologiebegriff unterstellt einigen Aspekten der Aussage des ÄGegners“ eine Falschheit, die eine mehr oder minder bewusste Täuschung, aber auch Selbsttäuschung sein kann, die für den Gegner nötig wird, um die Seinsinkongruenz seiner interessengebunden Argumentation zu verdecken. Damit bewegt sich der partikulare Ideologiebegriff auf der Ebene der Individuen und damit in der Interessenpsychologie. Der totale Ideologiebegriff beruht auf der Vorstellung, dass die sozial determinierte Bewusstseinsstruktur, also die kategoriale Apparatur des ÄGegners“, eine solch andere als die eigene ist, dass die Erkenntnis der Seinsinkongruenz seiner Argumentation ihm gar nicht zugänglich ist, so dass er auf Grund seiner Denkstruktur die Falschheit seiner Erkenntnis gar nicht erkennen kann. Mit dem Vorwurf der Falschheit des Bewusstseins auf der Ebene der sozio-historisch determinierten kategorialen Apparatur wird dieser Ideologiebegriff zu einem das Kollektivsubjekt, dem der ÄGegner“ angehört angreifenden, und somit zu jenem politisch relevanten.19

[...]


1 Vgl.: Sanchez de la Yncera, Ignacio, Crisis y orientation. Apuntes sobre el pensiamento de Karl Mannheim, in: Reis 62 (1993), S. 22.

2 Vgl.: Kettler, David/ Meja, Volker/ Stehr, Nico, Rationalizing the Irrational: Karl Mannheim and the Besetting Sin of German Intellectuals, in: The American Journal of Sociology 95 (1990), H.6, S. 1457.

3 Mannheim, Karl, Ideologie und Utopie, 7. Auflage, Frankfurt a.M.: 1985, S. 235.

4 Remmling, Gunter W., Wissenssoziologie und Gesellschaftsplanung. Das Werk Karl Mannheims, Dortmund:1968, S.24.

5 Oesterreicher, Emil, Politics, Class and the Socially anattached Intellectual: A Re- Examination of Mannheims Thesis, in: State, Culture and Society 1 (1985), H. 3, S. 216.

6 Vgl.: Zimmermann, Peter, Soziologie als Erkenntniskritik. Die Wissenssoziologie Karl Mannheims, Bern/ Stuttgart/ Wien: 1998, S.11.

7 Becerra, Irma, Rationale Utopie. Über das gegenwärtige Dialogpotential der Wissenssoziologie Karl Mannheims in Zeiten der Globalisierung des Antiutopischen, Münster: 1995, S. 46.

8 Vgl.: ebenda, S. 48.

9 Wagar, W. Warren, The Best and Worst of Times, in Science Fiction Studies 14 (1987), H. 1, S. 101.

10 Jung, Thomas, Die Seinsgebundenheit des Denkens. Karl Mannheim und die Grundlegung einer Denksoziologie, Bielefeld:2007, s.175.

11 Vgl.: Art. Noetisch, in: Ritter, Joachim/ Karlfried, Gudrun (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der der Philosophie (Bd. 6), Basel: 1984, S. 870.

12 Vgl: Mannheim, Ideologie und Utopie, S. 61-62.

13 Remmling, Wissenssoziologie und Gesellschaftsplanung, S.22.

14 Vgl. : Mannheim, Ideologie und Utopie, S. 63.

15 Speier, Hans, Karl Mannheims Ideology and Utopia, in: State, Culture and Society 1 (1985), H.3, S.187.

16 Jung, Die Seinsgebundenheit des Denkens, S. 180.

17 Vgl.: Becerra, Rationale Utopie, S. 48.

18 Vgl.: Mannheim, Ideologie und Utopie, S.53.

19 Vgl.: Hofmann, Wilhelm, Karl Mannheim zur Einführung, Hamburg: 1996, S. 92.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Von der Divergenz des Utopie- und Ideologiebegriffs Karl Mannheims
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V182099
ISBN (eBook)
9783656053583
ISBN (Buch)
9783656053934
Dateigröße
923 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Mannheim, Utopie, Ideologie
Arbeit zitieren
René Goldschmidt (Autor), 2010, Von der Divergenz des Utopie- und Ideologiebegriffs Karl Mannheims, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182099

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