Hofmannsthals 'Chandosbrief' und Nietzsches Sprachreflexion

Ein Vergleich


Hausarbeit, 2009
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Die Sprachreflexion Nietzsches
1 Einführung
2 „Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten?“
2.1 Metapher
2.2 Begriff
2.3 Wahrheit
2.4 Erkenntnis
3 Fazit

III Die Sprachproblematik in Hofmannsthals Chandosbrief
1 Einführung
2 Die Sprachkrise des Lord Chandos
2.1 Der Adressat
2.2 Von der Begeisterung zur Verzweiflung
2.3 Die Kluft zwischen Sprache und Wirklichkeit
2.4 Die neue Sprache und das Schweigen
3 Die Form des Briefes
4 Fazit

IV Gegenüberstellung der Sprachkonzeptionen
1 Nietzsche versus Hofmannsthal
2 Sprache und Moderne

V Zusammenfassung

Siglen

Literaturverzeichnis

I Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit soll sein, die Sprachkonzeption des Chandosbriefes den sprachkritischen Reflexionen Nietzsches gegenüberzustellen. Zu diesem Zweck werden zunächst beide Sprachentwürfe aus den jeweiligen Schriften expliziert und isoliert voneinander betrachtet, ehe der vergleichende Blick Berührungspunkte und Differenzen aufzeigt.

Der erste Teil der Arbeit (Kapitel II) widmet sich den sprachphilosophischen Überlegungen Nietzsches, wobei deutlich werden soll, dass sich bei ihm keine Theorie der Sprache für sich genommen, sondern eher eine sprachkritische Erkenntnistheorie finden lässt. Da Nietzsche die Sprache hauptsächlich im Rahmen einer Metaphysikkritik, insbesondere einer Kritik des tradierten Wahrheitsverständnisses behandelt, soll sich mit zentralen Begriffen, die unerlässlich für das Verstehen seiner 'Sprachphilosophie' erscheinen, beschäftigt werden.

Ausgehend von der Frage nach der Beziehung zwischen Wirklichkeit und Sprache soll seine Sprachkonzeption aufgerollt und seine Begriffsbestimmungen von 'Metapher', 'Begriff', 'Wahrheit' und 'Erkenntnis' erläutert werden. Als Beschäftigungsgrundlage wird die Abhandlung Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinn 1 dienen, jedoch sollen an entsprechender Stelle auch andere Schriften Nietzsches herangezogen werden.

Im nächsten Schritt (Kapitel III) wird die Sprachproblematik des Chandosbriefes, der als das wirkungsreichste sprachskeptische Werk der Jahrhundertwende gilt, beleuchtet.

Hierfür soll zunächst die Frage geklärt werden, welche Bedeutung dem Adressaten, Francis Bacon, zukommt - ist es doch sein Name, der mit dem Beginn neuzeitlicher Sprachkritik in Verbindung gebracht wird.

Anschließend wird die Entwicklung „von der rauschhaft-trunkenen Sprachbegeisterung des jungen Lord Chandos zu der ernüchterten Sprachverzweiflung des Brief -Verfassers“2 nachgezeichnet. Deutlich werden soll hierbei, dass die Verzweiflung Folge der Unmöglichkeit ist, sich weiterhin sprachlich der Wirklichkeit zu bemächtigen, indem Einzelnes miteinander in Beziehung gesetzt und unter Allgemeines subsumiert wird.

In diesem Lichte soll nun noch auf Chandos' Sehnsucht nach einer unmittelbaren, neuen Sprache und auf seinen Entschluss hinsichtlich weiterer schriftstellerischer Tätigkeit zu verstummen, eingegangen werden.

Den Abschluss wird eine kurze Betrachtung der formalen Gestaltkriterien des Briefes bilden.

Nachdem die beiden Sprachkonzeptionen einzeln herausgearbeitet wurden, sollen sie nun einander gegenübergestellt werden (Kapitel IV), in der Absicht, sowohl sprachtheoretische Gemeinsamkeiten als auch sprachpraktische Konsequenzen aufzuzeigen. Sowohl auf Nietzsches weiteren Umgang mit der Sprache als auch auf den Hofmannsthals - in Abgrenzung zur fiktiven Gestalt des Lord Chandos - wird an dieser Stelle kurz hingewiesen.

Der Vergleich soll schließlich darauf abzielen zu verdeutlichen, dass sich die Nähe der beiden bewusstseinstheoretischen Entwürfe - die sie letzten Endes sind - einerseits sicherlich auf Hofmannsthals Nietzscherezeption zurückführen lässt, andererseits aber - und das ist vermutlich der weitaus grundlegendere Aspekt - aus der Tatsache begründet, dass sich Nietzsche wie Hofmannsthal im Umbruch zur Moderne befanden.

II Die Sprachreflexion Nietzsches

1 Einführung

In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der „Weltgeschichte“: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben.(WL 309) Mit dieser kleinen Fabel als Auftakt zum Essay WL macht Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) gleich zu Beginn seine radikale erkenntniskritische Position klar. Seine extrem skeptische Haltung, die er den Möglichkeiten einer objektiven Erkenntnis gegenüber einnimmt, entwickelt er aus einer grundlegenden Kritik der begrifflichen Sprache heraus. Sich den sprachphilosophischen Grundlagen seiner Erkenntnistheorie zu widmen und sich mit seiner Sprachreflexion auseinander zu setzen, bedeutet demnach, sich in die sich auftuende Kluft zwischen Sprache und Wirklichkeit zu stürzen und dem radikal sprachskeptischen Ansatz Folge zu leisten.

2 „Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten?“

Diese Frage, als Frage nach dem Wirklichkeitsbezug von Sprache, ist die letzte dreier aufeinanderfolgender rhetorischer Fragen, die Nietzsche in seiner Abhandlung WL stellt (WL 311). Nach Art rhetorischer Fragen erwartet sie keine Antwort, sondern ist sich ihrer Wirkung als verneinende Aussage nur allzu bewusst. Letztlich „dient [sie] nur dazu, den Eindruck des in der Folge Entwickelten zu stärken, einen sozusagen in den Gedankengang hineinzuziehen, ein Pathos aufzubauen.“3 Sich wirklich auf Nietzsches Sprachdenken einzulassen, heißt, sich der eigenen sprachlichen Bedingtheit, d.h., der irrigen und gleichwohl unaufhebbaren Begrenzungen der Sprache bewusst zu werden.

Rückhaltlos übt Nietzsche Kritik an der gängigen Vorstellung, mit der Sprache sei der Mensch im Besitz des Mediums, das ihn die Wirklichkeit erfassen lässt und Erkenntnisse über objektive Wahrheiten liefert.

Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden, und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen. (WL 312f.)

Durch Aufzeigen der metaphorischen Herkunft der Begriffe zeigt er, dass sie lediglich „eine gleichmäßig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge“ (WL 311) darstellen ohne auch nur irgendetwas über die Wesenheit des Bezeichneten aussagen zu können.

Welche Verwandtschaft Nietzsche nun zwischen Metapher und Begriff sieht, was in diesem Zusammenhang Wahrheit lediglich bedeuten kann, und inwieweit wirkliche Erkenntnis überhaupt möglich ist, soll im Folgenden geklärt werden.

2.1 Metapher

Zunächst gilt festzuhalten, dass die Metapher bei Nietzsche nicht einfach die rhetorische Figur, sondern vielmehr einen Prozess - genauer: einen schöpferischen Aneignungsprozess bezeichnet, wobei er 'Metapher' durchaus im buchstäblichen Wortsinn versteht. Der Ausdruck beschreibt in diesem Zusammenhang also auch eine 'Übertragung', allerdings wird er „nicht im Sinne einer Bedeutungsübertragung oder -verschiebung, sondern grundlegend bereits für den Übergang vom Nervenreiz zur Empfindung“4 verwendet. In WL notiert Nietzsche:

Ein Nervenreiz, zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wird nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. (WL 312)

Der Metaphorisierungsprozess verläuft folglich fortlaufend in Stufen, die Übertragung wird übertragen, die Metapher metaphorisiert. Aus dem Nervenreiz, hervorgerufen durch die Wahrnehmung eines Dinges - und nicht durch das Ding an sich - wird ein Bild, aus dem Bild ein Wort und schließlich aus dem Wort ein Begriff. Unmittelbare Empfindungen werden schrittweise „in ein rhetorisch strukturiertes Geflecht von Bedeutungen […] übersetzt, also: textualisiert“.5 Nietzsche selbst beschreibt treffend mit einem Satz, welches Prinzip diesem Verfahren zugrunde liegt:

M e t a p h e r heißt etwas als g l e i c h behandeln, was man in einem Punkte als ä h n l i c h erkannt hat.6

Da letztlich auch die Begriffsgenese auf diesem Prinzip basiert, soll es hier nur erwähnt und erst im nächsten Kapitel ausführlicher erläutert werden.

Der springende Punkt bei Nietzsches Theorie der Metapher ist nun der, dass er die Metapher nicht bloß als rhetorisches Stilmittel innerhalb eines Sprachsystems behandelt, sondern die schöpferische, durchgängige Metaphorizität der Sprache selbst - und zwar jeder menschlichen Sprache - aufdeckt. Wie tief verankert Nietzsche die Metapher im menschlichen Wesen sieht, wie sehr sie selbst menschliche Struktur ist, geht aus folgender Bemerkung in WL hervor:

Jener Trieb zur Metapherbildung, jener Fundamentaltrieb des Menschen, den man keinen Augenblick wegrechnen kann, weil man damit den Menschen selbst wegrechnen würde, […]. (WL 319)

Als fundamentaler Lebenstrieb, als unabdingbares Verfahren der Selbsterhaltung stellt die Metapher also „eine Grundart des menschlichen Verhaltens und Daseins dar“7, die letzten Endes - wie sich noch zeigen wird - der Weltorientierung und -aneignung dient.

2.2 Begriff

Wie bereits angedeutet, ist das Fundament der Begriffssysteme in den metaphorisierenden Prozessen zu suchen. Nietzsche zeigt, dass der Begriff, […] doch nur als das Residuum einer Methapher übrigbleibt, und daß die Illusion der künstlerischen Übertragung eines Nervenreizes in Bilder, wenn nicht die Mutter so doch die Großmutter eines jeden Begriffs ist. (WL 315)

Die metaphorische Herkunft der Begriffe ist offensichtlich. Entsprechend findet sich bei der Begriffsbildung das gleiche Prinzip, das bereits bei der Metaphernbildung wirksam ist:

Jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, das heißt streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen. (WL 313)

Der Begriff steht somit als abstrahiertes, d.h. bis nahezu aufs äußerste reduziertes, Ergebnis am vorläufigen Ende eines angleichenden, vereinheitlichenden Verfahrens. „Das Übersehen des Individuellen und Wirklichen gibt uns den Begriff“ (WL 313), der verallgemeinernde - d. h. unifizierende und reduktionistische - Blick verhilft uns zur begrifflichen Sprache. In einem metonymischen Schritt werden Ursache und Wirkung, Wesen und Folge vertauscht; genauer: „wir [verwechseln] die Folge, das Erscheinen des Dinges für uns, mit der Ursache, dem 'Ding an sich'“.8 Die Begriffsgenese, als ein Vorgang von „willkürlichen Übertragungen“, „willkürlichen Abgrenzungen“ und „einseitigen Bevorzugungen bald der, bald jener Eigenschaft eines Dinges“ (WL 312), kann demnach kein wirklichkeitsabbildender Vorgang, sondern nur Weltinterpretationsverfahren sein.

[...]


1 Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, in: Karl Schlechta (Hg.): Friedrich Nietzsche. Werke in drei Bänden, Bd. 3, München 1954 - 1956, S. 309 - 322. Im Folgenden abgekürzt durch WL.

2 Lothar Wittmann: Sprachthematik und dramatische Form im Werke Hofmannsthals, Stuttgart 1966, S. 62.

3 Hans Gerald Hödl: Nietzsches frühe Sprachkritik. Lektüren zu „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ (1873), Wien 1997, S. 77.

4 Hans Gerald Hödl: Nietzsches frühe Sprachkritik, S. 83.

5 Ebd.: S. 92f.

6 Giorgio Colli/Mazzino Montinari (Hg.): Nietzsche Werke. Kritische Gesamtausgabe. Abt. 3, Bd. 4: Friedrich Nietzsche. Nachgelassene Fragmente. Sommer 1872 bis Ende 1874. Berlin, New York 1978, S. 86.

7 Slobodan Žunjić: Begrifflichkeit und Metapher. Einige Bemerkungen zu Nietzsches Kritik der philosophischen Sprache, in: Nietzsche-Studien 16 (1987), S.149 - 163, S. 158.

8 Hans Gerald Hödl: Nietzsches frühe Sprachkritik, S. 49.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Hofmannsthals 'Chandosbrief' und Nietzsches Sprachreflexion
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V182104
ISBN (eBook)
9783656053552
ISBN (Buch)
9783656053903
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chandosbrief, Nietzsche, Hofmannsthal, Sprachkrise, Sprachreflexion
Arbeit zitieren
Vivien Wolff (Autor), 2009, Hofmannsthals 'Chandosbrief' und Nietzsches Sprachreflexion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182104

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hofmannsthals 'Chandosbrief' und Nietzsches Sprachreflexion


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden