Das Management der kulturellen Wurzeln als Voraussetzung für das globale Management


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2011

28 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Reisebiographie 1 – Heimat. Vaterland und Muttersprache

Reisebiographie 2 - Von den geistig-kulturellen und den persönlichen Wurzeln

Reisebiographie 3 - Von der Vertiefung der geistigen Wurzeln

Reisebiographie 1 – Heimat. Vaterland und Muttersprache

Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.

J. W. Goethe

Die folgenden drei Kapitel, beginnend mit diesem, sind aus der Reflektion über die persönliche existenzielle internationale Erfahrung vieler Jahre entstanden. Die wissenschaftliche Erforschung der interkulturellen Anpassung hingegen, die vor allem in Zusammenhang mit dem Management von Expatriates (Auslandsentsendungen) von Bedeutung ist, wurde beispielsweise im Sieben-Phasen Interkulturellen Anpassungsmodell von Stella Ting-Toomey systematisiert. Es kann eine Hilfe bei der Bewältigung des sogenannten Kulturschocks sein, der häufig beim Eintritt in die Gastlandkultur, sowie bei der Rückkehr in die Ausgangskultur eintritt, wobei der Gegenkulturschock bei der Rückkehr wider Erwarten das größere Problem darstellt. Eben deshalb, weil man nicht mit ihm rechnet, denn man nimmt an, dass man in ein vertrautes gesellschaftskulturelles und organisationskulturelles Umfeld zurückkehrt. In der Regel wird der Kulturschock als U-Kurve (Hofstede) oder als W-Kurve (Ting-Toomey) dargestellt. Die W-Kurve visualisiert nicht nur den ersten Kulturschock beim Eintritt in eine Gastlandkultur, sondern auch den zweiten, der bei der Rückkehr in die Heimatkultur erfolgt: Die sieben Phasen des W-Modells lauten in der Terminologie von Ting-Toomey et alia wie folgt:

Dieses Modell bezieht Systemfaktoren, persönliche und zwischenmenschliche in die kulturelle Anpassung mit ein und betont den emotionalen Verlauf der derselben. E. Marx hat in ihr Kulturschock-Dreieck sowohl die emotionalen, als auch die kognitiven Faktoren, wie auch die Sozialkompetenzen und die Identitätsfrage einbezogen. Andere betonen den (1)Wachstumsprozess der von (2)Stress begleitet während der Zeit der (3)Anpassung stattfindet. Die Intensität des Kulturschocks ist durch eine Anzahl von Faktoren bedingt: 1.Kulturelle Distanz, 2.Grad der Immersion in die Gastlandkultur, 3. Persönlichkeitsbedingte Eignung für die Zielkultur, 4.Grad der Unterstützung des Entsandten, 5.Frühere interkulturelle Erfahrung, 6.Der Grad der Vorbereitung auf die internationale Entsendung. - Die hohe Quote der Scheiterungen der internationalen Entsendungen mit nachteiligen Folgen für die Organisation und den Entsandten erfordert ein systematisches strategisches Management aller Phasen des gesamten Expatriierungszyklus, beginnend mit pre-departure (der Entsendung vorausgehende) Maßnahmen, Mentoren, systematischem Debriefing bei der Wiedereingliederung in die Ausgangskultur und die entsendende Organisation.

Die Rückverwurzelung in der Heimat ist, wie wir von Kriegsheimkehrern, internationalen Managern und Reisenden im weiteren Sinn wissen, ein langwieriger Prozess: Die Re-Integration ist vergleichbar mit der Re-ligion, Rück-Verbindung und Wieder-Einbindung sind beide eine Prozess der Wiederherstellung einer ursprünglichen organischen Einheit: eine Rückkehr zu einem Normalzustand, also etwas Natürliches. Die religiöse Rückverbindung, die metaphysische ist Teil der physischen. Deshalb sollten diese Vorgänge auch etwas ganz Selbstverständliches sein.

Es ist gut, dass viele zuhause geblieben sind und die Ausgangskultur weiterentwickelt haben. Andere haben neue Inputs akquiriert, die die Gesamtentwicklung der Ausgangskultur inspirieren können. Reisen und transkulturelle Erfahrung bewirken Transformationsprozesse, persönliche und kollektive. Sowohl im Osten, als auch im Wesen gibt es Belege dafür: Reise in den Westen (Journey to the West), medienübergreifend mediatisiert als Monkey King ist die Geschichte der Reise eines Mönches von China nach Indien und zurück, um die Buddhistischen Sutras zu erwerben, die als Geschichte von hohem pädagogischen Wert die moralische Entwicklung prägen kann. Heine, Goethe und Humboldt, um nur einige Deutsche zu nennen, verdanken ihren Reisen viel Inspirierendes. Darwin musste in eine andere Hemisphäre reisen, um fundamentale Erkenntnisse über die Evolution des Lebens zu gewinnen. Heute reisen wir zu den Sternen, um Erkenntnisse über den Ursprung der Schöpfung zu gewinnen.

Verlässt man sein angestammtes Milieu, so ist man einem Vogel vergleichbar, der sein Nest verlässt. Andererseits sagen dieselben Schriften unserer christlichen Zivilisation aber auch, dass man durch Reisen ungeheuer viel lernt, Dinge die man nicht in Worte fassen kann.

Ein Problem ist, dass man viele Dinge vermisst, die man im Ausland kennengelernt hat, während man dort bisweilen die kulturelle, sprachliche und moralische Unterstützung der Heimat vermisst hat. Die Dialektik der Diversität mit den damit einhergehenden Wachstums- und Entwicklungschancen ist ein bisweilen nicht reibungslos verlaufender Integrationsprozess. Je weiter man geht, desto mehr muss man seine Wurzeln vertiefen. Das bedeutet Arbeit an sich selbst. Oft scheut man diese Prozesse und verschanzt sich hinter ethnozentrischen Panzern. Deshalb erfordert die Reintegration ein Wiederandocken an die eigene Biographie vor der Expatriierung, sowie deren Vertiefung, gleich einem Baum, der tiefere Wurzeln treiben muss, um einen stärkeren Stamm und eine ausladendere, größere Krone zu tragen. Gewissermaßen um dem Menschenbild als „Krone der Schöpfung“ in höherem Masse gerecht zu werden. In diesem Prozess treten bisweilen Konkurrenten auf, die nicht wissen wollen, dass Dinge zur persönlichen Biographie gehören, weil jene diese gern für sich beanspruchen würden. Ein Verdrängungsprozess Einheimischer, die aber, gleich dem Baum, nicht auf ihre kulturellen, religiösen und persönlichen Wurzeln verzichten können, weil sie Teil ihrer intimsten, unumkehrbaren Natur sind, die unteilbar, nicht relativierbar ist. Manche beanspruchen aus Gier und Unwissenheit die Wurzeln der anderen und somit die Früchte des Baumes. Das ist eine Komponente der interkulturellen Herausforderung, mit der wir heute konfrontiert sind.

Trotz vieler kürzerer Reisen, vorwiegend nach Südosteuropa, gewissermaßen als Pendant zu meiner Westeuropa Reise, beispielsweise in die frühere Donaumonarchie, nach Wien oder Budapest auf den Spuren von K & K (Königen und Kaisern) oder in die Wiege der westlichen Zivilisation nach Griechenland, habe ich mich nun definitiv in meiner süddeutschen Heimat etabliert. Hier habe ich nun zur gleichen Zeit Studenten verschiedener kultureller Herkunft vor mir. Dies erfordert die geistige Konstruktion eines transkulturellen Raumes, in dem sich alle mit ihren diversen Ausgangskulturen und Biographien einbringen können, einen Geist der das Fremde als Gabe begreift, wie es die Volksweise unten zum Ausdruck bringt, als eine Gunst und Gabe Gottes.

Dieser Prozess ist gleichermaßen rational und emotional, erfordert die kulturanalytische Intelligenz im konventionellen Sinn, aber auch die Intelligenz des Herzens. Vieles ist eine Frage der Optik und der Bewusstseinsevolution, des Verstandes wie auch des Herzens, sowie des menschlichen Geistes an sich. Wie lautet doch - abschließend - die deutsche Volksweise, die wir einst in der Schule lernten?

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Management der kulturellen Wurzeln als Voraussetzung für das globale Management
Veranstaltung
Interkulturelles Management
Autor
Jahr
2011
Seiten
28
Katalognummer
V182141
ISBN (eBook)
9783656055341
ISBN (Buch)
9783656565925
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Distanzmanagement, Expatriation-Management, kulturelles Identitätsmanagement, Identitätsdimensionen, Kulturschockmanagement
Arbeit zitieren
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deissler (Autor), 2011, Das Management der kulturellen Wurzeln als Voraussetzung für das globale Management, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182141

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