Anfangs galt die Militärgeschichte als eigenständige Fachwissenschaft, die als Kriegswissenschaft betrachtet wurde und hauptsächlich seit dem 19. Jahrhundert als fest etabliertes Fach in Militärakademien und Generalstabsschulen fungierte. Sie wurde „von Militärs für Militärs“ betrieben. Der Durchbruch zu einer Eingliederung in die Geschichtswissenschaft gelang mit der Gründung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) 1957. Ins Zentrum der Militärgeschichte ist u. a. die Operationsgeschichte gerückt, die militärische Manöver in der Geschichte behandelt. Insbesondere sind es die Aktionen einzelner Soldaten im Kontext der Kriege. Sie verbindet den Operationsraum mit dem Erfahrungs- und Kulturraum (der Soldaten).
Neben den Soldaten im Kontext der Kriege muss auch die Gesellschaft im Kontext der Kriege betrachtet werden. In dieser Arbeit wird anhand der Belagerung von Kaiserswerth 1702 eine einzelne militärische Aktion betrachtet. Ziel ist es, die Auswirkungen der Belagerung bzw. dieser militärischen Operation auf Soldaten und Bevölkerung der Festung aufzuzeigen. Ferner wird der Frage nachgegangen, ob es sich bei dieser Belagerung um eine idealtypische handelt. Der Idealtypus und die Belagerung von Kaiserswerth werden anhand zeitgenössischer wie sekundärer Quellen untersucht. Erbfolgekriege sind ein interessantes Forschungsfeld, da sie im 17. und 18. Jahrhundert in einer Zeit stattfanden, in der die europäischen (Fürsten-)Staaten besonders häufig in Kriege verwickelt waren. Außerdem treten hier die komplizierten dynastischen Verwandtschafts- und Verflechtungsverhältnisse mit ihren innewohnenden Problemen offen zutage.
Im ersten Kapitel wird der Spanische Erbfolgekrieg zur besseren Kontextualisierung der Belagerung von Kaiserswerth kurz skizziert. Im zweiten Kapitel wird der Idealtypus einer Bela-gerung anhand von zeitgenössischen Traktaten und Sekundärliteratur erarbeitet, damit im dritten Kapitel eruiert werden kann, ob die Belagerung von Kaiserswerth diesem Idealtypus entspricht. Weiterhin wird überprüft, welche Aus- und Nachwirkungen die Belagerung auf die Zivilbevölkerung und Soldaten hatte. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf mögliche neue Forschungsansätze gegeben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Spanische Erbfolgekrieg und seine Ursachen
2. Die frühneuzeitliche Belagerung -ein Versuch zur Konstruktion eines Idealtypus-
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Der Idealtypus
2.3 Auswirkungen auf die Bevölkerung
3. Die Belagerung von Kaiserswerth 1702 - ein Idealtypus?
4. Fazit
5. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die militärhistorische Praxis der Belagerung während des Spanischen Erbfolgekrieges am konkreten Beispiel von Kaiserswerth (1702), um zu analysieren, inwiefern militärische Operationen dieser Zeit einem theoretischen Idealtypus entsprechen und welche Auswirkungen sie auf Soldaten und Zivilbevölkerung hatten.
- Kontextualisierung des Spanischen Erbfolgekrieges
- Konstruktion eines theoretischen Idealtypus frühneuzeitlicher Belagerungskunst
- Analyse der Belagerung von Kaiserswerth 1702 als Fallbeispiel
- Untersuchung der sozialen Folgen für die Stadtbevölkerung
- Bewertung von Planung, Durchführbarkeit und Realität des militärischen Kriegswesens
Auszug aus dem Buch
Der Idealtypus
Der erste Schritt aus der Sicht der Belagerer ist, das Umfeld und die Zufuhr des „vortheilhaf tig verschantzten Lagers“ abzuschneiden und niederzubrennen sowie sich dem „Entsatz“, also einer möglichen Befreiungsaktion der belagerten Truppen von außen, zu widersetzen. Die „Trenchéen“ (Gräben) werden in zweifacher Funktion um das Befestigungslager errichtet. Das „Circumvallations=Linee“ soll den Entsatz abhalten und das „Contrevallations=Linee“ war für den Angriff auf die Festung gedacht. Die beiden Trenchéen werden „wie Sägen Wercke mit aus und ein gebogen Winckeln gemachet“, also „zickzack“-förmig angelegt. Zwischen den Zickzack-Linien werden im Abstand von „100 biß 120 Ruthen eine Redoute oder Schantze […] geleget.“ Danach wird die Festung genau inspiziert und der schwächste Ort ausfindig gemacht. Zu dieser Schwachstelle hin werden die „Laufgræben“ eröffnet.
Die Approchen werden „allezeit schrege gegen der Vestung geführet“ und die ausgegrabene Erde wird „gegen derselbe [Festung] geworfen, damit man nicht mit Geschoß dieselbe längs durch bestreichen könne.“ An den äußeren Ecken, an denen sich die Gräben in die andere Richtung, gemäß dem Zickzack-Verlauf verlagern, werden Redouten angelegt, damit sich die „Arbeiter“ bei Gegenangriff zurückziehen können. Die Approchen werden an den inneren Wendepunkten mit Parallelen verbunden, in deren Mitte „Batterien“ und „Keßel“ platziert werden. Die Batterien und Kessel sind so gebaut, dass von dort aus die vorher ausgemachte Schwachstelle der Festung beschossen werden kann, um dort auch mit „Bomben“ eine Bre sche hineinzuschlagen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema in der deutschen Militärgeschichte und definiert die Forschungsfrage, die das Verhältnis zwischen militärischen Operationen, deren Idealtypus und den Auswirkungen auf die betroffene Bevölkerung beleuchtet.
1. Der Spanische Erbfolgekrieg und seine Ursachen: Dieses Kapitel skizziert die dynastischen Hintergründe, die zum Konflikt führten, und ordnet die militärische Bedeutung der Festung Kaiserswerth in den größeren europäischen Kontext ein.
2. Die frühneuzeitliche Belagerung -ein Versuch zur Konstruktion eines Idealtypus-: Hier werden technische und strategische Grundlagen der frühneuzeitlichen Belagerung, insbesondere nach Vauban, theoretisch erarbeitet und ein idealtypischer Ablauf definiert.
2.1 Vorbemerkungen: Dieses Unterkapitel beleuchtet die technologische Entwicklung, insbesondere die Bedeutung der Pulverwaffen und der Festungsbaukunst, die den Grundstein für die Belagerungsideologie legten.
2.2 Der Idealtypus: Hier wird der theoretische Ablauf einer Belagerung, von den Circumvallations- und Contrevallationslinien bis zur finalen Kapitulation, detailliert beschrieben.
2.3 Auswirkungen auf die Bevölkerung: Dieses Kapitel analysiert das schwierige Alltagsleben in einer Garnisonsstadt, die sozialen Unterschiede in Kriegszeiten und die Belastungen durch militärische Infrastrukturmaßnahmen.
3. Die Belagerung von Kaiserswerth 1702 - ein Idealtypus?: Dieser Abschnitt prüft das theoretische Modell der Belagerung am konkreten historischen Ereignis und arbeitet dabei Abweichungen, Besonderheiten und taktische Herausforderungen heraus.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Anwendbarkeit des Idealtypus trotz spezifischer Abweichungen und weist auf die verheerenden sozialen Folgen für die Stadtbevölkerung hin.
5. Literatur- und Quellenverzeichnis: Dies ist ein systematisches Verzeichnis der verwendeten zeitgenössischen Traktate, Fachliteratur und Internetquellen.
Schlüsselwörter
Militärgeschichte, Spanischer Erbfolgekrieg, Kaiserswerth, Belagerung, Sébastien Le Prestre de Vauban, Festungsbaukunst, Idealtypus, Garnisonsstadt, Artillerie, Zivilbevölkerung, Haager Allianz, Kriegsführung, Festung, Strategie, Militärische Operationen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Belagerung als militärische und gesellschaftliche Form im Spanischen Erbfolgekrieg, illustriert am Fallbeispiel Kaiserswerth.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung militärischer Belagerungstechnik, der theoretische Idealtypus nach Vauban und die Auswirkungen dieser militärischen Handlungen auf die städtische Bevölkerung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit die tatsächliche Belagerung von Kaiserswerth dem erarbeiteten theoretischen Idealtypus einer frühneuzeitlichen Belagerung entsprach.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine militärgeschichtliche Analyse, wobei ein Idealtypus anhand von zeitgenössischen Traktaten konstruiert und dann auf ein historisches Fallbeispiel angewendet wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Kontextualisierung, die theoretische Definition der Belagerung, die soziale Situation in Garnisonsstädten sowie die konkrete Untersuchung der Belagerung von Kaiserswerth 1702.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Militärgeschichte, Festungsbaukunst, Belagerungstechnik, Vauban, Spanischer Erbfolgekrieg und zivile Auswirkungen des Krieges.
Welche Rolle spielt die Witterung bei der Belagerung?
Die Witterung (insbesondere Hochwasser am Rhein) stellte eine nicht vorhersehbare Variable dar, die den ursprünglichen Angriffsplan der Alliierten störte und die Belagerungsdauer beeinflusste.
Warum war der Brückenkopf am anderen Rheinufer so wichtig?
Dieser Brückenkopf ermöglichte den Franzosen strategische Vorteile: den Austausch von verletzten gegen frische Soldaten und die Versorgung der Festung mit Material, was den alliierten Sieg hinauszögerte.
Welche Folgen hatte die Belagerung für die Stadtbevölkerung?
Die Zivilbevölkerung litt unter Zerstörungen, Schanzarbeiten und massiven Belastungen durch Kriegssteuern, was letztlich zu einer Abwanderung des Handwerks führte.
- Arbeit zitieren
- B. A. Sören Lindner (Autor:in), 2011, Die Belagerung von Kaiserswerth im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182151