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Esskultur im Mittelalter

Title: Esskultur im Mittelalter

Examination Thesis , 2010 , 97 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Eva-Maria Burger (Author)

History of Europe - Middle Ages, Early Modern Age
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„Der Mensch ist, was er ißt“ formulierte Ludwig Feuerbach 1850 in seiner Besprechung einer Schrift des niederländischen Arztes und Physiologen Jakob Moleschott. Wird dieser berühmt gewordene Ausspruch heute zitiert, dann meist nicht um Feuerbach darin zuzustimmen, dass der Mensch nur aus dem bestehe, was er über die Nahrung zu sich nimmt. Vielmehr soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Nahrung in die meisten Dimensionen menschlichen Lebens hineinwirkt: körperlich, psychisch, sozial, wirtschaftlich und auch politisch.
Die letzten drei dieser Dimensionen machen bewusst, dass sich Fragen des Essens und Trinkens auch auf die Gestaltung einer ganzen Gesellschaft auswirken können. Jede Gesellschaft, jede Kultur hat ihre eigenen Vorstellungen über die Genießbarkeit verschiedener Lebensmittel, deren Zubereitung, über Nahrungsmitteltabus, Rituale, Tischsitten et cetera, die über Generationen weitergegeben werden. Deshalb wandelte die Soziologin Dr. Eva Balösius den bekannten Satz Feuerbachs zu „Gesellschaften sind so, wie sie essen“ ab.
In den meisten Sozial- und Kulturwissenschaften repräsentiert „Essen“ nur ein Randthema, dessen psychische, kulturelle und soziale Qualitäten erst seit einigen Jahrzehnten untersucht werden. Doch die Betrachtung dieser Aspekte ist meiner Auffassung nach – in Anlehnung an Barlösius‘ Aussage – auch für ein umfassenderes Verständnis historischer Gegebenheiten, insbesondere der Sozialgeschichte, unabdingbar. Gerade Gesellschaften und Kulturen, die uns historisch fern liegen, können durch ihre Ess- und Trinkgewohnheiten in anderer Qualität erfasst und verstanden werden, als dies die Fixierung auf politische Ereignisse zu leisten vermag. Diese Arbeit widmet sich deshalb der Thematik des Essens und Trinkens im Mittelalter. Nach einer kurzen Betrachtung der Inhalte des Begriffs der „Esskultur“ werden zu diesem Zweck Genese, Bestimmungsfaktoren, wichtige Lebensmittel sowie Tischsitten und die Bedeutung gemeinsamen Essens als Ausdruck der Teilhabe eines Individuums an der Gemeinschaft dieses Zeitraumes dargestellt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Der Untersuchungsgegenstand

2. Was ist Esskultur?

3. Genese der mittelalterlichen Esskultur

4. Christliche Einflüsse als Bestimmungsfaktoren der mittelalterlichen Esskultur

5. Hunger und Mangel im Mittelalter

5.1. Nahrungsmittelknappheit

5.2. Hungersnöte

6. Ernährung und Medizin

7. Mittelalterliche Kochbücher

8. Die mittelalterliche Küche

8.1. Mittelalterliche Kochstellen

8.2. Köche und Küchenhilfen

9. Nahrungsmittel im Mittelalter

9.1. Getreide und Brot

9.2. Gemüse, Obst und Nüsse

9.3. Fleisch

9.4. Milch und Milchprodukte

9.5. Fisch und Schalentiere

9.6. Salz

9.7. Kräuter und Gewürze

9.8. Zucker und Honig

9.9. Wasser

9.10. Wein

9.11. Bier

10. Essen und Trinken in der Lebensordnung

10.1. Mahlzeiten

10.2. Tischsitten

10.3. Essen und Trinken als Ausdruck von Rechtsordnungen

10.4. Das Gastmahl als Gemeinschaftsversicherung

11. Gesellschaften sind so, wie sie essen …

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht die mittelalterliche Esskultur als einen zentralen Aspekt menschlichen Lebens, der weit über die bloße Nahrungsaufnahme hinausgeht und eng mit sozialen, ökonomischen und religiösen Strukturen verknüpft ist. Die Forschungsfrage widmet sich der Entwicklung, den Bestimmungsfaktoren und den soziokulturellen Funktionen von Ernährung im Mittelalter, wobei insbesondere die Diskrepanz zwischen idealisierten Festmahlen der Oberschicht und der häufig kargen Realität der breiten Bevölkerung beleuchtet wird.

  • Historische Genese und Einfluss des Christentums auf die Essgewohnheiten
  • Die materielle Lebenswirklichkeit: Hunger, Mangel und Ernährungssicherheit
  • Strukturen der Lebensmittelversorgung und kulinarische Praktiken (z.B. Kochbücher, Küche)
  • Die soziale Funktion von Essen und Trinken als Ausdruck von Rechtsordnungen und Gemeinschaftsbildung

Auszug aus dem Buch

1. DER UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND

„Der Mensch ist, was er ißt“1 formulierte Ludwig Feuerbach 1850 in seiner Besprechung einer Schrift des niederländischen Arztes und Physiologen Jakob Moleschott. Wird dieser berühmt gewordene Ausspruch heute zitiert, dann meist nicht um Feuerbach darin zuzustimmen, dass der Mensch nur aus dem bestehe, was er über die Nahrung zu sich nimmt. Vielmehr soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Nahrung in die meisten Dimensionen menschlichen Lebens hineinwirkt: körperlich, psychisch, sozial, wirtschaftlich und auch politisch.2

Die letzten drei dieser Dimensionen machen bewusst, dass sich Fragen des Essens und Trinkens auch auf die Gestaltung einer ganzen Gesellschaft auswirken können. Jede Gesellschaft, jede Kultur hat ihre eigenen Vorstellungen über die Genießbarkeit verschiedener Lebensmittel, deren Zubereitung, über Nahrungsmitteltabus, Rituale, Tischsitten et cetera, die über Generationen weitergegeben werden. Deshalb wandelte die Soziologin Dr. Eva Balösius den bekannten Satz Feuerbachs zu „Gesellschaften sind so, wie sie essen“3 ab.

In den meisten Sozial- und Kulturwissenschaften repräsentiert „Essen“ nur ein Randthema, dessen psychische, kulturelle und soziale Qualitäten erst seit einigen Jahrzehnten untersucht werden.4 Doch die Betrachtung dieser Aspekte ist meiner Auffassung nach – in Anlehnung an Barlösius‘ Aussage – auch für ein umfassenderes Verständnis historischer Gegebenheiten, insbesondere der Sozialgeschichte, unabdingbar. Gerade Gesellschaften und Kulturen, die uns historisch fern liegen, können durch ihre Ess- und Trinkgewohnheiten in anderer Qualität erfasst und verstanden werden, als dies die Fixierung auf politische Ereignisse zu leisten vermag.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Der Untersuchungsgegenstand: Einleitung in die Bedeutung der Ernährung als soziokulturelles Forschungsfeld und Vorstellung der zentralen Fragestellung.

2. Was ist Esskultur?: Definition des Begriffs Esskultur durch drei Kernbereiche: Auswahl und Bewertung, Regeln der Küche sowie Mahlzeiten als soziale Einrichtung.

3. Genese der mittelalterlichen Esskultur: Darstellung der Entwicklung von Ernährungsgewohnheiten aus griechisch-römischen und germanisch-keltischen Wurzeln sowie dem Einfluss des Christentums.

4. Christliche Einflüsse als Bestimmungsfaktoren der mittelalterlichen Esskultur: Analyse des Einflusses kirchlicher Vorschriften, Bußbücher und Fastenzeiten auf die Ernährungspraxis.

5. Hunger und Mangel im Mittelalter: Untersuchung der weit verbreiteten Nahrungsmittelknappheit und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft.

6. Ernährung und Medizin: Erläuterung der mittelalterlichen Humoralpathologie und deren Einfluss auf die Speisefolge und Gartechniken.

7. Mittelalterliche Kochbücher: Analyse der Bedeutung und Limitationen von Kochliteratur als Quelle für die Esskultur der Oberschicht.

8. Die mittelalterliche Küche: Beschreibung der technischen Ausstattung und der sozioökonomischen Bedingungen in bäuerlichen, städtischen und herrschaftlichen Küchen.

9. Nahrungsmittel im Mittelalter: Detaillierte Betrachtung spezifischer Lebensmittelgruppen von Getreide und Fleisch bis zu Getränken wie Wein und Bier.

10. Essen und Trinken in der Lebensordnung: Erörterung der sozialen Funktionen von Mahlzeiten, Tischsitten und der Rolle des gemeinsamen Essens zur rechtlichen und gemeinschaftlichen Absicherung.

11. Gesellschaften sind so, wie sie essen …: Fazit und kritische Würdigung der Quellenlage sowie des Forschungspotentials der historischen Ernährungsgeschichte.

Schlüsselwörter

Esskultur, Mittelalter, Ernährung, Fastenpraxis, Humoralpathologie, Nahrungsmittelknappheit, Kochbücher, Fleischkonsum, Getreide, Tischsitten, Sozialgeschichte, Gemeinschaftsbildung, Konservierung, Fernhandel, Alltagsgeschichte.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die vielschichtige Bedeutung der Ernährung im Mittelalter und wie Essgewohnheiten sowohl das individuelle Leben als auch die gesellschaftliche Ordnung strukturiert haben.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Themen umfassen Ernährungspraktiken, den Einfluss religiöser Fastengebote, die Bedeutung von Mangel und Hungersnöten sowie die soziokulturelle Funktion von Tischsitten und gemeinsamen Mahlzeiten.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, durch die Linse der Ernährungsgeschichte ein tieferes Verständnis für die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten des Mittelalters zu gewinnen und Mythen durch eine quellenkritische Analyse zu hinterfragen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin stützt sich auf eine quellenkritische Analyse von Schriftquellen, wie Kochbüchern und Rechtsvorschriften, kombiniert mit archäologischen Erkenntnissen und sozialwissenschaftlichen Theorien zur Esskultur.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse von Bestimmungsfaktoren (Religion, Medizin), Rahmenbedingungen (Hunger, Klima) und der spezifischen Kulturgeschichte einzelner Lebensmittelgruppen sowie der Tischkultur.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselwörter sind unter anderem Esskultur, Mittelalter, Humoralpathologie, Fastenpraxis, Sozialgeschichte und Gemeinschaftsbildung.

Wie veränderte die Humoralpathologie die Kochweise im Mittelalter?

Die Humoralpathologie klassifizierte Speisen nach den Eigenschaften warm/kalt und feucht/trocken. Köche mussten Lebensmittel so kombinieren und zubereiten, dass sie die Körpersäfte des Einzelnen ausglichen, was zu spezifischen Speisefolgen führte.

Welche Rolle spielte das gemeinsame Essen für die Rechtsordnung?

Gemeinsame Mahlzeiten waren oft rechtssichernde Rituale, mit denen Verträge, Friedensschlüsse oder gesellschaftliche Aufnahmen bekräftigt wurden, um Verbindlichkeit und Solidarität in der Gemeinschaft zu demonstrieren.

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Details

Title
Esskultur im Mittelalter
College
University of Passau
Grade
1,0
Author
Eva-Maria Burger (Author)
Publication Year
2010
Pages
97
Catalog Number
V182163
ISBN (eBook)
9783656055303
ISBN (Book)
9783656055549
Language
German
Tags
esskultur mittelalter
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Eva-Maria Burger (Author), 2010, Esskultur im Mittelalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182163
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