Dekonstruktion als literarästhetische Strategie der Großstadtdarstellung in den 'Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge'


Hausarbeit, 2008

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Der Begriff der Dekonstruktion

III Die Aufzeichnungen des Maite Laurids Brigge

1 Einführung

2 Komponenten der Dekonstruktionsstrategie
2.1 Das Motiv des „Sehens“
2.2 Impressionistische Stilmittel
2.3 Das Problem der Erzählbarkeit
2.4 Die Souveränität des Lesers
2.5 DieFormder Aufzeichnungen
2.6 Fazit

3 Die Aufzeichnungen als moderne Literatur

IV Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

I Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Art und Weise der Großstadtdarstellung in Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.1 Da sich die großstädtische Realität zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich von der des 19. Jahrhunderts unterscheidet, stellt ihre Präsentation eine nicht geringe Herausforderung dar. Angesichts der veränderten Raum- und Zeitdimensionen moderner städtischer Wirklichkeit, wird die Unzulänglichkeit der Darstellungsmittel, die dem Roman des 19. Jahrhunderts noch eigen sind, schnell offenbar. Die literarästhetischen Prinzipien der traditionellen Romanform erlauben keine angemessene literarische Gestaltung moderner Großstadtrealität.

Die Untersuchung der Großstadtdarstellung in den Aufzeichnungen nimmt ihren Ausgang in der These, dass Rilkes Werk tradierte Romanformen und Erzählweisen dekonstruiert, und dass diese Dekonstruktion letztlich als die literarästhetische Strategie angesehen werden kann, mittels der großstädtische Wirklichkeit bewältigt wird.

Zur Untermauerung der These gilt es zunächst einmal den Begriff der Dekonstruktion zu erläutern und theoretisch zu fundieren. Anschließend sollen die einzelnen literarästhetischen Konzepte, die Komponenten der Dekonstruktionsstrategie darstellen, herausgearbeitet werden. Hierbei soll auf das Motiv des „Sehens“, die Verwendung impressionistischer Stilmittel und das Problem der Erzählbarkeit städtischer Wahrnehmung abgehoben werden, aber auch auf die neue - nahezu erzwungene - Rezeptionsfähigkeit des Lesers und die allgemeine Form der Aufzeichnungen. Die Aufmerksamkeit bei der Analyse richtet sich dabei hauptsächlich auf die Stadtaufzeichnungen. Ein Fazit soll dann die Einzelergebnisse dieser Analyse zusammenstellen, um so die Dekonstruktionsthese noch einmal nachdrücklich zu begründen.

Vor der abschließenden allgemeinen Zusammenfassung sollen die Aufzeichnungen noch kurz nicht nur als Großstadtliteratur, sondern als moderne Literatur schlechthin ausgewiesen werden.1

II Der Begriff der Dekonstruktion

Der Begriff der Dekonstruktion geht auf den französischen Philosophen Jacques Derrida zurück und beschreibt eine ganze Reihe kunst-, sozial- und geisteswissenschaftlicher Strömungen. Da sich die Dekonstruktion auf sehr vielfältige Art und Weise präsentiert, fällt es schwer eine einheitliche, abschließende Definition zu finden. Diese Schwierigkeit zeigt sich bereits am Begriff der Dekonstruktion selbst, ist er doch zusammengesetzt aus der binären Opposition 'Destruktion und Konstruktion'.

In Anlehnung an den amerikanischen Literaturwissenschaftler Jonathan Culler lässt sich erst einmal festhalten, dass die Dekonstruktion keine Methode, sondern vielmehr eine philosophische Strategie und eine Praxis der Literaturkritik darstellt. Als Strategie widmet sich die Dekonstruktion all jenen hierarchischen Gegensätzen, die die abendländische Philosophie geprägt haben. Eine klassische philosophische Opposition beinhaltet immer, dass einer der beiden Begriffe dem anderen übergeordnet ist, dass der eine dem anderen logisch, chronologisch oder axiologisch vorausgeht. Der andere Begriff ist demnach abhängig bzw. abgeleitet.2 Eine solche „Opposition zu dekonstruieren heißt aufzuzeigen, dass sie weder natürlich noch unumgehbar ist, sondern ein Konstrukt, das erst durch auf ihr aufbauende Diskurse hergestellt worden ist“.3 Zu diesem Zweck wird zunächst die Hierarchie einer Opposition innerhalb eines Begriffssystems umgekehrt, um dadurch das System selbst in Frage zu stellen. Es handelt sich also um eine Art Doppelbewegung, bei der der „Praktiker der Dekonstruktion [...] innerhalb eines Begriffssystems [arbeitet], aber in der Absicht, es aufzubrechen.“4 Die Dekonstruktion will das metaphysische Denken unterminieren, indem es nach den Regeln der Logik, die einem System konstituierend zugrunde liegt, eben diese Regeln - und damit das System selbst - der Widersprüchlichkeit überführt. Allerdings geht es bei der Dekonstruktion nicht einfach nur um Destruktion, sondern vielmehr um strukturelle Innovation und Funktionswechsel. Natürlich kann die Dekonstruktion selbst ein niemals abgeschlossener Prozess sein, schließlich bringt auch sie wieder nur binäre Unterscheidungen - und somit Konstrukte - und „keine unbezweifelbare[n] Grundlage[n]“5 hervor.

III Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge 1 Einführung

Im Jahr 1902 begibt sich Rainer Maria Rilke mit dem Vorhaben eine Monographie über Auguste Rodin zu verfassen in die Stadt Paris. Schnell entwickelt sich eine intensive Beziehung - die allerdings 1907 zerbrechen wird - zwischen dem jungen Dichter und dem bildenden Künstler. Rodin vermittelt Rilke unter anderem sein Kunstverständnis, und so ist es nicht verwunderlich, dass Rilkes einziges Prosawerk, welches er im Jahr 1904 in Rom niederzuschreiben beginnt und in der Zeit von 1908 bis 1910 in Paris vollendet, unter eben diesem ästhetischen Einfluss steht. Es ist nicht zu verkennen, dass Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge geprägt sind von den Eindrücken Rilkes Parisaufenthaltes und seiner dortigen Bekanntschaft mit Rodin.

Am Beginn der Moderne stehend, „sind die Aufzeichnungen das erste Beispiel für die Unmöglichkeit, großstädtische Realität und großstädtische Erfahrung in der Form des traditionellen Romans zu verarbeiten.“6 Da die herkömmlichen Erzählstrukturen nicht mehr greifen, um der Darstellung des Paris der Jahrhundertwende gerecht zu werden, dekonstruiert Rilke in seinen Aufzeichnungen tradierte Romanformen und Erzählweisen. Angesichts der Unzulänglichkeit traditioneller Darstellungsmittel ist es unumgänglich geworden, nach neuen ästhetischen Formen Ausschau zu halten, die es ermöglichen, moderne Wirklichkeit literarisch zu gestalten. Für Rilke stellt die Dekonstruktion die literarästhetische Strategie dar, großstädtische bzw. moderne Realität in angemessener Weise darzustellen.

Im folgenden soll sich nun den einzelnen literarästhetischen Konzepten gewidmet werden, die Bestandteile dieser Dekonstruktionsstrategie sind. Hierbei wird allerdings hauptsächlich auf die Stadtaufzeichnungen der Aufzeichnungen Bezug genommen.

2 Komponenten der Dekonstruktionsstrategie

2.1 Das Motiv des „Sehens“

Das Paris der Jahrhundertwende war nicht einfach nur eine Großstadt, sondern die europäische Metropole schlechthin. Es war sowohl kulturelles als auch politisches Zentrum und hatte bald drei Millionen Einwohner. Paris als solches ist unüberschaubar geworden. Das Stadtgetriebe ist gekennzeichnet durch ständige Bewegung und Flüchtigkeit; das Lebenstempo hat sich bis hin zur Hast beschleunigt.

Auch der Ich-Erzähler, Malte, wird bei seiner Ankunft mit der Unmöglichkeit, diese Stadt in ihrer Gänze zu überblicken, konfrontiert. Da er die Pariser Wirklichkeit als solche nicht mehr erkennen kann, ist er auch nicht mehr in der Lage sie so darzustellen, wie sie ist, sondern nur, wie er sie wahrnimmt. Nach seiner ersten Stadterkundung hält er fest:

Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. [...] Ich habe eine schwangere Frau gesehen. [...] Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, [...].7

Es ist kein Zufall, dass Malte in der ersten Aufzeichnung gleich viermal erwähnt, dass er gesehen hat. Dem Motiv des „Sehens“ kommt in vielerlei Hinsicht Bedeutung - wenn nicht sogar die zentrale Bedeutung - zu. Malte ist „geleitet von der äußeren Erscheinungswelt und fixiert auf die optische, visuelle Wahrnehmung.“8 Er erlebt Paris als visueller Typ, der allerdings das neue Sehen erst noch lernen muss. Er selbst notiert zu Beginn der fünften Aufzeichnung:

Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.9

Die Tatsache, dass Malte - jetzt da er in Paris ist - sehen erst lernen muss, zeigt, dass das neue Sehen mit dem Lebensraum der Großstadt in engem Zusammenhang steht. „Die Dynamisierung der Außenwelt fordert die Dynamisierung des Sehens“.10 Die veränderten Raum- und Zeitdimensionen erlauben kein „kontemplative[s], überschauende^] Sehen“11 mehr, sondern verlangen nach einer visuellen Wahrnehmungsweise, die dem hektischen Puls der Großstadt Rechenschaft tragen kann.

Malte ist jedoch klar, dass sich nicht nur seine visuelle

Wirklichkeitsaneignung wandelt, sondern dass er selbst auch - nach erst drei Wochen in Paris - maßgeblichen Veränderungen unterliegt:

Ich will auch keinen Brief mehr schreiben. Wozu soll ich jemanden sagen, daß ich mich verändere? Wenn ich mich verändere, bleibe ich ja doch nicht der, der ich war, und bin ich etwas anderes als bisher, so ist klar, daß ich keine Bekannten habe.12

Das in Paris gelernte neue Sehen macht es nahezu unmöglich, sich mit den Bekannten aus seinem früheren nichtgroßstädtischen Lebensraum sprachlich zu verständigen.13 Hier wird die Verflechtung von Sehen und Sprache bzw. Schreiben deutlich. Da das „Sehenlernen“ nicht nur den Wandel der Wahrnehmungsstrukturen, sondern „vielmehr [das] Sinnbild einer spezifisch „künstlerischen“ Aneignungsweise der Wirklichkeit“14

[...]


1 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Frankfurt am Main 2000.

2 Vgl. Jonathan Culler: Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie, Hamburg 1988, S. 95.

3 Jonathan Culler: Literaturtheorie. Eine kurze Einführung, Stuttgart 2002, S. 182.

4 Jonathan Culler: Dekonstruktion, S.95.

5 Jonathan Culler: Dekonstruktion, S. 97.

6 Sabina Becker: Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900 - 1930, St. Ingbert 1993, S. 12.

7 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen, S. 9.

8 Sabina Becker: Urbanität und Moderne, S. 80.

9 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen, S. 11.

10 Sabina Becker: Urbanität und Moderne, S. 49.

11 Ebd.: S. 49.

12 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen, S. 10f.

13 Vgl. Sabina Becker: Urbanität und Moderne, S. 81.

14 Andreas Freisfeld: Das Leiden an der Stadt. Spuren der Verstädterung in deutschen Romanen des 20. Jahrhunderts, Köln 1982, S. 112f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Dekonstruktion als literarästhetische Strategie der Großstadtdarstellung in den 'Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge'
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V182202
ISBN (eBook)
9783656056539
ISBN (Buch)
9783656056898
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Dekonstruktion, Rilke, Großstadt, Großstadtdarstellung
Arbeit zitieren
B.A. Vivien Wolff (Autor), 2008, Dekonstruktion als literarästhetische Strategie der Großstadtdarstellung in den 'Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182202

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Dekonstruktion als literarästhetische Strategie der Großstadtdarstellung in den 'Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge'



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden