Die Wissenschaftstheorie in den Wirtschaftswissenschaften


Hausarbeit, 2001
24 Seiten, Note: 1
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Wissenschaftstheoretische Grundfragen der Wirtschaftswissenschaften

2. Wirtschaftwissenschaft - eine Real- oder eine Formalwissenschaft?

3. Methoden der Gultigkeitsprufung
3.1. Milton Friedmans Konzept der Gultigkeitsprufung
3.2. Der Kritische Rationalismus in Schuz’ Theorie

4. Das Problem der Eingrenzung

5. Das Problem der Vielschichtigkeit

6. Das Problem der mangelnden Objektivitat

7. Fazit

Literatur

1. Wissenschaftstheoretische Grundfraqen der Wirtschaftswissenschaften

Wissenschaftstheorie ist die philosophische Reflexion uber die Grundla- gen von Wissenschaften. Jean-Francois Lyotard schreibt in seinem Auf- satz „Das Postmoderne Wissen“: „Eine Aussage muss eine bestimmte Menge von Bedingungen aufweisen, um als wissenschaftlich akzeptiert zu werden.“[1]

Jede Wissenschaft muss also klaren, was sie unter „Wissenschaftlichkeit" versteht und mit welchen Methoden sie diese sicher erreichen kann. Will man dies fur die Wirtschaftswissenschaften klaren, stoBt man auf groBere Probleme als in vielen anderen Wissenschaften. Denn wahrend zum Bei- spiel die Biologie oder die Physik es mit dem immer gleichen Gegenstand der Natur zu tun hat, in den sie im Laufe ihres Fortschritts immer weiter vordringt, hat die Wirtschaftswissenschaft es mit dem sich standig wan- delnden Wirtschaftsgeschehen zu tun, das durch auBere Veranderungen z.B. sozialer und politischer Art beeinflusst wird. Lediglich die Funktion der Wirtschaftswissenschaft bleibt dieselbe: Sie soll Entscheidungshilfen fur das Wirtschaften mit knappen Gutern bereitstellen. Dies erreicht sie, wenn sie die Konsequenzen der verschiedenen Entscheidungen systematisch beschreibt und erklart, was jedoch aufgrund der Komplexitat vieler Sach- verhalte nicht einfach ist. Wenn sie "Entscheidungshilfen" geben will, heiBt das jedoch nicht, dass sie genau vorgibt, was der Einzelne zu tun hat, wenn er sich wirtschaftlich verhalten will. Sie kann lediglich die zur Erreichung eines bestimmten Zieles adaquaten Mittel angeben.

Da dies bereits eine schwierige Aufgabe ist, wie sich im Laufe dieser Ar­beit zeigen wird, fragt die Wissenschaftstheorie, wie sie das am besten erreichen kann. Wissenschaftstheorie ist so zu sagen eine „Theorie uber Theorien", denn tatsachlich gibt es keine anerkannte Theorie, die letztgul- tig besagt, was "wissenschaftlich" ist. Im Umgang mit dieser Frage gibt es namlich verschiedene Herangehensweisen. Die eine Richtung sagt z.B., dass Wissenschaftstheorie einer Wissenschaft von auGen vorschreiben konne, was wissenschaftlich sei. Eine andere Richtung sagt dagegen, dass der Wissenschaftstheoretiker eben nicht so vorgehen kann, dass er durch Apriori-Betrachtungen ein Bild oder einen Begriff von der 'wahren Wissenschaft' entwirft und erst im zweiten Schritt die tatsachlich vorfind- baren Wissenschaften daraufhin uberpruft, ob und in welchem Gerade sie seinem Idealbild genugen. Wurde er namlich in dieser Weise verfahren, wurde er sich vermutlich sehr bald in wirklichkeitsfremden Spekulationen verlieren. Diesen Auffassungen liegen verschiedene Konzeptionen von wissenschaftlicher Wahrheit zugrunde, mit denen sich diese Arbeit spater beschaftigen wird.

Da hier die Diskussion auf die Ebene solch grundsatzlicher Wahrheitsfra- gen gelenkt wird, verdeutlicht sich, dass Wissenschaftstheorie ein philo- sophisches Themengebiet ist. Es stellt sich zunachst die Frage, was wahr ist, beziehungsweise im wissenschaftlichen Sinne „real“ ist. Jean-Francois Lyotard schreibt:

„Was ich sage, ist wahr, weil ich es beweise; aber was beweist, dass mein Beweis wahr ist? [...] Es ist nicht so, dass ich etwas beweisen kann, weil die Realitat so ist, wie ich es sage, sondern so- lange ich beweisen kann, ist es erlaubt zu den- ken, dass die Realitat so ist, wie ich es sage.“[2]

Genau diese von Lyotard angesprochene Problematik ist einer der Hauptaspekte, mit denen sich die Wissenschaftstheorie beschaftigt. Wie kann eine Theorie als bewiesen angesehen werden, wo sich doch in der Vergangenheit immer wieder durch neue und angeblich letztgultige Be- weise weiterentwickelte Theorien, sogar Paradigmenwechsel etabliert haben? Dies gilt insbesondere fur die Wirtschaftswissenschaft, deren Gegenstandsbereiche sich durch auGere Einflusse standig andern. Wie kann es uberhaupt eine gultige Theorie auf diesem Gebiet geben?

Diese Fragen sind es, die eine Arbeit uber die Wissenschaftstheorie in der Wirtschaftswissenschaft interessant und notwendig macht. In kaum einer anderen Wissenschaft sind die Grenzen zu anderen akademischen Gegenstandsbereichen so flieGend und die Themengebiete so ungenau definiert. Dennoch hat die Lehre von der Wirtschaft einen hoheren Stel- lenwert als je zuvor, was sich unter anderem an der groGen Nachfrage nach okonomischen Studiengangen, wie etwa dem der Betriebswirt- schaftslehre erkennen lasst. Wozu dient aber in Anbetracht all dieser oben genannten Schwierigkeiten uberhaupt eine Wirtschaftswissen­schaft? Zur Klarung dieser Frage muss zunachst untersucht werden, was Ziel und Gegenstand der Wirtschaftswissenschaft sind.

2. Wirtschaftwissenschaft - eine Real- oder eine Formalwissenschaft?

Der erste Schritt zur Klarung der Frage nach den Zielen lautet: Was ist der Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften? Befasst sie sich mit der Realitat oder nur mit logischen und mathematischen Konstruktionen? Im ersten Fall ware sie eine Realwissenschaft (wie z.B. Physik, Chemie, So- ziologie) und im zweiten Fall eine Formalwissenschaft (wie z.B. Mathema- tik). Nun hat die Wirtschaftswissenschaft offensichtlich einen realen Ge­genstand, namlich das Wirtschaftsgeschehen. Trotzdem ist ihre Klassifi- zierung als Realwissenschaft damit noch nicht selbstverstandlich, denn in den seltensten Fallen kann man Phanomene in der Realitat in der Form antreffen, wie sie in der Wissenschaft bereits untersucht wurden und werden.

Man spricht von einer realwissenschaftlichen Theorie, wenn diese Aussa- gen uber die Wirklichkeit macht. Eine formalwissenschaftliche Theorie darf dagegen nur den Anspruch auf logische Gultigkeit erheben. Es han- delt sich dann um ,reine Theorie’ oder um ,Entscheidungslogik’. Diese gilt nur bei der Erfullung ihrer meist wirklichkeitsfremden Annahmen fur die Realitat.[3] Geht z.B. eine entscheidungslogische Untersuchung vom Vor- liegen einer bestimmten Situation aus, dann ist sie in der Realitat auch nur gultig, wenn genau diese Situation vorliegt. Dies gilt auch fur das Wirtschaftgeschehen:

"Man kann aber ausschlie&en, dass die Bedin- gungen 'vollkommene Information' und 'vollkom- mener Markt' jemals erfullt sind, und es ist un- wahrscheinlich, dass das Ziel Gewinnmaximierung ohne Einschrankungen verfolgt wird. Die zugrun- degelegten Annahmen sind also nicht erfullt. Die Begrundung fur den Erfolg dieser Entscheidungs- regel ist in der Realitat somit nicht gegeben. Wird also nicht gefordert, dass die entscheidungslogi- schen Aussagen auf konkrete Situationen an- wendbar sein sollten, mussen ihre Annahmen auch nicht auf ihre empirische Gultigkeit gepruft werden."[4]

Es ist daher nach Schuz im jeweiligen Einzelfall zu klaren, ob eine Aussa- ge eine empirische Hypothese oder eine Norm ist. Eine empirische Hypo- these macht Aussagen uber die Realitat. Liegt dagegen eine Norm vor, dann wird eine Aussage daruber gemacht, wie man sich verhalten sollte. Das normgerechte Verhalten muss in der Realitat jedoch nicht vorliegen. Drittens kann eine Aussage eine Definition sein. Auch hier liegt kein direk- ter Bezug zur Realitat vor, so Schuz. Es kann bei einer Definition nur ihre Zweckmafcigkeit diskutiert werden. Es sollte immer klar sein, welche Art von Aussage ein Wissenschaftler machen will. Denn normative und defini- torische Aussagen und daraus abgeleitete Aussagen durfen nicht den An- spruch auf empirische Gultigkeit erheben.

3. Methoden der Gultiqkeitsprufunq

Will die Wirtschaftswissenschaft also ihre Ziele durch Bildung gultiger bzw. "wahrer" Gesetzeshypothesen erreichen, gilt es nun zu klaren, wie man herausfindet, ob eine Gesetzeshypothese gultig ist. Das Verfahren dazu liefert die jeweilige Methode. Eine Methode ist folglich ebenso da- nach zu beurteilen, wie gut ihr Gultigkeitstest ist. In der Einleitung seiner „Essays in Positive Economcis“ erklart Milton Friedman, dass der Test der Gultigkeit einer Hypothese aus dem "Erfolg ihrer Prognosen" einzuschat- zen sei. Dieses Gultigkeitskriterium soll in Anlehnung an Schuz untersucht werden.

Bei der Beurteilung der Wahrheit bzw. Gultigkeit einer empirischen Aus­sage zeigen sich einige Probleme. So besteht das Problem, dass unsere Beobachtungen der Realitat von Sinnestauschungen verzerrt werden konnen. Die Erkenntnis, dass eine vollkommen korrekte Erfassung der Realitat nicht gewahrleistet ist, hat Auswirkungen auf die Entscheidung, wann eine Hypothese oder Theorie angewandt oder verworfen wird. Denn Wirtschaftswissenschaft will Entscheidungshilfen anbieten, wenn diese jedoch falsch sind, kann es zu schwerwiegenden Fehlentwicklungen kommen, wenn sich die Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik tatsachlich nach ihnen richten. Fehler in der Wirtschaftspolitik konnen sogar katastro- phale Folgen haben. Es geht der Politik dann wie einem Schiff, das nach einer falschen Karte navigiert. Wir erinnern uns in diesem Zusammen- hang z.B. an die Wirtschaftpolitik des sozialistischen Ostblocks, an Fehl- konzeptionen in den so genannten 3.-Welt-Landern (z.B. in Afrika, Teilen Asiens und Sudamerikas) oder an Geschehnisse wie den Borsenkrach im Jahr 1929.

Es gilt also zu klaren, was eine gute Methode zur Bestimmung einer gulti- gen Theorie in der Wirtschaftwissenschaft ist. Es werden nun zwei ver- schiedene Losungsvorschlage zu diesem Problem untersucht, um ihren Effekt und ihren Wert zu ermitteln. Friedman beschreibt in der Einleitung seiner „Essays in Positive Economics11 das Bild der „positiven Okonomie"[5], aus der sich die „positive Wirtschaftwissenschaft“[6] ableitet. Diesem Kon- zept stellt Thomas Schuz in seinem Werk „Falsche Annahmen in der Wirtschaftstheorie“ unter anderem die Theorie des Kritischen Rationalis- mus von Popper gegenuber. Basierend auf den Untersuchungen dieser beiden Theoretiker sollen ihre unterschiedlichen Ansatze zur Beschrei- bung einer gultigen Theorie fur die Wirtschaftswissenschaften erlautert werden.

3.1. Milton Friedmans Konzept der Gultiqkeitsprufunq

Es geht in Friedmans Essay um methodologische Probleme, die bei der Konstruktion einer klaren positiven Wissenschaft aufkommen. Und insbe- sondere darum, wie zu entscheiden ist, ob eine vorgeschlagene Theorie oder Hypothese vorlaufig als wahr akzeptiert werden soll. Friedman be- ginnt mit einer Unterscheidung der verschiedenen wissenschaftlichen Be- reiche der Wirtschaftswissenschaften. Als erstes nennt er die "positive Wissenschaft", welche die wirtschaftliche Wirklichkeit mit all ihren Interde- pendenzen systematisch und uberschaubar darstellen soll. Sie dient der notwendigen Beantwortung der Frage "Was ist?" als Basis fur wun- schenswerte wirtschaftliche Aktivitaten.

Das Erreichen einer klaren positiven Wirtschaftswissenschaft ist also nach Friedmans Meinung ein vorrangig erstrebenswertes Ziel, um die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft als Entscheidungshilfe besser gewahrleisten zu konnen:

" I venture the judgement, however, that currently in the Western world, and especially in the United States, differences about economic policy among disinterested citizens derive predominantly from different predictions about the economic conse­quences of taking action -differences that in prin­ciple can be elimiminated by the progress of posi­tive economics- rather than from fundamental dif­ferences in basic values, differences about which men can ultimately only fight."[7]

Es ist also eine positive Okonomie anzustreben, die im Sinne einer Na- turwissenschaft alle Konsequenzen politischen Handelns "objektiv" bestimmen kann. Friedman sieht zwischen Okonomie und Naturwissen- schaft auch keine grundsatzliche Trennungslinie. Es gebe zwar spezielle Probleme, die daher kommen, dass Okonomie von Beziehungen mensch- licher Wesen handelt und der Forscher selbst in einem intimeren Sinn als in den Naturwissenschaften Teil des Gegenstandes seiner Untersuchung ist. Aber eben fur diesen Bereich sei dem Wirtschaftswissenschaftler ja auch eine entsprechende Datenmenge verfugbar, so dass dieses Prob­lem losbar sei. Es wird deutlich, dass es Friedman im restlichen Ablauf seines Essays um die Ausarbeitung einer klaren positiven Okonomie geht.

Im Idealfall sollen nur Aussagen uber das, was ist, bzw. uber das, was sein wird, als zur positiven Okonomie gehorend verstanden werden. Zur positiven Okonomie gehort damit auch die Suche nach Theorien zur Er- klarung beobachteter Ereignisse, auf deren Basis dann Prognosen uber die Konsequenzen kunftiger wirtschaftlicher Aktionen getroffen werden konnen. Fur ihn sind Prognosen, methodisch gesehen, nichts anderes als theoretische Erklarungen:

[...]


[1] Lyotard, Jean- Francois: Das Postmoderne Wissen, o.O. 1982, S. 34.

[2] Lyotard: S. 77 f.

[3] Vgl.: Schuz, Thomas: Falsche Annahmen in der Wirtschaftstheorie, Pfaffenweiler, 1995, S. 24 ff.

[4] Ebd.: S. 28.

[5] Vgl.: Friedman, Milton, The Methodology of Positive Economics, in: Friedman, Milton: Essays in Positive Economics, London; Chicago 1953, S.7.

[6] Vgl.: Ebd.: S.7.

[7] Ebd.: S. 5.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Wissenschaftstheorie in den Wirtschaftswissenschaften
Hochschule
Universität Lüneburg  (Fachbereich Kulturwissenschaften)
Note
1
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V18235
ISBN (eBook)
9783638226240
ISBN (Buch)
9783638645607
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftstheorie, Wirtschaftswissenschaften
Arbeit zitieren
Anonym, 2001, Die Wissenschaftstheorie in den Wirtschaftswissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18235

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