Die Gründung der Republik Türkei


Hausarbeit, 2010
14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Vorbedingungen der Gründung der Republik Türkei
1. Der Untergang des Osmanischen Reiches
2. Die Person Mustafa Kemals und seine Rolle im Reich

II. Gründung der Republik Türkei
1. Der „Nationale Befreiungskampf“
2. Die Festigung der Republik und ihre Anerkennung

III. Verwaltung der neuen Republik
1. Kemalismus als Regierungsform
2. Die Reformen des Mustafa Kemal und ihre Wirkung

Fazit

Einleitung

In der folgenden Hausarbeit wird die Gründung der Republik Türkei näher erörtert werden, vor allem hinsichtlich des Einflusses des Staatsgründers Mustafa Kemal und der gleichzeitigen Auseinandersetzung des im Gründungsprozess befindlichen Staates mit ausländischen Mächten einerseits und traditionellen theokratischen Ansichten im Inland andererseits.

Hierzu werde ich zunächst auf das Osmanische Reich, aus welchem die Republik Türkei hervorgegangen ist, und in diesem Kontext auch auf die Person Mustafa Kemals näher eingehen. Im Hauptteil der Arbeit wird der Prozess der Unabhängigkeit der Türkei näher erklärt mit besonderen Schwerpunkten auf dem sogenannten Nationalen Befreiungskampf der Türken der schließlich zur Anerkennung der Eigenstaatlichkeit führte sowie die darauf folgende Festigung der jungen Republik gegen äußere Feinde und Gegner im Inneren. Zum Schluss werde ich noch den Kemalismus, die Staatsideologie nach welcher die Türkei regiert wurde, erklären und die auf ihn zurückgehenden Reformen und ihre tiefen Einschnitte in die türkische Gesellschaft beschreiben, die noch bis heute spürbare Nachwirkungen haben.

In dieser Arbeit möchte ich nicht nur historische Fakten wiedergeben sondern mich auch der Frage widmen inwiefern die muslimische Tradition des Osmanischen Reiches und des Kalifats, welche in der Türkei noch lange weiterlebte, mit dem neuen republikanischen Staatswesen vereinbar waren. Daran schließt sich logischerweise die Folgefrage an, ob es von Vorteil oder gar notwendig für die junge Republik war auf autoritäre Weise von Mustafa Kemal nach seiner Kemalistischen Ideologie regiert zu werden.

I. Vorbedingungen der Gründung der Republik Türkei

1. Der Untergang des Osmanischen Reiches

Das Osmanische Reich ging auf eine lange mittelalterliche Tradition zurück und ist angeblich von Osman, einem türkischen Fürsten, im 13. Jahrhundert gegründet worden, um mit der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 und anderer Gebiete auf dem Balkan sowie im Nahen Osten zu einer Großmacht aufzusteigen.[1] Der riesige Vielvölkerstaat hatte ab dem späten 17. Jahrhundert und dem endgültigen Scheitern der Belagerung Wiens immer mehr an Macht und Territorien verloren. Endgültig überholt schien das Konzept eines Vielvölkersultanats gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, eine Zeit in der viele ehemalige osmanische Besitztümer auf dem Balkan im Zuge der sich dort entwickelnden Nationalismen verloren gingen, unabhängig wurden und sich auf Kosten des Reiches vergrößerten. Das neue Verständnis von einer Nation als kultureller und religiöser Einheit führte zu einer ganzen Reihe von Konflikten auf dem Gebiet des damaligen Osmanischen Reiches und hatte zum Teil katastrophale Folgen für die Bevölkerung. Viele Muslime wurden von den neuen Nationen nicht als zu ihrer Nation zugehörig angesehen und so wurden laut Soner Cagaptay in den letzten hundert Jahren des Reiches von 1822-1922 ca. 5 Mio. Muslime aus verlorenen Gebieten vertrieben und weitere 5,5 Mio. fielen Kriegen und daraus resultierenden Hungersnöten zum Opfer.[2] Dies führte schon vor dem Ersten Weltkrieg zu einer wachsenden türkisch-muslimischen Identität in den Kernprovinzen des Reiches, vor allem in Anatolien. Dies äußerte sich auch in der militärischen Niederlage in den Balkankriegen von 1912/13, die vor allem als Niederlagen des türkischen Volkes wahrgenommen wurden und zu dem Eindruck führten, dass eine Erneuerung des Staates nur mit einem türkischen Staatsvolk möglich wäre.[3] Dies war auch die Ansicht der sogenannten Jungtürken, einer Geheimorganisation junger Militärs welche die Durchführung von Reformen wie Frauenrechte oder eine größere Trennung zwischen Staat und Religion forderten, die zusehends an Macht im schwachen Reich gewannen und den Sultan 1908 sogar zur Annahme einer Verfassung zwingen konnten.[4] In dem verzweifelten Versuch noch zu sichern, was von seinem Herrschaftsgebiet übrig war und die Machtposition im Inneren zu verbessern trat der Sultan schließlich auf der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg ein. Das schlecht ausgerüstete und ausgebildete Heer konnte aber kaum militärische Erfolge verzeichnen und Verlor noch während des Krieges weite Teile der Arabischen Besitztümer und Großbritannien und Frankreich. Am Ende des Krieges bestand das Sultanat zwar noch, war aber faktisch von der Entente und assoziierten Mächten aufgeteilt worden.

2. Die Person Mustafa Kemals und seine Rolle im Reich

Mustafa Kemal, der in die Geschichte als Gründungsvater und erster Präsident der Republik Türkei eingehen sollte, wurde 1881 im damals osmanischen Saloniki geboren. Schon im Alter von zwölf Jahren trat er in die Askeri Rüştiye (die Militärakademie von Saloniki) ein.[5] Nach seiner Ausbildung, die er in Istanbul beendete, diente er im osmanischen Heer und kam dort in Verbindung mit der Organisation der Jungtürken, deren Ziele er unterstützte, und was ihm eine zeitweilige Strafversetzung nach Syrien einbrachte.[6] Sein tatsächliches Engagement in dieser Organisation sowie dessen Umfang sind bis heute umstritten. Nach dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg gelang ihm in der Schlacht um die Dardanellen ein wichtiger Erfolg, da er den Durchbruch der Entente-Mächte nach Istanbul und in das Schwarze Meer verhindern konnte.[7] Da er einen der ganz wenigen militärischen Erfolge der osmanischen Armee verbuchen konnte, stieß er beim Volk auf große Anerkennung, ähnlich wie dies im Falle Hindenburgs in Deutschland war. Des Weiteren konnte er viele Kenntnisse in der modernen Kriegsführung sammeln, die während des Kampfes für die Türkische Unabhängigkeit gegen Griechenland und andere Siegermächte des Ersten Weltkrieges von großer Wichtigkeit waren.

II. Gründung der Republik Türkei

1. Der „Nationale Befreiungskampf“

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der vom Osmanischen Reich verloren worden war, wurden weite Teile des Landes von fremden Mächten besetzt und die nationale Selbstbestimmung dadurch unmöglich gemacht. In den nun als Mandatsgebieten verwalteten ehemaligen Osmanischen Territorien war es im Selbstverständnis der europäischen Siegermächte, die dortigen Völker, die noch nicht bereit waren sich eigenständig zu regieren, in die Moderne zu führen.[8] Die daraus resultierende Fremdverwaltung wurde sogar in Art. 22 des Völkerbundabkommens festgeschrieben, der ebendies beschreibt und von sog. Fortschrittlichen Nationen als Pflicht einfordert.[9] In den 22 Monaten zwischen dem Waffenstillstand von Mudros 1918, der die Kampfhandlungen beendete, und dem Vorortvertrag von Sèvres 1920 hatte sich aber in den Rumpfgebieten des Osmanischen Reiches, im wesentlichen Anatolien, schon ein starker Nationaler Widerstand entwickelt. Anfangs kam es zu Befehlsverweigerungen oder der generellen Verweigerung mit den Besatzern oder der Zentralregierung des Sultans, der teilweise als Erfüllungsgehilfe der Siegermächte gesehen wurde, zu kooperieren.[10] Anfangs war der Widerstand noch unorganisiert, aber als im Laufe des Jahres 1919 Izmir (Gr. Smyrna) von Griechischen Truppen besetzt wurde, Italien von seinen Besitzungen auf dem Dodekanes aus die Städte Antalya und Konya beanspruchte, Frankreich von Syrien aus in die Provinzen Mersin, Maraş und Antep einmarschierte und schließlich sogar Istanbul unter britischer Kontrolle stand, radikalisierten und organisierten sich die Widerstandskämpfer immer mehr.[11] Ein bedeutender Faktor für die weitere Organisation des bewaffneten Widerstands war das Eintreffen des erfahrenen Generals Mustafa Kemal im anatolischen Samsun im Mai 1919.[12] Nach seiner Ankunft fanden innerhalb von nur wenigen Monaten die richtungsweisenden Kongresse von Erzurum (Juli-August 1919) und Sivas (September 1919) statt. An ihnen nahmen Abgeordnete aus verschiedenen Städten und Regionen Anatoliens und der späteren Republik Türkei teil. Sie forderten die nationale Souveränität des türkischen Volkes in den Waffenstillstandslinien von 1918 (etwa heutige Türkei und die kurdische Region Mossul, Irak) gefordert, sowie auf dem zweiten Kongress die Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte von Anatolien und Thrakien gegründet wurde.[13] Diese Gesellschaft, deren Vorsitz Mustafa Kemal innehatte, war, obwohl sie weiterhin die formale Herrschaft des Sultans anerkannte, eher eine Gegenregierung, weil sie zum Beispiel auf den Sultan Druck ausübten und ihn dazu bewegten, das Parlament wieder einzuberufen. Dieses bekannte sich aber sofort zur Nationalbewegung und ihren Forderungen, was die Position des Sultans weiter zu untergraben drohte.[14] Als Folge wurde das Parlament durch britische Truppen aufgelöst und der Sultan erklärte der Nationalbewegung den letzten Heiligen Islamischen Krieg, dessen mangelnder Erfolg aber lediglich zeigte, dass die Nationalbewegung unter Mustafa Kemal nun schon die Vertretung des türkischen Volkes innehatte.[15] In dieser Zeit der großen innertürkischen Machtkämpfe fiel der Vertrag von Sèvres, den der Sultan unterschrieb und der die Aufsplitterung Anatoliens zur Folge gehabt hätte. Die aus dem Rumpfparlament und verschiedenen regionalen Vertretungen bestehende neu gebildete Nationalversammlung – im April 1920 in Ankara ins Leben gerufen – erkannte diesen Vertrag nicht an.[16] Dieser Vertag wird heute als „höchst undiplomatisch“ bezeichnet und „Mustafa Kemal würdigte das Diktat von Sèvres buchstäblich keinen Blickes“.[17] Dies zeigt die strikte Ablehnung des Vertrages, der von der Nationalversammlung nicht einmal als eine Verhandlungsgrundlage für einen späteren Frieden akzeptiert wurde.

Gleichzeitig zur innertürkischen Auseinandersetzung fand auch ein Kampf gegen eine ganze Reihe äußerer Feinde statt. Diese kriegerischen Auseinandersetzungen werden auch als „Überlebenskampf der Türkei“ bezeichnet.[18] Da die Entwaffnung des großen osmanischen Heeres sehr langsam verlaufen war und viele noch aus dem Weltkrieg stammende Waffenlager sich in Zentralanatolien befanden, waren die Widerstandskämpfer gut ausgerüstet.[19] Zum Oberbefehlshaber aller Nationalen Kampfgruppen war Mustafa Kemal schon auf dem Kongress von Sivas bestimmt worden. Der bewaffnete Kampf gegen die Besatzungsmächte verlief weitestgehend erfolgreich. Nach einem anhaltenden Partisanenkampf zogen sich innerhalb von nur zwei Monaten 1920 zuerst Italiener und dann Franzosen aus Anatolien zurück und im gleichen Zeitraum wurde gemeinsam mit der Sowjetunion, die damals schon die neue Regierung der Nationalversammlung anerkannte, das neu entstandene Armenien aufgeteilt.[20] Nachdem sich auch die Briten aufgrund der Angst vor einem langwierigen, kostspieligen Partisanenkrieg aus den Gebieten der heutigen Türkei zurückgezogen hatten, blieb einzig Griechenland als Hauptgegner übrig. Es war den Griechen inzwischen gelungen von ihrem Brückenkopf in Smyrna aus ins anatolische Hinterland vorzustoßen. Dort wurden sie aber am Fluss Sakarya von einem Heer unter Mustafa Kemal geschlagen.[21] Am 9. September 1922 marschierten die Türken schließlich nach einer weiteren entscheidenden Schlacht in Izmir ein und beendeten die Griechische Herrschaft in Anatolien. Damit stand das Gebiet der heutigen Türkei de facto unter der Kontrolle der Nationalbewegung und ihrer von Kemal geführten Armee.

[...]


[1] Udo STEINBACH, S. 9 ff

[2] Soner CAGAPTAY, S. 5

[3] Handan Nezir AKMEŞE, S.141

[4] Udo STEINBACH, S. 18

[5] Stephan MEHLBORN, S. 6

[6] Oliver PRACEIUS, S. 4

[7] Spencer TUCKER, S. 209 ff

[8] Taha PARLA & Andrew DAVISON, S. 69

[9] http://avalon.law.yale.edu/20th_century/leagcov.asp#art22

[10] Brigitte MOSER & Michael WEITHMANN, S. 79 f.

[11] Günter SEUFERT & Christopher KUBASECK, S. 81 f.

[12] Günter SEUFERT & Christopher KUBASECK, S. 82

[13] Udo STEINBACH, S. 24

[14] Günter SEUFERT & Christopher KUBASECK, S. 82

[15] Günter SEUFERT & Christopher KUBASECK, S. 82

[16] Brigitte MOSER & Michael WEITHMANN, S. 87 f.

[17] Brigitte MOSER & Michael WEITHMANN, S. 87 f.

[18] Udo STEINBACH, S. 25

[19] Brigitte MOSER & Michael WEITHMANN, S. 79

[20] Günter SEUFERT & Christopher KUBASECK, S. 82 f.

[21] Udo Steinbach, S. 26

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Gründung der Republik Türkei
Hochschule
Sciences Po Paris, Dijon, Nancy, Poitier, Menton, Havre  (IEP – Sciences Po)
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V182387
ISBN (eBook)
9783656064633
ISBN (Buch)
9783656064923
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkei, Atatürk, Kemal, Kemalismus, Islam, Kalifat
Arbeit zitieren
Julian Fitz (Autor), 2010, Die Gründung der Republik Türkei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182387

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