"Notas" zur spanischen Literatur im kritischen Werk Rubén Daríos


Seminararbeit, 2011

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Worte

2. Um

3. Wegweisend: Daríos Literaturkritik
3.1 Los Raros
3.2 España Contemporánea
3.3 Opiniones
3.4 Algunos Juicios
3.5 Semblanzas

4. Conclusio

5. Bibliographie

1. Einleitende Worte

En América hemos tenido ese movimiento antes que en la España castellana, por razones clarísimas: desde luego, por nuestro inmediato comercio material y espiritual con las distintas naciones del mundo, y principalmente porque existe en la nueva generación americana un inmenso deseo de progreso y un vivo entusiasmo, que constituye su potencialidad mayor, con lo cual poco a poco va triunfando de obstáculos tradicionales, murallas de indiferencia y océanos de mediocracia. [1]

Dieses Zitat von Rubén Darío aus dem Jahre 1899 repräsentiert die wichtigsten Themen dieser Arbeit. Auf den nun folgenden Seiten möchte ich mich mit dem kritischen Werk Daríos auseinandersetzen und insbesondere auf die Frage eingehen, wie er die kulturellen Verhältnisse Spaniens vor und nach der Jahrhundertwende darstellt. Mithilfe mehrerer Berichte, Porträts, Urteile und anderer kritischer Texte soll ein Gesamtbild seiner Meinung zur spanischen Literatur entstehen.

Einleitend möchte ich festhalten, dass Darío – als einer der Hauptvertreter des Modernismus –in seinen früheren Schriften vor allem die fehlende intellektuelle Universalität Spaniens kritisiert. Er erkennt ein nahezu vollkommenes Desinteresse an der Moderne, die in Frankreich, Deutschland, England, den USA und auch in vielen Teilen Lateinamerikas bereits den Zeitgeist beherrschte: El modernismo no fue solamente una tendencia literaria: el modernismo fue una tendencia general. Alcanzó a todo. [2]

Ich möchte daher zu Beginn einen kurzen Überblick sowohl zum Modernismus, als auch zur geschichtlichen Relevanz des Jahres 1898 bieten.

In dieser Seminararbeit soll die Entwicklung von Daríos Meinung zur Literatur Spaniens um 1900 im Allgemeinen dargestellt werden. Es wird sich zeigen, dass sein früher Pessimismus (zur Jahrhundertwende) bezüglich der spanischen Literatur, im beginnenden 20. Jahrhundert von einem zufriedenstellenden Status quo abgelöst wird. Als frühestes Werk soll an erster Stelle Los Raros (1896) behandelt werden, in welchem Darío nicht nur seine Vorliebe zur französischen Literatur preisgibt. Ebenso wird die Notwendigkeit ersichtlich, die von ihm behandelten Autoren (größtenteils Symbolisten) als Vorbilder zu betrachten.

La renovación de la filosofía y de la ciencia durante las postreras décadas, así como la hirviente agitación social y política del siglo XIX, han producido esa resplandeciente anarquía intelectual que abarca los más amplios horizontes. [3]

Während nun dieser anarchistische Individualismus weltweit immer stärkeren Ausdruck fand, verschloss sich Spanien dieser kulturellen Revolution und blieb vergleichsweise lange den akademischen, normierten Formen treu. Dieses Phänomen wird vor allem in España Contemporánea (1901) dargestellt, in welchem Darío die Dekadenz der spanischen Kultur in fast allen Bereichen verankert sieht. Als drittes Werk wird das Essay Nuevos poetas de España aus Opiniones (1906) den Wandel belegen: Darío bekennt sich zu den jungen, kosmopolitischen Lyrikern Spaniens und der erneuerten Kulturlandschaft. Darauffolgend möchte ich anhand einiger Beispiele aus den Semblanzas (1912) aufzeigen, dass sich nicht nur die Meinung Daríos geändert hat; vielmehr wird sich zeigen, dass schließlich eine Erneuerung der Lyrik auch in Spanien stattgefunden hat. Als abschließenden Text werde ich auf einen Teil von Algunos Juicios eingehen.

2. Um 1900

Trotz der unterschiedlichen innenpolitischen Spannungen (las dos Españas: agrarische vs. industrialisierte Zonen; erste Arbeiterbewegungen; zahlreiche Bürgerkriege; Wieder-einsetzung der Bourbonendynastie im Jahre 1874; systematische Wahlfälschung und personalistische Klientelbeziehungen; etc.) kam mehr oder weniger überraschend die große Krise des Systems von außen: das Kubaproblem.

Nach zehnjährigem Krieg, der erheblich zur Entwicklung eines kubanischen Nationalgefühls beitrug, gelang 1878 durch das Abkommen von Zanjón zwar eine temporäre Übereinkunft mit den kubanischen Separatisten und Autonomisten, doch stagnierte in den nachfolgenden Jahren [...] der von General Martínez Campos in die Wege geleitete Autonomieprozess, Unruhen in den Überseegebieten häuften sich, das von Antonio Maura als „Überseeminister“ eingebrachte Autonomieprojekt wurde von der Mehrheit des spanischen Kongresses abgelehnt. [4]

Gescheitert war dieser Entwurf eines Autonomiestatus für Kuba und die Philippinen vor allem an den konservativen Militärs und Politiker, da diese sich weigerten hinsichtlich der rastlosen überstaatlichen Kolonialexpansion dieser entgegenzuwirken. Weiters wurden die den Kubanern gemachten Zugeständnisse als mangelhaft empfunden, wodurch die Unabhängigkeitsbewegung weiter bestärkt wurde.

Ab dem 24. Februar 1895 (als José Martí mit dem Grito de Baire das Fanal zum Aufstand gab) kämpften die Separatisten unter der Führung des Partido Revolucionario Cubano um ihre Unabhängigkeit. Unterstütz wurden die Aufständischen von den USA, da deren sowohl wirtschaftlichen als auch geostrategischen Interessen immer mehr in den Vordergrund rückten. Während Spanien anfängliche Kaufangebote und Ultimaten der USA bewusst ignorierte, breitete sich 1896 der Aufstand auf die Philippinen aus.

Die Rolle der USA wurde immer wichtiger, da weder Spanien noch die Unabhängigkeitskämpfer eine militärische Entscheidung auf Kuba bewirken konnten. Und nachdem der US – Panzerkreuzer „Maine“ im Hafen von La Habana durch eine Detonation zerstört wurde, welche man den Spaniern anlastete, erklärten die Vereinigten Staaten am 18. April 1989 den Krieg. Innerhalb von gut drei Monaten verlor Spanien seine Überseebesitzungen, wobei vor allem die Seeschlachten von Cavite (Philippinen) und Santiago de Cuba entscheidend waren: Spanien büßte seine gesamte Kriegsflotte ein und verlor damit die letzten Reste des mächtigen Imperiums.

Im Frieden von Paris (10. Dezember 1898) musste Spanien den USA die Souveränität über die Philippinen, Puerto Rico und Guam überlassen, während Kuba formal unabhängig wurde. Die kubanische Verfassung von 1901 beinhaltete das so genannte Platt – Amendement, das die politische und militärische Abhängigkeit der Zuckerinsel von der aufstrebenden Weltmacht USA bedeutete. [5]

Damit war – vier Jahrhunderte nach ihrem Beginn – die spanische Kolonialherrschaft zu Ende; vom einstigen Weltreich blieb Nichts übrig.

Es gilt besonders zu erwähnen, dass die relevanten Folgen des Desasters von 1898 weder eine Wirtschaftskrise, noch ein anhaltendes politisches Dilemma darstellten, sondern dass der Verlust der überseeischen Besitzungen vor allem einen geistig – ideologischen Wendepunkt und eine daraus resultierende tiefe Bewusstseinskrise bedeutete.

Politischer und intellektueller Pessimismus griff um sich, Strömungen, die der so genannte Regenerationismus aufnahm; in der Literatur war dieser mit der „Generation von 1898“ verbunden. In dem ambivalenten und unpräzisen Begriff des „Regenerationismus“ manifestierte sich sowohl die Unzufriedenheit des mittleren Bürgertums mit der politischen Realität des Restaurationssystems als auch eine utopisch – reformistische Geistesströmung, die in engem Zusammenhang mit den sozioökonomischen Problemen des Landes stand. [6]

Die literarischen Grundthematiken der Achtundneunzigern waren vor allem die Kritik an Spanien (vor allem in Bezug auf das korrupte politische System, die Oligarchie und das Kazikentum) und die Erwartung einer möglichen Regenerierung des Landes, wobei hierbei nicht die Zerstörung des Systems, sondern vielmehr eine Reform mithilfe der Oberschicht erhofft wurde.[7]

Einer der wichtigsten Vertreter der Generation von 1898 ist Miguel de Unamano (1864 – 1936), dessen Werk die sozialen, politischen und kulturellen Widersprüche seiner Zeit (vor allem Christentum – Sozialismus, Tradition – Fortschritt) widerspiegelt[8].

Weiters gilt Pío Baroja (1872 – 1956) zu erwähnen, welcher als Sozialkritiker und Chronist seiner Zeit in seinem Schaffen vor allem Nietzsches Übermenschen auf seine Figuren (bzw. Inhalte) projiziert.

Der Modernismus – auch wenn er in weiterer Folge ebenso in Spanien von Bedeutung sein wird – fand seinen Ursprung in Lateinamerika. Es ist entscheidend, dass diese Bewegung als das Ende der spanischen Vorbilder in den ehemaligen Kolonien angesehen werden muss. Spanien war gegen Ende des 19. Jahrhunderts dermaßen stagniert, dass sich erstmals zuerst eine neue Poetik in Lateinamerika bilden konnte, die später Einfluss auf Spanien haben wird. Dem Modernismo zugehörig zählen als Vorläufer und gleichzeitiger Anknüpfer an die Romantik der Kubaner José Martí, als Hauptvertreter der Nicaraguaner Rubén Darío, der diese literarische Strömung auch nach Spanien getragen hatte, sowie der Bolivianer Ricardo Jaimes Freyre, die Argentinier Leopoldo Lugones und Leopoldo Díaz, als auch der Guatemalteke Enrique Gomez Carillo, u.a.

Dank Rubén Darío

América entraba por la vía de la cosmopolitización. Estaba dejando de ser provincia y, por ende, perdiendo el hábito de ser colonia. La ruptura con España alcanza a los principales autores modernistas, con excepción de Darío y de Chocano, irremisibiblmente adictos al „abuelo español“, así como „al indio chorotega o nograndano“ que llevaba dentro Darío y a sus „manos de marqués“. [9]

Wie in der Einleitung bereits erwähnt gilt es den Modernismo nicht als Schule zu betrachten, sondern als Bewegung, welche eine Modernisierung aller kulturellen Bereiche anstrebte. So betont Darío in seinem Essay Algunas notas sobre Valle Inclán:

La demostración – en los primeros momentos de nuestra lucha hispanoamericana por representarnos ante el mundo como concurrentes a una idea universal – Idea no Moda – que comenzaba a llenar de una nueva ilusión, o realización de belleza [...].[10]

Nach dem Prinzip der These – Antithese lehnten die Vertreter des Modernismo die vorherrschenden Strömungen (Costumbrismo, Realismus, Naturalismus und vor allem Romantik) ab, und versuchten durch ihr Schaffen mithilfe einer neuen poetischen Sprache (eine Erneuerung der Dichtung nach der Kunsttheorie des l´art pour l`art[11], oftmals gemischt mit politischen Aussagen[12] ) gegen diese anzukämpfen, wodurch eine neue ästhetische, lateinamerikanische und individuelle Qualität und Originalität ins Leben gerufen wurde. Hauptsächlich entstand eine lyrische Literatur, welcher sowohl thematisch mithilfe des Wirklichkeitsüberhobenen, Irrationalen und der gedanklichen Subjektivität, als auch stilistisch durch Experimente innerhalb der Syntax und Metrik eine neue Ästhetik (die Bewegung des Modernismus stellt den Bereich der Ästhetik zentral[13] ) gegeben wurde. Viele der Modernisten orientierten sich am französischen „Parnasse“, der „Décadance“ und dem sich gerade entwickelnden Symbolismus [14], welcher sich durch seine sinnliche Wahrnehmung sanfter Naturschauspiele, seine insgeheime Rivalisierung mit den Ausdruckmöglichkeiten der Musik und durch seine an Krankheit grenzende Sensibilität kennzeichnet[15]. Durch diese Hinwendung zur neuen französischen Literatur zeigten die Modernisten, dass die veralteten Normen der spanischsprachigen Literatur (man orientierte sich immer noch am Siglo de Oro und an der Romantik) Modernität nicht mehr gewährleisten konnten.

In Spanien bekam der Modernismus einen besonderen Akzent, da er als eine weitere Antwort auf das Jahr 1898 angesehen wurde. Die eigentlichen „98“ hatten sich mit der Situation auseinandergesetzt und versucht, sie durch „innere Erneuerung“ zu überwinden. Die Modernisten dagegen flohen in das Reich der Poesie, das sie als die einzige Wirklichkeit apostrophierten. [16]

Die Modernisten ersetzten das soziale Engagement der Generation von 1898 durch das Wirken von Phantasie und exotischer Träume, welche durch Synästhesie und strukturelle Spielereien zum Ausdruck gebracht wurden.

Zum ästhetischen System des Modernismus gehören die Geheimnisse der Harmonie, die Nuance, die Suggestion, was zu einer formalen Erneuerung der spanischen Dichtersprache geführt hat. Ihre auffallendsten Merkmale sind die raffinierte Verstechnik, der Rhythmus, die Musikalität sowie die Auserlesenheit von Bildern und Wörtern. [17]

Diese Merkmale, als auch die bereits erwähnten irrationalen Themen, erreichen vor allem durch den Gebrauch von metaphorischen Figuren eine Erhöhung der poetischen Aussage. Abschließend lässt sich Folgendes bemerken: die Ursprünge des Symbolismus sind bereits in der Romantik und bei Baudelaire zu suchen, Baudelaire wiederum nutzte die synästhetische Sprachmagie zur Korrespondenz zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem, jene Thematik, die auch im Modernismus stark präsent sein soll, welcher sich hingegen am Symbolismus orientiert. Es scheint daher nur zwingend, dass die Synästhesie, also das Zusammenfließen von Sinneseindrücken, ebenso im Modernismus genutzt wird, um die Wirklichkeit spürbarer zu machen: Gott ist jetzt blau [18].

[...]


[1] Darío, Rubén: España Contemporánea. Madrid: Comunidad de Madrid, 2005 (Letras madrileñas contemporáneas, 16); S. 221

[2] Schulman, Ivan A. (Hg.): Martí, Darío y el modernismo. Madrid: Editorial Gredos, 1974; S. 23

[3] Schulman, Ivan A. (Hg.): Martí, Darío y el modernismo. Madrid: Editorial Gredos, 1974; S.32

[4] Pietschmann, Horst: Geschichte Spaniens: von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Stuttgart; Berlin; Köln: Kohlhammer, 20003; S. 265

[5] Edelmayer, Friedrich: Kleine Geschichte Spaniens. Stuttgart: Reclam, 2004; S. 348

[6] Edelmayer, Friedrich: Kleine Geschichte Spaniens. Stuttgart: Reclam, 2004; S. 348

[7] Vgl.: Neuschäfer, Hans Jörg: Spanische Literaturgeschichte. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler Stuttgart, 1997; S. 310 ff.

[8] Franzbach, Martin: Geschichte der spanischen Literatur im Überblick. Stuttgart: Reclam, 1993; S. 251

[9] Sánchez, Luis Alberto: Historia comparada de las literturas americanas. III. Del naturalismo al posmodernismo. Buenos Aires: Editorial Losada, 1974; S. 162-163

[10] Darío, Rubén: Todo al Vuelo. In: Rubén Darío: Obras Completas. Tomo II – Semblanzas. Madrid: Afrodisio Aguado, S. A., 1950; S. 580

[11] Schweikle, Günther und Irmgard (Hg): Metzler Literaturlexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart: Metzler: 19902 ; S. 309

[12] Vgl.:Harmuth, Sabine: Lateinamerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Ernst Klett Verlag, 2001; S. 7

[13] Vgl.: Flasche, Hans: Geschichte der spanischen Literatur. Band 3. Stuttgart: Francke, 1989; S. 722

[14] Rössner, Michael (Hg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. Weimar: Metzler, 20022; S. 206

[15] Vgl.: Strosetzki, Christoph: Geschichte der spanischen Literatur. Tübingen: Niemeyer, 1991; S. 346

[16] Rötzer, Hans Gerd: Wege der spanischen Literatur. West – Berlin: Verlag Ullstein, 1969; S. 288

[17] Hess, Rainer: Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten. Tübingen: Francke 19893; S. 197

[18] Rötzer, Hans Gerd: Wege der spanischen Literatur. West – Berlin: Verlag Ullstein, 1969; S. 290

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
"Notas" zur spanischen Literatur im kritischen Werk Rubén Daríos
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V182474
ISBN (eBook)
9783656065296
ISBN (Buch)
9783656065487
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rubén Darío, Modernismo, Spanische Literatur, 1900, Los Raros, Espana Contemporanea
Arbeit zitieren
Silvia Freudenthaler (Autor), 2011, "Notas" zur spanischen Literatur im kritischen Werk Rubén Daríos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182474

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