Bedeutungsverlust der DDR-Punkmusik als Mittel politischer Identitätsfindung in Ostdeutschland

Fallbeispiel: Rex Joswig mit der Band Herbst in Peking


Hausarbeit, 2011

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werdegang Rex Joswig
2.1. Musikalische und politische Einflüsse der Kindheit und Jugend in Neubrandenburg
2.2. Berliner Zeit
2.3. Wendezeit

3. Der Song „Bakschischrepublik“ als Wendehymne - Rezeption

4. „Keinen Feind mehr, keine Orientierung“ - Kontextualisierung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Lied „Bakschischrepublik“ der Band „Herbst in Peking“ wurde zur Wendezeit die Hymne der DDR-Rockszene.[1]

Er war 1990 Nummer Eins der DT64 Independent Charts[2]. Innerhalb von sechs Mo­naten verkaufte die Band eigenhändig zehntausend Platten.[3] Auch andere Bands wie „Feeling B“ (später „Rammstein“), „Die Art“, „Sandow“ und „Die Skeptiker“ wurden mit der Wende deutschlandweit bekannt, spielten kurz danach aber keine große Rolle mehr. Die meisten von ihnen lösten sich bereits kurze Zeit nach der Wende wieder auf.

Auf dem Zenit Ihres Erfolges hatte der Bandleader Rex Joswig bereits einen länge­ren Weg der politischen Rebellion hinter sich. Aber auch seine Band traf dasselbe Schicksal, wie das vieler anderer Gruppen in der DDR. Vielen von ihnen kam eine bedeutende Rolle in der jugendlichen Protestbewegung der DDR zu, die nach der Wende kaum mehr zu finden war.

Ein Grundgedanke dieser Arbeit ist, dass die musikalisch Oppositionskultur in der DDR besonders aus der Reibung an den politischen Verhältnissen in einem abge­schotteten Staat schöpfte. Besonders die in den 1980er Jahren aufgekommene Punkmusik hatte das Potenzial, Mittel der Identitätsstiftung und Ausdruck von Oppo­sitionkultur in der DDR-Jugend zu sein. Das danach alles verpuffte, scheint die The­se einer „Ventilfunktion“ der Punkmusik nahezulegen. Einerseits war die Punkmusik in der DDR eine willkommene Abwechslung zur staatlich verordneten Unterhal­tungsmusik und andererseits verstanden sich sowohl ihre Akteure als auch ihre Kon­sumenten als politisch gegen das System gerichtet.

Hauptanliegen dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen wie letztlich gerade die DDR- typi­schen Einflüsse bzw. der Verlauf der Geschichte in den 1980er Jahren Rex Joswig als erfolgreichen Vertreter der Punk-Bewegung zum Erfolg führte und in der Nachwendezeit zum Mißerfolg.

Hinsichtlich der Gliederung liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf einer detaillierten und anekdotenhaften Schilderung von Rex Joswigs Werdegang im zweiten Kapitel. Dabei soll das Leben und der politische Werdegang von Rex Joswig skizziert wer­den, wobei es aufzuzeigen gilt, welche Einflüsse es gab und wie die sich verändern­de politische Lage das Werk der Band bestimmte. Kapitel drei betrachtet den Song „Bakschischrepublik“ als Wendehymne und den anschließenden Wegfall des politi­schen Gegners. Ziel ist es dabei, Aspekte der Rezeption auf beiden Seiten der Mau­er zu beleuchten, als „Herbst in Peking“ auf dem Zenit ihres Erfolgs waren. Das vie r­te Kapitel soll dies im Sinne der Grundannahme dieser Arbeit - dass, als nichts mehr da war, wogegen man opponieren konnte, der DDR-Punk als Protestkultur zwangs­läufig auch untergehen musste - zusammenfassend kontextualisieren. Versucht werden soll dabei, die These von der engen Verknüpfung des Erfolges mit dem Un­tergang der DDR aufzuzeigen und Gründe herauszuarbeiten, die später für den all­gemeinen Niedergang solcher Bands sorgten.

Als Quellenmaterial diente mir hauptsächlich ein zwei einhalb stündiges Interview.. Als weitere Quellen verwendete ich vorwiegend Texte, Bilder und Videos, die frei im Internet zugänglich sind.

Durch den hauptsächlichen Bezug auf das Interview und die verfügbaren Pressearti­kel, ist die Arbeit auf ein interessantes Schlaglicht der damaligen Ereignisse begrenzt und hauptsächlich auf die Person Rex Joswig bezogen. Die Arbeit erhebt daher kei­nen Anspruch auf Vollständigkeit oder historische Genauigkeit. Vielmehr soll sie stellvertretend für viele Punkbands der DDR das damalige Stimmungsklima und die damaligen Einflüsse Rex Joswigs wiedergeben.

2. Werdegang Rex Joswig

2.1. Musikalische und politische Einflüsse der Kindheit und Jugend in Neu­brandenburg

Joswigs Kindheit und Jugend wurde musikalisch durch mehrere Dinge geprägt. Ab der dritten Klasse bekam er Russischunterricht in einer sogenanten R-Klasse[4]. Die Russischlehrerinnen waren Offiziersfrauen, die er sehr mochte und die seine Liebe speziell zu russischen Liedern erweckten. So sang er im Interview spontan ein russi­sches Lied[5]. Den deutschen Musikunterricht hasste er aber, weil er die Lieder aus den Musikbüchern nicht mochte[6].

Später sagt er: „Rock dominiert mein Leben seit einer Nacht im Jahr 1973 als ich im Röhrenradio den Song Radioaktivität von Kraftwerk hörte[7].“ An anderer Stelle sagt er, dass er besonders „THE DOORS“ aber auch Jazz immer schon mochte.[8] Und er erinnert sich, wie er an einem Nachmittag als vielleicht 15-Jähriger frustriert von der Schule kam und das Radio einschaltete. Damals hörte er ausschließlich den Westberliner Radiosender „SFB2“. Der Moderator sagte „hier ist was Neues von der Insel, sie nennen es Punk und dann kam „god save the queen“[9] von den „Sex Pis­tols“, wie eine absolute Dampfwalze! Eigentlich hätte er um 16 Uhr wieder zurück in der Schule sein müssen, um einen FDJ-Termin wahrzunehmen aber er ist dann dort nicht hingegangen. Solche "Kleinigkeiten" führten dann später, nach Beendigung der elften Klasse dazu, dass er von der Schule verwiesen wurde[10]. Die Relegierung wur­de von Margot Honecker persönlich unterschrieben[11]. Danach sollte er sich in der sozialistischen Produktion bewähren. Die ihm zugewiesene Ausbildungsstelle lehnte er aber ab und ging für ein Jahr in der Oberlausitz in eine kirchliche Behindertenein­richtung. Das war ein „Break vor dem Herrn“[12], denn er kam aus einem übertrieben sozialistischen Schulumfeld nun plötzlich in eine ganz andere Welt. Joswigs Äusse­rungen legen nahe, dass er hier erstmals auch Leute aus der damaligen Oppositi­onsbewegung der DDR kennenlernte.

Als weiteres einschneidendes musikalisches Erlebnis beschreibt er seine Arbeit als Schüler im Reparaturwerk Neubrandenburg (RWN) im Rahmen des Unterrichtsfachs Produktive Arbeit[13]. In diesem Werk wurden Panzerketten regeneriert und als Schü­ler hatte er einmal morgens um 6 Uhr die Aufgabe Ketten zu feilen, was er als sinn­los und frustrierend empfand. Als Rettung und Kontakarierung seiner Tätigkeit, kam genau zu diesem Zeitpunkt, im Radio (wieder „SFB2“) von“ The Ramones“ der Song „Blitzkrieg Bop“.[14]

2.2. Berliner Zeit

Nach dem Jahr in der Oberlausitz ging Joswig neunzehnjährig nach Berlin. Joswig wörtlich: „der einzigen Stadt in der man leben konnte“. In einem Bulgarienurlaub hat­te er Berliner kennengelernt, die er inspirierend fand, zudem hatte seine Freundin einen Onkel in Berlin. Dieser Onkel, „ein hohes Tier in der Bekleidungsbranche“ hatte eine Wohnung in einem Hochhaus an der Jannowitzbrücke, die er gerade nicht be­nötigte und die er den beiden zur Verfügung stellte. Am Morgen des 07. Oktobers wurde er hier von Panzern der Militärparade zum Tag der Republik geweckt, damals dachte er schon, der dritte Weltkrieg wäre ausgebrochen. Im Winter 1981/82 besetz­te er eine leerstehende Wohnung in der Prenzlauer Allee. Nachts stahl er dann Koh­len, weil er nicht an die damals üblichen Kohlenkarten kam. Er fand einen Job bei der Volkssolidarität. Er klopfte dann verschiedene Szenen ab, besonders beeindruckend fand er den Südstaatenrockkreis, der Riesenpartys in Grünau feierte. Man hatte dort Konföderierten-Flaggen, Jim Beam und hörte „Lynyrd Skynyrd“ and „The Outlaws“.

[...]


[1] Vgl.: Wikipedia, Herbst in Peking, URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Herbst in Peking, [Stand:28.03.2011]

[2] Vgl.: RBB, Chronik der Wende, DDR-Indie-Charts "DT64 Parocktikum, 01.01.1990 URL: http://www.chronikderwende.de/kulturspiegel_jsp/key=ks1.1.1990.html, [Stand:28.03.2011]

[3] Vgl.: Schulz, Jürgen: Interview Rex Joswig, 2009, T :01:44:30 Seite 3

[4] Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Schule_mit_erweitertem_Russischunterricht

[5] Vgl.: Schulz, Jürgen Interview Rex Joswig, 2009, T :00:39:25

[6] Vgl.: Schulz, Jürgen Interview Rex Joswig, 2009, T :00:38:50

[7] Joswig, Rex zit. nach: Schulz, Jürgen, Interview Rex Joswig, 2009, T :00:11:57

[8] Vgl.: Schulz, Jürgen Interview Rex Joswig, 2009, T:00:19:25

[9] Vgl.: Schulz, Jürgen, Interview Rex Joswig, 2009, T:00:14:10

[10] Vgl.: Schulz, Jürgen, Interview Rex Joswig, 2009, T:00:14:10

[11] Vgl.: Schulz, Jürgen, Interview Rex Joswig, 2009, T :00:01:45

[12] Joswig, Rex zit. nach: Schulz, Jürgen, Interview Rex Joswig, 2009, T:00:02:58

[13] Vgl.: Schulz, Jürgen, Interview Rex Joswig, 2009, T :00:25:40

[14] Vgl.: Schulz, Jürgen, Interview Rex Joswig, 2009, T:00:25:40

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Bedeutungsverlust der DDR-Punkmusik als Mittel politischer Identitätsfindung in Ostdeutschland
Untertitel
Fallbeispiel: Rex Joswig mit der Band Herbst in Peking
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Department für Medien- und Kommunikationswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V182481
ISBN (eBook)
9783656066170
ISBN (Buch)
9783656084655
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rex Joswig, Herbst in Peking, DDR, Punkmusik, politische Identitätsfindung in Ostdeutschland
Arbeit zitieren
Dipl.Kfm.(FH) Guido Plonski (Autor), 2011, Bedeutungsverlust der DDR-Punkmusik als Mittel politischer Identitätsfindung in Ostdeutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182481

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