Der Einzug des evolutionstheoretischen Ansatzes in die Emotionspsychologie


Hausarbeit, 2005
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Charles Darwin in Bezug auf die Emotionspsychologie
2.1 Das Werk: The Expression of Emotions in Man and Animal
2.2 Darwins Thesen
2.3 Der Einfluss der Thesen Darwins auf die moderne Psychologie .

3. William McDougalls Emotionspsychologie
3.1 Das Werk: Social Psychology
3.2 McDougalls Thesen
3.3 Der wissenschaftliche Einfluss der Thesen McDougalls in der Gegenwart

4. Schluss

5. Anlagen

6. Literatur

1. Einleitung

Nach Dieter Ulichs Definition hat die Emotionspsychologie die Frage zu klären, wie E. [Emotionen] innerhalb eines ganzheitlichen, dynamischen und zeiterstreckten Geflechts von Stimmungen, Zielsetzungen, Gefühlen, Informationverarbeitungsprozessen und Handlungen überhaupt als eigene Klasse von psychischen Phänomenen isoliert werden können. Auf der Ebene alltäglichen Erlebens und Handelns bezeichnen Begriffe wie E. [Emotion] oder Motiv einander ergänzende Aspekte eines einheitlichen psychischen Geschehens, aus dem man für bestimmte theoretische Teilkomponenten abstrahierend herauslösen und einer gesonderten Betrachtung machen kann.1

Eine Komponente, die in diesem Sinn eingehender betrachtet werden kann, ist der Zweck einer Emotion: Welchen Nutzen haben Emotionen für den Men- schen? Sind selbst Gefühle wie Traurigkeit oder Ekel sinnvoll? Diese Fragen werden von den Evolutionsforschern behandelt. Sie untersuchen Handlungen vor allem auf die Frage hin, wieso sich eine bestimmte Ausprägung - wie zum Beispiel ein psychologischer Mechanismus - in der Evolution durchsetzen konnte (einen Reproduktionsvorteil bot). Vordenker für diese Sichtweise war Charles Darwin, welcher sich nicht nur allgemein mit den Ursachen und Folgen der Evolution auseinandersetzte,2 sondern sich auch im Speziellen mit den menschlichen Emotionen befasste.3 Obgleich Darwins Werk nicht das einzige Werk war, welches evolutionstheoretische Ansätze mit psychologischen Er- kenntnissen verband, steht ihm aufgrund seiner Wirkungsgeschichte ein be- sonderer Platz zu.

Während die evolutionstheoretischen Ansätze (außerhalb der Biologie), wie auch die Emotionspsychologie beinahe zeitgleich nach der Jahrhundertwende Der Einzug des evolutionstheoretischen Ansatzes in die Emotionspsychologie an Bedeutung einbüßten, erlebten beide seit den sechziger Jahren eine wahre Renaissance.4 Um die Wiederentdeckung dieser Forschungsrichtungen ver- stehen zu können, ist es erforderlich, sich eingehender mit den Klassikern die- ses wissenschaftlichen zu befassen. Die vorliegende Arbeit hat es sich daher zum Ziel gesetzt den wissenschaftlichen Ansatz des Klassikers des evolutions- theoretischen Ansatzes in der Emotionspsychologie „The Expression of Emoti- ons in Man and Animal“ aus dem Jahr 1872 zu skizzieren und ihm McDougalls 1908 entstandene „Social Psychology“5 entgegenzustellen. Auf diese Weise werden die Forschungsansätze und die Kernthesen der Vertreter des evoluti- onstheoretischen Ansatzes dargestellt, anhand von Beispielen verdeutlicht und anschließend aus Sichtweise des aktuellen Forschungsstandes bewertet wer- den.6 Dabei soll schließlich die Frage beantwortet werden, welchen Nutzen der evolutionstheoretische Ansatz in der modernen Psychologie haben kann.

2. Charles Darwin in Bezug auf die Emotionspsychologie

2.1 Das Werk: The Expression of Emotions in Man and Animal

Darwins drittes Werk „The Expression of Emotions in Man and Animal” ist der Klassiker der evolutionären Betrachtungsweise der Psychologie. Die dem weit verbreiteten Werk zugrunde liegende Notizensammlung war ursprünglich als Kapitel in „Descent of Man“ gedacht, da diese jedoch zu umfangreich wurde, gestaltete Darwin daraus ein eigenes Werk.7 Darwins Werk widmet sich vor- nehmlich drei Perspektiven des menschlichen Emotions- und Gesichtsaus- drucks:

- der Universalität des menschlichen Emotions- und Gesichtsausdrucks, Der Einzug des evolutionstheoretischen Ansatzes in die Emotionspsychologie
- den Gemeinsamkeiten des menschlichen mit dem tierischen Ausdruck von Emotionen
- und schließlich der Entstehungsprinzipien derselben

Darwin gelangt zu seinen Ergebnissen indem er Beobachtungen über verän- derte Mimik und Gestik in bestimmten Situationen festhält8 und diese Ver- suchspersonen zur Bestimmung und Beurteilung vorlegte. Darüber hinaus er- weitert er seine Untersuchungen um einen interkulturellen Vergleich9 und den Vergleich von Verhaltensweisen und Emotionsweisen von Menschen und Tie- ren. Einen besonderen Stellenwert haben die Beobachtungen von Kindern, Geisteskranken und blinden Menschen erhalten, deren (im Falle der Kinder) sich in der Entwicklung befindliche oder (im Falle der Behinderten) unterentwi- ckelte emotionale Ausdrucksweise als Gegenstück zu sonst üblichen Emoti- onsformen verstanden wurde. Anhand der Gegenüberstellung sucht Darwin die Unterschiede und daraus resultierend, die Entwicklung des menschlichen Emotionen zu erklären.

Darwins Vorgehen, welches in späterer Zeit immer wieder Nachahmer findet, ging stets einher mit der Bemühung, eine möglichst breite empirische Grund- lage für getroffene Aussagen zu finden, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen.

2.2 Darwins Thesen

Emotionen werden nach Darwins Überzeugung durch kognitive Einschätzungen ausgelöst.10 Diese Emotionen schlagen sich in Gewohnheiten (Gestiken, Mimiken, im Tonfall und in physiologischen Veränderungen) nieder, die Darwin nach drei verschiedenen Prinzipien unterscheidet:

1. Dem Prinzip zweckmäßiger assozierter Gewohnheiten

Darwin erklärt an dieser Stelle, dass manche komplizierte Handlungen „unter gewissen Seelenzuständen von direktem oder indirektem Nutzen [sind], um gewisse Empfindungen, Wünsche usw. zu erleichtern oder zu befriedigen.“11 Sobald derselbe Seelenzustand hergestellt sei (wenngleich auch nur in schwa- cher Form), sei die Neigung vorhanden, dieselben Bewegungen auszuführen, welche zu dem beschriebenen Nutzen dienen; selbst dann, wenn sie in der augenblicklichen Situation völlig nutzlos seien. Das Phänomen erklärt er mit der „Macht der Gewohnheit“, die insbesondere bei Muskeln zum tragen komme, welche am wenigsten der besonderen Kontrolle des Willens stünden.12 Bei- spielsweise reibe sich „der gemeine Mann“ häufig die Augen, wenn er in Ver- wirrung gerate, als ob er eine unbequeme Empfindung spüren würde. Darwin erklärt, dass insbesondere die Augen besonders leicht durch Assoziationen unter verschiedenen Seelenzuständen beeinflusst werden würden, obgleich sie zumeist die eigentliche Ursache des Seelenzustandes nicht zu fassen ver- mögen.13

Darwins Theorie, dass sich Nervenzellen physikalisch verändern, wenn diese häufig verwendet werden, hat sich als richtig erwiesen. Tatsächlich lassen sich bestimmte Bewegungen einstudieren, bis diese reflexartig (und somit unbewusst) ausgeführt werden können.14 Auch räumt Darwin ein, dass einige dieser gewohnheitsmäßigen Bewegungen durch den Willen unterdrückt werden könnten, dieses Unterdrücken in manchen Fällen jedoch zu anderen ausdrucksvollen Gesten und Mimiken führen könne.

2. Dem Prinzip des Gegensatzes:

Das zweite Prinzip, baut auf dem ersten auf:

Gewisse Seelenzustände führen zu bestimmten gewohnheitsmäßigen Handlungen, welche, nach unserem ersten Prinzip, zweckmäßig sind. Wenn nun ein direkt entgegengesetzter Seelenzustand herbeigeführt wird, so tritt eine sehr starke und unwillkürliche Neigung zur Ausführung von Bewegungen einer direkt entgegengesetzter Natur ein, wenn auch dieselben von keinem Nutzen sind, und derartige Bewegungen sind in manchen Fällen äußerst ausdrucksvoll.15

3. Dem Prinzip der Abhängigkeit der Handlungen von dem Nervensystem:

Das letzte Prinzip, welchem Darwin den umfangreichen und bezeichnenden Namen „Das Prinzip, daß Handlungen durch die Konstitution des Nervensys- tems verursacht werden, von Anfang an unabhängig vom Willen und in einem gewissen Maße unabhängig von Gewohnheit“16 erhielt, bezieht sich auf die Tä- tigkeit des Nervensystems. Werde auf die Empfindung17 eines Menschen (ei- nes Lebewesens) ein starker Reiz ausgeübt, so führe dieser Reiz zu einer Re- aktion. Diese Reaktion sei auf Gewohnheit (Kondition), wie auch auf angebo- rene Reflexe zurückzuführen.

Die drei beschriebenen Prinzipien bilden die Grundlage für Darwins Theorie der Emotionen. Dabei ist anzumerken, dass die formulierten „Gewohnheiten“, keineswegs mit dem herkömmlichen Verständnis von Gewohnheiten gleichzu- setzen sind. Bezogen auf die Emotionspsychologie sind die beschriebenen „Gewohnheiten“ als Ausdrucksformen von Emotionen zu verstehen. Diese Ausdrucksformen entstehen, im darwinschen Sinn, als Reaktion auf Emotionen, welche wiederum durch kognitive Einschätzungen ausgelöst werden. Diese Ausdrucksformen reichen von steuerbaren bis zu nicht-steuerbaren Aus- drucksformen - von Mimik, Gestik, Tonfall bis hin zu physiologischen Verände- rungen, wie Schweißausbrüche, das Aufstellen von Nackenhaaren etc.. Man- che dieser Emotionsausdrücke und deren Bedeutung (wie z.B. das Lächeln)

[...]


1 Siehe ULICH, DIETER: Emotion. In: ASANGER, ROLAND; WENNINGER, GERD (Hrsg.): Handwörterbuch Psychologie. Weinheim, Augsburg 2000, S. 127.

2 Vgl. DARWIN, CHARLES: Die Entstehung der Arten, übersetzt von NEUMANN, CARL W.. Stuttgart 1980.

3 DARWIN, CHARLES: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Ti e- ren. Kritische Edition, Einleitung, Nachwort und Kommentar von Paul Ekman, übersetzt von CARUS, JULIUS VICTOR; ENDERWITZ, ULRICH. Frankfurt am Main 2000.

4 EULER, HARALD A.: Evolutionstheoretische Ansätze. In: OTTO, JÜRGEN H.; EULER, HARALD A.; MANDL, HEINZ (Hrsg.): Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Weinheim 2000, S. 45-63.

5 McDougall, William: Grundlagen einer Sozialpsychologie, 14. Auflage, übersetzt von KAUTSKYBRUNN, GERDA. Jena 1928.

6 Die Darstellung des aktuellen Forschungsstandes basiert vor allem auf den Arbeiten Harald A. Eulers (EULER, HARALD A.: Evolutionstheoretische Ansätze. In: OTTO, JÜRGEN H.; EULER, HA- RALD A.; MANDL, HEINZ (Hrsg.): Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Weinheim 2000, S. 45 63.) und Philip G. Zimbardos (ZIMBARDO, PHILIP G.: Psychologie, 6. bearbeitete und erneuerte Ausgabe, übersetzt von KELLER, BARBARA. Berlin et al. 1995).

7 Vgl. EULER, HARALD (2000), S. 45-46.

8 Dies konnte in fotografischer, in gezeichneter oder auch in deskriptiver Form geschehen. „The Expression of Emotions in Man and Animal“ war eines der ersten wissenschaftlichen Werke, in welchem Fotografien eine tragende Bedeutung erhielten (siehe Anlage 1). Neben der Fotografie fanden auch realistische Zeichnungen Einzug in das Buch (siehe Anlage 2). Darüber hinaus schilderte Darwin seine Beobachtung über Veränderungen in Gestik und Mimik in sehr sachli- cher Weise, wobei er einen genauen Sachverstand der Anatomie bewies (siehe Anlage 3). So beschrieb er die Veränderungen des Gesichtsausdruckes eines Kindes, Augenblicke bevor es weint, folgendermaßen: Wenn Kinder schreien oder in Weinen ausbrechen, so ziehen sie, wie wir wissen, die Pyramidenmuskeln zusammen, [der Beschreibung folgt dann die evolutionstheo- retische Deutung:] ursprünglich zu dem Zwecke, ihre Augen zusammenzudrücken und sie hier- durch von einer Blutüberfüllung zu schützen, später dann aus Gewohnheit. […] Siehe DARWIN, CHARLES (2000), S. 209.

9 Zu diesem Zweck legte Darwin seine Emotions-Abbildungen Menschen aus verschiedenen Kulturen vor und ließ den Befragten einschätzen, ob es sich bei dem gezeigten Gesichtsausdruck etwa um Angst, Abscheu/Ekel, Freude etc. handele.

10 EULER, HARALD A. (2000), S. 46.

11 DARWIN, CHARLES (2000), S. 36.

12 Vgl. ebenda, S. 36.

13 Ebenda, S. 40-41.

14 Darwin führt zur Veranschaulichung vor allem Beispiele aus dem Tierreich an, die an dieser Stelle nicht weiter dargestellt werden sollen.

15 Siehe ebenda, S. 36.

16 Siehe ebenda, S. 37.

17 Vgl. ZIMBARDO, PHILIP G. (1995), S. 159f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Einzug des evolutionstheoretischen Ansatzes in die Emotionspsychologie
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Emotionspsychologie (42.643)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V182588
ISBN (eBook)
9783656061847
ISBN (Buch)
9783656061564
Dateigröße
1743 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Evolution, Evolutionspsychologie, Psychologie, The Expression of Emotions in Man and Animal, Gestik, Mimik, Charles Darwin, Darwin, Zimbardo, McDougall, Scham, Sozialpsychologie, Gefühle, Social Psychology, Dieter Ulich, Gemütsbewegungen, Basisemotion, zweckmäßig assoziierte, Emotion, Gesichtsausdruck, angepasst, Klassiker, Ekel, Trauer
Arbeit zitieren
M. A. Aaron Faßbender (Autor), 2005, Der Einzug des evolutionstheoretischen Ansatzes in die Emotionspsychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182588

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