Dissoziation contra Einbindung: Wie viel Welthandel braucht nationale Entwicklung?

Marktabschottung, Erziehungszölle und Importsubstitution - die Perspektiven der 'dependencia' und der neoklassischen Außenhandelstheorie im Vergleich


Seminararbeit, 2003
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zu den Grundzügen der Dependenztheorie: handelspolitische Autarkie als notwendige Bedingung für eigenes Binnenwachstum
2.1 Der dependenztheoretische Kernbefund: strukturelle Abhängigkeit der Entwicklungsländer
2.2 Der Erziehungszoll-Gedanke als zentrales Strategieelement der Dependenztheorie
2.3 Wirkungen der Protektion: von der Importsubstitution zur Exportdiversifikation?

3 Die neoliberale Perspektive: Handelsbeschränkungen als Hemmnisse von Entwicklungsprozessen
3.1 Die Position der neoklassischen Außenhandelstheorie
3.2 Neue Ansätze: der handelsregulative Policy Mix und die „strategische Handelspolitik“

4 Weltmarktliche Dissoziation aus Sicht der Empirie: das Beispiel Taiwan

5 Fazit: Für und wider das Rigorosum der Teilzeit-Abkoppelung

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

Abkürzungen

Anhang: Zur Funktionsweise eines Importzolls (partialanalytische Betrachtung; importierendes Entwicklungsland)

„Vermutlich ist die globale wirtschaftliche Integration [...] die einzige Chance

der Menschheit überhaupt, ihre wachsenden Konflikte zu überwinden.

Der entscheidende Punkt ist aber, wer darüber bestimmt,

mit welchen Maßnahmen in welcher Reihenfolge diese Integration erfolgt.“

(Harald Schumann, Die wahren Globalisierungsgegner oder: Die politische Ökonomie des Terrorismus; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 13-14/2003, S. 29)

1 Einleitung

Die Dependenztheorie galt von den späten 1960er bis zu den frühen 1980er Jahren als ein bestimmendes Paradigma auf dem Gebiet der Nord-Süd-Beziehungen (vgl. Menzel 1991: 7-9; Randall/Theobald 1998: 120ff.). Sowohl die theoretischen Fundierungen des Dependencia -Konzepts als auch die zahlreichen Versuche seiner empirisch-praktischen Verifikation gingen dabei weit über den klassischen Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften hinaus: Neben Politologen, Soziologen und Historikern befassten sich auch Ethnologen und Kulturwissenschaftler sowie - nicht zuletzt - eine Vielzahl von Entwicklungsökonomen mit den Prämissen und Implikationen der sich etablierenden Großtheorie, die im akademischen Diskurs über die Ursachen von Entwicklung bzw. Unterentwicklung bald in direkte Konkurrenz zu der bis dato tonangebenden Modernisierungstheorie[1] treten sollte (vgl. Basu 2003: 149ff.).

Im Unterschied zu solchen Mikroansätzen, die das Phänomen der Unterentwicklung weitgehend auf endogene Faktoren innerhalb des jeweils rückständigen Landes zurückzuführen suchten[2], postulierten die Vertreter der dependenztheoretischen Schule[3] eine strukturell bedingte Abhängigkeit der unterentwickelten Länder von der industrialisierten „Ersten Welt“, deren Ursache in der erzwungenen Einbindung der peripheren, sektoral wenig ausdifferenzierten „Dritte-Welt“-Volkswirtschaften in das kapitalistische Weltsystem und insbesondere in einen schrankenlosen Weltmarkt zu sehen sei.[4]

Der Charakter der Dependencia -Forschung war von Beginn an ein multidisziplinärer. Dennoch zeichnete sich schon früh die Verwendung einer primär wirtschaftswissenschaftlichen Herangehensweise und eines marktanalytischen Methoden-Sets ab, auf deren Basis etliche Ökonomen entwicklungspolitische Strategien formulierten, um der zunehmenden Verarmung in den Entwicklungsländern (EL) beizukommen – eines Trends, den manche von ihnen auch und vor allem mit dem Transfer von Ressourcen, Naturkapital und Wissen in die Industrieländer (IL) in Verbindung brachten. Diese Analysen hatten zunächst noch modernisierungstheoretisch inspirierte, auf endogene Entwicklungsblockaden rekurrierende Vorstellungen zum Gegenstand[5], wurden aber schon bald durch die Einbeziehung von Aspekten des internationalen Handels ergänzt. Im Rahmen der außenhandelstheoretischen Analyse von Entwicklungshemmnissen wiederum kristallisierte sich zu Beginn der 1970er Jahre ein besonderes Konzept heraus, das über einen hohen heuristischen Anschauungswert und - aus Sicht der meisten EL - über eine große politische Suggestivkraft verfügte: die Strategie der Importsubstitution (IS) und Exportdiversifikation (ED)[6], d.h. die durch Erhebung von Importzöllen gesteuerte Abschottung des jeweiligen Heimatmarktes zum Aufbau einer autarken Industrie einerseits und die massive Ausweitung staatlicher Investitionsprogramme zum Aufbau einer diversifizierten, international konkurrenzfähigen Branchenvielfalt andererseits.

Obgleich die Blütezeit der dependencia als sozialwissenschaftliche Großtheorie aus Sicht zahlreicher Autoren seit Beginn der 1980er Jahre vergangen ist[7] und seither das Freihandelsprinzip auch in Bezug auf entwicklungstheoretische und -politische Zusammenhänge nahezu unangefochten zu sein scheint, verfügt das dependenztheoretische Teilkonzept der IS in einigen Wirtschaftsregionen der Welt nach wie vor über eine hohe Aktualität.[8] Die vorliegende Arbeit möchte daher der Frage nachgehen, zu welchen unterschiedlichen Bewertungen der Strategie der IS die Dependenz- und die neoklassische Außenhandelstheorie gelangen und anhand welcher methodischen Maßstäbe diese Bewertungen erfolgen. Die folgende Analyse kann dabei lediglich das Teilkonzept der IS unter Berücksichtigung realer Gütermärkte ins Augenmerk nehmen; alternative denkbare Untersuchungsschwerpunkte - etwa zu den Möglichkeiten einer zeitweiligen Abkoppelung einzelner EL von den globalen Finanz- und Kapitalmärkten[9] oder zu den vermuteten Kausalbeziehungen zwischen Dependenz und Verschuldung - können aus Gründen der thematischen Stringenz nicht näher verfolgt werden.[10]

Zunächst werden die theoretischen Grundlagen des Konzepts der IS aus Sicht der Dependenztheorie in knapper Form dargelegt (Abschnitt 2). Dies geschieht mit Hilfe einer textanalytischen Durchsicht zentraler Beiträge zur dependencia aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren. Hierauf folgt eine kurze Analyse der seit den 1980er Jahren maßgeblichen neoklassisch-neoliberalen Schule einschließlich ihrer Beurteilung der IS (Abschnitt 3), wobei sich die Darstellung an wirtschaftswissenschaftlichen Texten zur Außenhandelstheorie und Methoden der graphischen Analyse von Marktzutrittsbarrieren (siehe Anhang) orientiert. Abschnitt 4 liefert eine empirische Einzelfallstudie zur praktischen Anwendung des Konzepts der weltmarktlichen Dissoziation. Abschnitt 5 fasst die gewonnenen Erkenntnisse abschließend zusammen.

2 Zu den Grundzügen der Dependenztheorie: handelspolitische Autarkie als notwendige Bedingung für eigenes Binnenwachstum

Mit der Formulierung der grundlegenden Annahme einer (ökonomisch wie kulturell bedingten) strukturellen Abhängigkeit der „peripheren“ EL von den kapitalistischen „Zentren“ der industrialisierten Welt begann die Dependenztheorie gegen Ende der 1960er Jahre weltweit, in Universitäten und Forschungseinrichtungen als intellektuelles Leitmotiv Fuß zu fassen (vgl. Business Week, Nr. 3728 [16.04.2001]: 20). Als Vordenker und gleichsam „Vater“ des in Südamerika entwickelten Ansatzes, nach dem die Unterentwicklung der „Dritten Welt“ als die „logische Folge eines Nord-Süd-Gefälles“ (Handelsblatt, Nr. 84/2000: 51) aufgefasst wird, gilt der Soziologie-Professor und spätere brasilianische Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso.[11] Im Gegensatz zu ihren späteren, bürgerlich-nationalistischen Adaptionen (vgl. Wöhlcke 1988: 59; Sautter 1977: 65; 89-91) wies die ursprüngliche Variante der dependencia eine klare marxistische Stoßrichtung sowie - damit verbunden - eine historisch-dialektisch argumentierende Grundhaltung auf.[12]

2.1 Der dependenztheoretische Kernbefund: strukturelle Abhängigkeit der Entwicklungsländer

Der Hauptbefund der Dependencia -Theorie, die unterstellte „Perpetuierung von Unterentwicklung“ durch die Strukturen des Welthandelssystems (vgl. Cardoso/Faletto 1976: 188ff.; Menzel 1991: 6), findet seine Begründung vor allem in der sektoral unausgewogenen Wirtschaftsstruktur der EL. Demnach steht die mehrheitliche Produktion von Primärgütern und natürlichen Rohstoffen in der peripheren[13] „Dritten Welt“ der mehrheitlichen Produktion industrieller Fertigwaren in der metropolitanen „Ersten Welt“ gegenüber, wobei letztere die Primärgüterausstattung der EL langfristig absorbiert und die „Dritte Welt“ somit von der eigenen materiellen Basis abschneidet (vgl. ebd.: 24-25; Balleis 1988: 128-130). Die internationale Arbeitsteilung wird mithin als Ursache für die Unterentwicklung der „Dritten Welt“ identifiziert (vgl. Menzel 2001: 197) - ein steter Kapitalgewinntransfer und „net flow of resources from most southern nations to the north“ (Broad/Melhorn Landi 1996: 7) seien die unabwendbaren Folgen.[14] Überdies bringe die Abhängigkeit der „Dritten“ von der „Ersten“ Welt eine strukturelle Heterogenität der betroffenen Gesellschaften, d.h. eine auf Dauer festgeschriebene soziale Marginalisierung einzelner Bevölkerungsschichten, mit sich (vgl. Bohnet 1988: 59).

Bezüglich der entscheidenden volkswirtschaftlichen Bedeutung, die Rohstoffe und Primärgüter in den EL innehaben, stellen mehrere Autoren eine Unmöglichkeit des Abstreifens jener traditionellen Produktionsstrukturen und damit die Aussichtslosigkeit einer effektiven binnenwirtschaftlichen Diversifizierungsstrategie fest. Die afrikanischen Länder – darunter in besonders krasser Weise Mauretanien, der Tschad sowie São-Tomé und Príncipe – seien hiervon besonders betroffen und somit regelrecht „Gefangene ihrer Rohstoffabhängigkeit“ (Handelsblatt, Nr. 39/2000: 52). Trotz zwischenzeitlicher Koordinationserfolge auf der Süd-Süd-Ebene[15] wurden einige EL im Laufe der 1990er Jahre sogar zu Nettorohstoffimporteuren (vgl. ebd.). Der Grund für die auch handelspolitisch hohe Rohstoffabhängigkeit der EL wurde von der ökonomischen Theorie zumeist mit dem Konzept der degenerierenden Terms of Trade (ToT)[16] erklärt, also durch die Persistenz ruinöser Rohstoffmärkte, eine (zu) geringe Einkommenselastizität der Weltnachfrage nach Rohstoffen (vgl. Maennig/Wilfling 1998: 306) sowie die rückläufige relative Kaufkraft von Rohstoffen gegenüber Industrieerzeugnissen im internationalen Handel (vgl. Basu 2003: 98-99). Die langfristige Passivierung der Leistungsbilanzen der EL gegenüber denen ihrer Handelspartner aus den IL, zyklische Schwankungen der Exporterlöse der EL und eine einseitige Verschiebung der Weltwohlfahrt zugunsten der IL seien die zwangsläufigen Folgen (vgl. Maennig/Wilfling 1998: 308-309; Hemmer 2002: 296ff.; Bae 1990: 27ff.).[17]

Wenn die dependenztheoretische Logik also zutraf, dann konnte eine Überwindung der konstatierten Abhängigkeitsstrukturen nur gelingen, indem sich die EL durch einen bewussten politischen Willensentscheid aus ebendiesen zu lösen versuchten.[18]

2.2 Der Erziehungszoll-Gedanke als zentrales Strategieelement der Dependenztheorie

Wie konnte eine solche Strategie der Abkoppelung von den dominanten Strukturen des Welthandels nun in die politisch-praktische Realität übertragen werden? Die maßgeblichen Ideen hierzu entwickelte der deutsche Nationalökonom Friedrich List mit seinem Konzept der Erziehungszölle (vgl. Menzel 1992: 155-156; Bae 1990: 33ff.; Basu 2003: 87). Der grundlegende Ansatz besteht dabei in der Erhebung eines „erzieherischen“ Zolls auf solche ausländischen Konkurrenzerzeugnisse, deren industrielle Produktionsbasis im Inland erst schrittweise entwickelt werden muss. Der Erziehungszoll übernimmt die Funktion der binnenmarktlichen Protektion gegenüber dem Ausland - allerdings nur in Gestalt einer temporär wirksamen sowie sektoral selektiven Second-Best -Lösung und nur solange, bis die inländische Industrie hinreichend kompetitiv gegenüber der ausländischen geworden ist (Infant-industry -Argument und „Reservatseffekt des Erziehungszolls“; vgl. Balleis 1988: 134-135; Amelung 1989: 4).[19]

Wenn der Schutzzoll auf diese Weise wirksam werden kann, erhöht er für die Dauer seiner Gültigkeit die Wohlfahrt der inländischen Produzenten, wenngleich dies auf Kosten der inländischen Konsumenten und zu Lasten der gesamten Weltwohlfahrt geschieht (vgl. Maennig/Wilfling 1998: 167-174 sowie die grafische Darstellung im Anhang). Außerdem trifft das Modell trotz der dargestellten Erhöhung der inländischen Produzentenrente keine Aussage über die Verteilung der realisierten produktiven Wohlfahrtsgewinne, die aus der Abschottungswirkung des Listschen Zolls hervorgehen (vgl. ebd.: 174 sowie Hemmer 2002: 21ff., der mit Kuznetsschen Verteilungskurven argumentiert). Es entstehen darüber hinaus staatliche Zolleinnahmen, die beispielsweise zur Subvention der aufzubauenden Binnenindustrie verwendet werden können. Für kleine Länder - ganz gleich, ob sie EL oder IL sind - wird zudem angenommen, dass durch eine Zollerhebung gesamtwirtschaftlich gesehen immer Wohlfahrtseinbußen „erkauft“ werden: Die Erhöhung der Produzentenrente fällt absolut geringer aus, als die Konsumentenrente durch die Zolleinführung gleichzeitig abnimmt (vgl. Timmermann 1982: 195).[20]

Zu bedenken ist vor der Entscheidung zur zeitweiligen Einführung eines Erziehungszolles aus wirtschaftspolitischer Sicht jedoch stets, dass diese Protektionsmaßnahme an mehrere Erfolgsbedingungen geknüpft ist. So solle eine Überprüfung der Maßnahmeneffizienz[21] und der sektoralen Auswahl der zu schützenden Industriezweige angestellt werden (vgl. Basu 2003: 87-88). Ferner müsse man eine Erfolgskontrolle durchführen (Maennig/Wilfling 1998: 186-189). Nur wenn das technische Wissen unter dem Schutzmantel der kurzzeitigen Protektion hinreichend vermehrt werden kann, so die Argumentation, könne das betreffende EL eigenständiges Binnenwachstum realisieren und langfristig eine Umkehrung der Handelsrichtung erreichen.

2.3 Wirkungen der Protektion: von der Importsubstitution zur Exportdiversifikation?

Mit der Darstellung des Prinzips des Erziehungszolles ist zum Großteil bereits angedeutet, durch welche Maßnahmen eine IS in die Praxis umgesetzt werden könnte. Als wirtschaftspolitische Strategie trat sie zuerst in Lateinamerika während der Weltwirtschaftskrise in Erscheinung (vgl. Nuscheler 1996: 536). Es werden bei der IS - unter Zuhilfenahme des oben geschilderten Modells der temporären Erhebung von Protektionszöllen - drei Phasen unterschieden: Auf die tarifäre Abkoppelung (vgl. Hemmer 1988: 85-86) folgt zunächst die Phase der internen Restrukturierung, die schließlich in eine Phase regionaler Kooperation („collective self-reliance“[22] ; Senghaas, zit. n. Menzel 1992: 155; Wöhlcke 1988: 30-31) übergehen soll. Nur mittels dieser Eigenkoordination könne es dem EL nach der Phase der vollständigen Weltmarktabschottung gelingen, die eigenen Wachstumskapazitäten kontinuierlich auszubauen und die IS effektiv in die Folgepolitik einer kohärenten ED zu überführen.[23]

Eine pauschale Durchsetzung von Maßnahmen zur IS[24] übersieht freilich, dass hinreichend hohe Auslandsinvestitionen zunehmend als notwendiger Bestandteil jeder Entwicklungsstrategie angesehen werden (vgl. Der Spiegel, Nr. 37/1995: 161-162), vieles also gegen die bedingungslose Teilzeit-Dissoziation spricht. Zudem trägt eine allzu einseitige Abkoppelungsstrategie nicht nur den weltkonjunkturellen und realwirtschaftlichen, sondern ebenso den währungs- und finanzpolitischen Verflechtungen auf globaler Ebene nicht angemessen Rechnung (siehe auch Abschnitt 2.1). Deren Fluktuationen können einen erheblichen Einfluss auf die Bewertung von Investitions- und Zinsvolumina ausüben (vgl. Maennig/Wilfling 1998: 308-309 sowie zur Diskussion von Warentermingeschäften Nuscheler 1996: 280). Als zusätzliche Gefahr für die inhaltliche Konsistenz der Abschottungspolitik gelten die bereits angesprochenen Rentenmentalitäten der Protektionsnutznießer, die zulasten der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt gehen können (vgl. Hemmer 2002: 658). Es besteht bei der ED also - ebenso wie bei der Auswahl der qua Erziehungszoll zu schützenden Branchen - das Erfordernis einer sektoralen Differenzierung.[25]

[...]


[1] Eine kurze Problematisierung der Modernisierungstheorie findet sich in Menzel (1991: 5). Eine Zusammenfassung, welche die ursprünglich modernisierungstheoretisch geprägte Entwicklungskonzeption der Weltbank aus organisationssoziologischer Perspektive analysiert, liefert Finnemore (1997: 203ff.). Für eine Grundsatzkritik vgl. Frank (1996: 26): „They [modernisation theories, d.V.] all posited that development would result from gradual reforms in dual economies/societies, in which the modern sector would expand and eliminate the traditional one.“

[2] Bei ihrer Definition von Begriffen wie „Unterentwicklung“ oder „Rückständigkeit“ übersahen viele der frühen Modernisierungstheoretiker freilich, dass eine substanzielle Verbesserung der Lebensbedingungen einer gegebenen Bevölkerungsgruppe auch von kulturspezifischen – und nicht etwa ausnahmslos ökonomischen – Bestimmungsfaktoren abhängen kann (vgl. z.B. Nuscheler 1996: 171ff.). Ein wesentlicher Kritikpunkt an der Konzeption der herkömmlichen Modernisierungstheorie ist daher nicht nur in ihrer häufigen Beschränkung auf Aspekte des (von Verteilungsfragen oft untangierten) wirtschaftlichen Binnenwachstums zu sehen, sondern desgleichen in der zumindest impliziten Annahme eines universell wünschbaren Gesellschaftsmusters „westlicher“ Prägung, das den Prozess der Entwicklung als eine graduelle Angleichung der lokalen Gegebenheiten an „westliche“ Vorbilder und Erfordernisse begreift (vgl. exemplarisch hierzu Escobar 1997: 86). Es liegt nahe, dass im Rahmen einer solchen Konzeptualisierung des Entwicklungsbegriffs alternativ denkbare Möglichkeiten autochthoner Modelle von Entwicklung, in denen Fragen kulturhistorischer Kontingenz eine größere Bedeutung innehaben, keine oder nur wenig Beachtung finden. Für eine detaillierte Diskussion über den Vorwurf des Ethno- und Eurozentrismus der westlichen „Solidaritätsbewegung“ vgl. Menzel (1991: 23; „Tabu 5“) sowie Escobars (1997: 85; 91) diskursanalytische Betrachtung der Karriere des Entwicklungsbegriffs und dessen Beschreibung der Funktion von Kultur als „residual variable“ (ebd.: 91). Ähnlich argumentiert in diesem Zusammenhang auch Nuscheler (1996: 164-166) mit seinem provokativ formulierten Gegensatzpaar „Tradition versus Entwicklung“.

[3] Zu den wichtigsten Wegbereitern der zentralen Argumente der Dependenztheorie werden gewöhnlich Autoren wie Gunnar Myrdal, Andre Gunder Frank, Samir Amin oder Fernando Henrique Cardoso gezählt.

[4] Angesichts des von vielerlei Seiten kritisierten Begriffs der „Dritten Welt“ ist darauf hinzuweisen, dass die Kategorisierung des internationalen Staatensystems in eine „Erste“, „Zweite“ und „Dritte Welt“ sowohl unter historischen (Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung 1989/90) als auch unter analytischen Gesichtspunkten (mangelnde Beachtung der empirischen Vielfalt und Heterogenität einzelner Länder im Vergleich zueinander) zu bemängeln ist. Vgl. hierzu insbesondere die Debatte über die Schwierigkeit einer schlüssigen Definition des Entwicklungsbegriffs (Menzel 1991: 20; „Tabu 1“; siehe auch Fn. 7). Zudem bestehen hinsichtlich der möglichen Verfahren zur Operationalisierung und Messung von Entwicklung große Meinungsverschiedenheiten. Zur Konstruktion des häufig verwendeten Human Development Index (HDI) und des Gender-Related Development Index (GDI) des UNDP vgl. UNDP (2002: 34ff.; 251). Selbstkritisch zum empirischen Aussagewert des HDI auch UNDP (2002: 141ff.). Es liegt seit kurzem ein aktueller Human Development Report des UNDP für das Jahr 2003 vor; der Bericht konnte jedoch nicht ausgewertet werden, da er im Internet noch nicht verfügbar ist.

[5] Hierbei sind in erster Linie die traditionellen Industrialisierungs-, Wachstums- und Zwei-Sektoren-Theorien (Lewis-Modell unterschiedlicher Lohnhöhen [Basu 2003: 153ff.], Stadt-Land-Migration in der „dual economy“ [Basu 2003: 149ff.; Wöhlcke 1988: 18], struktureller Wandel in der Landwirtschaft [Fei-Ranis-Modell der Kommerzialisierung der Landwirtschaft; Basu 2003: 156] sowie der lateinamerikanische desarrollismo [Wöhlcke 1988: 19-20; Riedemann 1984: 51]) zu nennen. Eine Typologie der als selbstverschuldet angenommenen, „hausgemachten Probleme“ der EL diskutiert Wöhlcke (1988: 32). Für eine auf defizitäre Budget- und Fiskalpolitiken innerhalb einzelner EL abzielende Analyse vgl. Chu (1987).

[6] Wenn im Folgenden aus Gründen der Verkürzung allein von Importsubstitution die Rede ist, bedeutet dies nicht, dass die notwendige Begleitstrategie der Exportdiversifikation damit aus der Betrachtung ausgeschlossen wird. Beide Einzelstrategien bedingen einander: Nur durch eine temporäre Abschottung gegenüber dem Weltmarkt mit Hilfe Listscher Erziehungszölle ist eine infant industry aus Sicht der Dependenztheorie überhaupt aufzubauen (siehe auch Abschnitt 2). Diese Arbeit bezieht sich daher stets auf beide Komponenten, auch wenn lediglich von Importsubstitution gesprochen wird. In der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur besteht zudem an vielen Stellen Uneinigkeit darüber, ob die Einzelstrategien der IS und ED prinzipiell alternative oder notwendigerweise komplementäre außenhandelspolitische Maßnahmen sein müssen (vgl. z.B. Bae 1990: V). Zur detaillierten Darstellung der IS und ED siehe Abschnitt 3.

[7] Vgl. hierzu Menzels (1991: 4) generelle Skepsis gegenüber modernen Großtheorien, die umfassende, weltumspannende Erklärungsmodelle aufgrund des Problems ihrer allzu groben Reduktion von gesellschaftlicher Komplexität ablehnt. Mit Blick auf die EL sei dies vor allem durch deren große Heterogenität (vgl. ebd.: 10) bedingt.

[8] Diese Argumentation verwenden z.B. Randall/Theobald (1998: 156), welche die „continuing relevance of dependency theory“ vor allem angesichts der Virulenz der globalen Verschuldungskrise feststellen.

[9] Neben der Empfehlung eines konsequenten Ausscherens aus den Systemen der internationalen Finanzintermediation gehören Kapitalverkehrskontrollen (vgl. z.B. Menck 1988: 77) oder die Besteuerung von Devisentransaktionen (Tobin-Steuer) zu den Konzepten der monetären Abschottung (vgl. hierzu exemplarisch Tobin 1982).

[10] Auch die regionale und sektorale Auswahl der untersuchten Beispiele muss notwendigerweise beschränkt bleiben und zahlreiche empirisch-historische Anwendungsfälle außen vor lassen.

[11] Vgl. für biographische Annäherungen an Cardoso Die Zeit (Nr. 15/1995: 41) sowie Handelsblatt (Nr. 180/1995: 10; Nr. 191/1998: 12).

[12] So schrieben bereits Cardoso/Faletto in ihrem Standardwerk zur Dependenztheorie (1976: 226): „Sozialismus ist das Ziel.“ Zur begriffsgeschichtlichen Karriere der dependencia vgl. Menzel (1991: 7). Zur Interpretation der dependencia als Teilkonstrukt einer allgemeineren Weltsystemtheorie vgl. Menzel (2001: 193-198), Carlson (1984: 161ff.) sowie Frank (1996: 42). Die Dependenztheorie als Strukturalismus-Variante beschreibt Hemmer (2002: 296ff.). Für eine Differenzierung zwischen der bürgerlich-nationalistischen und der marxistischen Variante der dependencia vgl. die Darstellungen in Wöhlcke (1988: 21), Hemmer (1988: 85) und Sautter (1977: 65; 89-91). Eine kolonialgeschichtliche Begründung der Dependenztheorie versucht Pietschmann (1977).

[13] Zur genaueren Analyse einer leninistisch anmutenden Annahme von „Teilperipherien“ und „Semiperipherien“, die auch innerhalb der industrialisierten Welt vorlägen, vgl. Menzel (2001: 193-198). Ähnliche Abhängigkeitsverhältnisse und Asymmetrien nehmen einige Autoren auch mit Blick auf die Weltinformationsmärkte und die „weiche Ressource Information“ an (vgl. für eine Diskussion der Debatten um eine Neue Weltinformations- und Kommunikationsordnung Schmitz 1995: 116).

[14] Insbesondere während der lost deacde der 1980er Jahre seien demzufolge bedeutende Nettokapitalabflüsse aus den meisten EL zu verzeichnen gewesen – einige erfolgreiche „big emerging markets“ ausgenommen (vgl. ebd.: 9). Auch realwirtschaftlich gesehen könnte aus dieser Perspektive Einiges für die Plausibilität der Dependencia -Theorie sprechen: So lag der Quotient zwischen Auslandsschulden und erzielten Exporterlösen 1994 in 29 von 32 hoch verschuldeten EL über einem Wert von 2, d.h. es wurden in dem betrachteten Jahr (zu realen Preisen) weniger als halb so viele Exporterlöse erzielt, wie an Geldern für den Schuldendienst aufgebracht werden musste (vgl. ebd.: 12). In ähnlicher Weise stellt Dos Santos (1996: 157) fest: „The general tendency was to accept international capital but to control the outflow of its profits and force it to play a subsidiary role in regional industrial development.“ Kapitalzuflüsse in EL hätten insofern nur kurzfristigen Charakter (ebd.: 10).

[15] Hierbei wird vor allem der Gemeinsame Rohstoff-Fonds der UNCTAD genannt, an dem zeitweise 83 Nicht-OECD-Länder teilnahmen. Zu den Versuchen integrierter Rohstoffabkommen auf Seiten der EL vgl. ferner die Darstellungen in Brock (1996: 283), Müller (1996: 452-453) und Nuscheler (1996: 283).

[16] Das Austauschpreisverhältnis der Commodity-ToT ist definiert als Quotient aus dem Preisniveau der (von den EL exportierten) Rohstoffgüter und dem Preisniveau der (von den EL importierten) Industriegüter.

[17] Die Auswirkungen des Transfers von Humankapital (brain drain) und unersetzbaren Naturressourcen thematisieren Broad/Melhorn Landi (1996: 13-14) und Müller (1996: 460-461). Die nicht zu unterschätzende Bedeutung monetärer Begleitaspekte – so etwa den Einfluss volatiler Wechselkurse und internationaler Währungsschwankungen – auf die preisliche Entwicklung der ToT sowie auf die Entwicklung von Zinsen und Tilgungszahlungen sprechen ebenfalls Broad/Melhorn Landi an (1996: 12).

[18] „Wenn die Diagnose zutraf, dass die Probleme [anhaltender Unterentwicklung, d.V.] extern verursacht seien, dann mußte im Sinne einer Therapie die Axt an die eigentlichen Wurzeln gelegt werden, dann mußten die Außenbeziehungen nicht nur modifiziert, sondern soweit wie möglich oder gar vollständig abgebrochen werden“ (Menzel 1992: 155).

[19] List selbst schrieb zur zeitlichen Befristung des von ihm vorgeschlagenen Konzepts: „Ist aber der Binnenmarkt den nationalen Manufakturen erst einmal vollständig gesichert, dann kann man die Einfuhrzölle wieder nach einer ebenfalls vorher festgelegten Skala stufenweise heruntersetzen und auf diese Weise auch wieder nach und nach die Konkurrenz der ausländischen Fabriken zulassen“ (in: Das nationale System der politischen Ökonomie; Basel/Tübingen 1959; zit. n. Wrobel-Leipold/Alt 1988: 348). Die Wettbewerbsvorteile des englischen Maschinenbaus gegenüber Deutschland in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts bildeten dabei den wirtschaftspolitischen Anlass für seine Überlegungen. Zur Biographie Lists vgl. die illustrativen Darstellungen in Wendler (1996).

[20] Allerdings kann hier als Argument angeführt werden, dass auch in EL solche kurzfristigen Wohlfahrtseinbußen durch langfristige Wachstumserfolge kompensiert werden dürften (vgl. ebd.).

[21] Dies betrifft besonders die Vermeidung übermäßiger inländischer Monopolgewinne durch den Wegfall ausländischer Konkurrenz sowie die Verhütung resistenter „Subventionsmentalitäten“ auf Seiten der protegierten Branchen (vgl. Chen 1969: 246; Balleis 1988: 140).

[22] Hierunter fallen vor allem die Kooperationsleistungen funktionalistisch interpretierbarer, regionaler Integrationsräume wie etwa ASEAN oder MERCOSUR (vgl. Menck 1988: 77-78). Auch Empfehlungen zu einer „südliche[n] Kartellbildung“ (Balleis 1988: 136) gehen in diese Richtung.

[23] Eine entsprechende theoretische Wirkungsanalyse der IS bietet Chen (1969: 181ff.). Zum Voraussetzungsreichtum der ED (ausreichende Marktgrößen, Faktorausstattungen, Produktionstechnologien und Infrastrukturen sowie die bei hohen Inflationsraten nicht gewährleistete Rolle von Preisen als angemessene Knappheitsindikatoren mit „Signalfunktion“) vgl. Chen (1969: 69ff.) sowie Timmermann (1982: 200-206).

[24] Für eine wirtschaftswissenschaftliche Untersuchung der einzelnen IS-/ED-Maßnahmen im Detail vgl. Hemmer (2002: 649-655); für einen makroökonomischen Effizienzvergleich der verschiedenen Ansätze vgl. ebd. (655-659).

[25] „Die empirischen Erfahrungen der Nachkriegszeit lassen jedenfalls vermuten, daß eine zum ,Dauerprinzip‘ erhobene Importsubstitutionspolitik in eine entwicklungspolitische Sackgasse mit auf lange Sicht schädlichen Folgen führt“ (Hemmer 2002: 659). Ähnlich auch Wöhlcke (1988: 32), Bohnet (1988: 60) und Sautter (1977: 70).

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Details

Titel
Dissoziation contra Einbindung: Wie viel Welthandel braucht nationale Entwicklung?
Untertitel
Marktabschottung, Erziehungszölle und Importsubstitution - die Perspektiven der 'dependencia' und der neoklassischen Außenhandelstheorie im Vergleich
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V182603
ISBN (eBook)
9783656061830
ISBN (Buch)
9783656061557
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dissoziation, einbindung, welthandel, entwicklung, marktabschottung, erziehungszölle, importsubstitution, perspektiven, außenhandelstheorie, vergleich
Arbeit zitieren
Jan-Henrik Petermann (Autor), 2003, Dissoziation contra Einbindung: Wie viel Welthandel braucht nationale Entwicklung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182603

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