Ich habe das Werk „Roman eines Schicksallosen“ gelesen, den dazugehörigen Film des Regisseurs Lajos Koltai mehrmals gesehen, mich mit den zur „Trilogie des Schicksals“ gehörenden Werken „Fiasko“ und „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ befasst. Auch mit dem Leben des Autoren Imre Kertész habe ich mich eingehend beschäftigt. Es kann also mit Fug und Recht behauptet werden, dass ich mich gewissenhaft auf diese Arbeit vorbereitet habe. Ein wahrer Kertész-Experte sollte ich mittlerweile also sein. Doch bin ich das wirklich? Kann ich die Kernfrage, die Frage über Realität oder Fiktion des Nobelpreisträgerwerkes nun spielend beantworten? Mitnichten!
In der nun folgenden Arbeit möchte ich der zentralen Problemstellung näher auf den Grund gehen. Im ersten Abschnitt wird auf das Leben von Imre Kertész eingegangen. Hier sollen zunächst die grundlegenden Informationen über seinen persönlichen Hintergrund aufgezeigt werden. Sprich, sein Aufwachsen, seine Zeit im Konzentrationslager und sein weiterer literarischer Werdegang werden hier kurz erläutert. Keineswegs soll dieser Teilbereich jedoch dazu dienen, bereits ein vollständiges Bild über den Menschen Kertész zu zeichnen. Es sind tatsächliche Fakten, die hier präsentiert werden. Lediglich ein Gerüst, das dennoch wichtig für den weiteren Fortgang der Arbeit ist.
Im zweite Kapitel folgt ein theoretischer Abschnitt. Hier widme ich mich ausschließlich der Autobiographie der Moderne. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Philippe Lejeunes „autobiographischen Pakt“ gelegt. Ein unabdingbarer Teilbereich, da eben anhand dessen Theorie überprüft wird, ob das Werk Kertész` überhaupt alle notwendigen Bedingungen einer einwandfreien Biographie erfüllt.
Die Bearbeitung des Fokus erfolgt schließlich im dritten Abschnitt. Hier werden zunächst die vorher beschriebenen Punkte, das reale Leben des Autors sowie die Theorie Lejeunes, auf das Werk übertragen und versucht, entsprechende Schlüsse zu ziehen.
Im vierten und letzten Kapitel soll der Schriftsteller sozusagen selbst zu Wort kommen. Mittels diverser Interviews sowie dem von Kertész mit der Bezeichnung regelrechte Autobiographie titulierten „Dossier K.“ soll der Versuch unternommen werden, das im vorigen Teilabschnitt erarbeitete zu verifizieren. Decken sich die gezogenen Schlüsse mit den Ansichten des Autors oder hatte dieser letzten Endes ganz andere Intensionen den „Roman eines Schicksallosen“ zu schreiben? Mehr...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Leben des Imre Kertész
3. Die Autobiographie der Moderne
4. „Roman eines Schicksallosen“: Fiktion oder Autobiographie?
5. Die Aufklärung durch Kertész selbst
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Gattungszugehörigkeit von Imre Kertész' „Roman eines Schicksallosen“ unter Anwendung der Theorie des „autobiographischen Pakts“ von Philippe Lejeune, um zu klären, ob es sich um eine Autobiographie oder eine Fiktion handelt.
- Biografischer Hintergrund von Imre Kertész
- Theoretische Grundlagen der Autobiographie und Lejeunes Pakt
- Analyse der Parallelen zwischen dem Roman und Kertész’ Leben
- Diskussion der Gattungsbezeichnung „autobiographischer Roman“
- Reflektion der Autorensicht anhand von „Dossier K.“
Auszug aus dem Buch
4. „Roman eines Schicksallosen“: Fiktion oder Autobiographie?
Nachdem ich das Werk „Roman eines Schicksallosen“ gelesen und mich eingehend über das Leben von Imre Kertész informiert hatte, war ich überzeugt davon, dass es sich um eine autobiographische Geschichte handelt. Was mich, bevor ich mich in die Theorien Lejeunes einarbeitete, jedoch gleich zu Beginn stutzig machte, war die Wahl des Titels: Roman! Wie kann das Werk als Roman deklariert werden, wenn es doch augenscheinlich die Lebenserinnerungen des Autors betrifft? Dieser Frage möchte ich in weiterer Folge auf den Grund gehen. Zunächst soll jedoch an dieser Stelle damit begonnen werden, die von mir selbst ausgemachten Parallelen aufzuzeigen.
Der vierzehnjährige Protagonist im Roman, György Köves, lebt während der Besetzung Ungarns im Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit seinem Vater (der eine Holzhandlung betreibt) und seiner Schwiegermutter zusammen in Budapest. Seine leibliche Mutter wohnt in derselben Stadt und hat zwei Mal wöchentlich das Anrecht ihren Sohn zu sehen. Köves besucht das Gymnasium, wird jedoch zwei Monate nach der Einberufung seines Vaters zum Arbeitsdienst (wo dieser stirbt) zur Ausübung einer Hilfsarbeit in der „Shell Erdölraffinerie“ in Csepel verpflichtet. Eines Tages im Frühling 1944 wird er auf dem Weg zur Arbeit mitsamt seinen jüdischen Kameraden verhaftet, festgehalten und schließlich mit anderen Juden zunächst nach Auschwitz-Birkenau und anschließend nach Buchenwald-Zeitz deportiert. Im April 1945 wird er dort befreit.
Auch Imre Kertész lebte unter dem Zweiten Weltkrieg bei seinem Vater und der Schwiegermutter in Budapest. Seine leibliche Mutter sah er tatsächlich zwei Mal wöchentlich. Es ist ebenso korrekt, dass sein Vater im Holzhandel tätig war und dieser während seiner Zeit im Arbeitslager umkommt. Übereinstimmung herrscht auch darin, dass Kertész 1944 auf dem Weg zur Arbeit in die „Shell Erdölraffinerie“ in Csepel zusammen mit vielen anderen Juden festgenommen und in die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Buchenwald-Zeitz gebracht wurde. Dort konnte er dann tatsächlich am 11. April 1945 befreit werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Motivation des Autors ein und erläutert die Zielsetzung, die Gattung von Kertész' Hauptwerk mithilfe theoretischer Modelle zu bestimmen.
2. Das Leben des Imre Kertész: Dieses Kapitel liefert einen biografischen Abriss über Kertész, von seiner Jugend und Deportation in Konzentrationslager bis hin zu seinem literarischen Werdegang und dem späteren Nobelpreis.
3. Die Autobiographie der Moderne: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Autobiographie dargelegt, mit einem besonderen Fokus auf Philippe Lejeunes Konzept des „autobiographischen Pakts“.
4. „Roman eines Schicksallosen“: Fiktion oder Autobiographie?: Das Kapitel vergleicht die realen Erlebnisse des Autors akribisch mit den Romaninhalten und prüft diese anhand der Lejeune-Theorie auf ihre Faktizität.
5. Die Aufklärung durch Kertész selbst: Abschließend kommt der Autor in Interviews zu Wort, in denen er seine eigene Intention und die Abgrenzung von Autobiographie und Roman klarstellt.
Schlüsselwörter
Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen, Autobiographie, Philippe Lejeune, autobiographischer Pakt, Fiktion, Holocaust, Zeitgeschichte, Literaturtheorie, György Köves, Dossier K., Gattungsanalyse, Auschwitz, Buchenwald, Literatur-Nobelpreis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Einordnung des Werkes „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész und der Frage, ob das Buch als Autobiographie oder fiktiver Roman zu werten ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentral sind die Biografie des Autors, die Theorie der Autobiographie (insbesondere nach Philippe Lejeune) und die Abgrenzung zwischen autobiographischem Erzählen und fiktionaler Gestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen den frappierenden Ähnlichkeiten von Kertész' Leben und dem Roman sowie der bewussten Wahl der Gattungsbezeichnung „Roman“ durch den Autor aufzuklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Theorie des „autobiographischen Pakts“ von Philippe Lejeune als methodisches Werkzeug, um das untersuchte Werk auf notwendige Bedingungen einer Autobiographie zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das Leben des Autors, die Definition der Autobiographie der Moderne, ein Vergleich der Romanhandlung mit historischen Fakten sowie Kertész' eigene Aussagen aus Interviews analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Autobiographie, Fiktion, Holocaust, Lejeune, autobiographischer Pakt und Kertész charakterisiert.
Warum betont Kertész die Fiktionalität seines Romans so stark?
Kertész betont die Fiktion, um sich die Freiheit zu nehmen, Details hinzuzufügen und sich hinter der Romanfigur zu verbergen, während er gleichzeitig versucht, das authentische Grauen des Holocaust zu vermitteln.
Wie unterscheidet sich der Roman laut Lejeune von einer echten Autobiographie?
Da Kertész das Werk explizit als „Roman“ bezeichnet und keine Namensidentität zwischen Autor und Protagonist besteht, erfüllt es nach Lejeune nicht die Kriterien einer klassischen Autobiographie.
Welche Rolle spielt „Dossier K.“ in dieser Analyse?
„Dossier K.“ dient als Referenzwerk, in dem Kertész selbst Stellung zur Gattungsfrage bezieht und das Werk als Fiktion einstuft.
- Arbeit zitieren
- Felix Zinser (Autor:in), 2011, Roman eines Schicksallosen. Realität oder Fiktion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182660