Johann Wolfgang Goethe - Prometheus: Destruktion der Götterwelt und prometheische Feier des autonomen Individuums


Seminararbeit, 2008
13 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Analyse der Hymne ÄPrometheus“
2.1 Der mythologische Hintergrund
2.2 Interpretation des Gedichtes
2.3 Verschiedene Deutungsdimensionen
2.4. Bezug zu den Ideen des Sturm und Drang

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

Einleitung

ÄEs diente zum Zündkraut einer Explosion, welche die geheimsten Verhältnisse würdiger Männer aufdeckte und zur Sprache brachte...“ kommentierte Johann Wolfgang Goethe rückschauend im 15. Buch von ÄDichtung und Wahrheit“ die Wirkung der Hymne ÄPrometheus“.1 Goethe selbst hielt sein dramatisches Fragment sogar lange Zeit unter Verschluss. Nachdem der Monolog zeitweise als verloren galt, tauchte er in Zeiten des Sturm und Drang über Umwege wieder auf. Doch auch zu diesem Zeitpunkt hielt der Dichter, der angespannten politischen Lage wegen, eine Veröffentlichung nicht für ratsam. Dazu schrieb Johann Wolfgang Goethe 1820 an Zelter: ÄLasset ja das Manuskript nicht zu offenbar werden, damit es nicht im Druck erscheine. Es käme unserer revolutionären Jugend als Evangelium recht willkommen [..].“ Doch auch gerade der unmittelbar zu spürende antichristliche Charakter der Hymne hielt Goethe womöglich davon ab, einer Veröffentlichung unter seinem Namen zuzustimmen. So wurde der Monolog Prometheus, der in Verbindung mit dem Drama Prometheus. Dramatisches Fragment 1773 entstand, nur anonym veröffentlicht.2

Es scheint sich also zu lohnen, dieses Gedicht, das schon bei seiner ominösen Veröffentlichung 1784 für Kontroversen sorgt, näher zu beleuchten und zu klären, warum es einen so großen Tabubruch darstellte, so dass sich der Autor von seinem Stück derart distanzierte.

Es folgt demnach eine genaue Analyse des Gedichtes unter Berücksichtigung des Entstehungskontextes, des mythologischen Hintergrunds, des ideengeschichtlichen Aspektes und der Einordnung in die Ideenwelt des Sturm und Drang. Vorweg kann jedoch schon angemerkt werden, dass das Ergebnis dieser Arbeit keine konkrete, sich auf ihre Richtigkeit berufende These sein wird. Vielmehr steht die Betrachtung des Gedichtes als ‚Gesamtkomplex’ im Vordergrund, um es in seiner Aussage nicht zu beschneiden. So ist es auch unvermeidlich, dass einzelne Deutungselemente, Aspekte und Teile der Aufgabenstellung ineinander überfließen und verschmelzen werden.

Hauptteil

„Ein Maskengedicht: Das lyrische Ich wirft sich den Mantel der Mythologie über und tritt als Prometheus auf“, schreibt Carl Pietzcker in seinen psychoanalytischen Studien zu Goethes Prometheus.3 Diese Aussage ist nicht zu leugnen, lediglich bleibt die Frage offen, warum sich Goethe gerade für die Figur des Prometheus entschieden hat, die schon in der Überschrift als Lyrisches Ich benannt wird. Um das zu verstehen ist es notwendig, sich kurz mit dem mythologischen Hintergrund des Prometheus zu beschäftigen.

Der mythologische Hintergrund

„Das alte Titanengewand schnitt ich mir nach meinem Wuchse zu“4

Zunächst kann festgehalten werden, dass Goethe tatsächlich einige Änderungen des antiken Stoffs vorgenommen hat. So soll Prometheus nicht länger als der Sohn des Titanen Iapetos gelten, sondern wird scheinbar zum Sohn des Zeus gemacht, um so den Anspruch eines Titanen zu verlieren.

Schon in der griechischen Mythologie erscheint Prometheus als Rebell und Quertreiber. Hierzu kann kurz Folgendes berichtet werden:

Als Zeus den Menschen das Feuer vorenthielt, stahl Prometheus es im Olymp, brachte es auf die Erde und verlieh den Menschen somit Wärme, Fortschritt und Kultur und bescherte ihnen auch die Unabhängigkeit vom Wohlwollen der Götter. Doch dafür wurde er hart bestraft: Zeus ließ ihn, dem Mythos nach, an einen Felsen ketten, und ein Adler zernagte jeden Tag aufs Neue seine Leber, die über Nacht immer wieder nachwuchs. Anderen Sagen nach schuf Prometheus die Menschen, was auch in der Hymne die tragende Aufgabe des Prometheus darstellt.5

Wie Prometheus, dem Mythos nach, den Menschen half, sich von den Göttern zu lösen, versucht er im Gedicht selbst diesen Schritt zu gehen und sich von ihnen loszusagen. Zur Darstellung des Prometheus schreibt Gero von Wilpert im ÄGoethe-Lexikon“:

Die Rebellion des schöpferischen Genies und kraft seines Schöpfungsaktes gott- gleichen Künstlers gegen die Herrschaftsansprüche eines Gottes, dem dieser in neu erwachtem Selbstbewusstsein, seines Eigenwertes, seiner Kraft und Individualität gewahr und zu keinem Dank verpflichtet, Gehorsam und Achtung aufkündigt. Der trotzige, auf die eigene Leistung bauende und selbstherrliche Rebell erkennt nur die Mächte Schicksal und Zeit über sich an, denen auch die Götter unterworfen sind.6

Prometheus durchläuft einen Emanzipationsprozess, der im Gedicht festgehalten ist. Diese Rebellion spiegelt sich auch im Bruch mit der Sprache wieder. Das bezeugen auch die eigenwilligen Wortschöpfungen des Autors, wie beispielsweise ÄKnabengleich“ (Z.3) oder ÄKnabenmorgen“ (Z.50).

Interpretation des Gedichtes

Wie schon eingangs erwähnt, handelt es sich bei dem in Monologform abgefassten Gedicht um ein Masken- oder Rollengedicht. Das lyrische Ich wird schon im Titel als Prometheus bestimmt. Es sollte noch erwähnt werden, dass die Hymne auch stark von persönlichen Motiven des Verfassers bestimmt ist. So weiß Karl Otto Conrady in seiner Interpretation des Prometheus zu berichten: ÄZu der Zeit, als die Ode entstand, fühlte sich Goethe wirklich verlassen und einsam, seine Briefe sprechen davon, und er haderte mit Gott, er lehnte sich auf.“7 Diese angeführte Gefühlssituation scheint sich also mit der des lyrischen Ichs zu decken.

In der ersten Strophe gibt Prometheus mit den besitzanzeigenden Wörtern in ÄBedecke deinen Himmel Zeus“ und ÄMusst mir meine Erde doch lassen stehn“, eine klare Positionsbestimmung. Während also Zeus der Himmel zugeschrieben wird, waltet das lyrische Ich über die Erde. So geht die emotionale Distanz auch in eine räumliche über.

Mutig und rebellisch verweist das lyrische Ich Zeus von der Erde, indem es ihn auffordert, seinen Himmel schamhaft zu bedecken (Z.1), und schließt ihn so aus seinem Leben aus. Hier werden ein unüberwindbarer Gegensatz und ein Fürsichsein des Prometheus aufgezeigt.8

Indem er auf seine irdischen Taten, beispielsweise auf den eigenständigen Bau eines Hauses (Z.8 u. 9: ÄUnd meine Hütte, die du nicht gebaut“) verweist, scheint er klar machen zu wollen, dass ein Ort, an dem man durch Arbeit selbst Erfolg und Leistung verbuchen kann, dem schon ‚vollkommenen’ Himmelreich vorzuziehen ist. Diese These bestätigt wiederum Carl Pietzcker: ÄIn Gestalt des Prometheus grenzt Subjektivität sich hier negativ von Autorität ab und besinnt sich positiv auf ihren eigenen Ort (Ämeine Erde“), auf ihr Eigentum (Ämeine Hütte“), auf ihre Leistung, auf ihr unabhängiges Schaffen und auf ihr Wissen […].“9 Diese Deutung wird zudem dadurch unterstrichen, dass Prometheus Zeus sogar spöttisch Neid vorwirft, die Götterwelt so mit Sünde und Menschlichkeit brandmarkt und sie weiter entwürdigt. (vgl. Z.11 u. 12: ÄUm dessen Glut du mich beneidest.“) Weiterhin könnte mit den Worten ÄHütte“ (Z.8) und ÄHerd“ (Z.10) ein zivilisatorischer Prozess angedeutet werden, der dem Mythos nach schon den Menschen geholfen hat, sich von den Göttern unabhängig zu machen und den das lyrische Ich nun für sich selbst beansprucht.10 Diese in der ersten Strophe aufgerissene Kluft und die Ferne zu Zeus kann offensichtlich über das ganze Gedicht hindurch nicht überwunden werden.

In der zweiten Strophe wendet sich Prometheus den Göttern zu. Es macht den Eindruck, als stelle er ihre Verehrungswürdigkeit in Frage. Er behauptet, dass die Götter, in Umkehr der religiösen Vorstellung, nunmehr von den Menschen abhängig seien und nicht umgekehrt (Z.15-17). Diese scharfen Vorwürfe, verbunden mit Spott und Respektlosigkeit, scheinen eine innere Spannung zu erzeugen, was auch im Satzbau und in der Wortwahl deutlich wird: ÄKrasse Gegensätze stehen zusammen und laden die Strophe mit innerer Spannung. ‚Ärmers’ widerspricht dem ‚Götter’, ‚kümmerlich’ höhlt den Begriff der ‚Majestät’ aus […].“.11 Prometheus bezeichnet die, die, den Göttern noch Glauben schenken als Ähoffnungsvolle Tore“ (Z.21). Er benennt die Götter als ÄGeschöpfe der Ärmsten, der ÄKinder und Bettler“ (Z.20), und gibt sie so abermals der Lächerlichkeit preis und schmälert ihre Bedeutung.

Von der dritten bis in die fünfte Strophe hinein rekapituliert das lyrische Ich seine Vorgeschichte und die Gründe seines Widerstandes.

Diese Strophen setzen sich dadurch, dass sie im Präteritum stehen, stark von den anderen ab, markieren so deutlich die Rückblende und heben sich aus dem Zusammenhang des Gedichtes.

Das lyrische Ich spricht von einer ÄEnttäuschten Hoffnung auf göttlichen Beistand in Furcht und Verlassenheit […]“ und Äinitiiert die Wendung zu sich selbst als einzigem Grund der Welt.“ Und mit den Worten Äals wenn […] wär“ (Z. 25) wird die kindliche Erwartungshaltung deutlich als Illusion entlarvt.12

Im Goethe Handbuch erkennt man in diesem Prozess der Selbstwerdung des Prometheus exemplarisch die Geschichte der menschlichen Emanzipation (siehe Deutungsarten).13

Das Äheilig glühende Herz“ (Z.34) (als beliebte Sturm und Drang Metapher) wird deutlich in den Mittelpunkt des Subjektivierungsprozesses gestellt. Denn in der größten Not waren es nicht die Götter, die Prometheus halfen, sondern das selbstständige Denken, Können und Schaffen, das ihn gerettet hat. Diese Fähigkeiten und das Bewusstwerden der eigenen Kraft vereinen sich im Begriff des Heilig glühenden Herzen. (Z.33). Er fühlt offensichtlich Göttliches (ÄHeilig glühend Herz“) in sich und scheint daher Selbstbewusstsein und Stolz über die eigene Leistung auszustrahlen.

In Strophe 6 scheint die Grundposition des Trotzes von Prometheus gegenüber Zeus klar zu werden. Sie ist gespickt mit einer Reihe an rhetorischen Fragen, die wie Vorwürfe oder Anklagepunkte klingen (Z. 38-46).

Diese Strophe erscheint als Fixpunkt des Gedichtes, auf den man die vorhergehenden Strophen wieder zurückführen und daraus ableiten kann. Sozusagen eine Achse, um die sich die vorigen und diese sechste Strophe drehen.14

[...]


1 Vgl. Karl Otto Conrady: Johann Wolfgang von Goethe. Prometheus. In: Benno von Wiese (Hrsg.): Die deutsche Lyrik. Form und Geschichte. Düsseldorf: August Bagel Verlag 1970, S.214-226. Ebd., S.218.

2 Vgl. Ebd., S.216-221

3 Carl Pietzcker: Trauma, Wunsch und Abwehr. Psychoanalytische Studien zu Goethe, Jean Paul, Brecht, zur Atomliteratur und zur literarischen Form. Königshausen: Neumann Verlag 1985. Ebd. S.11.

4 Vgl. Karl Otto Conrady: Johann Wolfgang von Goethe. Prometheus. In: Benno von Wiese (Hrsg.): Die deutsche Lyrik, S.220

5 Vgl. Ebd., S.220

6 Gero von Wilpert: Goethe Lexikon. Stuttgart: Kröner Verlag 1998 (Kröners Taschenausgabe; Band 407), S.851.

7 Karl Otto Conrady: Johann Wolfgang von Goethe. Prometheus. In: Benno von Wiese (Hrsg.): Die deutsche Lyrik, S.222.

8 Vgl. Ebd., S.222

9 Carl Pietzcker: Trauma, Wunsch und Abwehr, S.11.

10 Vgl. Bernhard Sorg: Das lyrische Ich. Untersuchungen zu deutschen Gedichten von Gryphius bis Benn. Tübingen. Max Niemeyer Verlag 1984. Ebd. S.64.

11 Vgl. Karl Otto Conrady: Johann Wolfgang von Goethe. Prometheus. In: Benno von Wiese (Hrsg.): Die deutsche Lyrik. S.223

12 Bernhard Sorg: Das lyrische Ich, S.64.

13 Vgl. Otto, Regine [u. a.] (Hrsg.): Goethe Handbuch. Stuttgart [u. a.]: Verlag J.B. Metzler 1996 (Gedichte Band 1). Ebd., S. 112.

14 Vgl. Karl Otto Conrady: Johann Wolfgang von Goethe. Prometheus. In: Benno von Wiese (Hrsg.): Die deutsche Lyrik. S.225

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Johann Wolfgang Goethe - Prometheus: Destruktion der Götterwelt und prometheische Feier des autonomen Individuums
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
3,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V182726
ISBN (eBook)
9783656064428
ISBN (Buch)
9783656064268
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
johann, wolfgang, goethe, prometheus, destruktion, götterwelt, feier, individuums
Arbeit zitieren
Katrin O. (Autor), 2008, Johann Wolfgang Goethe - Prometheus: Destruktion der Götterwelt und prometheische Feier des autonomen Individuums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182726

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