Zur Lebensrealität der Angehörigen von Inhaftierten


Projektarbeit, 2011

49 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Stand der Forschung
2.2 Anzahl der betroffenen Angehörigen und Kinder
2.3 Die Bedeutung von Beziehungen während einer Haftzeit
2.4 Spezifische Unterstützungsangebote für Angehörige
2.5 Familienorientierung im sächsischen Strafvollzug
2.6 Organisatorischer Rahmen für die Durchführung des Projektes
2.7 Belastungsfaktoren für Partnerinnen und Kinder
2.8 Die Bedeutung der Angehörigen und Kinder bei der Resozialisierung
2.9 Eine Inhaftierung aus der Perspektive der Frauen
2.10 Die Rolle der weiteren Familie

3. Fragestellung der Arbeit

4. Planung und Durchführung der Untersuchung
4.1 Vorbereitungsphase der Untersuchung
4.2 Untersuchungsgegenstand und Untersuchungsplan
4.3 Methodik der Untersuchung
4.4 Das problemzentrierte Interview
4.5 Qualitative Inhaltsanalyse
4.6 Schritte der Durchführung
4.6.1 Entwicklung des Interviewleitfadens
4.6.2 Ablauf eines Familiennachmittages
4.6.3 Durchführung der Befragungen – exemplarischer Ablauf
4.6.4 Auswertung der Befragungen

5. Darstellung der Ergebnisse
5.1 Merkmale der Stichprobe
5.2 Verlauf des Kriminalisierungsprozesses
5.3 Alltag der Frauen
5.3.1 Finanzielle Lage
5.3.2 Wohnsituation
5.3.3 Kontakt mit Behörden
5.3.4 Neue Aufgaben im Alltag
5.4 Situation der Kinder
5.4.1 Wissen der Kinder
5.4.2 Reaktionen der Kinder
5.4.3 Erziehung
5.4.4 Familienbesuche
5.5 Kontakt zur Umwelt
5.5.1 Wissen
5.5.2 Reaktionen
5.5.3 Unterstützung
5.6 Das Gefängnis
5.6.1 Besuche im Gefängnis
5.6.2 Familienbesuche
5.6.3 Weitere Kontaktmöglichkeiten
5.7 Materielle Unterstützung
5.8 Kontakte mit anderen Betroffenen
5.9 Partnerschaft
5.9.1 Befürchtungen
5.9.2 Kommunikation während der Haft
5.10 Veränderungen
5.11 Kraftquellen
5.12 Bedürfnisse der Frauen

6. Bewertung der Ergebnisse
6.1 Überprüfung der Hypothesen
6.2 Diskussion der Ergebnisse
6.3 Reflexion der angewendeten Methode
6.4 Reflexion und Anregungen für die Forschung und Praxis

7. Fazit

Quellenverzeichnis

Literatur

Internet

Anhang

Vorwort

Während meines Studiums der Sozialen Arbeit hatte ich die Gelegenheit von September 2008 bis November 2009 mein Berufsanerkennungspraktikum beim Sozialen Dienst der Justiz am Landgericht Dresden zu absolvieren. Der Soziale Dienst ist eine Form der sozialen Hilfe für Straffällige und hat sich im Laufe der Zeit zu einem eigenständigen Teil der Justiz entwickelt. Die Bewährungshilfe in Deutschland stellt neben der Gerichtshilfe, der Führungsaufsicht, Soziale Hilfe in der Untersuchungshaft und im Strafvollzug eine Form der Sozialen Hilfe für Straffällige bzw. in der Strafrechtspflege dar. Inzwischen ist die Lage von Straffälligen und Inhaftierten vielfach untersucht und öffentlich diskutiert worden.

Das Thema zu diesem Praxisprojekt hat sich aus meinem Interesse entwickelt, was die Abwesenheit eines Familienmitgliedes bzw. eines Mannes oder eines Vaters durch eine Inhaftierung für die Angehörigen bedeutet. Bei meinen hierfür getätigten Recherchen musste ich feststellen, dass dieses Feld bisher von der sozialwissenschaftlichen Forschung kaum wahrgenommen wurde.

Das Praxisprojekt führe ich aus eigenem Antrieb und im Interesse an der Thematik selbstständig an der Justizvollzugsanstalt (JVA) Zeithain für männliche Erwachsene durch. Da ich dafür sozusagen von Außen in die JVA komme, beinhaltet dies, dass ich nicht in die anstaltsinterne Organisation eingebunden bin. Selbstverständlich sind die sicherheitstechnischen Vorgaben auch von mir zu beachten.

In meiner Arbeit als zukünftige Sozialarbeiterin fühle ich mich im Besonderen auch den Empfehlungen des Europarates (2001)[1] verpflichtet, soziale Wohlfahrt zu fördern. Der Erkenntnis folgend, dass Soziale Arbeit für mich ihren Beitrag leisten muss, um Antworten auf wirtschaftliche und soziale Veränderungen zu finden und gefährdete Menschen (Individuen, Familien, Gruppen, Gesellschaften) zu unterstützen (vgl. Council of Europe 2001, o. S.), hat mich motiviert das vorliegende Thema zu bearbeiten.

An dieser Stelle möchte ich meinen Dank gegenüber den Frauen aussprechen, die bereit waren mir in meinen Befragungen im Rahmen der Familienbesuche in der JVA Zeithain ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen offen mitzuteilen.

Weiterhin möchte ich mich bei der Anstaltsleitung der JVA Zeithain für die Genehmigung, dieses Projekt eigenständig durchführen zu dürfen, bedanken.

Mein ganz besonderer Dank gilt auch den beiden Justizvollzugsbediensteten[2], welche für den Sport- und Freizeitbereich zuständig sind, die mir stets freundlich zur Beantwortung meiner zahlreichen Fragen zur Verfügung standen und mich bei der Kontaktaufnahme zu den betroffenen Frauen unterstützt haben.

Ebenso möchte ich der Verwaltungsdienstleitung der JVA und der Mitarbeiterin des Sozialen Dienstes der JVA für ihre Gesprächsbereitschaft, ihre Informationen und die Beantwortung meiner Fragen danken.

1. Einleitung

Die Vollstreckung einer individuellen Freiheitsstrafe hat Auswirkungen auf (Familien-) Angehörige und eng verbundene Bezugspersonen eines Inhaftierten. Durch den Freiheitsentzug sind Angehörige wie Ehepartner, Lebenspartner, Eltern und Kinder eines Straftäters mit betroffen, was oft mit tief greifenden Folgen für die Bedingungen im Alltag bzw. die Lebenssituation verbunden ist. Einige Studien belegen eine Vielzahl von Problemen, die auf die Betroffenen, überwiegend die Frauen und Kinder, zukommen, wenn der Partner inhaftiert wurde und welche nicht direkt erkennbar oder offensichtlich sind. Leider stammt das Datenmaterial mehrheitlich aus dem Ausland und die Erhebungen dazu in Deutschland sind, bis auf wenige Ausnahmen, vornehmlich mehr als 20 Jahre alt. Dieses Praxisprojekt habe ich mit der Intention begonnen auf der Basis von Bedürfnissen der Angehörigen, Anregungen oder Vorschläge für Angebote für die Angehörigen von Inhaftierten zu ermittelten. Ebenso ist es meine Absicht herauszufinden, wie und ob die Zusammenarbeit von Institutionen (z. B. der Justizvollzugsanstalt, dem Justizsystem, Hilfsangeboten etc.) bzw. ein Austausch von Informationen funktioniert, die mit Beginn der Inhaftierung eines Partners für die Betroffenen relevant sind oder sein könnten.

In erster Linie ist es mir aber ein besonderes Anliegen, mehr Transparenz und Beachtung in den Umfang und die Komplexität der Realitäten zu bringen, die im Zusammenhang mit einer Inhaftierung von Familienangehörigen entstehen. Hinterfragt werden soll, wie das Leben für die Personen weiter geht, die in familiären Bindungen und/ oder engen Beziehungen mit dem Delinquenten vor seiner Haft gelebt haben sowie die Auswirkungen einer Inhaftierung auf die aktuelle Lebenssituation und das Umfeld der Angehörigen. Des Weiteren möchte ich zur Aufmerksamkeit anregen, dieses Thema in zukünftigen Forschungen zu beachten, sowie dessen Bedeutung im Wachstum und der Etablierung von neuen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit zu präzisieren und zu vervollständigen.

Im Rahmen der Familienbesuchstage in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Zeithain (bei Riesa in Sachsen), bei denen die Väter die Gelegenheit haben einen ganzen Nachmittag mit ihren Kindern zu verbringen, war ich anwesend. In dieser Zeit wurden die Befragungen mit den begleitenden Angehörigen zu ihrer Lebenssituation durchgeführt.

Im nachstehenden Kapitel wird der aktuelle Forschungsstand, die Anzahl der Betroffenen, das Projekt Familienbesuche, die Bedeutung von Beziehungen während der Haft aus verschiedenen Perspektiven und deren Bedeutung für die Ziele des Strafvollzuges, die bestehenden Unterstützungsangebote für Angehörige sowie die organisatorischen Rahmenbedingungen für die Durchführung des Praxisprojektes erläutert. Der darauf folgende Teil (Kapitel drei) beinhaltet die Fragestellung, worauf in Kapitel vier die Beschreibung der Planung und Durchführung des Projektes mit Erörterung der Methodik und der Vorgehensweise sowie eine Darstellung der Ergebnisse erfolgt. In Kapitel fünf werden die Ergebnisse der Befragung beschrieben und eine daraus resultierende Bewertung in Kapitel sechs vorgenommen. Alle Daten der Auswertung beziehen sich explizit auf die Ergebnisse der Befragungen in der JVA Zeithain. Einige Vergleichzahlen werden im Zusammenhang mit dem sächsischen Strafvollzug betrachtet. Informationen aus anderen Quellen werden entsprechend kenntlich gemacht. In der Darstellung der Ergebnisse wurde von mir bewusst eine Auswahl der möglichen Themenbereiche getroffen, ansonsten wäre der Umfang dieser Arbeit im Rahmen des Praxisprojektes gesprengt worden.

Zur Bearbeitung der vorliegenden Thematik habe ich aktuelle Fachliteratur, entsprechende Studien, Informationen von Mitarbeitern im Strafvollzug und im sächsischen Justizministerium, Auskünfte von Beratungsstellen, die auf Angehörigenarbeit spezialisiert sind, sowie Quellen aus dem Internet herangezogen. Diese Ausarbeitung fasse ich auf Basis der wissenschaftlich erarbeiteten Erkenntnisse in einem Fazit zusammen.

2. Theoretische Grundlagen

Die Kriminalpolitik der letzten Jahrzehnte hat sich durch vielerlei Einflüsse erheblich gewandelt. In die Anwendung des Strafrechts fließen zunehmend kriminologische Erkenntnisse über die Wirkung bzw. Nichtwirkung von Sanktionen, ebenso wie die steigende Berücksichtigung von psychologischen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen ein (vgl. Kury 2005, S. 1 f.). Des Weitern gewinnen internationale Vereinbarungen eine zentrale Bedeutung, wie der International Pakt der Vereinten Nationen (UN) über bürgerliche und politische Rechte (CCPR), die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR), die Spruchpraxis der Europäischen Kommission für Menschenrechte (EKMR) sowie die Europäischen Strafvollzugsgrundsätze (European Prison Rules) (Müller-Dietz 1994, S. 50 f.). Generell wird in Europa als Vollzugsziel die Resozialisierung bei gleichzeitiger Liberalisierung und Humanisierung des Strafvollzuges in den Vordergrund gestellt (vgl. Feest 2006, o. S.; vgl. Sakalauskas 2006, S. 96).

Im Zusammenhang mit der Sanktionspraxis werden vermehrt verschiedene Effekte diskutiert. Im Sinne einer Effizienzsteigerung und Differenzierung von Sanktionen, bezogen auf die Reduzierung straffälligen Verhaltens und der Kostenreduktion im Strafvollzug[3], werden in den Fachdiskussionen immer wieder Veränderungen eingefordert. Aufgrund der föderalen Staatsstruktur Deutschlands haben die 16 Bundesländer jeweils eigene Zuständigkeiten für die Regelungen des Strafvollzuges, welche sich in ihren Prioritäten zu Umfang und Art der Ausgestaltung von Maßnahmen der Prävention und Resozialisierung unterscheiden (vgl. Bundesministerium der Justiz 2010). Darüber hinaus weisen verschiedene empirische Untersuchungen seit langem darauf hin, welche „schädlichen Nebenwirkungen[4] [eine] Inhaftierung auf den Straftäter, vor allem aber auch auf [sein] soziales Umfeld (…), etwa die Familie“ hat (Kury 2005, S. 19 f.).

Vor allem den Ehefrauen, Partnerinnen oder anderen familiären Beziehungen von Inhaftierten wird mittlerweile eine wesentliche Rolle in Bezug auf die Wiedereingliederung und Rückfallprophylaxe zugeschrieben. Zahlreiche Untersuchungen konnten zeigen, dass qualifizierte soziale Arbeit zu den Vorbeugestrategien gehört, die sowohl bei den Gefährdeten, als auch deren Angehörigen Straffälligkeit vermeiden (vgl. Busch et al. 1987, S. 826). In diesem Zusammenhang erscheinen Art und Umfang von sozialer Unterstützung der Inhaftierten im Strafvollzug und deren Angehörigen bedeutsam. Gleichzeitig sollte danach gefragt werden, wie es den Angehörigen geht, wenn der Lebenspartner oder Vater fehlt und welche Auswirkungen die Trennung haben kann, unter welchen Umständen den Angehörigen Ressourcen der Mitwirkung zur Verfügung stehen, welchen Einfluss sie auf Unterstützungsmöglichkeiten nehmen können und dürfen oder welche Wege dafür offen stehen.

2.1 Stand der Forschung

Zur Rolle von sozialer Unterstützung und der qualitativen Bewertung von Beziehungen im Strafvollzug sowie zur Situation von Angehörigen liegen nur vereinzelt empirische Befunde vor, die mehrheitlich aus dem angloamerikanischen Raum stammen (vgl. Laule 2009, S. 7 ff.; vgl. Kawamura-Reindl et al. 2006, S. 34; vgl. Hosser o. J., S. 1). Bei den meisten Studien handelt es sich um Dissertationen (z. B. Meyer 1990) oder unveröffentlichte Abschlussarbeiten (vgl. Kern 2004, S. 3; vgl. Meyer 1990, S. 132).

Wichtige Ergebnisse liefern etwa die Studien von Quinton, Pickels, Maughan und Ruther (1993), die an Beispielen aufzeigen, „dass kontinuierliche, stabile und möglichst vielfältige soziale Bindungen dazu beitragen können, delinquentes Handeln zu reduzieren und Entwicklungs- und Bewältigungsdefizite zu kompensieren“ (Hosser o. J., S. 2).

Im deutschen Sprachraum kann lediglich die im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit durchgeführte Studie von Busch, Füllbier und Meyer (1987) als repräsentativ über die Situation der Frauen von Inhaftierten eingestuft werden. Außerdem soll die Diplomarbeit von Julia Kern (2004), als jüngste Arbeit in diesem Kontext, besondere Erwähnung finden, da hier unter anderem ausführlich der aktuelle Forschungsstand dargestellt und ein Überblick gegeben wurde, was aus den Empfehlungen der Studie von Busch et al. tatsächlich in den letzten Jahren umgesetzt wurde. Festzustellen bleibt, „dass es eine einheitliche Forschung und Theoriebildung zu dem Thema `Angehörige von Inhaftierten´“ weder im deutschsprachigen noch im angloamerikanischen Raum gibt (Kern 2004, S. 9).

2.2 Anzahl der betroffenen Angehörigen und Kinder

Eine genaue Zahl der betroffenen Angehörigen ist nicht zu ermitteln. In der bundesdeutschen Strafvollzugsstatistik wird der Familienstand von Inhaftierten erfasst. Angaben über die Angehörigen werden außer Acht gelassen. Am Stichtag des 31.03.2009 waren von den insgesamt 58.566 einsitzenden männlichen Strafgefangenen in Deutschland 17,7 % verheiratet und 14,7 % geschieden (vgl. Statistisches Bundesamt 2009, S. 14 ff.). Auskünfte über die Anzahl der Kinder oder nichtehelichen Partnerschaften werden nicht gegeben.

Derzeit sollen sich unter den ca. 3.381 männlichen Inhaftierten in Sachsen ungefähr 960 Väter minderjähriger Kinder im sächsischen Strafvollzug befinden (vgl. Justiz Sachsen 2009, o. S.). Die Anzahl der Kinder ist nicht bekannt.

In der JVA Zeithain befinden sich zurzeit 362 Gefangene im Strafvollzug und davon 34 Gefangene im offenen Vollzug.[5] Die JVA Zeithain dient seit dem 01.08.2008 dem Vollzug von Freiheitsstrafen, Ersatzfreiheitsstrafen und in Ausnahmefällen auch von Jugendstrafen.[6] Ihre Zuständigkeit ergibt sich aus dem Vollstreckungsplan des Freistaates Sachsen für Straftäter mit Freiheitsstrafen von zwei bis fünf Jahren für die Amtsgerichte in den Landgerichtsbezirken Chemnitz, Leipzig und Dresden (vgl. Sozialer Dienst der Justiz 2010a).

2.3 Die Bedeutung von Beziehungen während einer Haftzeit

Generell werden als positive Elemente von Resozialisierung die Möglichkeit eine Arbeit auszuführen, eine Ausbildung zu erwerben und Vollzugslockerungen wie die Öffnung des Vollzuges durch Besuche, Beziehungen zur Außenwelt, Ausgänge etc. allgemein anerkannt (vgl. Dünkel 2009, S. 188; vgl. Fritsche 2005, S. 246). Vor allem der Pflege von Kontakten zur Außenwelt wird dabei ein hoher Rang eingeräumt (vgl. Laule 2009, S. 2; vgl. Kaiser/ Schöch 2002, S. 85).

In den ersten sechs Monaten nach der Entlassung aus der Haft sind die Rückfallquoten besonders hoch. Zahlreiche Studien[7] konnten aufzeigen, dass die Rezidivraten[8] erheblich niedriger ausfallen, wenn z. B. eine Rückkehr zum Ehepartner erfolgte (20% vs. 47,9%) (vgl. Groß 2004, S. 29 ff.). Als ein wesentlich protektiver Faktor werden familiäre Bindungen angesehen (vgl. a. a. O., S. 46; vgl. Laule 2009, S. 9 ff.; vgl. Hosser 2000, S. 70).

Durch eine Inhaftierung werden die Möglichkeiten eingeschränkt, Beziehungen und Kontakte zu Familie und Freunden aufrecht zu erhalten. Soziale Kontakte mit der Außenwelt zu pflegen ist vorrangig über das Besuchsrecht geregelt. Ebenso bietet sich über Schriftverkehr und Telefonate die Gelegenheit der Kontaktpflege. Einige Anstalten ermöglichen allerdings verschiedene Besuchsformen und neben dem so genannten Normalbesuch auch Langzeit- und Ehebesuche. Vor allem die Langzeit- oder Familienbesuche und Ehebesuche sollen dazu dienen die Kontakte zu Partnerin und Kindern aufrecht zu erhalten.

In diesem Zusammenhang sind zwei wichtige Grundsätze des Grundgesetzes (GG) zu erwähnen. Zum einen besteht das Recht des Einzelnen zur Entfaltung seiner Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 GG), welches menschenwürdiges und soziales Leben einschließt, auch im Umgang mit anderen Menschen. Und zum anderen heißt es, entsprechend des Grundsatzes nach Art. 6 des GG, dass Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz staatlicher Ordnung stehen. Damit ergibt sich ein Recht auf Kontakte der Inhaftierten zu Ehegatten, Partnerinnen und Kindern sowie zu anderen familiären Angehörigen und umgekehrt. Das Bundesverfassungsgericht hat 1992 entschieden, dass die Grundrechte auch während des Strafvollzugs Geltung besitzen. Ebbers (1993) stellt heraus, dass die reale Vollzugspraxis konsequent verhindert, dass eheliche und familiäre Beziehungen bestehen bleiben können (vgl. Ebbers 1993, S. 55 f.). „Des Weiteren ist es das natürliche Recht und die Pflicht der Eltern, sich um die Erziehung ihrer Kinder in allen Lebenslagen zu kümmern“ (vgl. Anwärterinnen und Anwärter der JVA Schwalmstadt 2008, S. 259). Nach § 3 Abs. 1 Strafvollzugsgesetz (StVollzG) soll der Vollzug weitestgehend an die allgemeinen Lebensverhältnisse angeglichen werden, womit auch explizit die Kinder zur direkten Lebensnähe eines Inhaftierten gehören (vgl. Kawamura-Reindl et al. 2006, S. 33).

2.4 Spezifische Unterstützungsangebote für Angehörige

In der unmittelbaren Umgebung von den Haftanstalten in Sachsen gibt es im Rahmen von Straffälligenhilfen verschiedene Angebote von Vereinen oder Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, welche in der Hauptsache während der Phase der Entlassungsvorbereitung und gegebenenfalls der Nachsorge im Kontakt mit dem Verurteilten stehen. Spezifische Angebote für Angehörige sind außer in Zwickau[9] und Chemnitz[10] im Leistungsspektrum der Beratungsstellen nicht enthalten. Allerdings könnte jeder Angehörige die Gesprächsangebote örtlicher Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen in Anspruch nehmen. Außerdem besteht die Möglichkeit sich bei Erziehungsfragen an das zuständige Jugendamt zu wenden. Familienunterstützende Maßnahmen in Form von speziellen Familien- oder Eheseminaren im Rahmen einer Entlassungsvorbereitung eines Inhaftierten werden in Sachsen nicht angeboten. Ein Ratgeber für Inhaftierte, Haftentlassene und deren Angehörige wird nur von der Beratungsstelle in Chemnitz herausgegeben.

Hierbei soll erwähnt werden, dass es in anderen Bundesländern vereinzelt solche spezifischen Angebote gibt, die z. B. wie in Nordrhein Westfahlen vom Justizministerium finanziell gefördert werden (Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege des Landes Nordrhein Westfahlen 2002). Besonders erwähnenswert sind auch das Beratungsangebot und die Familienseminare vom Verein Treffpunkt e.V. in Nürnberg.[11] Andere erfolgreiche Projekte wurden mittlerweile aus finanziellen Gründen eingestellt.[12] Auch geben einige Haftanstalten oder Beratungsstellen Wegweiser bzw. Informationsbroschüren für Angehörige heraus und bieten zusätzlich Sprechstunden in den JVAs an. Im Rahmen dieser Arbeit darauf ausführlich einzugehen würde den vorgegebenen Umfang sprengen.

2.5 Familienorientierung im sächsischen Strafvollzug

In Sachsen gibt es neun Haftanstalten für männliche erwachsene Strafgefangene[13] sowie eine Jugendstrafanstalt für Jugendliche von 14 bis 18 Jahren und jungen Erwachsenen bis 21 Jahre (Regis-Breitingen). Spezielle Familienbesuchstage finden bisher lediglich in den JVAs Dresden, Torgau und Zeithain sowie in Regis-Breitingen statt. Insgesamt nehmen jährlich ungefähr 50 Inhaftierte und 115-120 Angehörige, davon ca. 50 Kinder, daran teil. Eine Vor- und Nachbereitung der Familiennachmittage, überwiegend als Einzelgespräche, wird nur in den Anstalten Torgau, Dresden und Regis-Breitingen[14] für die Väter angeboten.

Die JVA Dresden hat seit 2004 eine familienorientierte Wohngruppe eingerichtet, in die fünfzehn Inhaftierte aufgenommen werden können. „Für diese Wohngruppe können sich Strafgefangene bewerben, die verheiratet sind oder in einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft leben und mindestens ein Kind haben. Weitere Voraussetzungen sind u. a., dass die Justizvollzugsanstalt Dresden nach dem Vollstreckungsplan die zuständige Anstalt ist und ein Strafrest von mindestens sechs Monaten vorhanden ist“ (vgl. Justiz Sachsen 2010b, o. S.). Die Besonderheit dieser Wohngruppe sind die Art des Zusammenlebens und der Betreuung, welche durch besonders erfahrene Bedienstete des Vollzugsdienstes, einer Sozialpädagogin und einem Psychologen erfolgt. Zusätzlich werden Besuchszeiten für Angehörige von sechs Stunden monatlich ermöglicht (JVA Dresden 2010).

Diese oben gemachten zahlenmäßigen Angaben belegen, dass prinzipiell das Thema Vaterschaft in der institutionellen Logik des Strafvollzuges nicht selbstverständlich vorgesehen ist. Darüber hinaus wird die Situation der inhaftierten Väter bestimmt durch Restriktionen verschiedener bestehenden Kontrollinstanzen, wie der Bereitschaft der Mütter, dem eigenen Verhalten in Haft und der weiteren Familie (vgl. Eichinger 2009, o. S.). Eine ausführliche Darstellung dazu erfolgt in Kapitel 2.8.

2.6 Organisatorischer Rahmen für die Durchführung des Projektes

Ende 2008 wurde zum ersten Mal ein Nachmittag für Familienbesuche in der JVA Zeithain angeboten und findet seitdem 4mal jährlich statt. Die Umsetzung und Durchführung wird von zwei Bediensteten, die ansonsten für den Bereich der Sport- und Freizeitgestaltung zuständig sind, organisiert und ausgerichtet. Zuvor wird ein Informationsblatt über die familienspezifische Vätergruppe[15] auf den Stationen ausgehängt. Die interessierten Väter müssen sich um die Teilnahme bewerben und einen Antrag an die zuständige Vollzugsabteilungsleitung stellen. Das Zulassungsverfahren zum Familienbesuch erfolgt unter Beteiligung des psychologischen und Sozialen Dienstes sowie der Kunsttherapeuten. Über die Zulassung entscheidet die Abteilungsleitung bzw. bei Untersuchungsgefangenen der zuständige Richter. Dabei besteht kein Rechtsanspruch des Gefangenen. Eine abschließende Entscheidung obliegt der Vollzugsabteilungsleitung. Maximal sechs Väter werden zu einem Termin zugelassen, die anderen verbleiben auf der Warteliste.

Die Familiennachmittage finden alle drei Monate an einem Sonntag, in der Zeit von 13.00 bis 17.00 Uhr in dem Gebäude der Kunsttherapie statt. Es handelt sich um ein eigenständiges Gebäude, am Rande des JVA-Geländes mit separatem Zugang und einem umzäunten Hofgelände bestehend aus gepflasterten Bereichen und Rasenflächen sowie einem überdachten großen Sitzplatz. Dieser Außenbereich ist für andere Insassen der Anstalt nicht einsehbar. Im Innern des Gebäudes können ein großer Saal mit Tischen und Stühlen, eine Küche und der großzügige Flurbereich genutzt werden.

In der Regel werden diese Nachmittage thematisch von den beiden Bediensteten vorbereitet. Dazu werden Bastelmaterialien (beispielsweise nach Jahreszeiten ausgewählt), Bücher und Spiele bereitgestellt. Des Weiteren werden spezielle Aktivitäten, wie spielerische Wettkämpfe, Wasserspiele im Sommer, Würstchen grillen etc., von den Bediensteten vorbereitet.

Die Aufgabe der teilnehmenden Väter ist es, die Versorgung für alle Angehörigen mit Getränken (Kaffee, Tee, Kakao, Milch, Zucker etc.) und Keksen oder Kuchen gemeinsam zu organisieren. Das bedeutet, dass sich alle im Vorfeld absprechen und gleichermaßen beteiligen müssen, um zu wissen, wer was besorgt. Allen Kindern und Angehörigen stehen die mitgebrachten Speisen und Getränke zum Verzehr zur Verfügung.

Entgegen den sonst üblichen restriktiven Regelungen für Besucher bestehen für die Familiennachmittage gelockerte Besuchsregeln. Beispielsweise dürfen Armbanduhren getragen werden sowie Taschen und Rucksäcke mit hinein genommen werden. Den Kindern ist es erlaubt, ihre Taschen und Rucksäcke mit Spielsachen, Bildern, Bastelarbeiten etc. mitzubringen. Bei der Ankunft werden alle Taschen durch eine der beiden Bediensteten durchsucht. Eine Metallschleuse müssen alle durchschreiten.

Somit erhalten die Inhaftierten die Möglichkeit, ihre Außenkontakte vor allem zu den Kindern auf diese Weise unter weniger reglementierten Bedingungen zu gestalten. Die Begegnungen finden in einer ungezwungeneren Atmosphäre statt, die mehr Freiräume zur Pflege der Beziehungen zulässt. Allein die Tatsache, dass sich alle in mehreren Räumen und im Außengelände frei bewegen dürfen, unterstützt eine entspannte Besuchssituation.

2.7 Belastungsfaktoren für Partnerinnen und Kinder

In vielen Fällen trifft der Freiheitsentzug die Angehörigen von Straftätern vollkommen unvorbereitet. Häufig hat die veränderte Situation Auswirkungen auf die soziale, finanzielle und psychische Lage der Betroffenen. „Aus Scham oder durch die Umwelt stigmatisiert und ausgegrenzt, bleiben sie mit ihren Sorgen und Problemen allein“ (Sozialberatung Stuttgart 2008, S. 24; vgl. Kern 2004, S. 8 ff.).

Als Belastungen und Probleme der Frauen werden die folgenden Faktoren identifiziert: finanzielle Probleme, Einsamkeit (Abwesenheit des Partners), Gesundheit (somatisch, psychisch), Schwierigkeiten in der Kindererziehung, Probleme der Kinder mit der Situation umzugehen, Haushalt erledigen, Probleme mit Angehörigen (Diskriminierung) oder fehlendes Verständnis durch die Umwelt, alleinverantwortlich zu sein, Veränderung oder Entfremdung in der Beziehung, fehlender sexueller Kontakt zum Partner, Arbeitsüberlastung, Wohnungsprobleme, Druck der Familie sich scheiden zu lassen, Probleme am Arbeitsplatz (vgl. Busch et al. 1987, S. 33; vgl. Ebbers 1993, S. 49 ff.; vgl. Frank 2004, S. 13 ff.).

2.8 Die Bedeutung der Angehörigen und Kinder bei der Resozialisierung

Wie schon in Kapitel 2.3. erwähnt, werden den familiären Bindungen und der Pflege von nahen Beziehungen zur Außenwelt eine hohe Bedeutung in der Rückfallprophylaxe sowie dem Gelingen der Resozialisierung von Straftätern als soziale Unterstützung bzw. sozialintegrierende Maßnahme beigemessen. In den Standards für den Sozialdienst des sächsischen Justizvollzugs sind die Angehörigen[16] als mögliche (externe) Kooperationspartner erwähnt (vgl. Justiz Sachsen 2010c, S. 16 f.). Detaillierte Ausführungen zu Inhalt oder konkreter Umsetzung werden allerdings nicht gemacht.

Allgemeine Regelungen zu den Besuchen enthält das Strafvollzugsgesetz (StVollzG). Detaillierte Bestimmungen regeln die jeweiligen Hausordnungen der Anstalten und lassen der Anstaltsleitung gewisse Gestaltungsspielräume bei der Gewährung von Besuchszeiten. Demzufolge obliegt es der Anstaltsleitung längere Besuchszeiten, d. h. über die vier Stunden (Normalbesuch siehe Kapitel 5.6.1.) hinaus (bei Inhaftierten mit Angehörigen) oder zusätzliche Besuche zuzulassen, „wenn sie die Behandlung oder Eingliederung der Strafgefangenen fördern […]“ (Justiz Sachsen 2010d, o. S.).

Der sächsische Justizminister Geert Mackenroth äußert sich zu diesem Thema folgendermaßen: „In den sächsischen Justizvollzugsanstalten fördern wir deshalb gezielt Vater-Kind-Projekte. Damit wollen wir die bestehenden Bindungen zwischen dem inhaftierten Vater und seinem Kind festigen. Das ist nicht nur für die Kinder wichtig, sondern auch ein Beitrag zur erfolgreichen Wiedereingliederung der Gefangenen nach der Haftentlassung“ (Justiz Sachsen 2009, o. S.).

Somit können die zusätzlichen Familienbesuchszeiten der JVA Zeithain als ein bedeutender Faktor in der Umsetzung des Resozialisierungsgrundsatzes (Vollzugsziel § 1 SächsStVollzG und Vollzugsplan § 5 Abs. 2 SächsStVollzG) angesehen werden und gleichzeitig als eine Würdigung der Rolle von Angehörigen betrachtet werden.

2.9 Eine Inhaftierung aus der Perspektive der Frauen

Im Zusammenhang mit der Inhaftierung eines Partners bleibt dabei aber auch die Realität vieler Frauen unberücksichtig, mit der diese von heute auf morgen konfrontiert werden. Familienangehörige von Inhaftierten sind in der Wahrnehmung politisch Verantwortlicher und in der Öffentlichkeit sowohl qualitativ als auch quantitativ vollkommen bedeutungslos. Viele Frauen haben neue Rollen oder Funktionen zu erlernen, wie die der allein erziehenden Mutter oder der Alleinzuständigen für die existenzielle Versorgung. In Anbetracht der Veränderungen und zusätzlichen Anforderungen ist es für manche Angehörige schwierig, „sich mit dem Inhaftierten auseinanderzusetzen. Sie stehen vor der Aufgabe, ihre oft widerstreitenden und ambivalenten Gefühle ihm gegenüber anzuschauen und zu ordnen, um herauszufinden, ob sie die Beziehung weiterführen können und wollen“ (Frank 2004, S. 14).

Grundsätzlich zu beachten ist weiterhin, dass die Möglichkeiten der Kinder, Zugang zu ihren Vätern in Haft zu bekommen, von dem Einverständnis der Mütter abhängen. Es kommt immer darauf an, ob eine Mutter den Kontakt akzeptiert bzw. fördert und damit auch die Chance für den Vater eröffnet wird, seine Rolle als Vater im gegebenen Rahmen überhaupt wahrzunehmen oder zu gestalten. Es wird davon ausgegangen, dass eine fördernde Haltung der Mutter auch ein Sicherheitsgefühl bei dem Vater auslöst und damit eine Basis für die Motivation (zukünftig) ein geregeltes Leben zu führen, geschaffen wird. Anders gesagt besteht dadurch die Hoffnung für ein verändertes Bewusstsein, in welchem der Mann seiner Rolle als Vater und Partner mehr Bedeutung zuschreibt (vgl. Eichinger 2009, o. S.).

2.10 Die Rolle der weiteren Familie

Neben den Partnerinnen spielt auch die so genannte weitere Familie eine wesentliche Rolle. Weitere Familie bedeutet beispielsweise die Eltern, die Geschwister oder nähere Verwandte. Diese können im Fall von getrennt lebenden Eltern auch stellvertretend die Möglichkeit schaffen, den Kontakt mit einem Kind zu ermöglichen (ebd.).

3. Fragestellung der Arbeit

Im vorangegangen Theorieteil dieser Arbeit wurde die Komplexität der Bereiche veranschaulicht, in welchem Spektrum bedeutende Veränderungen für die betroffenen Frauen und Kinder eintreten können, wenn der Partner inhaftiert wurde. Aufgrund der wenigen vorliegenden aktuellen Studien oder Literatur zu den Lebenswelten der Angehörigen lassen sich lediglich fragmentarische Aussagen darüber zu der Situation in Deutschland machen. Darüber hinaus gibt es durchaus Gemeinsamkeiten der „älteren“ Studien zu heutigen Erfahrungen z. B. aus den Beratungsstellen und der ausgewählten aktuellen Literatur, die selbstverständlich bei der Bearbeitung des Themas berücksichtigt wurden.

Bei der Ermittlung der Grundlagen für diese Arbeit und in den informellen Vorbereitungsgesprächen für das Praxisprojekt wurde durch die an den Familiennachmittagen beteiligten Bediensteten z. B. ein für sie wahrnehmbarer dringender Gesprächsbedarf der besuchenden Angehörigen formuliert. Die Bediensteten hatten mehrfach erlebt, dass mache Angehörige gern einmal ein Gespräch zu verschiedenen Themen (die Justiz, die Vollzugspraxis, die Partnerschaft, die Kinder betreffend, schulische oder behördliche Belange u. a.) geführt hätten oder Fragen gern beantwortet bekommen hätten. Aus vielerlei Gründen, die die Bereiche von Sicherheitsaspekten, ihre Berufsrolle, ihren Auftrag oder ihre Kompetenz berühren, ist es den Bediensteten aber nicht möglich, in dem gegebenen Rahmen darauf einzugehen.

Die vorliegende Arbeit versteht sich aufgrund der informellen Gespräche mit den Bediensteten in erster Linie als explorative Vorstudie, dieses relativ unbestimmten Untersuchungsfeldes mit dem Ziel einige Zusammenhänge zu klären, wie etwa:

1. Die Lebensrealität der Frauen und Partnerinnen, die an den Familienbesuchstagen der JVA Zeithain teilnehmen, möglichst komplex zu erfassen und systematisch darzustellen.
2. Mögliche Einflussfaktoren auf eine Expansion Sozialer Arbeit zu prüfen, wie einen Bedeutungszuwachs, um daraus eine soziale Bedürfnissituation von gesellschaftlicher oder sozialpolitischer Relevanz zu formulieren.
3. Jenseits eines bestimmten methodischen Zugangs erscheint eine Prüfung des Untersuchungsgegenstandes insofern sinnvoll, da den Familien die Rolle als wichtiger Resozialisationspartner im System von Justiz und Gesellschaft beigemessen wird. Vor dem Hintergrund stellt sich die Frage, in wie weit dieses System die Veränderungen ihrer sozialen Lebens- oder Problemlagen berücksichtigt (vgl. Zürcher 2007, S. 13 ff.; vgl. Hansens 2005, S. 186 ff.; vgl. auch Spiegel v. 2008, S. 24).

4. Planung und Durchführung der Untersuchung

Die vorerst formulierten Hypothesen dienen der Präzisierung der Fragestellung, um Klarheit zu gewinnen, was durch die Befragungen konkretisiert werden soll. Es wird von der Annahme ausgegangen, dass eine Datenerhebung in den meisten Fällen nur durch ein einmaliges Interview der Frauen möglich ist. Somit wird das Untersuchungsfeld durch die Entscheidung für eine fest umrissene Fragestellung entsprechend reduziert und damit auch strukturiert (vgl. Flick et al. 1995, S. 152). Gleichzeitig wird in Betracht gezogen auch während der Datensammlung theoretische Konzepte zu entwickeln und zu verfeinern, um gegebenenfalls die Forschungsfrage neu zu definieren und im Sinne der „grounded theory“[17] zu konkretisieren (vgl. Hansens 2005, S. 196; vgl. Mayring 1996, S. 40 u. 82). Damit „können dann [Konstrukte] während der Feldarbeit verfeinert und mit anderen Konstrukten verknüpft werden“ (Mayring 1996, S. 83).

Die Formulierung allgemeiner Hypothesen für diese Arbeit basiert auf dem Wissen der Einsichten aus den informellen Gesprächen mit den Justizvollzugsbedienstete und auf den Gemeinsamkeiten der Themen aus vorangegangenen Studien[18] sowie den Erfahrungen der Beratungsstellen (siehe Kapitel 2.4). Auf die umfassende Darstellung des Gegenstandsbereiches soll dann die Überprüfung der Hypothesen erfolgen.

1. Hypothese

Umfassende Informationen der Angehörige helfen Unsicherheiten gegenüber der Justiz oder dem Justizsystem abzubauen.

2. Hypothese

Hilfsangebote für Angehörige helfen bei der Bewältigung der veränderten Lebenssituation durch die Inhaftierung eines Partners.

3. Hypothese

Eine Verbesserung der „familienfreundlichen“ Gestaltung von Besuchs- und Vollzugsbedingungen stabilisiert die sozialen Beziehungen.

4.1 Vorbereitungsphase der Untersuchung

Generell wird ein unbestimmter Bedarf an Unterstützung für die Belange von Angehörigen von der Justiz durchaus wahrgenommen, wie im vorangegangenen Kapitel dargestellt. Um diesen Bedarf zu erfassen, wurde die Durchführung dieses Projektes im Rahmen der Familienbesuchsnachmittage von der Anstaltsleitung genehmigt. Beide Justizvollzugsbedienstete, die die Familienbesuchsnachmittage organisieren, standen dafür in mehreren ausführlichen Vorgesprächen zur Verfügung. Dabei haben sie mich über die relevanten organisatorischen Abläufe, die Sicherheitsvorgaben, die räumlichen Gegebenheiten und sonstige Rahmenbedingungen informiert. Außerdem waren sie mir durch die Gespräche auch bei der Präzisierung meiner Fragestellung hilfreich, worauf die geeignete Erhebungsmethode entwickelt werden konnte.

[...]


[1] „[…] gestützt auf die Europäische Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten gewährleistet sind und ihr System von wirksamen internationalen Schutz der Grundrechte und Grundfreiheiten“ (vgl. Council of Europe 2001, o. S.).

[2] Im folgenden Text wird die Bezeichnung Bedienste verwendet (Anmerkung der Autorin).

[3] „Die Freiheitsstrafe ist auch in Deutschland die teuerste Sanktion“ (siehe ausführlich in: Kury 2005, S. 6 f.).

[4] Als typische Phänomene der Haft werden u. a. Haftkoller, Verluste des Realitätssinns, Depressionen, Sucht, Gewalt und Suizid beschrieben (vgl. Mührel 2001, S. 1844).

[5] Nach Information der Verwaltungsdienstleiterin werden bei der Aufnahme der Familienstand und die Anzahl der Kinder erfasst. Zahlenmäßige Angaben können aber nicht gemacht werden, da entsprechende Suchfunktionen über das PC-Programm nicht zur Verfügung stehen (JVA Zeithain 2010).

[6] „Jugendstrafe wird in Zeithain nur bei Überschreiten der Aufnahmefähigkeit der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen vollzogen (Sozialer Dienst der JVA Zeithain 2010).

[7] Insbesondere die ausführlichen Studien von Harer (1994) und Baumann et al. (1983) (vgl. Groß 2004, S. 29 ff.).

[8] Rückfallrate (Anmerkung der Autorin).

[9] Straffälligenhilfe der Stadtmission Zwickau e.V. (vgl. Adressliste Beratungsstellen für Angehörige 2010).

[10] AWO Kreisverband Chemnitz und Umgebung e.V. (vgl. Adressliste Beratungsstellen für Angehörige 2010).

[11] Siehe ausführlich unter URL: http://www.treffpunkt-nbg.de/ (Zugriff 22.09.2010).

[12] Zum Beispiel das systemtherapeutische Behandlungsprojekt der kath. Akademie in Cloppenburg für Inhaftierte und ihre Familien (siehe ausführlich Ebbers 1993). Leider existiert dieses Projekt nicht mehr (telefonische Auskunft vom 24.09.2010. URL: http://www.ka-stapelfeld.de/).

[13] Die Strafanstalten befinden sich in: Chemnitz, Dresden, Chemnitz, Görlitz, Leipzig, Torgau, Waldheim, Zeithain und Zwickau. In Chemnitz und Dresden gibt es auch Abteilungen für weibliche Erwachsene (vgl. Justiz Sachsen 2009, o. S.).

[14] „Die Vorbereitung erfolgt unter Federführung von Pfarrerin Frau Teubner aus dem Seelsorgebereich. Frau Teubner hat die Familientage ins Leben gerufen und dafür auch eine `Vätergruppe´ mit Jugendstrafgefangenen welche schon Vater sind gegründet. Die `Vätergruppe´ trifft sich in regelmäßigen Abständen unabhängig vom Familientag.“ (JVA Regis-Breitingen 2010).

[15] Es Handelt sich hier um eine Gruppe im Rahmen der Kunsttherapie der JVA (Anmerkung der Autorin).

[16] Zu den Angehörigen gemäß §11 Abs. 1 Nr.1 Strafgesetzbuch (StGB) gehören folgende Personen: „Verwandte und Verschwägerte gerader Linie, der Ehegatte, der Lebenspartner, der Verlobte, auch im Sinne des Lebenspartnerschaftsgesetzes, Geschwister der Ehegatten oder Lebenspartner“ (Bundesministerium der Justiz Stand 1998).

[17] Dieses Auswertungsverfahren „grounded theory“ wurde von Glaser und Strauss 1967 beschrieben. Es wird im deutschen Sprachraum als Gegenstandsbezogene Theorie übersetzt und „geht davon aus, dass der Forscher während der Datensammlung theoretische Konzepte, Konstrukte, Hypothesen entwickelt, verfeinert und verknüpft, so dass Erhebung und Auswertung sich überschneiden“ (Mayring 1996, S. 83; vgl. Flick et al. 1995, S. 440 ff.).

[18] Insbesondere aus der Studie von Busch, Fülbier und Meyer (1987) wurde Material im Sinne einer Dokumentenanalyse verwendet (vgl. Mayring 1996, S. 35).

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Zur Lebensrealität der Angehörigen von Inhaftierten
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
49
Katalognummer
V182751
ISBN (eBook)
9783656065227
ISBN (Buch)
9783656065432
Dateigröße
919 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inhaftierung, Angehörige, Familienorientierung, Resozialisierung
Arbeit zitieren
Sozialpädagogin B.A. Petra Anna Maria Hermes (Autor), 2011, Zur Lebensrealität der Angehörigen von Inhaftierten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182751

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