In Deutschland wird schon seit einigen Jahren viel diskutiert, ob die Jugendarbeit im Fußball erfolgreich und zukunftsweisend ist. Maßstab hierfür sind die Erfolge der Bundesligamannschaften auf der europäischen „Fußballbühne“ und die der Nationalmannschaft. Sie hat gerade aufgrund ihres weniger erfolgreichen Auftretens bei der Europameisterschaft 2000 Diskussionen über eine Nachwuchsproblematik im deutschen Fußball ausgelöst (Vgl. PFEIFER/RÖSER 2000, S. 14-15). Obwohl sich der deutsche Nachwuchs im internationalen Vergleich weit vor England, Frankreich und Italien befindet (Vgl. PFEIFER 1999, S. 16-17), werden besonders die Nachwuchskonzepte der europäischen Nachbarn mit wohlwollender Anerkennung gesehen. Dabei werden besonders die Konzepte des Europa- und Weltmeisters Frankreich und die der Niederlande hervorgehoben.
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine aktuelle Situationsbeschreibung der Talenterkennung und Talentförderung im Fußballsport zu liefern. Als Einstieg in diese Arbeit dient die Bestimmung des Talentbegriffs in den theoretischen Grundlagen (Vgl. Kap. 2). Im Anschluss werden weitere Abgrenzungen der in der Arbeit verwendeten Kernbegriffe vorgenommen (Vgl. Kap. 3), bevor die Talentförderung mit wichtigen Aspekten wie die des Trainings und des Wettkampfs, die der Altersthematik und die der Talentförderung in der ehemaligen DDR beschrieben werden.
Nach dieser theoretischen Einführung bildet im Kapitel 5 die Talentsichtung des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV) und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) einen weiteren Schwerpunkt dieser Arbeit. In Kapitel 6 wird das Konzept der Talentförderung des DFB vorgestellt, dass in den letzten Jahren deutlich modifiziert wurde, um im internationalen Vergleich weiterhin eine gewichtige Rolle zu spielen. Die Veränderung des Konzepts erfolgt in mehreren Stufen, wobei die vorerst letzte Stufe erst im Jahr 2002 in die Praxis umgesetzt wird.
Das Konzept des niederländischen Vereins Ajax Amsterdam hat aufgrund der erzielten Erfolge weltweit Anerkennung gewonnen und wird daher in Kapitel 7 erläutert. Abschließend wird eine Bewertung in Form einer Schlussbetrachtung vorgenommen (Vgl. Kap. 8).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Talentbegriff
2.1.1 Statischer Talentbegriff
2.1.2 Dynamischer Talentbegriff
2.2 Fußballtalent
3 Abgrenzung der Kernbegriffe
3.1 Talentsichtung
3.1.1 Talenterkennung und -prognose
3.1.2 Leistungsdiagnostik im Fußball
3.1.3 Eigene Stellungnahme
3.2 Talentauswahl
3.2.1 Fluktuation
3.2.2 Eigene Stellungnahme
4 Talentförderung
4.1 Training und Wettkampf
4.1.1 Das Mehr-Komponenten-Modell
4.1.2 Methoden Akzeleration und Enrichment
4.1.3 Eigene Stellungnahme
4.2 Altersthematik
4.3 Talentförderung in der DDR
5 DFB-/NFV-Talentsichtung
5.1 Vorbemerkungen
5.2 Talentsichtung U 10
5.2.1 Vorsichtung: „Tag des Talents“
5.2.1.1 Organisation
5.2.1.2 Spielmodus
5.2.2 Hauptsichtung
5.3 Talentsichtung U 11 - U 19
5.4 Eigene Stellungnahme
6 DFB-Nachwuchs-Konzept „Talente fordern und fördern“
6.1 Hintergründe
6.2 Die drei Bereiche des Konzepts „Talente fordern und fördern“
6.2.1 Juniorennationalmannschaften
6.2.2 Nachwuchszentren in den Lizenzvereinen
6.2.3 Das DFB-Talentförderprogramm
6.2.3.1 Die Talentsichtung
6.2.3.2 Die Spezialförderung
6.2.3.2.1 Die Spieler
6.2.3.2.2 Das Training
6.2.3.2.3 Die Trainer
6.2.3.2.4 Statistische Angaben
6.3 DFB-Talentförderprojekt
7 Talentsichtung und Talentförderung bei Ajax Amsterdam
7.1 Das Talentsichtungssystem
7.2 Anforderungsprofil eines Ajax-Talents
7.3 Leitlinien der Nachwuchsausbildung
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit liefert eine aktuelle Situationsbeschreibung der Talenterkennung und Talentförderung im Fußballsport, mit einem besonderen Fokus auf die Strukturen des DFB und des NFV sowie einen internationalen Vergleich anhand des Modells von Ajax Amsterdam. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie Talente effizient gesichtet und systematisch gefördert werden können, um langfristige sportliche Höchstleistungen zu ermöglichen.
- Theoretische Bestimmung und Differenzierung des Talentbegriffs im Sport.
- Analyse und Kritik der aktuellen Talentsichtungs- und Auswahlverfahren.
- Untersuchung der langfristigen Talentförderung im Training und Wettkampf.
- Vergleich der DFB-Nachwuchskonzepte mit historischen und internationalen Modellen.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Leistungsdiagnostik im Fußball
„Leistungsdiagnostik beinhaltet das Erkennen und Benennen des individuellen Niveaus der Komponenten einer sportlichen Leistung oder eines sportlichen Leistungszustandes“ (RÖTHIG 1992, S. 277).
Die Leistungsdiagnostik stellt zusammen mit der Trainingsplanung die entscheidende Voraussetzung für die Trainingssteuerung dar. An leistungsdiagnostischen Verfahren können unterschieden werden:
• Befragung, Interview
• Beobachtung (durch Trainer/Berater; mit Dokumentation, Raster, Video/Film, Computer u.ä.)
• Sportmotorische Tests
• Sportpsychologische Verfahren
• Sportmedizinische (kardiologische, physiologische und biochemische) Verfahren
• Funktionell-anatomische Verfahren
• Biomechanische Verfahren
(vgl. WEINECK 1997, S. 51)
Bei der Durchführung von leistungsdiagnostischen Tests ist zum einen auf entsprechende Gütekriterien, zum anderen auf ihre Durchführbarkeit zu achten. Unter den Aspekt der Durchführbarkeit fallen die Praktikabilität, der organisatorische Aufwand und die eventuell anfallenden Kosten. Aus sportwissenschaftlicher Sicht wird zwischen Hauptgütekriterien (Exaktheitskriterien) und Nebengütekriterien unterschieden. Nebengütekriterien sind vor allem bezüglich der praktischen Umsetzbarkeit von Bedeutung.
Hauptgütekriterien:
• Die Gültigkeit (Validität) eines Tests gibt an, in welchem Ausmaß er wirklich das erfasst, was er entsprechend seiner Fragestellung erfassen soll.
• Die Zuverlässigkeit (Reliabilität) eines Tests gibt den Grad der Genauigkeit an, mit der das entsprechende Merkmal gemessen wird (Messgenauigkeit).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die Ausgangslage der Nachwuchsproblematik im deutschen Fußball und skizziert das Ziel der Arbeit sowie den Aufbau der Untersuchung.
2 Theoretische Grundlagen: Definiert den Talentbegriff unter statischen und dynamischen Gesichtspunkten und arbeitet sportartspezifische Anforderungen für Fußballtalente heraus.
3 Abgrenzung der Kernbegriffe: Erläutert die begrifflichen Unterschiede und Zusammenhänge von Talentsichtung, -erkennung, -auswahl und -förderung im Kontext des Fußballs.
4 Talentförderung: Analysiert den langfristigen Trainingsaufbau sowie Ansätze zur Beschleunigung (Akzeleration) gegenüber einer breiten Anreicherung (Enrichment) und beleuchtet das DDR-Modell.
5 DFB-/NFV-Talentsichtung: Detaillierte Darstellung der praktischen Sichtungsmaßnahmen für verschiedene Altersklassen im Zuständigkeitsbereich des Niedersächsischen Fußballverbandes.
6 DFB-Nachwuchs-Konzept „Talente fordern und fördern“: Vorstellung der strukturellen Reformen des DFB zur Nachwuchsförderung, inklusive der Nachwuchszentren und Spezialförderung.
7 Talentsichtung und Talentförderung bei Ajax Amsterdam: Erläutert das international anerkannte, hochgradig systematisierte Nachwuchsausbildungskonzept des niederländischen Spitzenvereins.
Schlüsselwörter
Talenterkennung, Talentförderung, Fußballsport, Leistungsdiagnostik, Talentsichtung, DFB, NFV, Nachwuchstraining, Talentauswahl, Spitzensport, Ajax Amsterdam, Akzeleration, Enrichment, Sportmotorik, Spielintelligenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den aktuellen Stand der Talenterkennung und Talentförderung im Fußballsport in Deutschland mit dem Ziel, eine Situationsbeschreibung und Bewertung bestehender Konzepte zu liefern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Neben theoretischen Definitionen des Talentbegriffs bilden die Sichtungs- und Auswahlverfahren des DFB und NFV, sowie der Vergleich mit dem erfolgreichen Ausbildungskonzept von Ajax Amsterdam, die Schwerpunkte.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Die Arbeit zielt darauf ab, die Bedeutung einer systematischen, langfristig orientierten Talentförderung hervorzuheben und die Notwendigkeit von Verbesserungen in der Talentsichtung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie auf Expertenwissen, welches der Autor durch persönliche Gespräche und seine eigene Tätigkeit als DFB-Stützpunkttrainer eingebracht hat.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsabgrenzung, die praktische Durchführung der DFB-/NFV-Sichtung, die Analyse des DFB-Konzepts „Talente fordern und fördern“ sowie die Fallstudie zu Ajax Amsterdam.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Talenterkennung, Talentförderung, Leistungsdiagnostik, systematisches Training, Talentsichtung und die Differenzierung zwischen statischem und dynamischem Talentbegriff.
Wie bewertet der Autor die aktuelle DFB-Talentsichtung?
Der Autor hält das System für schlüssig, kritisiert jedoch die starke Abhängigkeit von punktuellen Sichtungsereignissen und fordert eine engere, organisierte Zusammenarbeit mit den Vereinstrainern vor Ort.
Was macht das Konzept von Ajax Amsterdam so besonders erfolgreich?
Der Erfolg beruht auf einem langfristigen, 12-jährigen Ausbildungsmodell mit einheitlichen Spielphilosophien und einer intensiven, auf das Anforderungsprofil „TIPS“ ausgerichteten individuellen Förderung der Spieler.
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- Mirko Friedrich (Author), 2001, Talenterkennung und Talentförderung im Fußballsport, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18275