Differenzierung politischer Forderungen von Nancy Fraser, Formen der Unterdrückung differenziert von Iris Marion Young – und mögliche Konsequenzen


Seminararbeit, 2011
21 Seiten

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Anerkennung und Umverteilung

2. Politische Forderungen und Widersprüche

3. Fraser über Youngs Differenzierung von Unterdrückung

4. Versuch einer Anwendung der Kategorien Youngs

5. Zusammenfassung

6. Literaturangaben

Abk:

Fraser a = Fraser, Nancy: Kultur, politische Ökonomie und Differenz. Über Iris Youngs Jusice and the Politics of Difference. In: Dies.: Die halbierte Gerechtigkeit. Frankfurt/M. 2001, 247-297.

Fraser b = Fraser, Nancy: Soziale Gerechtigkeit im Zeitalter der Identitätspolitik. Umverteilung, Anerkennung und Beteilung. In: Fraser, Nancy, Honneth, Axel: Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. Frankfurt/M. 2003.

RKK = römisch-katholische Kirche

CIC = Codes Iuris Canonici. Codes des kanonischen Rechtes. Vatikan 1983. (Lat. dt. Ausgabe, 5., neu gestaltete und verbesserte Auflage. Kevelaer 2001.)

Innerhalb einer Gesellschaft gibt es zahlreiche Spannungen (...). Es existiert Spannung zwischen individuellen Bedürfnissen und den Anforderungen der Gesellschaft, zwischen dem Streben nach Einheit und dem nach Vielfalt, zwischen dem Bedürfnis nach Stabilität und dem nach Flexibilität. Diese Spannungen können nicht beseitigt werden, indem man versucht, eine der beiden Seiten zu unterdrücken. Wir dürfen weder das Individuelle noch das Gemeinschaftliche unterdrücken. Weder das Streben nach Einheit noch das nach Verschiedenheit darf verdrängt werden, weder das Bedürfnis nach Stabilität noch das nach Flexibilität. Wir müssen unter allen Umständen versuchen, jeweils beide Seiten in kreativer Balance zu halten.[1]

Nach dem Prinzipien moderner Sozialstaaten wird Vermögen von oben nach unten verteilt; viele Staaten sind wohlhabend genug, um bei dieser Umverteilung großzügig sein zu können: „Ein Blick ins Detail offenbart allerdings die Schwächen eines Systems, das seit Jahrzehnten nicht mehr grundlegend reformiert wurde und mittlerweile kaum noch zu finanzieren ist.“[2] Was tun, wenn ein System nicht ein Mehr an Gerechtigkeit, sondern im Gegenteil neue Ungerechtigkeiten schafft?

0. Einleitung

In dieser Seminararbeit möchte ich auf die Unterscheidung Nancy Frasers zwischen einer Politik der Anerkennung und einer Politik der Umverteilung und die damit verbundene Problematik eingehen, dass diese beiden Formen politischer Forderungen nach Gerechtigkeit einander widersprechen und behindern können. Fraser unterscheidet diese beiden Formen politischer Forderungen von einander vor allem im Anschluss an ihre Kritik an Youngs Konzeption von Gerechtigkeit, der sie vorwirft, sie argumentiere zu undifferenziert für eine Politik der Anerkennung und vermische die beiden Paradigmen der Politik der Umverteilung und der Anerkennung.

Im ersten Teil meiner Arbeit sollen nun zunächst mit Fraser die Begriffe Anerkennung und Umverteilung erläutert werden. Im zweiten Teil werden die Unterschiede zwischen den politischen Forderungen nach Anerkennung und Umverteilung herausgearbeitet und die mögliche Diskrepanzen zwischen beiden deutlich gemacht. Der dritte Teil problematisiert schließlich Frasers Kritik an Youngs Formen der Unterdrückung, in der Fraser versucht ihr Konzept (die Unterscheidung zwischen Politik der Umverteilung und der Anerkennung), über Youngs Konzeption zu legen und auf dieses anzuwenden. Dabei wird zu zeigen sein, inwiefern Frasers Kritik berechtigt, wo ihre Kritik aber auch ein wenig überzogen scheint. Im vierten Teil werde ich versuchen, Frases Überlegungen und Youngs Kategorien anzuwenden auf unterschiedliche Formen der Unterdrückung in der katholischen Kirche, welche in gegenwärtigen Debatten auftauchen und möchte daraus auf mögliche Konsequenzen bei der Forderung nach Gerechtigkeit innerhalb der RKK (= römisch-katholische Kirche) schließen.

1. Anerkennung und Umverteilung

Grundsätzlich geht Fraser davon aus, dass sowohl Anerkennung, als auch Umverteilung bei Forderungen nach Gerechtigkeit relevant sind.[3] Fraser betont, dass die beiden Begriffe Anerkennung und Umverteilung aus unterschiedlichen Kontexten stammen und beide sowohl politische, als auch philosophische Wurzeln haben. Während der Begriff Umverteilung (redistribution) in der Debatte um Verteilungsgerechtigkeit (z.B. bei Rawls und Dworkin[4] ) eine zentrale Rolle spiele, wo es um die Frage gehe, durch welche Gerechtigkeitskonzepte Umverteilung überhaupt gerechtfertigt werden könne, sei der Begriff Anerkennung (recognition) immer auch mit Rekurs auf Hegel[5] zu lesen:

„In dieser Tradition bezeichnet Anerkennung eine ideale reziproke Beziehung zwischen Subjekten, in der jeder den anderen als seinesgleichen und zugleich als von sich getrennt sieht. Diese Beziehung wird für subjektivitätskonstitutiv erachtet; zu einem individuellen Subjekt wird man, indem man ein anders Subjekt anerkennt und von diesem anerkannt wird.“[6]

Um Fraser nicht zu unterstellen sie konstruiere hier ein rein dualistischen Konzept, sei hinzugefügt, dass Fraser darauf hinweist, dass Formen der Ungerechtigkeit auch dort auftauchen können, wo sowohl Hindernisse durch fehlende Anerkennung, als auch Hindernisse durch ökonomische Benachteiligung bereits ausgeräumt sind. Fraser spricht in diesem Zusammenhang von politischen Hindernissen. Diese „würden Entscheidungsverfahren einschließen, die einige Menschen selbst dann systematisch marginalisieren, wenn ökonomische Benachteilung und mangelnde Anerkennung nicht vorliegen; dies etwa im Falle eines Mehrheitswahlrechts, das quasi-permanenten Minderheiten ihr Stimmrecht vorenthält. Die entsprechende Ungerechtigkeit wäre >politische Marginalisierung< oder >Exklusion<, die entsprechende Abhilfe wäre >Demokratisierung<.“[7]

Fraser betont, dass sie zwei Modi sozialer Ordnung untersuche, (welche „zwei Typen der Benachteilung und zwei Hindernissen auf dem Weg zur partizipatorischen Parität“[8] darstellen), damit aber andere denkbare Modelle nicht ausschließen, sondern die Frage durchaus stellen will, „ob es noch weitere Modi sozialer Ordnung geben könnte, die wiederum anderen Typen der Benachteiligung und anderen Dimensionen sozialer Ungerechtigkeit entsprechen.“[9] Dennoch möchte ich mich in dieser Seminararbeit nur auf die beiden von Fraser behandelten Formen konzentrieren, welche Fraser auch als „normative philosophische Kategorien“[10] versteht.

2. Politische Forderungen und Widersprüche

Sollen wir Differenz anerkennen, fördern, unterstützen und damit vielleicht Ungerechtigkeit fördern? Oder sollen wir Differenzen aufheben und damit Gleichheit fördern, aber Anerkennung der Differenz verhindern? Die Frage, die sich damit stellt, ist: Wann gilt es Differenzen anzuerkennen, vielleicht auch zu verstärken und wann gilt es sie aufzulösen? Fraser tritt in ihrem Text (im Band Umverteilung oder Anerkennung?) ganz stark dafür ein, Differenzen nicht über einen Kamm zu scheren, sondern auch diese differenziert zu betrachten. Was sie fordert, ist, differenzierte Differenz als solche wahrzunehmen und auch differenziert zu behandeln!

Gegen die These, gegen politisch ökonomische Benachteilungen bräuchte es eine Politik der Umverteilung, und gegen kulturell begründete Ungerechtigkeiten bräuchte es eine Politik der Anerkennung, bringt Fraser die Problematik ins Spiel, dass diese beiden Formen der Politik in der Lage sind, einander zu behindern, wenn nicht sogar sich gegenseitig ausschließen können. Mit Fraser ist daher zu fragen: „Welches Verhältnis besteht zwischen Umverteilung und Anerkennung?“[11] Um diese Frage zu beantworten, zeichnet Fraser zunächst das populäre Verständnis von Politik der Anerkennung und einer Politik der Umverteilung nach und stellt dabei fest, dass den beiden Auffassungen (1.) „verschiedene Konzeptionen von Ungerechtigkeit“[12] zugrunde liegen, (2.) „verschiedene Handhaben gegen die Ungerechtigkeit“[13] vorschlagen, (3.) auch von „unterschiedliche Konzeptionen derjenigen Gruppierungen (...), denen Ungerechtigkeit widerfährt“[14] ausgehen und (4.) „ein unterschiedliches Verständnis von Gruppendifferenzen voraussetzen.“[15]

Mit dem letzten Punkt geht Fraser auf die von ihr so zentrale Forderung ein, Differenz als differenzierte Differenz wahrzunehmen. Denn es gibt nicht nur Differenzen, die anerkannt werden müssen, damit eine Werthierarchie abgeschafft und eine Statusaufwertung einer bis dahin abgewerteten Gruppe stattfinden soll. Vielmehr ist zu betonen, dass es auch Differenzen gibt, die lediglich das Ergebnis einer gesellschaftlichen, ökonomischen Struktur sind und welche es gilt aufzuheben:

„Anstatt Wesensmerkmale der betreffenden Gruppen darzustellen, sind sie das Resultat einer gesellschaftlichen Konstruktion nach Maßgabe einer ungerechten politischen Ökonomie. Aus dieser Perspektive sollten Gruppendifferenzen aufgehoben und nicht anerkannt werden. Im Falle der Anerkennung geht man hingegen mit Differenzen auf zweierlei Art um. In der einen Spielart sind sie unwesentliche, präexistente kulturelle Eigenarten, die ein ungerechtes Interpretationsschema vorsätzlich in eine Wertehierarchie übersetzt hat. In der anderen Spielart gehen die Gruppendifferenzen ihrer Übersetzung in eine Wertehierarchie keineswegs voran, sondern werden gleichzeitig mit ihr konstruiert. Für die eine Spielart verlangt die Gerechtigkeit, die ungerechterweise entwerteten Eigenarten in ihre alten Rechte einzusetzen und daher die Gruppendifferenzen in Ehren halten, anstatt sie auszulöschen. Im Rahmen der zweiten Spielart gilt es hingegen als kontraproduktiv, die Differenzen als solche hochzuhalten; vielmehr sollten wir jene Begriffe dekonstruieren, anhand deren die Differenzen gegenwärtig entfaltet werden.“[16]

Das heißt, sie unterscheidet (1.) Differenz, welche das Ergebnis von Unterdrückung ist, von (2.) Differenz, welche vor aller Unterdrückung bereits vorliegt, vielleicht irgendwann als Ursache oder Legitimation für Unterdrückung funktioniert, das heißt missbraucht wird. (3.) wäre von einer Differenz zu sprechen, die weder die Differenz einer Minderheit ist, welche es vielleicht aufzuwerten gelte, noch als Differenz das Produkt von Unterdrückung ist, welche es abzuschaffen gilt, sondern eine Differenz, welche es als Pluralität zu bejahen und eben in sich nochmals zu differenzieren gilt.[17] Außerdem betont Fraser, dass es ihr nicht darum geht, eine Politik der Anerkennung einer Politik der Umverteilung überzustülpen; sie habe „einen integrativen Ansatz angestrebt, der den Wechselwirkungen ebenso zuvorkommt wie einer zwangsläufigen Option entweder für die Anerkennung oder für die Umverteilung.“[18]

Ein weiteres Problem taucht auf mit der Frage, wenn wir nun erkannt haben, dass eine Politik der Anerkennung nicht in jedem Fall von Unterdrückung für die Benachteiligten hilfreich ist, es also auch eine Politik der Umverteilung braucht, wie diese Umverteilung konkret aussehen soll; denn eine reine Ressourcenumverteilung ohne strukturelle Änderungen wird nicht ausreichen, um Ungerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen, die gerade durch Strukturen überhaupt erst reproduziert werden. Wenn die Struktur gleich ungerecht bleibt, wird eine Umverteilung immer und immer wieder erforderlich bleiben. So lässt sich beispielsweise das Problem der Unterdrückung, welche als Folge der Struktur der Arbeitsteilung auftaucht, nicht einfach durch Umverteilung lösen.[19] Wie aber kann man Strukturen ändern, wenn diese ungerecht sind? Und kann und soll man nicht dennoch zuerst, auch wenn Struktur ungerecht ist, versuchen, Unterdrückung/Diskriminierung zu verhindern, wo man sie verhindern kann, auch wenn das noch nicht alle strukturellen Probleme löst? Bevor ich im vierten Teil auf diese Frage zurückkommen werde, möchte ich nun Frasers Kritik an Youngs Konzeption unterschiedlicher Formen von Unterdrückung thematisieren.

[...]


[1] Robinson, S. 135.

[2] Rosemarie Schweiger über das österreichische Sozialsystem in Profil 24, 10. Juni 2011, S. 19.

[3] Während ich davon ausgehen, dass wir nicht (positiv) sagen können, was gerecht ist, sondern nur dort Widerstand leisten können, wo wir Unterdrückung (negativ: als Fehlen von Gerechtigkeit) vorfinden, klingt bei Fraser m. E. durch, dass es politische Forderungen geben soll, die wissen, wie man Gerechtigkeit herstellen könnte, wie man Umverteilung rechtfertigen könnte. Dagegen ist zu fragen, ob es Verlierer und Gewinner nicht auch dann geben wird, wenn niemand mehr ökonomisch benachteiligt wird, alle anerkannt werden und auch alle anderen politischen Hindernisse ausgeräumt sind. Natürlich nicht weil es sie geben soll, sondern weil es unmöglich ist ein stabiles Gleichgewicht in einer sich wandelnden Gesellschaft herzustellen. Damit wäre lediglich darauf hingewiesen, dass ethische Entwürfe zeigen können, erstens was vielleicht möglich wäre, was sein könnte (Utopiefähigkeit) und zweitens was nicht sein soll (Widerspruchsfähigkeit). Und dass wir drittens nicht sagen können, was tatsächlich gerecht ist. Das heißt, dass immer nur Annährungen stattfinden an einen Entwurf von Gerechtigkeit, der uns sagt, was nicht sein soll und was sein könnte. Dass es aber niemals einen Entwurf von Gerechtigkeit oder politische Forderungen geben wird, die sagen können, was tatsächlich gerecht ist.

[4] Vgl. Fraser b, S. 18. Ich werde auf den Begriff Umverteilung an dieser Stelle nicht näher eingehen, auch wenn dieser aus Sicht marxistischer Theorien eine tiefere Auseinandersetzung erfordern würde. (Vgl. vor allem zu Fraser a, S. 291-294.) Die Unterscheidung zwischen Umverteilung und Umstrukturierung wird aber im zweiten Abschnitt zu problematisieren sein.

[5] Vgl. Fraser b, S. 19.

[6] Fraser b, S. 19.

[7] Fraser b, S. 95. Ich werde auf mögliche Formen der Unterdrückung innerhalb der RKK im 4. Teil zu sprechen kommen, möchte hier aber ein Beispiel zitieren, welches diese Form politischer Hindernisse verdeutlichen kann: „Auch mittels Regelungen zur Geschäftsordnung übt der Vatikan massiv Kontrolle aus: Bei der Synode der Bischöfe Ozeaniens im Jahr 1998 teilte mir der Kardinalsekretär der Synode mit, dass bei Abstimmungen nur der Konsens zähle, der auf eine Zustimmungs- bzw. Ablehnungsquote von 90 Prozent festgelegt sei. Alle anderen Formen von Mehrheitsbeschlüssen hatten keine Geltung. Und diese Geschäftsordnung galt, wobei die stimmberechtigte vatikanische Abordnung mehr als 10 Prozent aller stimmberechtigten Synodenteilnehmer ausmachte. So konnte jegliche Abstimmung der ozeanischen Bischöfe blockiert werden, selbst wenn ohne die Stimmen der vatikanischen Abgeordneten der geforderte Konsens erreicht worden wäre.“ (Robinson, S. 129-130.)

[8] Fraser b, S. 94.

[9] Fraser b, S. 94-95.

[10] Fraser b, S. 42.

[11] Fraser a, S. 274.

[12] Fraser b, S. 22.

[13] Fraser b, S. 23.

[14] Fraser b, S. 24.

[15] Fraser b, S. 26.

[16] Fraser b, S. 26.

[17] Vgl. Fraser a, S. 296 und Fraser b, S. 29.

[18] Fraser b, S. 113, Anm. 96.

[19] Vgl. Fraser a, S. 290.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Differenzierung politischer Forderungen von Nancy Fraser, Formen der Unterdrückung differenziert von Iris Marion Young – und mögliche Konsequenzen
Hochschule
Universität Wien
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V182769
ISBN (eBook)
9783656067320
ISBN (Buch)
9783656067689
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
differenzierung, forderungen, nancy, fraser, formen, unterdrückung, iris, marion, young, konsequenzen
Arbeit zitieren
MMag. phil. MMag. theol Renate Enderlin (Autor), 2011, Differenzierung politischer Forderungen von Nancy Fraser, Formen der Unterdrückung differenziert von Iris Marion Young – und mögliche Konsequenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182769

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