Mädchenliteratur im Wandel der Zeit


Hausarbeit, 2002

26 Seiten, Note: 1 (sehr gut)


Leseprobe

1. Einleitung:

Das Thema Mädchenliteratur ist nach wie vor ein sehr wichtiges Thema im Bereich Literatur und Pädagogik. Nich nur hat es sich im Laufe des letzten Jahrhunderts mehmals gewandelt und entwickelt, sondern es sind auch bemerkenswerterweise immer noch viele begeisterte Leserinnen der „alten“ Mädchenliteratur zu finden. Wie kommt das? Ist Emanzipation spurlos an der Literatur vorbei gegangen, oder erleben wir hier eine Regression?

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit dem Wandel der Mädchenliteratur und den gesellschaftlichen Einflüssen auf eben diese. Ich werde dabei einige wichtige Bücher etwas näher betrachten und vergleichen, um anhand dieser den Wandel zu verdeutlichen. Zunächst allerdings möchte ich im ersten Teil meiner Arbeit genauer auf die historische Entwicklung eingehen.

2. Was ist Mädchenliteratur?:

Die Mädchenliteratur ist ein besonderer Spiegel bürgerlicher Kultur. Sie reflektiert nicht etwa nur Bilder gesellschaftlich gewünschter Rollen und Charaktere der Frau, ihre Lektüre ermöglicht vielmehr auch die Befriedigung von Wünschen, die den in der Gesellschaft dominanten Sozialisierungs- und Identifizierungskonzepten für Frauen entgegengesetzt sind. Im Mittelpunkt dieser Literatur steht daher immer das Mädchen, dessen Zukunft noch nicht ganz festgelegt scheint, das noch keine Frau ist. Die stofflich-thematischen Zentren sind: Familie, Schule (Internat), Beruf, Freundschaft, Liebe und Krieg.

Es werden ausschliesslich Bücher für Mädchen im Alter von ungefähr 7 bis 12 Jahren behandelt werden, also keine Adoleszenzliteratur.

3. Geschichte:

3.1. Jahrhundertwende / Vorkriegszeit / 1. Weltkrieg (ca. 1900 – 1920)

Zur Zeit der Jahrhundertwende befand sich die Mädchenliteratur noch in den Kinderfüssen. Vereinzelt erschienen bereits sogenannte „Backfischromane“ mit relativ rebellischem Inhalt, geschrieben speziell für Teenager–Mädchen als psychologische Erziehungsmassnahme, wie zum Beispiel das Paradebeispiel „Trotzkopf“ von Emmy van Rhoden und „Nesthäkchen“ von Else Ury. Relativ rebellisch deshalb, weil die Protagonistinnen gegen das auferlegte bürgerliche Leben rebellieren, sich nicht anpassen, oder unterwerfen wollen. Am Ende sind sie jedoch bekehrt, brav und fügen sich dem Leben einer demütigen jungen Frau sogar gerne. (siehe „Trotzkopf“; „Nesthäkchen“ und „Pucki“) Diese rebellische Phase wird von den Figuren im Buch zwar nicht gutgeheissen, aber doch lächelnd gebilligt. Der Protagonistin wird zugestanden eine zweite Kindheitsphase zu durchleben, bevor sie sich dem Ernst des Lebens widmet, heiratet und sich aufopfernd um ihre Familie kümmert. Sie wird verniedlicht und belächelt, besonders von den männlichen Figuren der Bücher, wie dem Vater, zu dem sie eine besonders liebevolle und innige Beziehung hat und dem zukünftige Ehemann. Die typische Protagonistin der Mädchenbücher der Jahrhundertwende ist also süss, kindlich, liebenswert, literarisch total romantisiert, aber nicht ernstzunehmen. Entspricht das dem Bild der Frau dieser Zeit? In gewisser Hinsicht schon, denn genau diese Eigenschaften, oder besser Tugenden, wurden ja von einer jungen Frau im Bürgertum erwartet. Man gestand ihr zu etwas zu rebellieren, tadelt sie, bis sie reift und ihre „Dummheit einsieht“ (siehe „Pucki“). Das war es auch, was sie für den Mann dieser Zeit attraktiv gemacht hat, das verspielte und kindliche.

Das konservative Bürgertum sieht in der Emanzipation der Frau weiterhin eine Gefahr, die seine Moral und seine Interessen bedroht. Sie fürchten die weibliche Konkurenz. (S. de Beauvoir; „Das andere Geschlecht“; S.21)

Auffallend ist, das es in den Büchern dieser Zeit wirklich nur darum geht, für die Protagonistin einen Mann zu finden und zu heiraten – versorgt zu sein und das nicht nur wirtschaftlich. Gesellschaftliche Missstände, Politik oder Philosophie kommen in Backfischromanen nicht vor, werden höchstens angerissen (Nesthäkchens Vater geht in den Krieg, sie selbst äussert ab und zu patriotische Gedanken; siehe „Nesthäkchen“), denn das sind ja nach dem Frauenbild dieser Zeit, Dinge mit denen sich ausschliesslich Männer befassen (Vergl. „Unsere Geschichte“). Und das obwohl gerade diese Zeit eine politisch sehr bewegte Zeit war. Der Umschwung vom Biedermeier zum Bürgertum hinterliess seine Spuren, die Industrialisierung war gerade so gut wie abgeschlossen. Der Niedergang des Kaiserreiches, die Bismarckzeit und die Vorboten des ersten Weltkrieges und schliesslich der Krieg, sind allgegenwärtig. Schon im 19. Jahrhundert setzt sich die Vorstellung einer jugendlichen Entwicklungs- phase auch für Mädchen durch, die besonders in den Backfischromanen ihren Ausdruck findet. Erst dann wurde der Frau auch die Entwicklungsphase des Jugendalters zuerkannt. Allerdings wurde diese zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz ernstgenommen, sondern belächelt. Das kommt auch in der Mädchenliteratur dieser Zeit zum Ausdruck. (siehe oben). 1919 erhielten die Frauen nach harter emanzipatorischer Arbeit endlich das Wahlrecht.

Dennoch änderte sich auch dadurch das allgemeine Frauenbild nur wenig. Sie werden weiterhin auf ihre Position im Haushalt verwiesen. Die „typischen“ Eigenschaften der Frau, wie Hingabe, Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Bescheidenheit, Sanftmut und Passivität werden unterstützt und durch Erfolg und Glück verstärkt. Dagegen wird jegliches von der Norm abweichende Verhalten, zum Beispiel Kritik, Eigensinn, Intellektualität, berufliche Primärorientierung, diskriminiert. Weitgehend tabuisiert ist der Realismus in der Darstellung der Berufswelt und der Sexualität. Die tugendhafte weibliche Protagonistin hat keine sexuelle Begierde. Als Lohn für die Selbstverleugnung erhält sie den Prinzen, nicht den vorehelichen Verführer, sondern den väterlich Vernünftigen. Dieses Element der braven zurückhaltenden jungen Frau findet mit dem Biedermeier und seiner Harmonieverklärung seinen Höhepunkt.

Die Frauen des Proletariats jedoch werden ausgenutzt als billige Arbeitskräfte ohne Rechte in den Fabriken. Andere Klassen als das Bürgertum bleiben in den Backfischromanen völlig aussen vor, treten höchstens in Form des Kindermädchens, sonstiger Bediensteter oder der Krämersfrau auf. Die Geschichten der Backfischbücher beschreiben allerdings ausschliesslich die Schicht des Bürgertums. Das liegt sicherlich grösstenteils daran, dass die Gegensätze zwischen arm und reich so schwerwiegend waren, wie auch die zwischen Gebildeten und der übrigen Bevölkerung, „von der über 90% nur die Volksschule besuchen konnten“ („Unsere Geschichte“ S.251). Bücher waren selbst in dieser Zeit noch nicht selbstverständlich für Jederman zugänglich und blieben daher vorwiegend den reichen Bürgern vorbehalten, für die sie erschwinglich waren. Als Else Ury allerdings mit ihrem „Nesthäkchen“ ihre ersten Erfolge feierte, wurden diese von allen Schichten gelesen. Viele Mädchen, die sich die Bücher nicht kaufen konnten, nutzten das noch zaghafte Angebot der Leihbüchereien.

3.2. Vorkriegszeit / Drittes Reich (2. Weltkrieg) 1920 – 1945:

In den „goldenen Zwanzigern“ (1924-´29) erlebte der Backfischroman seinen Höhepunkt. Autorinnen schreiben ganze Bücher-Reihen, so wie Magda Trott die „Pucki“-Reihe. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hat eine allmählichen aber stetigen Aufschwung genommen. Das widerum ermöglichte es dem Mädchenbuch sich über die bisherigen Masse hinaus zu verbreiten.

Das Ausland hatte wieder mehr Vertrauen zu Deutschland, welches nach dem vorangegangenem Weltkrieg erstmal heftig erschüttert war. Den Deutschen selbst merkt man den vermeintlichen Aufschwung deutlich an. Man sprach von den goldenen Jahren. Dann jedoch kam der grosse Einsturz, die soziale Not wuchs ins unermessliche. Es herrschte Massenarbeitslosigkeit. Nach der Weltwirtschaftskrise verlor das Volk den Glauben an die Regierung und an die Demokratie, der es sowieso skeptisch gegenüber stand. Es galt nun den nationalistischen Gedanken der gerade entstandenen Republik zu schützen und zu verbreiten, auch unter den zukünftigen Müttern - den Mädchen. Gerade durch das Mädchenbuch wurde den Frauen vermittelt dem Manne ein idyllisches, glückliches zu Hause bieten zu müssen, wo er doch ausserhalb der Familie durch die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ereignisse so gebeutelt wurde. Die Welt der Frau wurde idealisiert und zum eigentlichen Ort des Glücks stilisiert, das allerdings auch schon etwas früher im 20. Jahrhundert. Für die Frau bedeutete das die freiwillige Unterwerfung unter die Bedürfnisse des Mannes, der es ja so schwer hatte.

„Unter dem Eindruck der Zuspitzung der ökonomischen Krisensituation in der Weimarer Republik dringen in die Mädchenliteratur teilweise konservativ-reaktionäre Ideologien ein Es bereitet sich eine Entsagungs- und Verzichtsideologie aus, die den Eindruck vermittelt, dass die auch die breiten bürgerlichen Schichten betreffende ökonomische Unsicherheit durch weitergehende individuelle Opfer gelöst werden könne.“ (S. Keiner; „Emanzipatorische Mädchenliteratur 1980-1990; S.37)

Der Übergang von einer überwiegend konservativen Mädchenliteratur in der Weimarer Republik zu einer nationalsozialistischen vollzieht sich beinahe nahtlos. Der Nationalsozialismus wird als politischer Retter begrüsst. Das Mädchenbuch wird als gekonntes Mittel zur Sicherung der Loyalität der zukünftigen Frauen eingesetzt. Es spiegelt sich die zeitgenössische, politische, ökonomische und ideologische Erwartung in der Literatur. Die Frau soll gebären, erziehen und darüber hinaus auch männliche Anteile wie Aktivität und Kampfbereitschaft aufweisen.

„Um eine konsequent auf NS-Ziele gerichtete Literaturerziehung durchzusetzen, wurde eine „Reichsstelle für volkstümliches Büchereiwesen“ gegründet und in den Jahren 1933-´37 gestützt durch Ministerialerlasse das Schul- und Volksbüchereiwesen völlig verändert.“ (D. Voigt-Firon; „Das Mädchenbuch im Dritten Reich“; S.4)

Das bedeutete Verhinderung und Vernichtung durch Streichungen von Textstellen und ähnlichem. Schlimmstes Beispiel hierbei sicherlich die erste Bücherverbrennung im Mai 1933. So wurde etwa ein Drittel des Bestandes aus Bibliotheken als „Altbestand“ ausgesondert und vernichtet. Literatur wurde ganz in den Dienst von Propaganda im Sinne der NS-Parteipolitik gestellt, damit sollten Jugendliche zu verlässlichen Trägern des NS-Staates erzogen werden.

„...Hauptgewicht vor allem auf die körperliche Ausbildung legen, erst dann auf die Förderung der seelischen und zuletzt der geistigen Werte. Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.“ (D. Voigt-Firon; S. 70; Zitat Hitler: Mein Kampf)

In der Mädchenliteratur kam es durch triviale Handlungsmuster, flacher, eindimensionaler Charakterzeichnung und sprachlicher Eintönigkeit zum Vorschein. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, das Backfischbuch-Reihen wie „Pucki“ und „Pommerle“ (beides Magda Trott) einen weiteren Höhepunkt erlebten. Entsprachen sie doch so sehr, mal abgesehen vom typisch bürgerlichem Ton, dem Bild des deutschen Mädchens. Andere, wie zum Beispiel die Bücher Else Urys (Nesthäkchen) die durchaus im Sinne der NS-Ideologie waren, wurden auch weiterhin aufgelegt und gerne gelesen, die Autorin allerdings wurde verfolgt und ermordet, da sie jüdischer Abstammung war. Heute sind leider die wirklich typischen Jugend-Bücher dieser Zeit nicht mehr auffindbar. Wahrscheinlich wurden sie im Rahmen der Entnazifizierung nach dem Krieg vrnichtet.

Hier ein Beispiel des NS-Backfischbuches:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Pommerle-Ausgabe mit braunem Hintergrund.

Sie erhebt den rechten Arm zum (Hitler-)Gruss.

Was die Erzählweise betrifft, so gleicht auch da das NS-Mädchenbuch in Struktur und Schemata dem Backfischroman sehr (vergl. D. Voigt-Firon)

3.3. Nachkriegszeit / Wiederaufbau (Wirtschaftswunder) 1945 – 1960:

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges und im Zuge der Entnazifizierung griff die Mädchenliteratur auf bereits bestehende Werte und aufbauende Worte zurück; die traditionellen Backfischbücher erlebten ihren zweiten Höhepunkt. Mehr denn je brauchten die Deutschen ihre heile Welt. Sie lebten in Trümmern und der Depression des verlorenen Krieges. Diese Zeit erscheint im Rückblick eine der Restauration , nicht zuletzt auch der herkömmlichen Familienstruktur. Die Männer, gerade aus dem Krieg zurückgekehrt, wollen eine wieder verweiblichtere Frau. Sie soll den Pflichten der Hausfrau und Mutter nachgehen, „assistiert von einer natürlich mädchenhaften Tochter, umgeben von Geräten, die Schindereien der Hausarbeit verringern und ihr ein ganztägiges Fraulichsein ermöglicht.“ (vergl.; „Perlon Zeit“). In den 50er Jahren gab es deutlich mehr Frühehen als jemals zuvor. Viele meinen, das hänge mit den engen Wohnverhältnissen zusammen (vergl.; “Perlon Zeit“), andere begründen es mit der verstärkten Romantisierung der Ehe und dem Bedürfniss nach Sicherheit und Geborgenheit in der Familie. Immer noch orientiert sich das Mädchenbuch am Mittelstand.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Mädchenliteratur im Wandel der Zeit
Hochschule
Fachhochschule Bielefeld  (Fachbereich Sozialwesen)
Veranstaltung
Kinderliteratur - Lesen im Medienverbund
Note
1 (sehr gut)
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V18288
ISBN (eBook)
9783638226691
Dateigröße
804 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mädchenliteratur, Wandel, Zeit, Kinderliteratur, Lesen, Medienverbund
Arbeit zitieren
Tina Steffenmunsberg (Autor), 2002, Mädchenliteratur im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18288

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