Vom Befund zur Anschauung

Architekturinszenierungen in neueren, graphischen Rekonstruktionen


Magisterarbeit, 2010
216 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Textteil

1. Einleitung

2. Das technische Bild der Vergangenheit: Befundrekonstruktion
2.1 Die archäologische Dokumentation: Befund und Befundergänzung
2.2 Die architektonische Trias: Grundrisse, Ansichten und Schnitte
2.3 Die didaktische Vermittlung: Axonometrien, Linearperspektiven und Montagen
2.4 Der Umgang mit Unsicherheit: Validität

3. Das künstlerische Bild der Vergangenheit: Anschauungen
3.1 Das Hinzufügen von Kontext: Veranschaulichung und Illustration
3.2 Der Bezug zu Ort und Zeit
3.3 Die Visualisierung von Funktion: Ausstattung und Inventar
3.4 Die Humanisierung des Bildes: Szenarien
3.5 Die gestaltete Antike: Modularität

4. Das computergestützte Bild der Vergangenheit: CAD-Rekonstruktionen
4.1 Die Verwaltung des Mangels: frühe Visualisierungen
4.2 Der Siegeszug der Computergraphik: Rekonstruktionen des 21. Jahrhunderts
4.3 Ein Schnappschuss der Vergangenheit: Fotorealismus
4.4 Die Suche nach Alternativen

5. Resumeé

a. Literaturverzeichnis

b. Abbildungsverzeichnis

II. Abbildungsteil

1. Einleitung

„ Die Reste des Alterthums sind nur die specifischen Reitze zur Bildung der Antike. Nicht mit Händen wird die Antike gemacht. Der Geist bringt sie durch das Auge hervor - und der gehaune Stein ist nur der Körper [...] . “

NOVALIS 1798, 413.

Für die graphische Rekonstruktion antiker Architektur steht gegenwärtig ein breites Spektrum an Darstellungsformen zur Verfügung. Es reicht von nüchterner Aufnahme der Grabungsbefunde mit angedeuteten Ergänzungen bis hin zur lückenlos ausgearbeiteten Anschauung; von exakter und präziser Bauzeichnung in der Tradition architektonischer Konstruktionszeichnungen bis hin zu naturalistisch wirkenden Computergraphiken und suggestiven Illustrationen.

Die Vielfalt an Darstellungsformen ist sicherlich als Reaktion auf unterschiedliche Ansprüche zu verstehen, die an sie geknüpft werden. So hat sich innerhalb der archäologischen Fächer eine Tradition von geeigneten Darstellungsformen für die Dokumentation von Befunden und die Kommunikation von Hypothesen entwickelt, die sich stark anlehnt an den Umgang mit Bildformen innerhalb der Fachrichtung der Architektur und im Speziellen der Bauforschung. Die archäologische Dokumentation ist heute geprägt von der nüchternen Sachlichkeit ihrer Bildsprache, von Reduktion, Abstraktion und Normierung der graphischen Mittel. Das Bild und die Bilder, die aus diesem wissenschaftliche n Zugang entstehen, sind gekennzeichnet durch die Lücke und durch den Kontrast zwischen dichter Information und Leerstellen.1 Dagegen steht das Verlangen eines geschlossenen, erfahrbaren Bildes, dass die Sicht auf das unversehrte Original erlaubt und einen Einblick bietet in den antiken Urzustand in seiner ursprünglichen Lebenswirklichkeit.2 Die anschauliche Rekonstruktion schließt die Lücke zwischen wissenschaftlich diskreten Informationsbeständen und dem Bedürfnis nach einer geschlossenen Interpretation, dem Wunsch, die überlieferten Baufragmente zu einem Architekturinszenierungen in neueren, graphischen Rekonstruktionen „ sinnvollen, vielleicht auch ersehnten Ganzen zu vervollständigen “.3 Den größten Impuls erfuhr die graphische Rekonstruktion von Architektur in den letzten Jahren aus den Möglichkeiten der Visualisierung am Computer. Die Faszination der Computergraphik, die seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert im Bereich wissenschaftlicher Arbeit und Vermittlung konventionelle Darstellungen ergänzt und verdrängt,4 wurde in der Archäologie rasch aufgegriffen. Den frühen Umsetzungen mangelte es noch an darstellerischer Vielfältigkeit. Die technische Entwicklung des Computers im Bereich von Hard- und Software ebnet dieses Defizit inzwischen ein. Computervisualisierungen sind heute weniger durch die Beschränkung ihrer darstellerischen Möglichkeiten bestimmt und damit offen, unterschiedliche optische Eindrücke der Antike zu vermitteln.

Die vorliegende Arbeit reagiert auf den Umstand, dass dem weiten Feld aktueller Darstellungen andererseits ein Mangel an fachlicher Auseinandersetzung gegenübersteht.5 Beiträge konzentrieren sich auf die Stichhaltigkeit von Rekonstruktionszeichnungen, auf das Verhältnis zwischen belegbaren Daten und visuell Präsentiertem6 oder auf die Beschreibung der Darstellungsentscheidungen innerhalb einzelner Projekte.7 Demgegenüber tritt die inhaltliche Bestimmung der ästhetischen Wirkung momentaner Rekonstruktionsdarstellungen zurück.8 Im Rahmen dieser Arbeit werden die Entwicklungen und Tendenzen aktueller Rekonstruktionen hinsichtlich der Frage untersucht, wie Architektur in Szene gesetzt wird. Zwei Ebenen der Inszenierung werden dabei unterschieden. Das Gesamtbild und der Modus der Darstellung entscheidet darüber, welche Vorstellungen mit der Rekonstruktion verbunden sind. Das Spannungsfeld liegt vor allem zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Zugriff auf die Architekturinszenierungen in neueren, graphischen Rekonstruktionen Antike. Während im technischen Bild Objektivität und Präzision betont sind, lässt die Anschauung eine subjektive und Aspekte betonende Sicht zu. Der Modus der Rekonstruktion entscheidet also auch darüber, in welcher Weise das Bild gelesen wird, welche Art der Rezeption zulässig erscheint und welche nicht. Die Legitimität beider Lesarten gewinnen die Darstellungen zu großen Teilen aus der graphischen Differenz zueinander.9 Die zweite Inszenierungsebene berührt die Frage, wie mit den graphischen Möglichkeiten des jeweiligen Bereichs Aussagen hervorgehoben bzw. Aspekte unterdrückt werden, wie insofern das Verhältnis zwischen dargestellter Architektur und Bedeutungsinhalten gestaltet ist. Im Bereich wissenschaftlicher Rekonstruktion ist die graphische Kennzeichnung von Validität, dem Verhältnis zwischen Daten und Interpretationen, entscheidend, im Bereich künstlerischer Anschauungen ist es die Modularität, die Ausgestaltung des Bildes hinsichtlich psychologisch wirksamer Bildelemente. Computergraphiken als neuestes, technisches Medium der Visualisierung haben eine eigene, spezifische Formensprache und Ästhetik. Sie lassen sich zwar jeweils einem der genannten Bereiche zuordnen, werden in der Regel aber, auch wenn sie einem Darstellungsmodus angepasst sind, anders wahrgenommen als klassische Zeichnungen mit ihrer langen Darstellungs- und Rezeptionstradition.

Die zugrunde liegende Methode der vorliegenden Arbeit ist die Bildanalyse. Die Rekonstruktionszeichnungen werden hinsichtlich der Art ihrer Umsetzung, der graphischen Mittel und Codierungen, der Bildauswahl sowie der veranschaulichten Inhalte untersucht. Die Bildbeschreibung bildet die Grundlage für eine Auswertung nach den vorgeschlagenen Inszenierungsebenen der Architekturrekonstruktionen in der Klassischen Archäologie. Aus der Gliederung in technische, künstlerische und computergestützte Bilder ergeben sich Schnittstellen der Arbeit zur Rekonstruktionstheorie, der Antikenrezeption und den Medien- und Bildwissenschaften.

Als Quellen dienen Rekonstruktionszeichnungen und -graphiken neueren Ursprungs. Der Schwerpunkt liegt auf Darstellungen, die innerhalb der letzten Dekade zwischen 1999 und 2009 entstanden und publiziert worden sind.10 Damit Architekturinszenierungen in neueren, graphischen Rekonstruktionen ist ein Zeitrahmen erfasst, in dem die Computervisualisierung eine technische Perfektionierung erfuhr und vermehrt im wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Rahmen Verbreitung fand. Die vorliegende Arbeit stützt sich zu einem großen Anteil auf Bildmaterial aus archäologischen Zeitschriften. Im Einzelnen wurden die Bestände des Archäologischen Anzeigers (AA), der Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖJh), der Antiken Welt (AW) und der Archäologie in Deutschland (AiD) im genannten Zeitrahmen gesichtet. Die Recherche in archäologischen Zeitschriften hat den Vorteil, dass eine große Anzahl an Darstellungen in vielen Artikeln erfasst und über die vorgegebene Chronologie zeitlich schnell zugeordnet werden konnte. Da die genannten Zeitschriften keine redaktionellen Vorgaben inhaltlicher oder ästhetischer Art an die Abbildungen zugrunde legen,11 konnte so ein Querschnitt aktueller Rekonstruktionen untersucht werden. Daneben wurde ergänzend auf Abbildungen in archäologischen Publikationen, Ausstellungskatalogen und im Internet veröffentlichte Visualisierungen zurückgegriffen.

Die Arbeit gliedert sich in drei übergeordnete Kapitel, die sich dem technischen Bild (vgl. 2), dem künstlerischen Bild (vgl. 3) und schließlich dem computergestützten Bild (vgl. 4) widmen. Wie skizziert, unterliegt die Inszenierung von antik]er Architektur in diesen Bereichen unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Das führt dazu, dass sich die Herangehensweise in den Kapiteln voneinander unterscheidet.

Die Untergliederung der technischen Rekonstruktion orientiert sich an den verwendeten Darstellungsmodi. Einerseits spiegelt der Modus Arbeitsprozesse innerhalb der Archäologie wieder und auf erkenntnistheoretischer Ebene die Dimension der Vervollständigung, andererseits entspricht die Unterscheidung auch der Art ihrer Verwendung im wissenschaftlichen Betrieb und in der Öffentlichkeitsarbeit. Die Grundlage des technischen Bildes bildet die Befunddokumentation und die erste Stufe von Rekonstruktion durch Ergänzungen innerhalb der graphischen Befundaufnahme (vgl. 2.1). Werden die Ergänzungen zu geschlossenen, architektonischen Formen vervollständigt und der Befund ausgeblendet, ergeben sich in orthogonaler Projektion Grund- und Aufriss von Architekturinszenierungen in neueren, graphischen Rekonstruktionen Gebäuden, die mittels Schnitt um den Einblick ins Innere erweitert werden können (vgl. 2.2). Perspektivische Darstellungen bieten eine größere Anschaulichkeit auf Kosten der Maßgenauigkeit (vgl. 2.3). Sie gelten deswegen innerhalb der technischen Rekonstruktion vielfach bereits als Medium der Veranschaulichung. Auf der anderen Seite wird zunehmend ihr wissenschaftlicher Wert evaluiert, da Fragen zur Wahrnehmung antiker Architektur eine immer größere Rolle einnehmen.12 Den Bereich wissenschaftlicher Darstellungen abschließend, werden aktuelle Tendenzen zur Kennzeichnung von Unschärfe und Unsicherheiten innerhalb von Visualisierungen untersucht (vgl. 2.4).

Die künstlerische Rekonstruktion ist freier in der Wahl ihrer graphischen Mittel und darstellerischen Bezüge als die technische Rekonstruktion. Die entstehenden Bilder liefern eine Anschauung vergangener Verhältnisse, indem sie Kontexte einbinden, die eine reine Befundrekonstruktion vernachlässigt. In einem einleitenden Kapitel wird der Frage nachgegangen, wie die Hinzufügung von Zusammenhängen, den Aspekte betonenden Charakter von Anschauungen unterstreicht und die Art ihrer Verwendung bestimmt (vgl. 3.1). Anschließend gliedert sich das Kapitel in die Ebenen von Kontext, die in der Rekonstruktion thematisiert werden. Zunächst wird untersucht, wie innerhalb der Anschauungen mit graphischen Mitteln Bezüge zu Ort und Zeit hergestellt werden (vgl. 3.2). Die Ausstattung und das Inventar innerhalb der Rekonstruktionen sind lesbare Hinweise zur Bedeutung, Nutzung und funktionalen Gliederung der dargestellten Architektur (vgl. 3.3). Die Bauwerke einer Epoche als „ urbaner Lebensbereich, als Schale vergangenen Lebens “ 13 erfasst die Kontextebene des Szenarios. Sie behandelt die Darstellung von handelnden Personen, die in die Rekonstruktion eingebunden sind und die Architektur bevölkern (vgl. 3.4). Das abschließende Unterkapitel befasst sich mit der Modulation in künstlerischen Anschauungen (vgl. 3.5). Hier werden Phänomene zusammengefasst, die die Atmosphäre einer Darstellung beschreiben und damit die Rezeption bestimmen. Die düsteren, wolkenverhangenen Illustrationen eines Alan SORRELL legen einen anderen Architekturinszenierungen in neueren, graphischen Rekonstruktionen Umgang mit Antike nahe,14 als etwa die hellen, pastelltönenden Anschauungen, die im Hause des italienischen Graphikstudios InkLink entstehen.15 Technische und künstlerische Rekonstruktionen beschreiben disparate Zugriff auf die Antike, mit jeweils langer darstellerischer Tradition. Insofern bilden die ersten beiden Kapitel die Grundlage der Beschreibung des neueren Mediums der Computerrekonstruktion. Das Kapitel ist chronologisch gegliedert und greift damit die rasanten Entwicklungsschritte der Umsetzungen auf. Grundsätzlich ist festzustellen, dass Computer Aided Design (CAD)- Rekonstruktionen seit ihrem Entstehen sehr populär sind. Das gilt bereits für die frühen Visualisierungen bis 1999, deren graphische Möglichkeiten noch durch Beschränkungen geprägt waren (vgl. 4.1). Das nächste Unterkapitel widmet sich den CAD-Umsetzungen seit der Jahrtausendwende, die einen gesteigerten Hang zur Anschaulichkeit zeigen (vgl. 4.2). Dieser Trend mündet einerseits in sehr wirklichkeitsnahen, fotorealistischen Wiedergaben, die im Bereich von populärwissenschaftlichen Publikationen, Ausstellungen und touristischen Attraktionen künstlerische Anschauungen teils verdrängen (vgl. 4.3). Andererseits sind derzeit Bemühungen zu erkennen, dass graphische Potential für eine differenziertere Wiedergabe von CAD-Rekonstruktionen zu nutzen (vgl. 4.4). Noch eine vorausgehende Bemerkung zur Dimensionierung der Arbeit: Da man sich beim Umgang mit graphischen Rekonstruktionen vor einer schier unüberschaubaren Menge an Einzellösungen gegenübersieht, können die Ergebnisse dieser Arbeit nur in Richtung von Leitlinien und generellen Tendenzen verstanden werden, die an Hand der vorliegenden Fälle herausgearbeitet werden sollen. Für den Einzelfall heißt das aber, dass dieser sich unter Umständen erheblich von diesem Bild entfernen kann.

2. Das technische Bild der Vergangenheit: Befundrekonstruktion

2.1 Die archäologische Dokumentation: Befund und Befundergänzung

„ Was sind also die Bausteine, aus denen Rekonstruktionen zusammengesetzt werden? Das Fundament bildet die Dokumentation der Ausgrabung. “

BRANDAU u. a. 2004, 148.

Rekonstruktion ist zunächst ein erkenntnistheoretischer Prozess, in welchem Spuren und Indizien verdichtet werden, um auf verlorene oder unbekannte Information zu schliessen.16 Die wichtigsten Spuren der Rekonstruktion antiker Architektur bietet die erhaltene Bausubstanz selbst. Das macht die Fund- und Befunddokumentation, sofern vorhanden,17 zur Grundlage jeder fundierten Rekonstruktion. Ihre Auswertung ist die wichtigste Voraussetzung weiterführender Überlegungen. So skizziert Gottfried GRUBEN den Entstehungsprozess einer Rekonstruktionszeichnung als Nachfolgestufe der möglichst sorgfältigen Befundaufnahme. „ Eine Ruine oder ein Ausgrabungsbefund ist zunächst exakt aufzunehmen, in Steinplänen, Ansichten und Schnitten, welche auch Details, zum Beispiel Klammern, deutlich wiedergeben sollten [...]“.18 Über die Klärung aller stratigraphischen Aussagen und der Ergänzung lückenhafter Fundamente kommt man dem Grundriss „ vom Boden her näher “.19 Interessant ist, dass in dieser idealtypischen Beschreibung der Arbeitsschritte innerhalb der Bauforschung die graphische Dokumentation als direkte Arbeitsvorlage der Rekonstruktion erscheint. Das Material wird auf einen Zeithorizont beschränkt und anschließend die Lücken geschlossen, indem Linien verlängert und Eckpunkte verbunden werden.20 Dies kann mit graphischen Mitteln Architekturinszenierungen in neueren, graphischen Rekonstruktionen konkret im archäologischen Plan realisiert sein. Damit wird die Zeichnung zum erkenntnisbegründendem Medium der Rekonstruktion.

Befundzeichnungen sind heute weitreichend standarisiert und normiert.21 Den Ausschlag für diese Entwicklung gab das Verständnis der Dokumentation als Kompensation des Informationsverlustes am Ort der Ausgrabung seit dem 19. Jahrhundert. Womit sich ihr Erscheinungsbild von topologischen und idyllischen Ansichten zu „ archäologischen Plänen mit zweidimensionaler Projektion chronologisch gegliederter Befunde [...] als maßgebliche wissenschaftliche Form bildlicher Repräsentation der Ausgrabungsstätten [...] “ wandelte . 22 Zeichnungen antiker Bauwerke wurden in diesem Prozess Ende des 19. Jahrhunderts durch die archäologische Bauforschung präzisiert, die die Praxis der „ Vermischung der Dokumentation des vorgefundenen Bauzustandes mit Hypothesen zur Rekonstruktion “ aufhob.23 Die graphische Dokumentation des frühen 20. Jahrhunderts zeichnet sich noch durch den Hang zur plastischen Darstellung von Fragmenten und der graphisch verschnörkelten Ausgestaltung von rahmenden Bildelementen aus (vgl. Abb. 1). Der Steinplan des Heraheiligtums auf Samos vermittelt außer den technischen Informationen eine Vorstellung der Gegebenheiten am Ort. Dagegen ist die jüngere Grabungs- und Bauwerksdokumentation in ihren zeichnerischen Mitteln stark reduziert.

Exemplarisch sei der Steinplan beschrieben, der im Zuge der Grabungen am Artemision in Ephesos 1993 entstand (Abb. 2). Der monochrome Plan gibt die Situation südwestlich der Kultbasis als Draufsicht wieder. Die Grabungsgrenzen werden durch gepunktete Linien angegeben, davon unterscheidet sich die rechteckige Südsondage mit unterbrochener Strichlinie. Innerhalb dieser Grenzen sind die aufgenommenen Fragmente als einfache Umrisszeichnung ohne besondere Hervorhebungen, in gleichbleibender Manier und Strichstärke gezeichnet. Die wenigen Konturlinien vermitteln eine vage Vorstellung von Form und Plastizität der Fragmente. Ansonsten sind diese weder durch Schraffuren noch Schattierungen vom Zeichnungsgrund geschieden, der gleichzeitig das Bodenniveau widerspiegelt. Die Darstellungsweise des Steinplans entspricht damit neueren, archäologischen Plänen, die der Dokumentation von Fundsituationen dienen. Charakteristische Kennzeichen sind graphische Reduktion, Präzision und Maßgenauigkeit. Die Darstellung wird komplementiert durch Elemente der technischen Lesbarkeit von Plänen. Im Artemisionplan sind das die Fahne (Informationen zum Dokument), die Legende (Aufschlüsselung von Bildzeichen), die kartesischen Achsen (räumliche Bezugsinformation), Maßstab und Maßstabsleiste (Metrik), sowie Nordpfeil (Orientierung der Befunde).

Die Normierungen, die den Steinplan reglementieren, gelten aber streng genommen nur dem Plan als Grabungsdokument, also dem in Behörden und Instituten archivierten Dokument. Als Abbildung in einer Publikation ist der Plan in einen anderen Kontext gestellt. Im Umfeld eines Textes und anderer Graphiken erhält er illustrativen Charakter. Je stärker dies der Fall ist, desto mehr gehen in der Regel Deutungen, graphische Hervorhebungen und Ergänzungen in diesen ein. Der Steinplan der vier übereinander liegenden Tempel in Yria auf Naxos (Abb. 3) ist noch als Grabungsdokumentation und technische Zeichnung zu verstehen. Auch wenn die Befunddichte und die Anzahl der aufgenommenen Fragmente deutlich höher ausfällt als im Plan der Artemisiongrabung, ist der vorliegende Steinplan relativ indifferent gegenüber der Darstellung aufgenommener Fragmente. Umrisse werden kaum betont, die in einer Flucht des vermuteten Grundrisses stehen. Die Grabungsgrenzen sind wiederum eingezeichnet, hier als Linie mit Schraffur, aber anders als im Plan der Artemisiongrabung sind die Befunde über die Grabungsgrenzen hinweg als unterbrochene Strichlinie ergänzt. Darüber hinaus finden sich innerhalb der Grabungsfläche Ergänzungen, so dass der Steinplan insgesamt eine Vorstellung der geschlossenen Grundrisse der vier Tempel vermittelt. Vereinzelt interpretierende Angaben (z. B. „Raubgrube“) sind als Beschriftungen in den Plan einbezogen. Befunde und Rekonstruktion sind graphisch allerdings eindeutig voneinander geschieden.24

Gleichermaßen wird im Plan eines Stadttores in Plataiai (Abb. 4) verfahren. Die graphische Reduktion entspricht dem Steinplan der Artemisiongrabung, anders als in diesem sind die Binnenkonturierungen der Fragmente aber durch dünnere Strichführung ausgezeichnet. Die Grabungsgrenzen am Westtor in Plataiai sind in Punktstrichlinien wiedergegeben, treten aber visuell gegenüber den in dickerer, unterbrochener Strichlinie akzentuierten Ergänzungen zurück. Innerhalb der Grabungsgrenzen sind diese fortgesetzt, in dem der Umriss der mauerwerksbegrenzenden Steine hervorgehoben ist und in der Strichstärke der unterbrochenen Strichlinie der Ergänzungen folgt. Da die rekonstruierten Bereiche zudem das Bild dominieren, und die Grabungssondagen sehr gezielt und eng begrenzt angelegt sind, erscheint der Befund mehr im Sinne einer stichprobenartigen Fundierung der Ergänzungen, die sich im Bildausschnitt zum rekonstruierten Grundriss der Torsituation fügen. An manchen Stellen wird das besonders deutlich, so z. B. an der rückwärtigen Verengung der Torsituation, auf die nur wenige Fragmente der mittleren nördlichen Sondage hinweisen. Andere Fragmente, die über den angenommenen Grundriss hinausragen, sind graphisch klar von diesem geschieden, wie am nördlichen Torpfeiler. Wobei aus der Zeichnung nicht hervorgeht, ob es sich um Versturz handelt oder um Fragmente eines Bodenniveaus, welches ansonsten nicht bzw. als Zeichnungsgrund dargestellt wird. Rekonstruktion und Befund scheinen sich graphisch gegenseitig zu stützen. Die Lage der Steine erscheint wohlgeordnet als Zeuge des abgeleiteten Grundrisses, der sich aus den Ergänzungen ergibt.

Obwohl der Steinplan des Hauses J von Dystos (Abb. 5) einen weniger ursprünglichen und geradlinigen Mauerverlauf wiedergibt, ist die Akzentuierung des Umrisses äußerer Steinfragmente mittels größerer Strichdicke noch weiter vorangetrieben. Graphisch unterschieden sind die Seiten der Steinlagen, die sich innerhalb der rekonstruierten Mauerverläufe befinden, zu solchen, die eine äußere Begrenzung bilden. Gleichsam sind Fragmente, die in Umriss und Orientierung nicht dem Mauerverlauf entsprechen, weniger kontrastreich dargestellt, und dem Bildleser also nicht als Bausubstanz in ursprünglicher Ausrichtung, sondern als Versturz nahegelegt. Von den zuvor beschriebenen Plänen unterscheidet sich die Zeichnung vor allem durch eine weitreichende Interpretation der dargestellten Befunde mit Hilfe von Beschriftungen. Den nach Buchstaben indexierten Räumen ist zumeist eine Bezeichnung nach der vermuteten Raumfunktion beigeordnet. Die Funktionen aufgreifend, werden einzelne Ergänzungen vorgeschlagen wie der Hestiaaltar im Oikos (k), die Klienen im Andron (d) und die Treppe im Hof zu einer zweiten Geschosszeile (e). Insofern ist der Steinplan äußerst suggestiv von einem interpretierenden Grundriss überlagert. Die Bildunterschrift verweist darauf, dass der Plan zudem eine zweifache Filterung des Materials widerspiegelt: „ Steinplan von Haus J nach der Reinigung. Versturz in Hof und Räumen ist nicht eingezeichnet. “25 Damit ist in diesem Plan, der im generellen Erscheinungsbild eines dokumentierenden Steinplans auftritt, ein Höchstmass an Interpretation und Aufbereitung des Materials erreicht.26

Die Bandbreite von Steinplänen zeigt einen kontinuierlichen Verlauf von einem reinem Grabungs- und Dokumentationsmittel zu einer interpretativen Illustration, in der vermehrt Deutungen und rekonstruktive Elemente ins Bild aufgenommen sind. Auf der anderen Seite zeichnen diese Pläne graphische Konstanten aus wie die zeichnerische Reduktion auf das Fragment und die Einbindung von kartographischen Zeichen und Symbolen. In erster Linie dienen letztere der Lesbarkeit des Plans. Darüber gewinnen sie generellen Zeichencharakter wissenschaftlich-technischen Anspruchs und berühren damit Fragen der Rezeption, da im Allgemeinen der Objektivität technischer Zeichnungen hohes Zutrauen geschenkt wird.27 Die mit Abstand beständigsten Elemente bei der Wiedergabe von archäologischen Plänen sind die Maßstabsleiste und der Nordpfeil (vgl. Abb. 1-6). Sie sind die grundlegenden Merkmale, um eine Zeichnung in den Bereich der technischen Dokumentation zu rücken und ihren Informationsanspruch zu kennzeichnen. Das erklärt ihr Erscheinen in teilweise nicht sinnvollen Bildzusammenhängen (vgl. Abb. 31).

Steinpläne zeigen teils fliessende Übergänge zu Grundrissen bzw. Aufrissen in seitlicher Projektion. Der Steinplan eines Gebäudes in Tsikkalarion verdeutlicht das (Abb. 6). Die Steine des aufgehenden Mauerwerks sind flächig schwarz eingefärbt. Umrisse sind nur dort zu erkennen, wo keine Schnittgrenzen zu anliegenden Steinen vorliegen. Davon unterschieden sind nicht zu den äußeren Mauern bzw. aufgehenden Mauerwerk gehörige Fragmente, die im einfachen Umriss gezeichnet sind. Das beinhaltet die Schwelle im Eingangsbereich und diejenige zwischen Vor- und Hauptraum, einzelne Befunde innerhalb des Hauptraumes, sowie die dem Vorraum nördlich angrenzenden Strukturen. Der Plan ähnelt einem sog. Schwarzplan, wie er im Bereich der Stadtplanung verwendet wird und dessen Funktion die einfache graphische Unterscheidung zwischen bebauter und unbebauter Fläche ist. Die flächige Behandlung des äußeren Mauerwerks, das nur sporadisch in einzelne Fragmente auflösbar ist, leitet zum Grundriss über, der die Befunde in den Rahmen architektonischer und damit präziser, geometrischer Formen auflöst.

Die Zeichnung in Plänen, Ansichten und Schnitte ist für die archäologische Felddokumentation noch immer das maßgebliche Medium.28 Hinzu kommen zunehmend Abbildungen, die mittels technischer Geräte erzeugt sind. Das sind die seit längerem genutzte Grabungs- und Luftbildfotografie und seit kürzerem Satellitenbilder, Photogrammetrie, Tachymetrie, Laserscanning und geophysikalische Aufnahmeverfahren.29 Ist die zeichnerische Aufnahme von Befunden häufig die direkte Vorlage der Rekonstruktionszeichnung, so greift die computergestützte Rekonstruktion nicht selten unmittelbar auf die Informationen der bildgebenden Verfahren und technikbasierten Architekturaufnahmen zurück. Es sind in den meisten Fällen bereits digitalisierte Daten, mit denen sich ohne mediale Übertragung Modelle und Graphiken erstellen lassen.

Das wissenschaftliche Bild ist zur Zeit von zwei Impulsen geprägt: erstens, die Abbildung mittels bildgebender Verfahren und zweitens, das computergenerierte Bild.30 Die Ästhetik der entstehenden Bilder ist zum fachübergreifenden Symbol moderner Wissenschaft geworden. In der Archäologie, die diesem Trend offen gegenüber steht, führt das zu einem gesteigerten Anteil an Computerbildern: geophysikalischen Aufnahmen, Punktwolken und digitalen Ruinenmodellen im Bereich der Dokumentation von architektonischen Zeugnissen (vgl. Abb. 7 und 8). Dem generierten Bild wird ein hohes Maß an Authentizität zugesprochen, da im Gegensatz zur Zeichnung, der Mensch aus dem unmittelbaren Prozess der Bildentstehung herausgenommen ist. Es schwingt der Gedanke einer sich selbst abbildenden Realität mit. Diese Authentizität verleiht Ergänzungen und Rekonstruktionen ein besonderes Gewicht. Sicherlich spielt dieser Umstand eine Rolle für die nicht selten in jüngster Zeit erscheinenden Bilder, in denen Grundrisse in Satellitenfotografien gezeichnet sind (vgl. Abb. 9) oder in denen ein Grundriss durch ein Mosaik geophysikalischer Prospektionen legitimiert zu sein scheint (vgl. Abb. 10). Im wissenschaftlichen Rahmen wird davon ausgegangen, dass der erläuternde Text die Suggestionskraft dieser Bilder durch detaillierte Beschreibung der Entstehung und Aussagekraft durchbricht. In populärwissenschaftlichen Darstellungen, die dieselben Bilder nutzen,31 fehlen meist die Erläuterungen oder Bilder entstehen, die genau auf diesen unterschwelligen Effekt zielen (vgl. Abb. 11).

2.2 Die architektonische Trias: Grundrisse, Ansichten und Schnitte

„ Die Formen der Dispositio, die die Griechen

Ideen nennen, sind folgende: Ichnographia, Orthographia und Scaenographia. “

VITR. I, 2,2.

Grund- und Aufrisse sind die am meisten genutzten rekonstruktiven Darstellungsformen in archäologischen Fachpublikationen. Sie bilden bei Untersuchungen zu Monumenten häufig den Abschluss der Befunddokumentation. Im Rahmen der fotografischen und zeichnerischen Aufnahme der Überreste vermitteln sie einen graphischen Vorschlag zur Dimensionierung, den architektonischen Proportionen und der Erscheinung der dargestellten Bauwerke. In Hand- und Lehrbüchern der Klassischen Archäologie finden sich Grundrisse oftmals auf Tafeln gegenübergestellt, um die Typisierung der griechischen oder römischen Architektur zu illustrieren (vgl. Abb. 12). Aufrisse und Schnitte bieten in diesem Zusammenhang eine schematische Übersicht der Bauordnung.32 Selbst in populärwissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln bilden nicht die anschaulichen Perspektiven, sondern Grund- und Aufrisse neben den - bevorzugt technologischen - Graphiken zur Befunddokumentation den Hauptteil der graphischen Dokumentation.33

Der Steinplan ist die gängige, zeichnerische Dokumentationsform der heutigen Befundsituation (vgl. 2.1). Graphische Ergänzungen in diesem bedeuten einen ersten Schritt zu einer Vervollständigung im Sinne ursprünglicher Bauzusammenhänge. Die archäologische Risszeichnung blendet die heutige Situation dagegen aus. Sie reduziert das Bauwerk auf seine architektonische Form. Entweder in schematisierter Weise mit Hilfe geometrischer Grundformen, womit der Bauwerkstypus erfasst und wiedergegeben wird, oder näher am Befund orientiert, womit die spezifische Bauform eines konkreten Gebäudes dargestellt werden soll. Letzteres ist quasi als Schattenriss der Architekturformen gemeint bzw. als Abbildung des architektonischen Bauplans. Anhand dieser kurzen Ausführung wird deutlich, dass die klaren Darstellungsregeln der relativ einheitlichen Risszeichnungen recht komplizierte Abbildrelationen repräsentieren. Was zeigt der archäologische Grundriss? Ein vervollständigtes Bild der im Boden erhaltenen Grundmauern, die Umrisse des Bauwerks zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Geschichte, ein Schema des Bauwerkstypus, den Bauplan oder die zugrunde liegende Bauwerksidee? In der Praxis sind die unterschiedlichen Bezüge selten klar voneinander zu trennen. Auch die exemplarisch ausgewählte Grundrisstafel stellt beispielsweise unbenannte Tempelschemata neben benannte Gebäudeumrisse, die pars pro toto für den jeweiligen Bautyp stehen (vgl. Abb. 12).

Wie bei der Befunddokumentation ist bei den Risszeichnungen festzustellen, dass sie gegenüber Zeichnungen des frühen 20 Jahrhunderts zu einer gesteigerten graphischen Reduktion neigen. Moderne Risszeichnungen sind in ihrem Erscheinungsbild stark vereinheitlicht. Es sind Pläne, deren Reduktion und Abstraktion die technisch-wissenschaftliche Professionalisierung verkörpern. Die Grundlage der Risszeichnung bildet die abstrahierende Projektion der begrenzenden Bauwerksumrisse, in der Bauwerkselemente durch graphische Symbole wiedergegeben sein können. Darstellungsweise und graphischer Code entsprechen damit dem architektonischen Bauwerksplan, der Entwurfs- und Bestandszeichnung innerhalb der Disziplin der Architektur. In der Architekturlehre sind die normativen Darstellungsmodi zur Abbildung von Bauwerken Grundrisse, Ansichten und (orthogonale) Schnitte. Bereits VITRUV nennt Grundriss (Ichnographia) und Aufriss (Orthographia) als massgebliche Zeichnungsarten der Architekturabbildung.34 Die perspektivische Wiedergabe (Scaenographia) wird in der frühmodernen Architekturlehre zusammen mit malerischen Umsetzungen dagegen häufig als trügerischer Präsentationsmodus an ein Laienpublikum verstanden.35 Eine Tendenz, die sich auch in Rekonstruktionsdarstellungen spiegelt und den kritischen Standpunkt zu perspektivischen und illusionistischen Wiedergaben bzw. deren Verweis in den didaktischen Bereich begründet (vgl. 2.3).36 Von der Antike bis zur Moderne beschreiben die architektonischen Risszeichnungen in ähnlicher Weise in orthogonalen, kodierten Plänen unterschiedliche Stadien der Bauwerksgeschichte.37 Die graphische Nähe zu dieser Repräsentationsform trägt zum Teil zur oben beschrieben Unschärfe des Verhältnisses zwischen Abbild und Urbild bei.

Exemplarisch sei hier der Grundriss des Parthenon in René GINOUVÈS` „ Dictionnaire m é thodique de l' Architecture grecque et romaine “ (Abb. 13) beschrieben. Die Zeichnung ist eine Darstellung des Tempelgrundrisses zu hochklassischer Zeit als Schwarzschnitt. Geschnittenes Mauerwerk ist schwarz getönt, Bauelemente in Draufsicht wie das Stylobat oder die Krepis sind als Umriss wiedergegeben. Präzise und abstrahierende geometrische Formen repräsentieren die Bauelemente. So steht der Kreis ohne Eintragung der Kannelierung für die dorischen Säulen des oktastylen Peripteros, die zusätzliche Umkreisung der Säulen der westlichen Vorhalle für eine Säulenbasis, also für ionische oder korinthische Säulen.38 Eine Vereinfachung ist zudem die zweidimensionale Projektion des in seiner Kurvatur sphärischen Baus als präziser, rechteckiger Grundriss. In ihrem darstellerischen Modus unterscheidet die Zeichnung nichts von Risszeichnungen heutiger Architektur. Das führt zu einem sehr feststehenden, statischen Eindruck und mündet in Schaukarten, die Bauwerkensembles, Plätze und ganze Städte als fixiertes Bild repräsentieren (vgl. Abb. 14). Dieses Bild wird mit der Zeit zum graphischen Synonym der Stätte selbst.

Kombinierte Abbildung wie die Rekonstruktionszeichnung des Grundrisses der hellenistischen Festungsanlage von Karasis (Abb. 15) und des zugrunde liegenden Steinplans zeigen dagegen die stufenweise Vervollständigung von den Ergänzungen des Steinplans zum Grundriss mit Kennzeichnung von Unsicherheiten. Es ergibt sich ein sehr viel vorsichtigeres Bild, mit dem Anspruch einer nachvollziehbaren Rekonstruktion.

Die Grundlage des Grund- und Aufrisses ist die Auswertung der materiellen Zeugnisse auf dem erkenntnistheoretischen Hintergrund von allgemeinen bis spezifischen, architektonischen Konstruktionsregeln. Diese reichen von Schlüssen der Symmetrie oder Geschlossenheit bis zum relativ kanonisierten Bauwerksaufbau etwa eines ionischen Tempels. Sind lediglich wenige, nicht charakteristische Bauteile vorhanden, muss sich die Rekonstruktion umfassender auf diese Leitlinien stützen und geht eher in Richtung einer schematischen Vervollständigung auf der Grundlage von weitreichenden Analogien.39 Allgemein bedeutet der Rekonstruktionsprozess zwangsläufig eine Reduzierung des Spektrums spezifischer Lösungen und des Speziellen in der Architektur. In der Summe der Abbildungen wird tendenziell das Individuelle zurückgedrängt zugunsten von allgemeinen, die ganze Gattung vertretenden Merkmalen. Damit vollzieht sich auf erkenntnistheoretischer Ebene ein Prozess, der ähnlich den Kompositaufnahmen von Francis GALTON ein bereinigtes Urbild produziert.40

Der Grundriss, die Erschließung des antiken Gebäudes in der Dimension der Ebene, hat üblicherweise die größte Deckung im antiken Material. Er kommt mit vergleichbar wenigen Annahmen aus, um Vollständigkeit zu erreichen. Für den Aufriss, der Projektion in der Höhe, sind dagegen die nötigen Annahmen, die in der Rekonstruktion getroffen werden müssen, deutlich zahlreicher und unsicherer. Gebäudeteile müssen erfasst werden, die normalerweise nicht mehr in situ vorliegen und die betroffener sind von Prozessen der Deformation, Fragmentierung und Wiedernutzung. Das methodische Vorgehen bei der Rekonstruktion in der Höhe ist laut GRUBEN folgendes: „ Von oben her erreicht man durch das Einpassen zugewiesener Bauglieder, zum Beispiel von Säulen oder Architraven, eine dreidimensionale Präzisierung des Bauwerks “ . 41 Das Einpassen des zugewiesenen Bauglieds kann hier sowohl eine Positionierung des Fragments in der Zeichnung und eine Rekonstruktion quasi um dieses herum bedeuten, als auch die Vervollständigung anhand eines vordefinierten Formenschatzes architektonischer Bauglieder. Ersteres findet sich des öfteren direkt in die Zeichnung aufgenommen. Die erhaltenen Bauwerksüberreste sind dann, graphisch unterschieden von der Rekonstruktion - in höherem Detail, als Fotografie oder mit Binnenkontur - in ihrer vermuteten Position in die Zeichnung integriert (vgl. Abb. 16). Die archäologische Aufrisszeichnung ist gegenüber dem Grundriss variabler im Grad ihrer Ikonizität. Vergleicht man beispielsweise die beiden jüngeren Rekonstruktionen zum Philippeion in Olympia (Abb. 17 und 18), so ist die erste beschränkt auf die äußeren Umrisse. Die binnenstrukturierte Darstellung der Anastylose vor Ort ist mit dünner Linienstrichführung zu einer geschlossenen Ansicht vervollständigt. Der zweite Aufriss liefert ein detailliertes, vermeintlich steingerechtes Bild des Tholos bis hin zur Anordnung der Dachziegel.

Zwischen Abstraktion und Ikonizität besteht das grundsätzliche Spannungsfeld der graphischen Rekonstruktion. Die abstrakte Darstellung reduziert auf den wissenschaftlich vertretbaren Stand. Im Extremfall steht der Kubus für das Bauvolumen eines Gebäudes mit dem Effekt einer Distanzierung zum Objekt. Die ikonische Abbildung determiniert das Bild eines Gebäudes auf eine mögliche Vorstellung. Im Extremfall steht ein völlig fiktionales, ausgeschmücktes Bild mit dem Effekt einer lebensnahen Wiedergabe, das die Distanz zum Objekt verkürzt.

Graphische Schnitte legen die aufgehenden Bauwerksstrukturen frei bzw. eröffnen den Blick in das Gebäudeinnere. Wie allgemein in der Darstellung von Architektur festzustellen ist, so ist in der archäologischen Rekonstruktion der Schnitt ausserordentlich beliebt und ersetzt häufig vollständig oder als Teilschnitt den reinen Aufriss. Die Verbindung von Grundriss und Schnitt, wie beispielsweise in der Rekonstruktion des Theaters von Perge (Abb. 19), ist dann die übliche Darstellungsweise, mit der eine in den metrischen Dimensionen vollständige Beschreibung des Gebäudes vorliegt. Die Risszeichnungen und Schnitte in planen Ebenen durch ein Gebäude ergeben präzise, technische Pläne. In der Kombination aus orthogonalen Schnitten, Grund- und Aufrissen sowie Detailansichten lässt sich Architektur im besten Fall technisch vollständig beschreiben42 Raum und Räumlichkeit, die konstitutive Qualität von Architektur, ist in dieser Darstellungsweise ausgeblendet.

2.3 Die didaktische Vermittlung: Axonometrien, Linearperspektiven und Montagen

„ Isometrien und Perspektiven, eventuell auch Modelle, tragen zur Anschaulichkeit bei, bergen aber die Gefahr, daßsie wie gesicherte Fakten in die Handbücher gelangen, auch wenn sie weitgehend hypothetisch sind. “

GRUBEN 2000, 256.

In der technischen Rekonstruktion bilden Grund- und Aufrisse sowie orthogonale Schnitte, die möglichst aus der Befunddokumentation abgeleitet sind, die metrische Ansicht einer Gebäudeseite. Gerade aber für die Vermittlung räumlicher Zusammenhänge und von Detailstudien werden perspektivische Ansichten genutzt. Vor allem im Bereich wissenschaftlicher Veröffentlichungen sind das Axonometrien, auf die Baustrukturen konzentrierte Linearperspektiven und Montagen, bei denen die Rekonstruktion in eine Fotografie der Grabungsstädte oder der landschaftlichen Umgebung eingezeichnet ist.

Die zeichnerische Herleitung vom Befund zur Anschauung illustriert das Bildmaterial des Kolloquiumbeitrages „ Ein spätantikes Monument kaiserzeitlicher Macht in Pannonien “ von Klaus MÜLLER in ausgezeichneter Weise (Abb. 20-23).43 Von der Bestandsaufnahme des sog. Heidentors im Aufriss und Schnitt ausgehend, wird ein rekonstruierter Aufriss dem Befund überlagert. Eine perspektivische Detailstudie veranschaulicht Bestand und Rekonstruktion der Außengliederung des Ehrenbogens. Abschliessend wird das Monument in räumlicher Darstellung in seiner Umgebung mit Personen gezeigt, womit die Grenze zur künstlerischen Rekonstruktion erreicht ist. Die Nutzung der Perspektive verdeutlicht in diesem Fall sehr klar ihre Funktion innerhalb der archäologischen Rekonstruktion. Die Detailstudie zeigt die räumlichen Zusammenhänge und exakten Verbindungen der Architekturelementen zueinander. Sie liefert ein anschaulicheres Bild von Volumen, Position und Ausrichtung als die orthogonale Projektion. Die Zeichnung des Gesamtbauwerks vermittelt eine Vorstellung, wie das Monument gewirkt haben mag und wie es in seine Umgebung eingebunden gewesen sein könnte. Bezeichnenderweise ist in diesem Fall die Außengliederung als Axonometrie wiedergegeben, das Gesamtbild als Linearperspektive. In der Linearperspektive ist der gezeichnete Raum angeglichen an die Perspektive der menschlichen Wahrnehmung. Die Sicht auf das sog. Heidentor ist derjenigen eines antiken Betrachters auf Augenhöhe des Reiters rechts im Bild nachempfunden (vgl. Abb. 23). Axonometrien sind schiefwinklige Parallelprojektionen, die Längenmaße wahren oder sie nach bestimmbaren Regeln verkürzen, insofern bleiben die Zeichnungen metrisch lesbar. Die Darstellungsform eignet sich damit hervorragend, didaktisch Bauzusammenhänge zu vermitteln bei gleichzeitiger Maßgenauigkeit. Sie liefert oftmals einen künstlicheren Raumeindruck als die Linearperspektive.44

Den didaktischen Illustrationen ist zu eigen, dass sie Gebäudestrukturen oft gänzlich oder zum Teil dekonstruieren, um die gewünschte Information zu verdeutlichen. Für das Aufzeigen des Aufbaus von antiken Bauwerken und dem Blick auf die Beziehungen von Architekturteilen zueinander wird sehr häufig eine geschnittene Ansicht des Baus gewählt. Anders als im orthogonalen Plan führen diese perspektivischen Schnitte zumeist nicht durchgängig durch eine Ebene von Gebäuden, sondern legen gezielt Strukturen und Bereiche frei. Die axonometrische Rekonstruktion des Alat/Isis-Tempels in Petra (sog. Tempel der geflügelten Löwen) ist ein Beispiel dieser kunstvollen Zerlegung, in der transparente Segmente und unterschiedliche Schnittführungen einen Blick auf die Baustruktur bis in den Bereich der Cella ermöglichen (Abb. 24). Gleichzeitig ist die Wirkung des Gebäudes als Einheit weitgehend aufgelöst. Die Zeichnung zur Basilika in Myrtilis offenbart einen noch martialischeren Umgang mit dem Bauwerk. Eine Gebäudeseite wirkt regelrecht aufgerissen, um den Blick ins Innere freizulegen (Abb. 25). Im Bereich des Daches sind die einzelnen Konstruktionsschichten voneinander gelöst, die Dachbalken als unterste Schicht am weitesten stehen gelassen. Das führt zu einer anderen Art der Dekonstruktion, die in wissenschaftlichen Illustrationen häufig zu finden ist, der schicht- und stückweisen Demontage. In diesen werden die Strukturen der Konstruktion eines Gebäudes hervorgehoben, in dem einzelne Bauelemente und -schichten entfernt werden, wie beispielsweise in der Rekonstruktion des Heroon von Lefkandi (Abb. 26). Die festzustellende Häufung an anschaulichen Rekonstruktionen, die die Errichtung eines Bauwerks zeigen, sind auch in dieser Richtung als Schaubilder zu verstehen, die die Strukturen des Baus aufzeigen.45 Da es primär um den Blick auf die Konstruktion von Bauten geht, orientieren sich diese Bilder häufig nicht an den eigentliche Arbeitsprozessen und damit den Stadien der Fertigstellung von Bauten (vgl. Abb. 27).

In der Menge der perspektivischen Schnitte und Detailstudien in wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Darstellungen wird ein aus dem Kontext gelöstes, zerstückeltes Bild antiker Architektur vermittelt,46 das antike Bauwerk und seine architektonischen Strukturen als Verwaltungsmasse ableitbarer Information behandelt. Das Bild, das sich bei diesem Zugriff auf die Antike ergibt, steht im Einklang mit didaktischen Rekonstruktionen in archäologischen Parks, mit Teilrekonstruktionen, unfertig verputzten Wandflächen, Säulen verschiedener Bearbeitungszustände, ausschnitthaft angegebener Polychromie und geschnittener bzw. halbfertiger Mauern.47 Das beschreibt einen sehr pragmatischen Umgang mit der Architektur der Antike, die auf ihren Wert als Informationsträger und Anschauungsmaterial beschränkt wird.

Die zweite Kategorie perspektivischer Darstellung arbeitet mit dem Raum als erfahrbare Qualität. Die linearperspektivischen Rekonstruktionen können ausschnitthaft sein (vgl. Abb. 28) und Umgebung nicht wiedergeben oder höchst sparsam andeuten (vgl. Abb. 29), aber sie vermitteln immer eine Vorstellung einer möglichen Ansicht auf das antike Bauwerk. Architektur selbst bedeutet eine Ausgestaltung des Raums, die Ansichten erzeugt, welche auf den Betrachter wirken. Die freie Wahl des Blickpunktes in linearperspektivischen Rekonstruktionen und die Möglichkeit der Ausgestaltung der Umgebung kann diese Wirkung aufgreifen und unterstreichen oder sie aufheben und negieren. Das griffigste Phänomen ist die gesteigerte Wirkung der physischen Präsenz von Architektur in Unteransicht. In der Rekonstruktionszeichnung zum Heiligen Bezirk in Delphi (Abb. 30) ist ein Blickpunkt eingenommen, der ungefähr auf menschlicher Augenhöhe die Unteransicht von dem gewählten Standpunkt auf den Apollontempel nachvollzieht. Die Gebäudewirkung entspricht zumindest von der Perspektive dem Blick eines antiken Beobachters. Dabei deckt sich die monumentale Wirkung der Anlage mit der im Bild wiedergegebenen. In der Rekonstruktion des Großen Propylon in Lindos (Abb. 31) ist mit dem erhöhten Blickpunkt aus der Distanz ein solch unmittelbarer Eindruck vermieden. Die Rekonstruktion liefert insofern einen nüchternen Blick auf die architektonischen Zusammenhänge. Die Raumwirkung, die sich aus einer Annäherung an eine Benutzungsperspektive ergeben hätte, ist dagegen vollkommen zurückgedrängt.

Neben der didaktischen Vermittlung archäologischer Erkenntnisse, existiert zunehmend ein Interesse, jene perspektivischen Rekonstruktionen als erkenntnisleitendes Medium zu verwenden. Mit der möglichen Angleichung an eine Perspektive, die von einem antiken Beobachter eingenommen werden kann, rücken Fragen der visuellen Wahrnehmung in den Fokus: Sichtverbindungen und -achsen, Verdeckungsbereiche, Eindrücke von Innenraumgestaltung, genauso wie Schauseiten und Sichtbarkeit von Bauwerken im urbanen Raum und schließlich kompositorische bzw. konzeptionelle Gestaltung von Stadtarchitektur unter der Berücksichtigung von Ansicht und Blickwinkel. Die Nutzung von perspektivischen Rekonstruktionen im Zusammenhang dieser Fragen ist nicht neu. Verwiesen sei hier etwa auf die Arbeiten von Auguste CHOISY zur Akropolis von Athen.48 Durch eine Verschränkung von Grundriss und Ansicht kam CHOISY zu dem Schluss, dass die scheinbare Unordnung des Grundrisses der Wahrnehmungsfähigkeit des Betrachters angepasst war. Schrittweise erschliesst sich dem Akropolisbesucher die Architektur, gerät Verdecktes ins Blickfeld und entzieht sich wiederum anderes der Sicht. Die Architektur erscheint choreografiert als Abfolge kontrollierter Bilder, welche bis ins kleinste Detail an die Hauptansichten bestimmter Standpunkte angepasst ist.49

Es ist gerade in jüngster Vergangenheit festzustellen, dass innerhalb von Untersuchungen, Fragen zur Sicht, zur Bestimmung des Blickfeldes und zur Wahrnehmung antiker Architektur eine deutlich gewichtigere Rolle spielen. Dies liegt sicherlich auch an der Möglichkeit, mittels Computermodellen unterschiedliche Winkel und Varianten im Vergleich zur klassischen Zeichnung schneller visualisieren zu können. CAD-Rekonstruktionen bieten die Möglichkeit virtuelle Räume durchwandern zu können, d. h. es ist möglich, die Blickwinkel auf ein Objekt ohne viel Aufwand durchzuspielen.50

In der Montage wird die Rekonstruktion in eine Grabungs- oder Landschaftsfotografie eingezeichnet und damit Ortsbezug und Position anhand der heutigen Topographie und Bedingungen am Ort veranschaulicht. Diese Art der Illustration ist für einfache Flächen- und Volumenrekonstruktionen sehr verbreitet, bietet sie doch einen hohen Grad an Anschaulichkeit mit recht geringem Aufwand. Die Übergänge zur Grabungsfotografie sind gelegentlich fliessend, wenn in diesen Einzeichnungen zur Hervorhebung von nicht sichtbaren Befunden vorliegen (vgl. Abb. 32). Wie in der Rekonstruktion des Merkurtempels auf dem Shek-Abdallah Hügel in Baalbek (Abb. 33) konzentrieren sich diese Illustrationen grösstenteils auf die Wiedergabe des Standorts und der eingenommenen Fläche bzw. in diesem Fall des Volumens des Gebäudes. In der im Umriss wiedergegebenen Grundfläche der Domus Aurea in Rom (Abb. 34) kommt ein anderer Effekt dieser Methode zum Tragen, nämlich die unmittelbare Vergleichbarkeit von antiker und moderner Architektur, die in der Fotografie mit erfasst ist. Auch in der Darstellung des antiken Küstenverlaufs bei Selçuk nahe dem antiken Ephesos überlagert der heutige den antiken Zustand, rekonstruiert demzufolge letzteren und stellt diesen dem gegenwärtigen Küstenverlauf gegenüber (vgl. Abb. 35).

2.4 Der Umgang mit Unsicherheit: Validität

„ Oftmals hat der Wissenschaftler das Gefühl, dass die Rekonstruktionen einer in sich stimmigen, virtuellen Architekturwelt wichtiger ist, als die Darstellung der zugrunde liegenden Forschungsergebnisse mit allen ihren Unsicherheiten. “

WULF-RHEID 2002, 217.

Ein zur Zeit in der Forschung viel beachtetes Thema ist der graphische Umgang mit erkenntnistheoretischer Unsicherheit bzw. der Kennzeichnung der Wahrscheinlichkeit von Annahmen in Rekonstruktionszeichnungen und computergestützten Visualisierungen. So wurde kürzlich z. B. der Lehrstuhl Darstellungslehre der Universität Cottbus vom Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG)-Exellenzcluster TOPOI beauftragt, Methoden zur Darstellung archäologischer Unschärfe zu entwickeln.51 Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Rekonstruktionen einen großen Anteil an frei erfundenen Elementen beinhalten, ohne das diese in der Regel im Modell gekennzeichnet werden. Zielvorgabe ist nun eine Darstellungsweise, die den Grad der Sicherheit von Hypothesen im Modell erkennbar macht. Hierfür ist geplant, Methoden der Darstellungslehre auf die archäologische Rekonstruktion anzuwenden, welche den Grad an Determination architektonischer Entwürfe unmittelbar deutlich machen, und am Modell des Burgbergs von Pergamon exemplarisch umzusetzen. Auch wenn die Ergebnisse noch ausstehen, so zeigt die Auftragsvergabe doch ein wachsendes Problembewusstsein innerhalb der Archäologie im Umgang mit graphischer Rekonstruktion. Das betrifft gleichermaßen Arbeitsmodelle wissenschaftlicher Kommunikation und Visualisierungen zur Vermittlung archäologischer Arbeit.

Mit dem Kapitel zur Validität, zur Sichtbarmachung von erkenntnis- theoretischer Unsicherheit schließt der Abschnitt zum technischen Bild der Vergangenheit. Es beschreibt den Versuch, mit graphischen Mitteln eine homogene Ansicht auf die Antike und ihre Bauwerke abzuschwächen, wie sie künstlerische Umsetzungen und die meisten Computergraphiken zeigen. Das gewünschte, wissenschaftliche Bild soll den Prozess spiegeln, der vom Befund zu seiner Umsetzung geführt hat. Bezeichnenderweise scheint der Bedarf hierzu erst mit dem Einsetzen von CAD-Graphiken drängend geworden zu sein, obwohl sowohl das malerisch-künstlerische als auch das präzis-technische Bild ihre eigene Suggestionskraft entfalten. Die Lösungsansätze werden in zeichnerischen Verfahren gesucht, weswegen in diesem Kapitel das Untersuchungsmaterial nach den angewandten Methoden zur Kennzeichnung von Unsicherheit in Zeichnungen überprüft werden soll.

Das Ausgangsproblem ist das Bilder im Vergleich zum Text weniger dafür geeignet sind komplexe Bedingungsverhältnisse auszudrücken.52 Das technische Bildvokabular wissenschaftlicher Dokumentation und Rekonstruktion unterstützen diesen Effekt. Die Präzision der Strichführung verleiht der graphischen Rekonstruktion Autorität, sofern diese nicht visuell gebrochen ist.53 Zum Teil ergibt sich diese aus der Angleichung an diverse moderne Zeichnungstypen, deren Realitätsgehalt zunächst außer Frage stehen wie etwa Konstruktions- und Montagezeichnungen.

Das Anzeigen von Unsicherheit lässt sich grundsätzlich im Bild auf zwei Arten realisieren. Einerseits kann, wie im Projekt zum Burgberg von Pergamon, der Versuch unternommen werden, differenziert die einzelnen Schritte und Annahmen der Rekonstruktion in ihrem Wahrscheinlichkeitswert voneinander graphisch abzuheben. Andererseits - und das ist häufiger der Fall - können rekonstruierte Elemente einheitlich als Erwägung indiziert werden. Das betont den hypothetischen Charakter der Rekonstruktion, was nicht ohne Folgen bleibt für die Wahrnehmung des Bildes und der dargestellten Architektur. Der visuelle Bruch macht die zeitliche, räumliche und kulturelle Ferne antiker Architektur erfahrbar und verweist grundsätzlich auf die nicht überwindbare Distanz zum Original, welches als Einheit unwiederbringlich verloren ist. Gerade hier zeigt sich der Gegensatz zur geschlossenen, homogenen Anschauung, die häufig als unmittelbare Sicht auf antike Architektur inszeniert ist. Die konkreten Methoden zum Anzeigen der Unsicherheit fallen unterschiedlich aus. In Computervisualisierungen wird bislang zumeist Transparenz als Indikator angewendet. Das liegt daran, dass es eine Basisfunktion von Graphikverarbeitungsprogrammen ist, die sich problemlos auf frühe Visualisierungen anwenden ließ. So ist etwa das mehrfach umgedeutete, von Giovanna GRECO als sacellum identifizierte Gebäude im Heraion am Sele in der Artikelabbildung durchsichtig gestaltet,54 während der von der Neuinterpretation nicht betroffene Heratempel undurchsichtig ins Bild gesetzt ist (vgl. Abb. 36).

In Zeichnungen ist die gängigste Methode, eine gewisse Unschärfe auszudrücken, das Anlegen des Bildes als Skizze. Dabei ist zu unterscheiden, ob der Entwurfscharakter betont wird, wie in der Rekonstruktionsskizze der unteren Partie einer Stockwerksstele (Abb. 37) und in der Zeichnung des Statuendenkmals von Sahr al-Ledja (Abb. 38). Oder ob die Skizze in Richtung einer Impression gestaltet ist, in der mit flüchtiger Strichführung und dichten Schraffierungen Stimmungen eingefangen werden wie in der Skizze des Fünfsäulenheiligtums auf dem Forum Romanum in Rom (Abb. 39). Darüber hinaus können, anders als beim Modell, Blickpunkt und -richtung so gewählt werden, dass entsprechende Architekturteile verdeckt sind oder aus dem Bildausschnitt herausfallen.55

Ein Vorteil von Zeichnungen gegenüber Computergraphiken, die auf Grund ihrer Voraussetzungen häufig zu einer stringenten Darstellungsweise neigen (vgl. 4.1), ist die Möglichkeit, Bildbereiche hervorzuheben oder zu übergehen, ohne dass der Gesamteindruck davon erheblich bestimmt wird.56 Die Rekonstruktionszeichnung des Oikos der Naxier auf Delos (Abb. 40) zeigt, wie mit Mitteln der Andeutung der Blick des Betrachters gelenkt wird. Die Rekonstruktion des delischen Apollonheiligtums (Oikos, Propylon, Stoa und Weihstatue des Apollon) betont die Frontseiten der Gebäude, von denen der Oikos am detailreichsten wiedergegeben ist. Die eingezeichneten Mauerwerksstrukturen an den Anten verlieren sich hier zum rückwärtigen Teil des Gebäudes hin. Die lakonische Deckung des Gebäudes ist ebenfalls nur partiell zur rechten Stirnseite hin eingezeichnet, der First und die linke Dachseite allein im Umriss wiedergegeben. Der Wechsel zwischen ausgearbeiteten Partien und summarisch flächiger Behandlung bis hin zur bloßen Konturzeichnung findet sich ebenso bei dem angrenzenden Propylon und der Stoa wieder. Die Andeutung von Detail reicht aus, um dem Betrachter zu ermöglichen, sie in Gedanken zu vervollständigen.57 Gleichzeitig wird der Blick auf die detailliert ausgearbeiteten Bereiche gelenkt. In diesem Fall auf die Frontseiten des Oikos der Naxier und des Propylon. Die graphische Reduktion ermöglicht die Vermeidung problematischer Rekonstruktionsstellen. So wird eine genaue Aussage zur architektonischen Lösung im aneinander grenzenden Eckbereich des Daches von Oikos und Propylon umgangen.

Häufig gefordert,58 aber selten mittels Zeichnung realisiert, ist die Wiedergabe von Alternativvorschlägen bei mehreren diskutierten Rekonstruktionsvarianten, wie etwa bei dem Aufriss des römischen Grabbaus von Bartringen-Burnicht (Abb. 41). Dort ist im zweiten Geschoss die prostyle Säulenstellung und damit einhergehend die Aufstellung der Statuen unsicher. Die zwei in Betracht gezogenen Möglichkeiten sind deswegen zeichnerisch nebeneinander gestellt. Simon JAMES weist auf die praktischen Fallstricke dieser Methodik hin. Für das frühgeschichtliche Gebäude C12 in Cowdery`s Down, Hampshire, entwarf er drei alternative Rekonstruktionsvorschläge.59 Ungesichert war die Dachkonstruktion des hölzernen Langhauses. Der Analyse des Befundes folgte die Beschreibung der architektonischen Varianten und die Zeichnungen, die jeweils eine Lösung veranschaulichte, in der Hoffnung eine fachwissenschaftliche Diskussion anzustoßen.60 Entgegen der Erwartungen zeigten nachfolgende Publikationen zumeist nur einen graphischen Lösungsvorschlag, wählten aus dem vorgeschlagenen Spektrum eine passende Visualisierung heraus.61 Das verdeutlicht die Tendenz, dass mehrere, graphische Alternativen mit der Zeit zu einem gültigen Bild aufgelöst werden.

Die letzte im Untersuchungsmaterial zu beobachtende Methode, auf den hypothetischen Charakter von Rekonstruktionszeichnungen im Bild aufmerksam zu machen, ist die Nutzung von graphischen Verfremdungseffekten. Zumeist wird eine technisch-präzise Rekonstruktion in eine künstlerisch gestaltete Umgebung projiziert, so dass das Gesamtbild unmittelbar als Konstrukt erfassbar ist. Die Zeichnung zum Zwölfgötteraltar auf der Athener Agora (Abb. 42), die das ursprünglich spätarchaische, von den Persern zerstörte Gebäude nach seiner Wiedererrichtung 425 v. Chr. rekonstruiert, arbeitet mit diesem Kontrast zwischen Architektur und Umgebung. Sträucher und Bäume sind bis ins Detail malerisch ausgestaltet, während der flächig weiß gehaltene Kalksteinbau in exakter Strichführung und ohne Oberflächenwirkung wiedergegeben ist. Unterstützt wird der Kontrast durch die starke, perspektivische Verzerrung des Baus gegenüber den plan gehaltenen Bäumen und der isolierten Wiedergabe in einer bis zum Horizont merkmalslosen Landschaft. Noch stärker in Szene gesetzt ist der Verfremdungseffekt in der Rekonstruktion des mehrgeschossigen, römischen Grabbaus nahe Jerasch (Abb. 43). Das Gebäude in einfacher Umrisszeichnung ist in eine illusionistisch dargestellte Umgebung mit Personen gestellt, von der sich wiederum die als Scherenschnitt montierten Bäume abgrenzen. Insofern ist die technische Rekonstruktion in diesem Fall um eine potentielle, weil stilisierte, Vergangenheit erweitert.

Eine differenzierte Kennzeichnung der Sicherheit von einzelnen Hypothesen, die zu einer Rekonstruktion geführt haben, ist in keiner Zeichnung des recherchierten Materials wiederzufinden. Möglichkeiten hierzu beständen sicherlich in der graduellen Abstufung der genannten graphischen Mittel, die eine Distanz zwischen Antikenrekonstruktion und bezeichnetem Original herstellen. Abgesehen von Farb- und Texturkodierungen, wäre etwa eine zunehmende Transparenz oder skizzenhafte Strichführung für einzelne Bauelemente denkbar, abhängig von der Einstufung ihrer Wahrscheinlichkeit am Bauwerk.62 Die Frage ist nur erstens, ob diese Bilder im Sinne ihrer Zielsetzung leichter lesbar wären, und zweitens, auf welcher Grundlage die Einordnung erfolgen

zuzuweisen.63 Damit liesse sich leicht sowohl ein kontinuierlicher Verlauf visualisieren als auch ein Mosaik, das den Grad der zugewiesenen Wahrscheinlichkeit anzeigt. Die komplexen Bedingungsverhältnisse des Rekonstruktionsprozesses wären im und für das Bild auf darstellbare, numerische Werte reduziert. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das wissenschaftliche Bild antiker Architektur in Steinplänen, Grundrissen, Aufrissen und Perspektiven seit dem 19. Jahrhundert eine graphische Abstraktion und Reduktion erfuhr, die im Zusammenhang zu sehen ist, mit der Professionalisierung und Normierung der technischen Darstellungslehre. Ergänzend treten in jüngerer Zeit Bilder gerätebasierter Architekturdokumentation und geophysikalischer Prospektion hinzu, auf deren Grundlage Rekonstruktionen beruhen und/oder durch Montagen legitimiert zu sein scheinen. Den entstehenden Repräsentationen antiker Architektur wird ein hoher Grad an Authentizität zugesprochen. In wissenschaftlichen Publikationen wirkt die detaillierte Beschreibung des Textes dem entgegen.64 Dennoch wird zumindest für Computervisualisierungen der Versuch unternommen, die Unschärfe des Rekonstruktionsprozesses direkt im Bild darzustellen. Folgt man noch einmal GRUBEN, der in der Rekonstruktion ein Puzzle-Spiel sieht, in dem einzelne Teile fehlen,65 so gilt dieser Vergleich im übertragenen Sinne auch für das technische Bild der Vergangenheit. Es ist ein lückenhaftes, bearbeitetes, auf die gezielte Informationsvermittlung konzentriertes Bild. Das Fehlende wird in der künstlerischen Umsetzungen hinzugefügt.

3. Das künstlerische Bild der Vergangenheit: Anschauungen

3.1 Das Hinzufügen von Kontext: Veranschaulichung und Illustration

„ Trees in the background of a reconstruction drawing are gratious in the sense that they are not central to the argument, yet they serve to make the picture continuous with our world. “

MOSER 1996, 213.

Im Zuge der baugeschichtlichen Erforschung des Kaiserpalastes auf dem Palatin in Rom von den Anfängen unter Kaiser Augustus bis in die spätantike Zeit durch das Architekturreferat des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) entstanden zahlreiche Zeichnungen und Visualisierungen, die von Befundaufnahmen bis hin zu anschaulichen Rekonstruktionen reichten.66 Eines dieser Bilder thematisiert das hochgelegene Bassin aus der flavischen Periode des Gebäudekomplexes, der sog. Domus Severiana (Abb. 44). Die Computerrekonstruktion zeigt eine Innenperspektive des Beckens und der angrenzenden Architektur. Der Blickpunkt entspricht menschlicher Augenhöhe. Die Visualisierung strebt einen illusionistischen Eindruck an, der durch verschiedene graphische Mittel unterstützt wird, so etwa durch die Ausarbeitung der Oberflächenbeschaffenheit, insbesondere der bewegten und reflektierenden Wasseroberfläche und der Raumwirkung durch Licht- und Schatteneffekte sowie der Luftperspektive, bei der der Kontrast mit zunehmender Entfernung vom Blickpunkt abnimmt.

Im Rahmen der Internetpräsenz des DAI lautet die Bildunterschrift zu der Rekonstruktion nüchtern „ Rekonstruktion Domus Severiana - Innenperspektive Becken (flavische Periode) “ .67 Das gleiche Bild wird im Rahmen eines Artikels der AiD verwendet, der die Geschichte und aktuelle Arbeit des DAI behandelt. 68 Dort heisst es in der Bildunterschrift nach einleitenden Informationen: „ Vom säulenumrahmten, hochgelegenen Bassin konnte man beim Baden einen herrlichen Blicküber Rom genießen “ .69 Wohlgemerkt handelt es sich um das gleiche Bild, 70 aber der Fokus der Betrachtung ist durch die Hinweise des Textes auf gewisse Bildkomponenten gelenkt, und zwar auf solche, die die Architektur in diesem Fall in einen dezidierten Kontext stellen. Das Bassin ist mit dem Baden verknüpft, ein Hinweis, der im Rahmen häufig illustrierter römischer Badekultur im Kontext von sinnen-frohem Luxus höchst assoziativ ist. Daneben wird die Aufmerksamkeit auf den herrlichen Blick über die Stadt Rom gelenkt, welche zwischen den Säulen der Portiken hindurch sichtbar ist. Ein Umstand, der ohne Bemerkung auf Grund der Gewichtung des Bildes wohl vom Betrachter weitgehend ausser Acht bleibt. Die Architektur erfährt eine herrschaftliche Note. Der Badende überblickt die Stadt vom Bassin des Bauwerks auf dem Palatin. Ein Zusatz an Information, der Aspekte des Bildes betont, die nicht im ursprünglichen Sinn der Rekonstruktion stehen und nicht den architektonischen Gegebenheiten entsprechen. Das Becken ist eher im Sinne eines Schauelements, einer Reminiszenz an ländliche Villenarchitektur zu verstehen, auf jeden Fall aber für das Baden ungeeignet.71

Der Charakter der Anschauung zeichnet eine Füllung des Bildes hin zu einer geschlossenen, in sich stimmigen Bildwelt aus. Das Bild wird unter Einbeziehung verschiedener Merkmale sukzessive mit einer vorstellbaren Realität in Einklang gebracht. Bezüge werden hergestellt jenseits der blossen Darstellung der Bausubstanz. Das unterscheidet die Anschauung von einer reinen Befundrekonstruktion, die sich im Allgemeinen ausschliesslich um eine Vervollständigung der erhaltenen Architekturfragmente bemüht. Auf verschiedenen Ebenen werden Bauwerke mit Kontext versehen. GRUBEN listet als Aufgabe der Klassischen Bauforschung, die Einordnung und das Verständnis der Architektur im kulturellen Kontext auf und unterscheidet dabei in Hinblick auf technischen, funktionalen, ästhetischen, historischen und religiösen Kontext.72 Die künstlerische Anschauung versucht, diese unterschiedliche Ebenen von Kontext bereits im Bild greifbar zu machen. Diese kann in der Darstellung naturräumlicher Umgebung liegen, in der Kennzeichnung von Flora und Fauna, in der ephemeren Bauausstattung, im Inventar der Gebäude und in der Darstellung der Funktion sowie der Nutzung, also in der Interaktion mit handelnden Personen.

[...]


1 ERNST 2002a, 8-9.

2 Die Archäologie liefert die Inhalte, sie ist für zahlreiche Medien „ content provider “ , vgl. ERNST 2002b, 116.

3 MOHR 2002, 763.

4 Vgl. HEINTZ 1995, 47-49.

5 Bild- und medienwissenschaftliche Arbeiten sind generell ein vernachlässigtes Feld innerhalb der Klassischen Archäologie, vgl. STRAUB 2008, 9.

6 Vgl. z. B. SCHÄFER 2008.

7 Vgl. z. B. THÜR - ADENSTEDT 2006, 224-233. Projektberichte zur Computervisualisierung finden sich zahlreich in den Publikationen der jährlichen Kongresse Computer Applications and Quantitive Methods in Archaeology (CAA) und dem Symposium on Visual Analytics Science and Technology (VAST).

8 Einzeluntersuchungen enden mit Analysen zu Zeichnungen der Mitte des 20 Jahrhunderts. Vgl. CARDAUNS 1995, 31-38; NIEMEIER 1995, 204-205; TRAGBAR 2004, 316-318.

9 Vgl. HEßLER 2004, 24.

10 Vor allem für die Beschreibung formbeständiger Darstellungsformen werden auch ältere Rekonstruktionen herangezogen.

11 Erklärungen der jeweiligen Bildredaktionen liegen als Email dem Autor vor. AA (12.01.2010); ÖJh (12.01.2010); AW (14.01.2010); AiD (15.01.2010).

12 Hiervon zeugt z. B. das Kolloquium „Macht der Architektur - Architektur der Macht“, vgl. SCHWANDNER - RHEID 2002.

13 GRUBEN 2000, 251.

14 Vgl. z. B. SORRELL 1970.

15 Vgl. INKLINK 2010.

16 Nicht das vielzitierte Wiederherstellen von Bekanntem, vgl. u. a. SAMIDE 2005, 421, oder allein ein handwerklicher Prozess. Aus Gründen der Vereinfachung wird jede graphische Umsetzung zur Antike unabhängig ihrer Grundlagen in dieser Arbeit als Rekonstruktion angesprochen; auch wenn für künstlerische Darstellungen vornehmlich der Begriff Anschauung verwendet wird.

17 Ausnahmen davon sind Rekonstruktionen literarisch überlieferter Denkmäler, vgl. SCHWEIZER 2002, 659, genauso wie allein durch Abbildungen belegte Denkmäler, vgl. GRUNOW 2002. Zur Problematik der Rekonstruktion nach Münzabbildungen, vgl. DUMSER 2006, 107-118.

18 GRUBEN 2000, 253.

19 GRUBEN 2000, 254.

20 Der konstruktive Anteil dieser Aufbereitung des Materials bleibt von GRUBEN 2000, 251-279, unerwähnt.

21 Häufig auf der Grundlage nationaler oder kommunaler Richtlinien, vgl. LANDESARCHÄOLOGIE 2006.

22 SCHWEIZER 2002, 659.

23 WEFERLING 2005, 20.

24 Womit die oben genannte, bauhistorische Grundforderung einer Trennung zwischen Bestand und Rekonstruktion erfüllt ist, vgl. hierzu auch GRUBEN 2000, 264.

25 HOEPFNER u. a. 1999, 359.

26 Vgl. SCHWEIZER 2002, 659, zum Aspekt von Auswahl und „Purifizierung“ gebauter Rekonstruktionen.

27 Vergleichbar ähnlichen Phänomenen, in denen Arbeitsmittel und -methoden in der öffentlichen Wahrnehmung synonym verstanden werden mit wissenschaftlichem Anspruch, wie z. B. die MORTIMER-WHEELER Ausgrabungsmethode zeitweise zum Inbegriff glaubwürdiger Feldforschung wurde, weil ihr akkurates Erscheinungsbild geeignet ist, ein Bild archäologischer Professionalität zu transportieren. Vgl. ALTEKAMP 2004, 217.

28 So darf die digitale Dokumentation in Deutschland nur in Absprache mit dem Landesamt zeichnerische Aufnahmeverfahren ersetzen, vgl. LANDESARCHÄOLOGIE 2006, 16.

29 Vgl. BOOCHS u. a. 2006. Zu den geophysikalischen Prospektionsverfahren, LANG 2002, 122-125.

30 HEßLER 2004, 49-50.

31 HEßLER 2004, 52.

32 Z. B. BORG 2002, Abb. 20. 21.

33 Vgl. z. B. GOETHERT 2007, 17-23; ZABEHLICKY 2008, 62-65.

34 VITR. 1,2,2: „ Species dispositionis, quae grece dicuntur ideai, sund haec: ichnographia, orthographia, scaenographia. “ Übersetzung im Titelzitat nach FENSTERBUSCH 1964.

35 PHILIPP 2008, 147-157, insbesondere 149.

36 SCHULLER 2007, 223-239.

37 Vgl. zur antiken, maßgenauen Werkszeichnung am Apollontempel von Dydima, HASELBERGER 1984, 111-119 Abb. 2.3. Zur Risszeichnung in der Architekturgeschichte PHILIPP 2008, 147-156.

38 Vgl. GRUBEN 2001, 182-183. Abb. 144.

39 GRUBEN 2000, 256.

40 GALTON 1883.

41 GRUBEN 2000, 264.

42 PHILIPP 2008, 150. 152.

43 MÜLLER 2004, 274-283.

44 KNAUER 1991, 91.

45 JAMES 1997, 40.

46 Vgl. auch Abb. 63 dieser Arbeit.

47 SCHALLES 1999, 221.

48 CHOISY 1899, 325-334.

49 CORBUSIER 1923, 53.

50 Vgl. z. B. VEREENOOGHE u. a. 2006, 35-41, zur These der Verbindung von Sichtachsen und Stadtplanung in Sagalassos anhand von CAD-Modellen.

51 LENGYEL - TOULOUSE 2009, 9.

52 SACHS-HOMBACH - SCHIRRA 2009, 14.

53 Vgl. SCHOLZ 2001, 231.

54 Vgl. GRECO 2003, 97-109.

55 Vgl. KANTNER 2000, 43: „ [...] the sketch artist could have angled the reconstruction or carefully placed scenery such that the roof was not even visible. “

56 Vgl. AMT 2001, 96.

57 Vgl. RIECHE 1995, 454-455, zur vergleichbaren Praxis bei gebauten Teilrekonstruktionen von Tempeln häufig allein die linke Gebäudeecke vollständig wiederzugeben.

58 So z. B. BÜHRIG 2007, 271.

59 MILLETT - JAMES 1983, 215-217. 233-246.

60 JAMES 1997, 33.

61 JAMES 1997, 33: „ Despite the lack of effective critique, these drawings have been much reproduced, sometimes without the variants, and ironically are in danger of becoming exaxtly the id è es fixes we tried to avoid. “

62 Erste Schritte hierzu bei ISENBERG 1999, 1-22.

63 Vgl. ERNST 2002a, 19.

64 SCHOLZ 2001, 231.

65 GRUBEN 2000, 254.

66 Vgl. WULF 2001, 153-164; WULF 2004, 168-179; WULF - RIEDEL 2006, 220-234.

67 MÜLLER u. a. 2009.

68 WAIS 2008, 12-14.

69 WAIS 2008, 12.

70 Lediglich die Luftschächte sind in ihrer Anzahl reduziert und der Himmel ist in der neueren Version auf der DAI-Internetseite mit Wolken gestaltet, vgl. MÜLLER u. a. 2009.

71 WULF-RHEID im Interview mit dem Verfasser vom 21. April 2010: „ Das Becken ist 80cm tief und hat sicher nicht zum Baden gedient. “ Vgl. hierzu auch WULF - RIEDEL 2006, 223-224.

72 GRUBEN 2000, 251.

Ende der Leseprobe aus 216 Seiten

Details

Titel
Vom Befund zur Anschauung
Untertitel
Architekturinszenierungen in neueren, graphischen Rekonstruktionen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie)
Veranstaltung
Klassische Archäologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
216
Katalognummer
V183020
ISBN (eBook)
9783656071860
Dateigröße
8581 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Die Chance, in einem vernachlässigten Arbeitsgebiet Akzente zu setzen, hat die Arbeit in hervorragender Weise genutzt. In einer dreigeteilten Ausführung zum Technischen Bild, Künstlerischen Bild und Computergestützten Bild wird ein Interpretationsschema aufgestellt, mit dem sich die architekturbezogene wissenschaftliche Bildproduktion der Archäologie kritisch und detailliert analysieren und evaluieren lässt. Die Arbeit legt in den Definitionen, in den analytischen Aufgliederungen und den Interpretationsbeispielen das Thema so souverän dar, dass sich eine Paraphase erübrigt." PD Dr.
Schlagworte
Antike, Griechenland, Rom, Archäologie, Klassik, Klassische Archäologie, Rezeption, Wirkung, Theorie, Bild, Graphik, Medium, Visualisierung, Computer, Kunst, Darstellung, Vergangenheit, Dokumentation, Grundriss, Kontext, Modularität, CAD, Fotorealismus, Troia, Architektur, Illustration, Rekonstruktion, Interpretation, Befund, Veranschaulichung, Ästhetik, Inszenierung, Perspektive, Skizze
Arbeit zitieren
M. A. Daniel Funke (Autor), 2010, Vom Befund zur Anschauung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183020

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