Seitdem die zweite Kammer des niederländischen Parlaments am Karfreitag des Jahres 2001 den Gesetzentwurf der ehemaligen Gesundheitsministerin Els Borst über einen Strafausschließungsgrund bei der Lebensbeendigung durch den behandelnden Arzt verabschi-det hat, der am 01. April 2002 in Kraft getreten ist, finden weit über die Niederlanden und Deutschland hinaus erneut heftige Kontroversen über Wert und Unwert menschlichen Lebens, über die ethische Erlaubtheit der Tötung eines Sterbenskranken sowie die Notwendigkeit einer gesetzlichen Manifestation einer Regelung zur Euthanasie statt.
Die Kontrahenten der aktuellen niederländischen Rechtslage verweisen auf die drohende Gefahr eines Dammbruchs in der Euthanasiepraxis als auch auf eine wachsende Geringschätzung des menschlichen Daseins vom ersten Augenblick bis zum letzten Atemzug.
Die Befürworter bejubeln die innovative Regelung sowohl als Sieg des menschlichen Selbstbestimmungsrechts als auch eine weitere essentielle Etappe zu einer völligen Legalisierung.
Über ein halbes Jahrhundert nach den schrecklichen Euthanasie-Verbrechen der Nationalsozialisten sieht man in Deutschland die Entwicklungen im Nachbarland immer noch durch die Brille der Vergangenheit. Vereinzelte Stimmen lassen sich vernehmen, die eine Parallele zwischen den damaligen Untaten deutscher Ärzte und den gegenwärtigen Vorgängen in holländischen Krankenhäusern ziehen und die „Nazi-Analogie“ zu einem vielzitierten Schlagwort hochstilisiert haben.
In der vorliegenden Arbeit wird keine endgültige Evaluation dieses Vergleichs intendiert, sondern lediglich die durch ihn vorgegebenen Komponenten der Vergangenheit und Gegenwart verwendet, um auf der Basis der historischen Geschehnisse der NS-Zeit und der niederländischen Geschichte der letzten dreißig Jahre die Frage zu stellen, inwiefern dem aktuellen Euthanasiegesetz und der Handlungsweise deutscher Ärzte zur damaligen Epoche die identischen Prämissen zugrunde liegen, sowohl in Hinsicht auf eine systematische Ethik als auch auf eine bestimmte legislative Regulierung, aus der eine bestimmte Praxis erwächst.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Euthanasie im NS-Staat
1. Die ideologisch-systematischen Grundlagen des nationalsozialistischen Euthanasiegedankens
1.1. Der Sozialdarwinismus
1.2. Das Recht auf den Tod nach Adolf Jost
1.3. Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens nach Binding und Hoche
1.3.1. Biographische Hintergründe
1.3.2. Karl Binding: Die Freigabe aus Sicht des Juristen
1.3.3. Alfred Hoche: Die Freigabe aus Sicht des Psychiaters
1.3.4. Die Reaktion der Mediziner auf die Thesen von Binding und Hoche
1.3.5. Die theologische Rezeption der Forderungen Bindings und Hoches
1.4. Zwischenresümee
2. Das Sterilisierungsgesetz von 1933 als Vorstufe zur Euthanasie-Aktion
2.1. Ärzte als Wegbereiter des Gesetzes
2.2. Das Sterilisierungsgesetz und seine praktischen Folgen
3. Die Kindereuthanasie
3.1. Der Fall „Kretschmar“ als Initialzündung für die Kindereuthanasie
3.2. Die Durchführung der Tötungsaktion an behinderten Kindern
3.3. Das Verhalten der Eltern
4. Die Erwachseneneuthanasie: Aktion T4
4.1. Die Vorbereitung der T4-Aktion
4.2. Das Ermächtigungsschreiben Hitlers und das Ringen um ein Euthanasiegesetz
4.3. Die praktische Durchführung der Tötung Geisteskranker
4.4. Probleme bei der Umsetzung
5. Die „wilde Euthanasie“
6. Die Aktion „14f13“
7. Grundlegende Fakten zum Nürnberger Ärzteprozess
8. Die Rolle der Kirchen im Kontext von Sterilisierung und Euthanasie
8.1. Reaktionen auf das Sterilisierungsgesetz
8.1.1. Die Enzyklika „Casti connubii“
8.1.2. Der Protest der deutschen Bischöfe
8.1.3. Die Resonanz der evangelischen Kirche
8.2. Widerstände gegen die T4-Aktion
8.2.1. Die Reaktion Pius XII. und des Heiligen Offiziums
8.2.2. Formen des Widerstands im deutschen Episkopat
8.2.3. Der Protest Kardinal von Galens
8.2.4. Widerstand in der evangelischen Kirche
8.3. Zwischenresümee
III. Euthanasie in den Niederlanden
1. Der gesellschaftliche Hintergrund: Calvinismus, Toleranz, Duldung
2. Die historische Entwicklung der Euthanasiepraxis und –gesetzgebung in den Niederlanden
2.1. Euthanasie im niederländischen Strafgesetzbuch
2.2. Der erste Richterspruch im Jahre 1952
2.3. Die Thesen des Jan Hendrik van den Berg im Jahre 1969
2.4. Die siebziger Jahre: Der Fall Postma und seine Folgen
2.5. Die Entwicklung der Euthanasiedebatte in den achtziger Jahren
2.6. Empirische Studien in den neunziger Jahren
2.7. Das neue Meldeverfahren
2.8. Die weiteren Entwicklungen bis zum neuen Euthanasiegesetz
2.9. Zwischenresümee
3. Der Gesetzesvorschlag von 2000
3.1. Die Sorgfaltskriterien
3.2. Die Patientenverfügung
3.3. Die Regelung für Minderjährige
3.4. Die Ergänzung des Artikels 293 nl.StGB
3.5. Die Arbeit der regionalen Kontrollkommissionen
4. Die Evaluation des Gesetzentwurfs
4.1. Stimmen im Ausland
4.2. Das Selbstbestimmungsrecht
4.3. Das Dammbruchargument
4.4. Kritik an den Sorgfaltskriterien
4.5. Die regionalen Kontrollkommissionen
4.6. Die Euthanasie bei Minderjährigen
4.7. Die Rolle der Patientenverfügung
4.8. Zwischenresümee
5. Die christlich-kirchlichen Standpunkte
5.1. Die Enzyklika „Evangelium vitae“
5.2. Die Glaubenskongregation zur Euthanasie
5.3. Die Stellungnahmen der niederländischen Bischöfe
5.4. Weitere christliche Positionen in den Niederlanden sowie in Deutschland
IV. Ärztliche Gewissensentscheidungen – gestern und heute
1. Die Bedeutung des Gewissens für das ärztliche Handeln
2. Die Formen des ärztlichen Widerstandes in der NS-Zeit
2.1. Prof. Gottfried Ewald
2.2. Dr. Hermann Grimme
2.3. Weitere Beispiele ärztlichen Widerspruchs
3. Die ärztlichen Lebenskontexte in der NS-Zeit und der Gegenwart
4. Die Problematik der Nazi-Analogie
4.1. Die Argumente der Analogie-Gegner
4.2. Resümee
5. Die Gründe für das Versagen des Gewissens bei den NS-Ärzten
V. Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und aktuelle Praxis der Euthanasie in Deutschland und den Niederlanden, um die Rolle des ärztlichen Gewissens im Kontext von Lebensendentscheidungen kritisch zu beleuchten und die sogenannte „Nazi-Analogie“ im Diskurs zu bewerten.
- Historische Analyse der NS-Euthanasie-Ideologie und Praxis.
- Entwicklung und Evaluation der Euthanasie-Gesetzgebung in den Niederlanden.
- Die Rolle christlich-kirchlicher Standpunkte zur Sterbehilfe.
- Untersuchung des ärztlichen Widerstands und Gewissensversagens in der NS-Zeit.
Auszug aus dem Buch
1.2. Das Recht auf den Tod nach Adolf Jost
Auf einem derartigen Gedankengut basierende sozialdarwinistische Anklänge stellte man bei zahlreichen Autoren und Wissenschaftlern dieser Epoche fest. Selbst der Student Adolf Jost ließ sich von den damaligen Strömungen mitreißen, was in seiner im Jahre 1895 verfassten Schrift: „Das Recht auf den Tod“ zum Ausdruck kam.
Jost fordert in seiner Abhandlung die Freigabe der Tötung auf Verlangen für die Fälle ein, in denen die Wertlosigkeit eines fortgesetzten Lebens evident erscheint. Stellt sich nun die Frage, auf welche Art und Weise er den Wert eines Menschenlebens determiniert? Jost nimmt zwei unterschiedliche Faktoren bei der Berechnung des Lebenswerts in den Blickpunkt. Einerseits erscheint es seiner Meinung nach erforderlich, die Summe aus Freuden und Schmerzen aus der Sicht der betroffenen Person in Betracht zu ziehen, andererseits aus der Perspektive der Mitmenschen, des Volkes, der Allgemeinheit die Summe von Nutzen und Schaden zu berechnen. Diese aufgestellte Theorie formiert ein Paradebeispiel für eine Kosten-Nutzen-Kalkulation eines sozialdarwinistischen Utilitaristen. Sobald nun ein Minimum an Nutzen für die Gesellschaft und ein Maximum an Leiden und Schmerzen für die Person selbst festgestellt werden können, entspricht ihr Leben nicht lediglich dem Wert „Null“, sondern einem negativen Wertfaktor. In dieser Rechnung ergäbe der Tod des Menschen die Summe „Null“, wohingegen laut Jost ein für seine Umgebung schädlicher, leidender Mensch einen negativen Lebenswert besitzt, d.h. seine Daseinsberechtigung liegt unter dem einer Leiche.
Mit anderen Worten besagt dies nicht anderes, als dass die Erhaltung eines solchen Menschen sowohl für die Person selbst als auch für seine Angehörigen keinen positiven Wert besitzt. Sein Tod erweist sich in dieser Situation als die bevorzugte Alternative. In einem solchen Fallbeispiel treffen Jost zufolge zwei Interessengruppen aufeinander: zum einen der Patient, der als Leidender gerne von seinen Schmerzen erlöst werden möchte und zum anderen die Angehörigen, die als Mitleidende bezwecken, von der ihnen durch den Patienten aufgebürdeten Last befreit zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Kontroversen um die niederländische Euthanasiegesetzgebung im Licht der historischen NS-Vergangenheit und hinterfragt die Rolle des ärztlichen Gewissens.
II. Die Euthanasie im NS-Staat: Dieses Kapitel analysiert die ideologischen Grundlagen des nationalsozialistischen Euthanasiegedankens, die Umsetzung des Sterilisierungsgesetzes sowie die Durchführung der Kinder- und Erwachseneneuthanasie.
III. Euthanasie in den Niederlanden: Hier wird der historische Weg zur Liberalisierung der Euthanasiepraxis in den Niederlanden sowie die detaillierte Gesetzgebung ab dem Jahr 2000 kritisch evaluiert.
IV. Ärztliche Gewissensentscheidungen – gestern und heute: Der Abschnitt vergleicht die Bedeutung des ärztlichen Gewissens im historischen NS-Kontext mit aktuellen ethischen Herausforderungen und diskutiert die Problematik der „Nazi-Analogie“.
V. Schlussbemerkung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, das ärztliche Gewissen gegenüber utilitaristischen Tendenzen zu wahren.
Schlüsselwörter
Euthanasie, NS-Staat, Sterilisierung, Kindereuthanasie, Aktion T4, Niederlande, Sterbehilfe, Gewissen, ärztliche Ethik, Sozialdarwinismus, Nazi-Analogie, Sorgfaltskriterien, Selbstbestimmungsrecht, Patientenverfügung, Lebenswert.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Medizin, Gewissen und gesetzlicher Euthanasieregelung im historischen Vergleich zwischen dem NS-Regime und der modernen niederländischen Praxis.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Ideengeschichte des Euthanasiegedankens, der rechtlichen und ethischen Entwicklung in den Niederlanden sowie der ärztlichen Gewissensbildung und -verantwortung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, auf Basis historischer und aktueller Analysen zu klären, inwiefern identische ethische und legislative Prämissen bei der Tötung von Menschen unter verschiedenen politischen Vorzeichen eine Rolle spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematische historische Analyse sowie eine ethische Bewertung anhand medizinischer und theologischer Literatur und aktueller gesetzlicher Grundlagen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der NS-Verbrechen, die Analyse der niederländischen Gesetzeslage ab 2000 und die Untersuchung der ärztlichen Gewissensentscheidungen im Zeitverlauf.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Euthanasie, NS-Staat, ärztliche Ethik, Selbstbestimmung, Sorgfaltskriterien, Dammbruchargument und die „Nazi-Analogie“.
Inwiefern spielt der christliche Glaube eine Rolle bei der Argumentation?
Die Arbeit betrachtet sowohl die kirchlichen Reaktionen während der NS-Zeit als auch die aktuelle Rolle der Kirchen als ethische Gegenstimmen in den Niederlanden.
Welche Bedeutung hat das „Dammbruchargument“ in diesem Dokument?
Das Dammbruchargument dient als kritischer Filter, um zu prüfen, ob die Zulassung von Sterbehilfe zwangsläufig zu einem Missbrauch oder einer Ausweitung der Euthanasiepraxis auf nicht-einwilligungsfähige Personen führt.
- Quote paper
- Christoph Heinzen (Author), 2003, Medizin und Gewissen - historische, systematische und aktuelle Perspektiven im Hinblick auf die Euthanasiegesetzgebung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18303