Das Motiv des Initiationsritus im russischen Märchen


Hausarbeit, 2011
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Ursprung des Märchens und seiner Motive
2.1 Märchenforschung
2.2 Das Motiv des Initiationsritus

3 Das Motiv des Initiationsritus im Märchen 7

4 Schlusswort

5 Anhang
5.1 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Symbolfigur des Geschenkebringers zu Weihnachten ist in vielen verschiedenen Ländern weltweit vertreten. Während man größtenteils den Weihnachtsmann (samt der landesüblichen Namensgebung) vorfindet, bringen in anderen Ländern die Heiligen Drei Könige, die Dreizehn Weihnachtszwerge oder der Nikolaus die Geschenke. Viele dieser Figuren haben ihren Ursprung in der vorchristlichen, auf jeden Fall aber der vorschriftlichen Zeit. Als ein Beispiel dafür ist ‚Väterchen Frost’ im russischen Weihnachtfest zu nennen, dessen Ursprünge auf die Personifikation des Winters zurückgehen. Als Waldgeist oder Waldgott bezeichnet, war er für Schnee, Kälte und Eis verantwortlich. Gesicherte Quellen lassen sich für diesen Volksglauben lediglich in Aufzeichnungen von mündlich überlieferten Bräuchen und Übertragungen in mündlich überlieferten Märchen finden. Ersteres beschreibt Dmitrij Zelenin in ‚Russische (Ostslavische) Volkskunde’. Darin heißt es, man lade „auch den Frost zur Kutja ein, wobei sie [die Feiernden] an die Wand klopfen, das Fenster öffnen und dazu sagen: […] (Frost! komm die Kutja essen, willst du es aber nicht, so komm gar nicht!).“[1] Neben der überlieferten Tradition zum Fest findet man die personifizierte Version des Frostes im russischen Märchen.[2] Darin übernimmt der Frost eine Rolle im Initiationsritus zweier junger Mädchen.

Diese Arbeit wird die Fragen klären, worum es sich bei einem Initiationsritus handelt, welche Rolle er in der Märchenforschung und insbesondere in den Urmotiven einiger Märchen spielt und inwieweit die Figur des späteren ‚Väterchen Frost’ darin involviert ist. Dabei arbeite ich exemplarischen an drei Versionen der gleichen Geschichte: ‚Der Frostmann’, ‚Junker Frost’ und ‚Der gestrenge Frost’.

2 Der Ursprung des Märchens und seiner Motive

Unter Märchen versteht man eine „phantastische, realitätsüberhobene, variable Erzählung, deren Stoff aus mündlicher volkstümlicher Tradition stammt“[3] und deren Handlungskern, also Handlungsfolge, Motive und Figurenkonstellation, selbst bei variablen Erzählungen ein und desgleichen Märchens identisch bleiben. In der Regel verwendet die Forschung für Märchen mit magischen Elementen, also übernatürlichen Figuren, Hexerei u. ä. den Begriff des Zaubermärchens[4]. Gekennzeichnet sind diese Erzählungen durch Raum- und Zeitlosigkeit, das Auftreten von Fabelwesen, Einschichtigkeit (die Zentrierung liegt auf dem Helden oder Antihelden), einen stereotypen Schluss, in dem das Gute gewinnt und das Böse verliert, sowie Symbolzahlen, meistens die Drei oder Sieben.[5]

2.1 Märchenforschung

„Bei der Zusammenstellung des Märchenbuches sah ich meine Aufgabe darin, die ganze Frische und Ursprünglichkeit der Volkserzählung beizubehalten. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitete ich folgendermaßen: aus den zahlreichen Varianten eines Volksmärchens wählte ich die interessanteste. Diese Erzählung bereicherte ich aus den übrigen Spielarten mit besonders treffenden Sprachwendungen und inhaltlichen Einzelheiten. Selbst verständlich mußte ich bei dieser Arbeitsweise manches selbst hinzufügen, einiges verändern und verschiedenes Fehlende ergänzen.“[6]

Das Vorwort des von A.N. Tolstoj bearbeiteten Märchenbandes führt jenes Problem vor Augen, das einer Ursprungsuntersuchung von Märchen und Märchenmotiven zugrunde liegt: die stetige Veränderung des Textes. Ursprüngliche Varianten gehen verloren oder in der Fülle von verschiedenen Textversionen unter. Wie also lässt sich aus solch einer Vielzahl an Erzählungen das eigentliche Motiv herausfiltern, das den Ursprung der Geschichte bildet? Ist es überhaupt möglich eine einzige nachweisbare Urquelle zu finden?

Almut-Barbara Renger ist der Meinung, dass Märchen nicht an einem bestimmten und einzigen Ort entstanden, sondern sich parallel zueinander bildeten und entwickelten. Gemeinsame Motive seien auf gemeinsame Glaubensvorstellungen zurückzuführen.[7] Das würde bedeuten, dass sich Märchen mit gleicher Handlungsstruktur – beispielsweise das Wegschicken der Kinder, das daraus resultierende Abenteuer der Verstoßenen und die Rückkehr zum Elternhaus[8] - an völlig unterschiedlichen Orten unabhängig voneinander entwickelten und es keine gemeinsame Urquelle von Märchen gibt. Dem widerspricht die Auffassung Isidor Levins jedoch. Er sagt:

„Eine mehrmalige Entstehung eines bestimmten Märchens, aus was für Gründen immer, wirtschaftlichen oder psychologischen, ist trotz eifrigen Bemühens nicht nachgewiesen worden. Jedes Märchen hat seinen Entstehungsort und eine Bestimmte Entstehungszeit, die man freilich aufgrund vorhandener Zeugnisse nicht immer eindeutig ermitteln kann.“[9]

Levins Standpunkt erscheint mir plausibel, da man gerade in Bezug auf den im folgenden Kapitel beleuchteten Initiationsritus nicht davon ausgehen kann, dass er in so vielen unterschiedlichen Religionen bzw. Glaubensvorstellungen in eben dergleichen Form zu finden war. Eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage eines gemeinsamen Ursprungs lässt sich aufgrund der fehlenden Quellen bisher jedoch nicht finden. Halten wir also fest, dass ein genauer Ort oder die genaue Zeit der Entstehung im Dunkeln bleibt. Damit kann man die Frage nach einer Urquelle eines Märchens unter dem heutigen Wissenstand nur verneinen. Anders jedoch sieht es bei einem gemeinsamen Motiv aus, das als Ursprung eines bestimmten Märchens gilt.

Vladimir Propp fasst in seinem Werk „Die historischen Wurzeln der Zaubermärchen“ Motive zusammen und verbindet sie mit den im frühen Russland vorzufindenden Riten und religiösen Motivierungen.

„Wenn verschiedenartige Figuren oder Vorgänge gleiche Wirkungen, also innerhalb der Erzählung die gleiche Funktion haben, spricht Propp von Transformation. Befehl, Bitte (etwas zu holen), Auftrag, Verstoßung sind nur Variationen, Transformationen des Grundelements Aussendung. Der Ausdruck ‚Transformation’ suggeriert, daß eine bestimmte Form als ursprünglich anzusehen sei […].“[10]

Er hält das Grundelement der Aussendung also für die Wurzel von verschiedenen in Märchen aufzeigbaren Handlungen.

2.2 Das Motiv des Initiationsritus

Der Ritus[11] ist nach Propp „unmittelbar aus den ökonomischen Notwendigkeiten und den Naturanschauungen der Vorzeit hervorgegangen“[12] und spiegelt sich in den Erzählungen der Märchen wieder. Dabei differenziert er in drei verschiedene Arten der Übertragung.

Als erstes ist die „direkte Entsprechung zwischen Märchen und Ritus“[13] zu nennen. Gemeint ist hier die genaue Übereinstimmung des Ritus mit der späteren Form im Schriftwerk. Er betont jedoch, dass es kaum nachweisbare Varianten gibt. Weitaus häufiger ließe sich hingegen „die Uminterpretation des Ritus im Märchen“[14] finden. Durch das historische Verändern oder Überflüssig-Werden eines Ritus erfolgt eine Veränderung der Erzählung, die somit verständlicher für den Leser oder Hörer wirkt. „So geht die Uminterpretation gewöhnlich mit einer Deformation, einem Formwandel, einher.“[15] Die dritte von Propp beschriebene Form ist „die Umwertung des Ritus“[16]. Er sieht diese Form als einen Sonderfall der Uminterpretation, in dem im Märchen die entgegengesetzte Form des Ursprungsritus verwendet wird. Als Beispiel nennt er die Opferung von Jungfrauen, deren Rettung in früherer Zeit eine große Sünde war, die oftmals den Tod nach sich zog. Im Märchen wiederum wird der Held, der das Mädchen rettet, stets belohnt.

Wenn Propp also sagt, „daß der Zyklus der Initiation die älteste Grundlage des Märchens ist“[17] ordnet er die Märchen mit entsprechenden Handlungssträngen in seine zweite Kategorisierung, der Uminterpretation, ein. Um dies zu begründen, ist eine kurze Klärung des Initiationsritus notwendig.

Initiationsriten können aus vielerlei Gründen durchgeführt werden: die Übergangsphase von der Kindheit zur Adoleszenz, das Eintreten in bestimmte Gruppen oder Geheimbünde, Taufe, Konfirmation oder Firmung und viele mehr. Den eigentlichen Ursprung, also grob gesagt den Urritus der Initiation festzulegen, ist aufgrund der unvollständigen Quellenlage nicht möglich, allerdings lässt sich der grobe Aufbau eines solchen Ritus rekonstruieren. „Van Gennep unterteilt Übergangsriten in drei Phasen: 1. die Separation (Trennung), 2. die Transition (Schwelle, Umwandlung) mit Isolation und 3. die Inkorporation (Eingliederung) in die Gesellschaft.“[18] Da man in Märchen, unabhängig von Verbreitungsorten und Verbreitungsländern, zumeist diese Formen des Initiationsritus mit Figuren im Kindes- oder Jugendalter vorfindet, werde ich in dieser Arbeit bei Verwendung des Begriffes Initiationsritus von Pubertätszeremonien ausgehen. Kinder oder Jugendliche – Arnold van Gennep macht darauf aufmerksam, dass das genaue Alter der Initianten bei einem Initiationsritus nicht genau festzulegen sei[19] - werden fortgeschickt oder gehen freiwillig an den Ort, an dem der Ritus vollzogen wird, müssen eine oder mehrere Aufgaben bestehen und können dann in die Gemeinschaft zurückkehren. Bei Pubertätsriten erfolgt eine ‚Wandlung’ vom Kind zum Erwachsenen.

Wenn die Initianten, oder im Falle des Märchens die Kinder, weggeführt wurden, so stets vom Vater oder einem anderen männlichen Verwandten, niemals von der Mutter. Frauen durften den Ort des Ritus nicht betreten.[20] Auch sei zu beachten, dass „der Ritus der Initiation […] immer nur im Walde vollzogen [wurde]. Das ist ein beständiger, unveränderter Zug dieses Ritus in aller Welt. Wo es keinen Wald gibt, führte man die Kinder zum Beispiel in ein Dickicht.“[21]

Die wesentliche Veränderung des ursprünglichen Initiationsritus und den Abenteuern der Kinder im Märchen liegt in der Art und Weise des Aussendens. Zumeist werden die Initianten in den Geschichten aufgrund von Feindschaft in der eigenen Familie fort geschickt.

„Das ist die Feindschaft, die auftritt, wenn eine neue Person (der Träger der Feindschaft) in die Familie eintritt: das sind zweite Frauen der Männer in den Fällen, in denen Kinder aus erster Ehe da sind. So taucht im Märchen die Stiefmutter auf […]. Sie ist auch der Hauptinitiator für die Verstoßung der Kinder in den Wald […].“[22]

In Märchen ist das Fortschicken oder Wegführen der Initianten stets etwas Unrechtes und Grausames. Die Rückkehr hingegen gestaltet sich bei erfolgreichem Bestehen der Prüfung immer als freudig und für die Kinder als geistige und materielle Bereicherung.

[...]


[1] Zelenin 1927, S. 375.

[2] Als russisches Märchen verstehe ich Märchen, die ursprünglich in russischer Sprache entstanden, bzw. ursprünglich in russischer Sprache verschriftlicht wurden.

[3] Metzler Literatur Lexikon 1990, S. 292.

[4] Vgl. Metzler Literatur Lexikon 1990, S. 292.

[5] Vgl. Metzler Literatur Lexikon 1990, S. 292.

[6] Tolstoj 1949, S. 6.

[7] Vgl. Renger 2006, S. 16.

[8] Dieser Handlungsstrang findet sich beispielsweise in den Märchen ‚Hänsel und Gretel’, ‚Schneewittchen’ und dem in Kapitel 3 betrachteten Variationen von ‚Väterchen Frost’.

[9] Levin 1993, S. 214.

[10] Lüthi 1992, S. 116.

[11] Also das im Märchen zu findende religiös motivierte Handeln.

[12] Gehrts 1990, S. 35.

[13] Propp 1987, S. 21.

[14] Propp 1987, S. 22.

[15] Propp 1987, S. 22.

[16] Propp 1987, S. 23.

[17] Propp 1987, S. 452.

[18] Herzánová 2008, S. 138.

[19] Vgl. Gennep 1999, S. 70ff.

[20] Vgl. Propp 1987, S. 98. Propp fügt außerdem an, dass das Betreten des Ritus-Ortes von Frauen mit dem Tode bestraft wurde.

[21] Propp 1987, S. 65.

[22] Propp 1887, S. 100.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Motiv des Initiationsritus im russischen Märchen
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Slawistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V183120
ISBN (eBook)
9783656073352
ISBN (Buch)
9783656073116
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Junker Frost;, Väterchen Frost, Märchen, Initiation, Initioationsritus, Russland, Russische Märchen, Julia Steinborn
Arbeit zitieren
Julia Steinborn (Autor), 2011, Das Motiv des Initiationsritus im russischen Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183120

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