Stellenwert, Funktion und Inhalte der platonischen Akademie - eine Analyse


Hausarbeit, 2002
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Funktion der platonischen Akademie
2.1 Das Höhlengleichnis
2.2 Die philosophische Bildung
2.3 Die Akademie in der philosophischen Bildung

3. Die Inhalte der platonischen Akademie
3.1 Die Ideenlehre Platons
3.2 Der Unterricht an der Akademie

4. Der Stellenwert der platonischen Akademie

5. Zusammenfassung

6. Literatur- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Platon ( 427 – 347 v. Chr.) gründete im Jahr 387 v. Chr. eine Schule, später bekannt unter dem Namen „platonische Akademie“, mitunter auch als „Schule von Athen“ bezeichnet. Ihren Namen verdankt sie einem Gartengrundstück vor den Toren Athens, das dem Helden Akademos gewidmet war.[1] In ihrer fast tausendjährigen Geschichte bis zu ihrer Schließung vereinte sie verschiedenste Geistesströmungen und gilt heute als „Urform aller Akademien und Hochschulen“, die maßgeblich dazu beigetragen hat, die „abendländische Wissenschaft und Philosophie“ zu schaffen und „den von den Sophisten stammenden Gedanken einer höheren Bildung“[2] zu verwirklichen. Doch all das war schwerlich von Platon vorauszusehen, die Frage stellt sich vielmehr, wozu war die Akademie von Platon gedacht? Welchen Stellenwert sollte die Akademie nach Platon einnehmen – in seinem idealen Staat, den er in seinem großen Werk „Politeia“ schuf – und welchen Stellenwert hatte sie tatsächlich im Athen des 4. Jhdt. v. Chr.? Im ersten Abschnitt dieser Hausarbeit möchte ich auf die Funktion der platonischen Akademie hinweisen. Dazu ist ein kurzer Überblick über das platonische Bildungsideal und den Weg zur philosophischen Bildung notwendig, den Platon im siebten Buch seines Werkes „Politeia“ erläutert. Im nächsten Abschnitt soll der Inhalt der platonischen Akademie dargestellt werden, welche Fächer der Philosoph für seine Schule vorsah. Auf den Stellenwert der platonischen Akademie möchte ich im letzten Abschnitt dieser Hausarbeit eingehen und erklären, welche Auswirkungen ihr Bestehen und Wirken auf die Geisteslandschaft Athens im vierten vorchristlichen Jahrhundert hatte.

Es gibt bislang eine Unterscheidung von drei Richtungen unter den vorchristlichen Platonikern, nämlich die ältere, mittlere und die neuere Akademie. Hauptuntersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit soll jedoch die ältere Akademie (387 – 268 v. Chr.) sein[3], und hier insbesondere die Akademie zu Lebzeiten ihres Gründers, Platon.

2. Die Funktion der platonischen Akademie

Platon ist unbestreitbar ein großer Denker und Philosoph. Sein Wirken beschränkt sich jedoch nicht auf den geistigen Bereich, seine Werke zielen vielmehr auf eine radikale Reform des maroden athenischen Staates. „Sowohl den Individualismus wie auch die Demokratie (...) hält er für verderblich“.[4] Und wenn Platon auch in den meisten seiner Werke den großen Denker Sokrates, den er über alles verehrt, seine Gedanken formulieren lässt, nimmt er später in seinem siebten Brief konkret Stellung zu dem reformbedürftigen Staat: „Schließlich jedoch erkannte ich, dass alle Völker heute, alle insgesamt, schlecht regiert sind. Denn der Zustand ihrer Gesetze ist ohne eine Glücks- und Wunderkur schier heillos. Und ich sah mich zu dem Bekenntnis, zum Ruhme der rechten Philosophie, gezwungen, dass nur von ihr aus die gerechte Ordnung des öffentlichen und des gesamten privaten Lebens einsichtig wird.“[5] Dieser Brief ist vermutlich 355 v.Chr. verfasst worden und richtet sich an die Verwandten und Freunde des ermordeten Dion. Platon versuchte mit diese, den Herrscher von Syrakus in Sizilien zu der Schaffung eines gerechten Staates in Syrakus zu animieren. Unglücklicherweise scheitert dieser Versuch, und Dion wird von seinen Nächsten ermordet.[6]

Platon sieht also, und später am Beispiel Dions wird es ihm noch einmal eindrucksvoll gezeigt, den Bedarf nach einem neuen, gerechten Staat. Und dieser Staat muss für ihn unter der Führung eines Philosophen stehen, wie er Sokrates gegenüber dem Bruder Platons, Glaukon, im siebten Buch seines Werkes „Politeia“ ausführen lässt.[7] Mit Hilfe seines berühmten Höhlengleichnisses stellt er die verschiedenen Ebenen geistiger Erkenntnis dar, um danach zu erläutern, wie er diese Ebenen durch die philosophische Bildung erreichen will.

2.1 Das Höhlengleichnis

Das Höhlengleichnis ist in der Literatur bereits oft und aus allen erdenklichen Blickwinkeln erschöpfend behandelt worden. Daher soll an dieser Stelle nur noch kurz das Gleichnis erläutert werden, um für die nachfolgenden Kapitel eine bessere Orientierung zu ermöglichen.

Bildung und Unbildung ist mit einer unterirdischen Höhle zu vergleichen, in der Menschen von Kind auf gefesselt auf eine Wand starren. Hinter den Gefesselten brennt ein Feuer, vor dem Menschen die Statuen von allerlei Dingen herumtragen, um Schatten an die Wand vor den Gefangenen zu werfen, wobei sie die Namen dieser Dinge nennen. Die Gefangenen nehmen somit nur die Schatten der Statuen als real wahr. Bildung ist nun die Loslösung von den Fesseln und die Hinwendung zum Feuer. Durch die jahrelange Fesselung und die Finsternis in der Höhle wird dieser Vorgang allerdings mit Schmerzen verbunden sein. Noch schmerzvoller und unwirtlicher wird allerdings der Aufstieg aus der Höhle an die Erdoberfläche sein, und da es hier noch viel heller als vor dem Feuer ist und die wirklichen Gegenstände nur wenig Ähnlichkeit mit den Schatten der Statuen haben, wird sich der Befreite mit dem Erkennen schwer tun und sich vielmehr wieder zurück in die Höhle sehnen. Und um sich nicht die Augen zu verbrennen, wird der Befreite sich erst die Schatten der wirklichen Gegenstände, also die Nachbilder, auf dem Boden anschauen, dann die Gegenstände oder Abbilder selbst, und zum Schluss, wenn sich die Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, zur Sonne, dem Urbild oder der Idee, blicken. Steigt nun der Befreite nach dieser Erkenntnis wieder hinunter in die Höhle, wird er durch die Finsternis zuerst nichts erkennen, und will er die Gefesselten dort gegen ihren Willen zum mühsamen und schmerzhaften Aufstieg aus der Höhle zwingen, riskiert er vermutlich wohl sein Leben.[8]

2.2 Die philosophische Bildung

Anhand dieses Gleichnisses erläutert Platon im Anschluss, wie er sich die Bildung eines gerechten Staates durch Ausbildung von Philosophen als Herrscher, vorstellt. „Die Grundvoraussetzung des wahren Staats ist daher die unbedingte Herrschaft der Philosophen: ‚wenn nicht die Philosophen Herrscher werden oder die Herrscher aufrichtig und gründlich Philosophie treiben, wenn nicht die Macht im Staat und die Philosophie in Einer Hand liegen, gibt es kein Ende ihrer Leiden für die Staaten und für die Menschheit.’“[9]

Bei der Erziehung der künftigen Herrscher wird bereits im jüngsten Kindesalter eine Auswahl getroffen, die eine Entscheidung über die Erziehungswürdigkeit fällt. Fortan durchlaufen alle Kinder von ihren Eltern getrennt[10] die Archaia Paideia, während der sie bis zum zehnten Lebensjahr zum Zwecke einer vorläufigen Begabteneinstufung beobachtet und gymnastisch erzogen werden. Außerdem findet hier bereits eine musische Ausbildung statt. Danach folgt bis ins 17. Lebensjahr hinein die Erziehung und Ausbildung in den klassischen Fächern. „Das Rechnen also und die Geometrie und alles, was als Vorbildung der Dialektik vorangehen muss, sollte man ihnen im Knabenalter vorlegen und dabei dem Unterricht eine Form geben, die das Lernen nicht gleichsam zu einem Zwang macht.“[11]

Zur Vorbildung der Dialektik in dieser Phase kommt noch die Astronomie hinzu.[12] Im Anschluss an diese folgt nun die kriegerische Ausbildung etwa vom achtzehnten bis zum zwanzigsten Lebensjahr. Während dieser körperlichen Anstrengungen sollte man „...die Knaben, als Zuschauer zu Pferde, auch mit in den Krieg nehmen, und wenn es nicht gefährlich ist, solle man sie nahe hinzubringen und sie Blut kosten lassen wie die jungen Hunde.“[13] Wenn nun die Ausbildung der Knaben und Mädchen abgeschlossen ist, findet eine zweite Auslese statt. Diejenigen, die sich sowohl bei der körperlichen als auch der geistigen Ausbildung hervorgetan haben, werden weiter zu Regenten ausgebildet,und, um am Höhlengleichnis zu bleiben, aus der Höhle hinaufgeführt. Diejenigen, die nicht weiter ausgebildet werden, sollen entweder als Krieger und Wächter oder als Händler und Handwerker ihre Pflichten erfüllen. In der philosophischen Ausbildung folgt nun die Propaideia. Eine weitere Erziehung des Geistes, wobei „die unzusammenhängenden Lehrfächer, die ihnen im Knabenalter bei ihrer Erziehung beigebracht wurden, die sollen für sie nun in Zusammenhang gebracht werden, damit sie die Verwandtschaft überblicken,...“[14] Nach Ablauf dieser zehnjährigen Ausbildung, die Schüler sind mittlerweile dreißig, werden noch einmal die Besten und Ausdauerndsten ausgewählt, um in einer fünfjährigen Ausbildung zu Philosophen erzogen zu werden und – am Gleichnis – die Urbilder, also die Ideen der Gegenstände und Dinge an der Erdoberfläche, anzuschauen. Dies erfordert eine umfangreiche Ausbildung in der Dialektik und Natürlich in der Philosophie. Damit ist der Weg der philosophischen Bildung mit dem fünfunddreißigsten Lebensjahr abgeschlossen, und nun sollen die ausgebildeten Herrscher wieder zurück in die Höhle steigen, um „...die Führung im Krieg und andere leitende Posten zu übernehmen...“[15] und Erfahrungen in Krieg und Politik zu sammeln. Für diese Lehrzeit rechnet Platon etwa fünfzehn Jahre, in denen die späteren Regenten noch einmal scharf geprüft werden, ob sie denn ihrer Ausbildung folgen oder versagen. Haben sich die Schüler nun in allen Bereichen bewährt, ihre Tugenden im täglichen Leben, im Krieg wie auch in der Wissenschaft, unter Beweis gestellt, ist auch dieser Abschnitt der philosophischen Bildung, die Paideia, beendet. Jetzt ist es an der Zeit, die mittlerweile fünfzigjährigen Bürger dazu zu bringen, aufzuschauen und das Gute selbst anzuschauen, im Gleichnis die Sonne, Symbol für alles Gute. Und in den darauffolgenden Jahren sollen die Philosophenherrscher nun abwechselnd Philosophieren und Regieren, wenn es erforderlich ist. Darüber hinaus kommt ihnen noch die Aufgabe zu, Nachwuchs auszubilden, denn die Erziehung nimmt für ihn einen so hohen Stellenwert ein, dass sie unter der Aufsicht der höchsten Ämter stehen muss.[16] Über den weiteren Weg der Philosophenherrscher lässt sich Platon nicht so genau aus, er redet lediglich von einer Insel der Seligen, wohin die Regenten dann irgendwann gehen können. Bemerkenswerterweise soll die hier geschilderte Ausbildung nicht allein den Männern vorbehalten sein, auch Frauen soll die Laufbahn der Regenten zugänglich sein.[17] Platon räumt ihnen damit bereits viele Freiheiten ein, die sie in späteren Jahrhunderten wieder verlieren und neu erkämpfen müssen.

[...]


[1] Vgl. VRETTOS, J.: Lehrer-Schüler-Interaktion bei Platon. Frankfurt a. M. 1985, S. 37.

[2] REBLE, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart 1999, S. 32f.

[3] Vgl. VORLÄNDER, K.: Geschichte der Philosophie. Reinbek bei Hamburg 1990, S. 93.

[4] REBLE 1999, S. 37.

[5] PLATON: Die Briefe. Stuttgart 1954, S. 38.

[6] Ironischerweise war Kalippos, ein enger Vertrauter, der den Dion ermorden ließ, ein Schüler der

platonischen Akademie. Vgl. Platon 1954, S. 34.

[7] Vgl. PLATON: Der Weg zur philosophischen Bildung. Zürich 1962, S. 24ff.

[8] Vgl. PLATON 1962, S. 16ff.

[9] PLATON: Politeia 293 C in: ZELLER, E.: Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen

Entwicklung II/1. Hildesheim, Zürich, New York 1990, S. 897f.

[10] Vgl. PLATON 1962, S. 59.

[11] Ebd., S. 52.

[12] Vgl. ebd., S. 39.

[13] Ebd., S. 52.

[14] Ebd., S. 53.

[15] Ebd., S. 57.

[16] Vgl. KAPP, A.: Platons Erziehungslehre als Pädagogik für die Einzelnen und als Staatspädagogik.

Minden und Leipzig 1833, S. 17.

[17] Vgl. PLATON 1962, S. 57f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Stellenwert, Funktion und Inhalte der platonischen Akademie - eine Analyse
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Allgemeine Pädagogik unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Erziehung und der Erziehungswissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V18313
ISBN (eBook)
9783638226851
Dateigröße
1018 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stellenwert, Funktion, Inhalte, Akademie, Analyse, Allgemeine, Pädagogik, Berücksichtigung, Geschichte, Erziehung, Erziehungswissenschaft
Arbeit zitieren
Dirk Mindermann (Autor), 2002, Stellenwert, Funktion und Inhalte der platonischen Akademie - eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18313

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