Zu "Ein Brief über Toleranz" von John Locke


Essay, 2006

11 Seiten, Note: 1,3

Nicole Lenz (Autor)


Leseprobe

Ich habe den Text "Ein Brief über Toleranz" von John Locke für meine Hausarbeit zum Proseminar "Toleranz" ausgewählt. John Locke war einer der großen englischen Philosophen des 17.Jhd. Er gilt als einer der Hauptvertreter des englischen Empirismus und bildet mit George Berkeley und Dave Hume das große Dreigestirn der englischen Aufklärung. Er hatte mit seiner politischen Philosophie einen großen Einfluss auf die Staats- und Gesellschaftstheorie. Er hat sogar mit seinen Gedanken die Unabhängigkeitserklärung der USA, deren Verfassung sowie die Verfassung von Frankreich beeinflusst.

Locke verfasste vier "Briefe über die Toleranz". Im Folgenden werde ich mich mit dem einem Auszug aus dem Text bzw. aus dem zweiten Brief von 1689 beschäftigen.

In seinem Text „Ein Brief über Toleranz“ geht Locke auf das Verhältnis zwischen Staat und Religion ein. Er ist der Meinung, dass der Staat sich aus den Glaubensangelegen-heiten der Bürger heraushalten müsse und die Kirche andere Glaubensrichtungen dulden müsse.

John Locke untermauert seine Thesen dabei im Wesentlichen mit religiös-christlichen und philosophischen Argumenten.

Das religiöse Argument bezieht sich auf die Bibel, in der nicht geschrieben steht, dass Menschen durch Gewalt zu einem Religionswechsel gezwungen werden dürfen. Auch gibt sie weder dem Staat noch der kirchlichen Obrigkeit die Befugnis dazu.

Philosophisch erläutert Locke die Funktionen des Staates. Seine These lautet, dass die Regierung nur existiere um das Eigentum, die Rechte, die Unversehrtheit und das Leben des einzelnen Bürgers zu schützen. Und der Staat würde seine Kompetenzen eindeutig überschreiten, wenn er sich auch noch um das „Seelenheil“ des Bürgers kümmern würde.

Dazu ist er nicht in der Lage, da es beim Glauben auf die innere Überzeugung ankäme, die niemals mit Gewalt erzwungen werden könne. Natürlich zwinge man so die Bürger dazu, den Glauben rein äußerlich anzunehmen, doch wäre es nur Heuchelei und würde nicht nichts bringen. Selbst, wenn die Regierung in der Lage wäre, die innere Überzeugung der Bürger zu ändern, so wäre es nicht sicher, ob die Regierung auch den richtigen Glauben vertritt, denn genau wie die Bürger könne es sein, dass sie eine falsche Religion vertritt.

Jedoch ist Locke auch der Meinung, dass man Atheisten nicht dulden bzw. tolerieren dürfe. Er sieht den Glauben an Gott als notwendig. Denn ohne diesen Glauben müssten sie sich nicht an moralische Grundwerte halten. Daher seien die Atheisten in seinen Augen eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben.

Dies sind also die Thesen und Argumente von Locke. Auf den folgenden Seiten werde ich nun jede einzelne These mit ihren Argumenten separat betrachten und meine Meinung zu ihnen äußern, die ich selbstverständlich auch begründen werde.

Locke spricht sich für eine Toleranzpflicht der Kirche gegenüber anders Gläubigen aus. Jedoch nicht gegenüber Atheisten.

Locke spricht von der christlichen Kirche. Die Kirche vertritt den christlichen Glauben, der sich auf die Bibel beruft. Locke meint, dass das Fundament der Kirche die Duldung sei und in der Bibel nicht erwähnt werde, andere vom Christentum durch Gewalt zu überzeugen. Dieses Argument ist nicht sehr gut gewählt, denn schon seit Jahrhunderten wird die Bibel immer wieder neu interpretiert. Es gibt Stellen in der Bibel, die durchaus die Möglichkeit einer Interpretation geben, eine Bekehrung durch Gewalt sei legitimiert. Die Kreuzzüge, um mal ein geschichtliches Beispiel zu nennen, liegen einer solchen Interpretation zugrunde.

Ich würde mich einzig auf den Gründer des Christentums stützen, nicht auf die gesamte Bibel. Jesus Verhalten zeugte von Duldung und Nachsicht. Nach seinem Verhalten und seinen Ansichten zu urteilen ist die Kirche tatsächlich zu Toleranz verpflichtet.

Doch anscheinend nicht gegenüber den Atheisten, da man ihnen nicht trauen könne.

Grund sei, dass alle Gläubigen als Gewissen ihre Religion hätten. Der Glaube wäre somit eine Absicherung für alle anderen, dass sie toleriert werden würden bzw. moralisches Handeln von anderen erwarten könnten. Da die Atheisten an nichts glauben würden, müssten sich nicht vor einem Gott für ihre Taten rechtfertigen bzw. müssten Angst haben, für ihre Taten bestraft zu werden. Und gerade deswegen müssen sie auch andere nicht tolerieren.

Hier hört die Toleranzgrenze von Locke anscheinend auf. Sein Toleranzkonzept baut einzig auf den Glauben auf. Dies finde ich, ist ein sehr wackliges Fundament. Denn laut seiner Argumentation würde das moralische Empfinden, sprich das eigene Gewissen, alleine vom Glauben an Gott abhängen. Jedoch verliert dieses Argument seine Glaubwürdigkeit, wenn man einen Atheisten nach seinen moralischen Empfinden befragt, denn dieser kann eins haben obwohl er nicht an Gott glaubt. Natürlich gibt es auch Atheisten, die anscheinend kein Gewissen haben, doch genauso gibt es auch Gläubige, die für sein Verständnis auch anscheinend kein Gewissen haben. Die Frage ist doch, was versteht Locke unter Gewissenbzw. unter moralischem Empfinden? Ich denke, dass jeder ein moralisches Empfinden hat, jedoch kommt es immer auf die Sichtweise an.

Nehmen wir z.B. einen Dieb, der andere bestiehlt um seine Familie zu ernähren. Dies ist allgemein betrachtet gegen die Moral, denn man nimmt keinem seinen Besitz weg. Doch wäre es auch gegen die Moral, die eigene Familie verhungern zu lassen, wenn man irgendwie die Möglichkeit hat, es zu verhindern. Und zudem wäre der Sachverhalt noch einmal anders, wenn der Dieb nur Reiche bestehlen würde, die von seinem Diebstahl keinen Schaden davontragen würden. Dafür wäre Robin Hood ein gutes Beispiel.

Der Diebstahl an sich ist verwerflich, doch die Gründe dafür sind moralisch vertretbar. Zudem sind Menschen manchmal auch gezwungen gegen ihr Gewissen bzw. ihr moralisches Empfinden zu handeln, und da spielt es keine Rolle, ob man an Gott glaub oder nicht. Der Dieb könnte ein Gläubiger sein, aber auch ein Atheist.

Was für ein moralisches Empfinden man besitzt liegt meiner Meinung nach nicht am Glauben alleine, sondern hauptsächlich an der Erziehung, am Umfeld und an den Genen. Diese Faktoren beeinflussen den Menschen. Das ein Mensch somit gar kein moralisches Empfinden besitzt ist unmöglich. Er müsste sonst von allen sozialen Kontakten getrennt aufwachsen und in seinen Genen müsste ein Defekt auftreten. Doch damit wäre er nicht lebensfähig.

Ein Gewissen ist nichts anderes als gutes und schlechtes unterscheiden zu können. Wenn ein Mensch ein Tier tötet um überleben zu können, so kann es sein, dass er ein schlechtes Gewissen hat, weil der dem Tier Schaden zugefügt hat, oder er hat kein schlechtes Gewissen, denn er tat es um überleben zu können.

Da Tiere zu essen ein menschlicher Trieb und zum Überleben auch nötig ist, kann gar nicht anders handeln. Und wenn er nicht anders handeln kann, kann er auch nicht die Verantwortung dafür tragen. Warum solle er also deswegen ein schlechtes Gewissen haben? Damit handelt er in der Überzeugung, etwas Richtiges zu tun, auch wenn es eigennutz ist. Und somit unterscheidet er richtig und falsch.

Der Glaube spielt also keine große Rolle, wenn es um die Sicherung von moralischen Empfinden geht. Demnach sehe ich keinen Grund, warum man Atheisten nicht dulden dürfe. Es wäre eher diskriminierend, wenn man Atheisten aufgrund ihres „Nicht-Glaubens“ nicht dulden würde und widerspricht dem Fundament der Toleranz. Denn die Toleranz hört erst auf, wenn jemand durch den Glauben oder Nichtglauben Schaden erleidet.

Wo wir bereits bei der nächsten These wären.

Die Kirche ist zwar zur Duldung anderer Glaubensrichtungen verpflichtet, jedoch nur außerhalb ihrer eigenen Mauern. Sollte sich jemand in seiner eigenen Gemeinde gegen seine Gemeinde aussprechen, so darf die Kirche ihn aus ihrer Gemeinde aussperren. Hier stößt die Toleranz an eine Grenze, die jedoch nötig ist. Denn dieser "Abtrünnige" würde die Ordnung der Kirche durcheinander bringen und sie somit in ihrer Existenz gefährden. Laut Locke solle er dann auch keinen Anspruch mehr auf die Teilnahme an den Ritualen seiner ehemaligen Kirche haben.

Dies erscheint mir sehr logisch. Die Toleranz hört bei Schädigungen auf. Der Abtrünnige würde der Gemeinde Schaden zufügen, also ist die Kirche sogar verpflichtet ihn nicht zu dulden. Würde man alles bzw. Schaden bringende Handlungen dulden, so würde die Welt wohl im Chaos bzw. im Leid versinken. Doch denke ich ist in diesem Fall wieder die Perspektive zu betrachten bzw. die Größe des Schadens.

Wenn er Unruhe schafft ist sein Ausschluss verständlich, schließlich würde er selbst durch einen verbalen Angriff zeigen, dass er die Kirche nicht mehr duldet. Und jemanden zu tolerieren, der einen selber nicht toleriert wäre absolut falsch. Wie erwähnt, die Welt wäre schon ein einziges Chaos. Jedoch denke ich, dass ein Abtrünniger freiwillig die Kirche verlassen würde, denn warum sollte er weiterhin Mitglied sein, wenn sie nicht mehr seine Überzeugung vertritt? Doch was wäre, wenn dieser Abtrünnige die Kirche toleriert und ihr keinen Schaden zufügt, obwohl er nicht mehr ihre Überzeugung teilt? Darf die Kirche dann tatsächlich so intolerant sein und ihn ausschließen?

Ich denke nicht. Heutzutage kann man schließlich auch an den Ritualen der Kirchen teilnehmen ohne Mitglied in ihrer Gemeinde zu sein bzw. auch wenn man Anhänger einer anderen Glaubensrichtung ist oder auch wenn man ein ehemaliges Mitglied ist. Und die Kirche erleidet dadurch keinen Schaden. Es wäre sogar noch eher für sie eine Chance Mitglieder zu werben oder ein „verlorenes Schaf“ wieder zurück zu gewinnen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Zu "Ein Brief über Toleranz" von John Locke
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V183136
ISBN (eBook)
9783656072126
ISBN (Buch)
9783656072461
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
brief, toleranz, john, locke
Arbeit zitieren
Nicole Lenz (Autor), 2006, Zu "Ein Brief über Toleranz" von John Locke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183136

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