Komik und das Komische in der Lyrik Ernst Jandls während der 50er und 60er Jahre


Bachelorarbeit, 2011

38 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 him hanfang war das wort: Einleitung

2 tohuwabohu: Methoden das Komische zu erforschen
2.1 toobaba: Ein theoretischer Überblick
2.2 tohuwaababa: Jandl mit und über Komik

3 wo bleibb da: Formen der Komik am Beispiel
3.1 hummoooa: Ironie, Satire, Zynismus und das Naive
3.1.1 famalaleikum (1958)
3.1.2 wien : heldenplatz (1962)
3.2 hummmoooooa: Sinn, Unsinn, Assoziation, obszöner Witz
3.2.1 fünfter sein (1968)
3.2.2 loch (1964)

4 luslustigtig: Verflechtung des Komischen in Jandls Sprache
4.1 kuns t: Formebene
4.2 vünv vrösche: Wortschöpfung und Grammatik
4.3 lieber : tee: Semantik

5 krims krams: Rezeption des Komischen

6 ssso: Fazit

7. Bibliografie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Internet

1 him hanfang war das wort: Einleitung

lichtung manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. welch ein illtum! (Ernst Jandl, Laut und Luise 1966)[1]

Seine Gedichte wurden vertont und einige Verse blieben als geflügelte Worte in den Köpfen des literaturinteressierten Publikums: „lechts und rinks/ kann man nicht / velwechsern“.[2]

Der aus Wien stammende Dichter Ernst Jandl (1925 - 2000) ist bekannt für ein experimentelles Spiel mit Form und Sprache, womit er das Publikum überraschte und sowohl vom Schweigen zum Lachen als auch vom Lachen zum Schweigen brachte. Besonders wuchs seine Popularität durch die Gedichtbände Laut und Luise (1966) und Sprechblasen (1968). Die „Lust am anarchischen Sprachspiel“[3] offerierte neue Ausdrucksmöglichkeiten. Spannend und dadurch erfolgreich war dazu Jandls Vortragskunst[4], die besonders für die Sprech- und Lautgedichte aus dem Band Sprechblasen wichtig war. Ein weiterer Grund seines wachsenden Bekanntheitsgrades war seine Tätigkeit als Lehrer für den Deutschunterricht. Auffällig ist, dass die meisten der Texte, die im Schulunterricht Verwendung fanden, aus dem Band Laut und Luise stammen. Die Schule hat durch ihre dauerhafte Rezeption das Klischee vom „Sprachclown“ mit verbreitet.[5] Für Jandl selbst stellte das „eine bedrohliche Nähe der Geringschätzung“[6] dar. Die komische Seite war keinesfalls das reine Ziel seiner Lyrik, sondern eine Form, um den Inhalt zu vermitteln, die trotzdem zum Lachen anregt, wie Helmut Heißenbüttel in seiner Laudatio auf den damaligen Büchner-Preisträger Ernst Jandl formulierte (Frankfurter Rundschau 20.10.1984).[7]

Diese Arbeit soll zeigen, welche Rolle die Komik in der Lyrik Emst Jandls spielt, wie sie eingesetzt wird und welche Reaktionen sie erzielt. Wann wird bei uns lachen ausgelöst, wenn wir Gedichte Jandls lesen? Welche Formen des Komischen werden eingesetzt oder verknüpft, um den Rezipienten zu erreichen?

Die bisherige Forschung betrachtete vordergründig das Spätwerk Jandls, ebenso wie die entstandenen Bühnenwerke und Hörspiele. Erst nach Jandls Tod begann zunehmend eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seiner Lyrik, die allerdings vordergründig ernste Aspekte beinhaltete, sodass die Spielarten des Komischen wenig oder gar nicht bearbeitet wurden. Die Effekte des Komischen wurde daher eher in Rezensionen besprochen, was das öffentliche Interesse bestätigt und die Frage nach dem „warum“ größer werden lässt.[8] Anne Uhrmacher gibt in den Spielarten des Komischen einen Überblick über das Spiel Ernst Jandls mit der Sprache und den Formen des Komischen. Sie stellt damit einen wichtigen Ansatzpunkt für die folgende Arbeit dar. Uhrmacher verweist auf zahlreiche Abhandlungen, die bei der Suche nach der Rolle des Komischen beachtet werden sollten.

Nach einem notwendigen Überblick über die Geschichte und den Gegenstand des Komischen in der Sprache sollen hier an ausgewählten Beispielen die Formen des Komischen nachgewiesen werden. Dazu bieten sich Jandls Gedichte aus den 50er und 60er Jahren an, da das Spätwerk oft als schwermütig bezeichnet wurde und die Präsenz der Komik nachließ.[9] In dieser Arbeit werden dabei genauer die Gedichte falamaleikum (1958), wien : heldenplatz (1963), fünfter sein (1968), und loch (1964) betrachtet. Mit den daraus resultierenden Erkenntnissen als Grundlage werden die verschiedenen Ebenen und deren Verbindung des Komischen in Jandls Sprache aufgezeigt und erläutert. Damit wird schlussendlich die durchschlagende Wirkung seines Sprachspiels auf die Rezipienten, besonders im Kontext der 50er und 60er Jahre, begründet.

2 tohuwabohu: Methoden das Komische zu erforschen

2.1 toobaba: Ein theoretischer Überblick

Zum besseren Verständnis der Komik in der Sprache Emst Jandls, ist es notwendig einen Diskurs über die in der Geschichte und Forschung existierenden Theorien zu liefern. Dies ist hilfreich „das Komische“ und mit diesem Oberbegriff verbundene Begriffe wie Ironie, Sarkasmus, Zynismus, Humor, Witz usw. zu differenzieren und anwenden zu können. Durch eine zunehmende Ersetzung des Begriffs „das Komische“ durch „Humor“ entwickelten sich terminologische Schwierigkeiten, wodurch eine Abgrenzung erforderlich wird.[10] Obwohl die Anzahl von wissenschaftlichen Abhandlungen zum Komischen gewachsen ist, bleiben aufgrund der interdisziplinären Beschaffenheit des Themas diese Schwierigkeiten erhalten. In der Literaturwissenschaft und der Philosophie ist es dabei gängig, das Komische als ästhetische Kategorie zu definieren. So auch im Sammelband Das Komische von 1976, welcher diesbezüglich heute als Standardwerk zu betrachten ist.[11] Zunächst werden einige Theorien und Definitionsversuche aus der Geschichte der Forschung über das Komische skizziert, um deutlich zu machen, dass der Versuch Komik zu definieren keine Erscheinung der Neuzeit ist. Zahlreiche Literaten und Philosophen haben sich in der Vergangenheit mit diesem Thema beschäftigt.

Schon Aristoteles (384-322 v. Chr.) setzte sich im 5. Kapitel seiner Poetik mit dem Komischen auseinander. Die Komik als das Lächerliche betrachtete er als Abweichung vom Schönen und Richtigen. Mit dem Bewusstsein darum gleicht somit das Lächerliche einer karikativen Verzerrung. Der Sinn dabei ist ethische Fragen zu berühren. Dies darf allerdings keinen Schmerz verursachen wie in der Tragödie.[12] Während hier das Komische im Zusammenhang mit der Gattungspoetik beschrieben wurde, behandelte Thomas Hobbes 1658 erstmals in Vom Menschen die Komik im Kontext seiner Affektenlehre.[13] 1790 beschrieb Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft das Lachen als einen Affekt, welcher aus nicht erfüllten Erwartungen resultiert.[14]

Nach kritischer Auseinandersetzung mit Theorien von Aristoteles, Kant und Schiller formulierte Jean Paul in seiner Vorschule der Ästhetik (1804) das Lächerliche als einen Gegensatz zum Erhabenen. Durch eine Handlung wird ein Irrtum offeriert. Dadurch entsteht eine unendliche Ungereimtheit, die zum Lachen anregt. Diese Ungereimtheit begründet sich aus der Unterstellung der Einsichten und Ansichten des Bestrebens der Handlung.[15]

„Unser Selbst-Trug, womit wir dem Bestreben eine entgegengesetzte Kenntnis unterlegen, macht es eben zu jenem Minimum des Verstandes, zu jenem angeschauten Unverstande, worüber wir lachen, so daß also das Komische, wie das Erhabene, nie im Objekte wohnt, sondern im Subjekte.“[16]

Den genannten Gegensatz zwischen Lächerlichem und Erhabenen machte Jean Paul an literarischen Beispielen deutlich, sodass es nach Karlheinz Stierle nur logisch ist, wenn seine Erkenntnisse am Anfang der modernen Auseinandersetzung mit dem Komischen stehen und die Grundlage für nachfolgende Theorien bildeten.[17]

Des Weiteren ist es sinnvoll für die Zielsetzung dieser Arbeit Theorien von Theodor Lipps und Sigmund Freud zu nennen. Theodor Lipps (1851-1914) ging bei der Beschreibung des Komischen wie Kant von unerfüllten Erwartungen aus. Er unterschied zwischen objektiver (Eigenschaften von Personen), subjektiver (Witz, bei dem der Bedeutungsträger nicht mit Sinn und Wahrheit übereinstimmt, wodurch die Logik entweicht) und naiver Komik (Gegensatz von Klein und Groß). In seiner Grundlegung der Ästhetik (1903) bezog er sich auf Jean Paul bezüglich der Gegenüberstellung des Komischen und dem Erhabenen. Er betrachtete es allerdings nicht als unmittelbaren Gegensatz, sondern dieser Gegensatz wird durch das überraschend Große oder Kleine gebildet.[18]

Als interessant erweisen sich außerdem Sigmund Freuds Erkenntnisse aus Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905). Der Witz wird als Überwindung eines gesellschaftlichen oder kulturellen Hindernisses gesehen. Freud unterschied Witzarten (z. B. Nonsenswitz und obszöner Witz) und erkannte ebenso wie seine Vorgänger, dass der Ausgangspunkt von Humor eine Erwartungshaltung ist, die durch den Gegensatz von Groß und Klein eine übermäßige Gefühlsregung auslöst. Er formulierte bei der Unterscheidung komischer Textsorten, dass auch ein Konventionsverstoß gegen eine Gattung durch die Erwartungsenttäuschung komisch empfunden werden kann.[19]

„Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner Tendenz leistet. Er ermöglicht die Befriedigung eines Triebes (des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege stehendes Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lustquelle.“[20]

Betrachtet man die Theorien der verschiedenen Philosophen, stellt man fest, dass diese sich ergänzen und nicht widersprechen, da sich Überlegungen aus der Antike immer noch als zutreffend erweisen.[21] Durch die steigende Anzahl der Untersuchungen verwischt allerdings der sichere Gebrauch der traditionellen Wörter des Komischen.

„Wenn wir die Frage stellen, welche Termini der Komik leicht und welche schwer zu definieren sind, dann wird auffallen, daß die aus der Antike stammenden Ausdrücke Ironie, Satire, Sarkasmus schärfere Konturen besitzen als die in der modernen Sprache gebildeten wit und humour oder gar fun und nonsense.“[22]

Wolfgang Schmidt-Hidding beschrieb deshalb die Etymologie der gängigen Wörter wie Ironie, Scherz, Parodie, Witz, Satire, Humor, Zynismus und vergleicht dabei deutsche und englische Bezeichnungen. Die Darstellung der Wortfelder des Komischen als Kraftfeld, eine tabellarische Übersicht dieser Wörter sowie deren dazugehörige Absicht, Methodik und sprachlichen Eigenarten helfen, die Begriffe abzugrenzen und zu erkennen.[23]

1976 formulierte Karlheinz Stierle in seinem Aufsatz Komik der Handlung, der Sprachhandlung, der Komödie, dass das Komische in der Welt des Handelns zu suchen ist. Da dieser Welt auch der Sprachgebrauch zugehörig ist und damit verbundene symbolische Handlungen, lässt sich in der Möglichkeit ihres komischen Scheiterns eine sinntragende Struktur erfassen.[24] „Unter diesem Gesichtspunkt wird die Theorie des Komischen zu einem Komplement der Theorie des Handelns.“[25] Es existieren viele Ebenen auf denen man sich mit dem Komischen auseinandersetzen kann, wie es Philosophen und Schriftsteller seit der Antike betrieben haben. In der Literaturwissenschaft, demzufolge auch in dieser Arbeit, wird das Komische als ästhetische Kategorie betrachtet. Über die genannten Untersuchungen hinaus werden im Verlauf der Arbeit auch andere Theorien hinzugezogen. Das Ergänzen verschiedener Theorien zur Komik hilft, einzelne Abstufungen des Komischen und deren Wirkungsweisen in Jandls Lyrik deutlicher zu machen.

2.2 tohuwaababa: Jandl mit und über Komik

Die Auswahl der in Abschnitt 2.1 genannten Theorien lässt sich auf die Lyrik Ernst Jandls beziehen. Auch er selbst nahm Stellung zu seiner Art und Weise des Schreibens und Experimentierens.

Er verwendete den Terminus „grotesk“ für seine Gedichte. In einem Gespräch mit Peter Huemer erklärte Jandl, dass die Gedichte in einer Art und Weise verschoben sind und dadurch zum Lachen anregen. Die Sache an sich kann aber trotzdem Spitzen enthalten. Dies bezieht sich sowohl auf den Inhalt, als auch auf die Sprachbehandlung.[26] Um den Begriff einordnen zu können, kann man Dimitri Tschiezewskijs Aufsatz Satire oder Groteske heranzuziehen. Er geht auf grundlegende Schwierigkeiten der Definition von literaturwissenschaftlichen Begriffen ein und grenzt das Groteske von der Satire ab.

„Einen ganz anderen Sinn hat die richtige Einschätzung der Groteske, die ja eben keineswegs gegen eine bestimmte Seinsform der Natur der Gesellschaft und des individuellen menschlichen Daseins gerichtet ist. Zum Teil (wie übrigens auch bei Gogol) ist das die Anerkennung des Komischen und des vielfach komisch-leichten und erfrischenden Lebens als in seinem Westen grotesken Seins.. .“[27]

Des Weiteren ist bei Jandl nicht selten der obszöne Witz zu finden. Dabei kann man Jandls Gedichte mit der schon genannten Untersuchung Sigmund Freuds Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten konfrontieren, da Freud tiefenpsychologisch das Lachen ergründet und obszöne Seiten des Witzes herausarbeitet.[28] Anne Uhrmacher benennt die Tatsache, dass die Fülle der Sekundärliteratur den Werken Ernst Jandls und dem Komischen in den Gedichten, durch unterschiedlich verwendete Termini, gegenübersteht. Deshalb ist es zur Klärung dessen hilfreich Jandls Gedichte sowie deren Rezeptionsgeschichte zu analysieren und Aspekte des Komischen an ausgewählten Textbeispielen zu verifizieren.[29]

Jandl äußerte mehrfach unmissverständlich, dass das Komische nicht das äußerste Ziel seiner Gedichte war und er nicht als Sprachclown allein verstanden werden wollte.

Dies belegt ein Telefongespräch mit Klaus Siblewski vom 7.10.1998, in dem es um ein Foto von Friederike Mayröcker und Ernst Jandl ging, welches ohne Einwilligung veröffentlicht wurde. Mayröcker ist auf diesem Bild als Prinzessin, Jandl als Clown dargestellt.[30] Seine Reaktion darauf:

„Das gehe an seiner Arbeit völlig vorbei. Der Fotograf müsse sich als Lügner und vielleicht sogar als etwas noch viel Schlimmeres bezeichnen lassen. Aus dem Buch jedenfalls müsse die Seite, auf der dieses Bild abgedruckt sei, entfernt werden, wenn nötig, solle sich jemand mit einem Messer hinsetzen und die Seite heraustrennen.“[31]

Man muss das Komische zusammen mit dem Inhalt betrachten. Es gilt die Mitteilungen der Gedichte zu erschließen, um das Komische zu erkennen. Ein möglicher skandalträchtiger Inhalt bringt ebenso eine Spur zum Komischen hin. Dabei darf die semantische Ebene und Jandls Spiel mit Erwartungen nicht unterschätzt werden.[32] Oft können ernste Sachverhalte nur im Witz angesprochen werden. Das provozierte Lachen spaltet das Publikum. Dies trug unter anderem zum Erfolg Jandls bei, da diese Spaltung zum Nachdenken anregt und Spannung erzeugt. Ende der 50er Jahre bemühte er sich einen Verlag in Österreich zu finden und erhielt von vier eingesendeten Manuskripten, die Jahre später im Band Laut und Luise zu finden waren, vier zurück. Horst Bingel jedoch veröffentlichte 1958 in der streit-zeit-schrift einige Jandls poetischer Werke. Grundsätzlich war Jandl in Österreich aber isoliert und hatte Schwierigkeiten Anschluss bei Verlagen oder beim Rundfunk zu finden. Er galt als „literarische Unperson“ und man wurde als solche gesehen, wenn man sich in Sympathie aussprach. Die letzte Veröffentlichung in Österreich war das Gedicht demokratie inden Neuen Wegen. [33]

Jandls Vorbilder entspringen zum Teil aus dem Dadaismus (Hugo Ball, Kurt Schwitters), dessen historische Wurzeln um den Ersten Weltkrieg zu suchen sind. Einige hielten Jandls bewusste Nähe zu dieser Bewegung für zwecklos, da man der Meinung war den Dadaismus nicht nochmal aufwärmen zu können. Angesichts der kulturellen Wende um 1945 erwies sich die Anlehnung daran und die Absicht die Grenzen der Literatur aus Zeiten der NS-Kultur auszuweiten alles andere als zwecklos. Die Frage Huemers, ob Jandl damit spielerische Provokation betreibt, beantwortet er klar mit „Ja.“[34]

Neben den genannten Theorien, die hilfreich zur Ergründung des Komischen in Jandls Lyrik sind, kann man unter kritischer Betrachtung auch in Jandls eigenen Worten Anhaltspunkte bzw. Ansichten finden. In Die Kunst des schönen Schreibens grenzt er seinen eigenen poetischen Bereich ab und äußert sich unter anderem zum Spiel mit der Sprache, das Gedicht als solches, Dadaismus, Sinn und Unsinn. An dieser Stelle beschreibt er den Reiz am Dadaismus:

„Zweierlei ist es, was mich dem Dadaismus verband und verbindet: sein ausgeprägter Sinn für Humor, mit dem man die Tragik der menschlichen Situation, nämlich der Sterblichkeit des Menschen, seiner Aussicht auf Nichts, geistvoll begegnete, und sein Verzicht auf Theorie und System.“[35]

Darüber hinaus bieten die Frankfurter Poetikvorlesungen von 1984/85 Das Öffnen und Schließen des Mundes Einblicke in die Dichtung Jandls. Hört man diese Vorlesungen, gelangt man zu einem erweiterten Blick in Hinsicht auf das Komische. Viele seiner Gedichte und ihr enthaltener Witz entfalten sich erst, wenn sie laut vorgelesen werden. Nicht ohne Grund stieg die Anzahl des Bücherverkaufs erst nach Lesungen Jandls. Daraufhin bringen ihm Schallplattenaufnahmen mit von ihm vorgetragenen Gedichten mehr Ruhm ein, als seine Bücher.[36]

Elfriede Gerstl begründet ihre eigene Sympathie zu Jandls Gedichten mit seiner besonderen Beachtung des Alltags, in gewissem Maße einer traurigen Lustigkeit, Selbstironie und seinem Blick für Komik. Sie betitelt das Resultat seines Blickes für Komik als „anarchischen Witz“.[37] Die Beachtung des Alltags wird durch, wie Jandl sie bezeichnet, „heruntergekommene Sprache“ zum Ausdruck gebracht. Damit meint er eine niedergedrückte Sprache, die entgegengesetzt der literarischen Erwartungen unter der Sprache des Alltags steht. Sprache soll dadurch nicht in ihrem Wert reduziert werden, sondern sie besonders werden lassen.[38] Jandl sagte selbst zum Humor in seiner Lyrik:

„Erst einmal muss ich sagen, grimmiger Humor findet sich in manchen meiner Gedichte, aber nicht in allen. Es gibt auch solche, die gar nichts enthalten was man als humorvoll bezeichnen könnte. Ich habe selber für meine Gedichte das Wort grotesk verwendet, das heißt, dass sie in einer Art verschoben, verändert sind, dass es zwar zum Lachen reizt, dass die Sache aber ihre Spitzen enthält und vielleicht sogar noch geschärft wird. Aber es gibt auch Gedichte wie das eben zitierte oder ottos mops, wo die Leute zu Recht lachen und wo man keine polemische Absicht merkt.“[39]

Warum und wann Gedichte Jandls zum Lachen anregen oder nicht, soll nun mit Hilfe von Textbeispielen erörtert werden. Dabei werden gängige Theorien und Methoden des Komischen den Gedichten gegenüberstellt.

3 wo bleibb da: Formen der Komik am Beispiel

3.1 hummoooa: Ironie, Satire, Zynismus und das Naive

3.1.1 famalaleikum (1958)

Mit vierzehn Jahren und damit zur Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde Ernst Jandl mit der Angst konfrontiert, eingezogen zu werden und sein Leben lassen zu müssen. Diese von der Sorge ums Überleben geprägte Jugend lässt auch in den Gedichten Jandls eine ständige Auseinandersetzung mit dem Krieg erkennen. Es bestand ein Bedürfnis sich von der Kultur, die die Nazis förderten, abzusetzen und neue Wege zu finden.[40] Dies gelang ihm durch die Veränderung seiner ästhetischen Mittel. Während andere bei Rilke oder Weinheber blieben, ist die politische Dichtung Jandls an Brecht orientiert. Der Brecht'sche Pathos verflüchtigte sich jedoch mehr und mehr hin zur konkreten Poesie und Lautgedichten, für die Ernst Jandl heute bekannt ist. Bei längerer Betrachtung der Lautgedichte, lässt sich ein sozial-kritischer Jandl entdecken.[41] So kommt es, dass im 1966 publizierten Gedichtband Laut und Luise der dritte Abschnitt mit krieg und so überschrieben wurde.

falamaleikum

falamaleitum

falnamaleutum

fallnamalsooovielleutum

wennabereinmalderkrieglanggenugausist

sindallewiederda.

oderfehlteiner?[42]

Neben wien : heldenplatz und schtzngrmm ist auch falamaleikum ein, wie Jandl es bezeichnet, „Antikriegsgedicht“, das trotz des ernsten Inhalts zum Lachen anregt.[43]

[...]


[1] Jandl; Ernst: Laut und Luise, Neuwied, Berlin: Luchterhand 1971, S. 173.

[2] Vgl. Fetz; Bernhard: Ernst Jandl, Musik Rhythmus Radikale Dichtung, Wien: Paul Zsolnay 2005, S. 9.

[3] http://www.reclam.de/detail/978-3-15-009823-3/Jandl_ Ernst/Laut_und_Luise, Aufruf 12.06.2011.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Fetz, S. 101.

[6] Uhrmacher; Anne: Spielarten des Komischen, Ernst Jandl und die Sprache, Tübingen: Max Niemeyer 2007, S. 2.

[7] Vgl. ebd. S. 10, 223.

[8] Vgl.Uhrmacher, S. 11.

[9] Vgl. ebd., S. 34.

[10] Vgl. Uhrmacher, S.22.

[11] Vgl. Santana Lopéz; Belén: Wie wird das Komische übersetzt? Das Komische als Kulturspezifikum bei der Übersetzung spanischer Gegenwartsliteratur, Berlin: Frank & Timme 2006, S. 14 f.

[12] Vgl. Bachmaier; Helmut: Texte zur Theorie der Komik, Stuttgart: Reclam 2005, S. 12.

[13] Vgl.ebd. S 16.

[14] Vgl.ebd. S. 24.

[15] Vgl. Bachmaier, S. 29 ff.

[16] ebd. S. 31.

[17] Vgl. Stierle; Karlheinz: Komik der Handlung, Komik der Sprachhandlung, Komik der Komödie, In: Preisendanz; Wolfgang: Das Komische, München: Wilhelm Fink 1976, S. 237.

[18] Vgl. Bachmaier, S. 89 f.

[19] Vgl. Bachmaier, S. 94 f.

[20] Freud; Sigmund: Der Witz und die Beziehung zum Unbewußten, Der Humor, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 2010, S. 115.

[21] Vgl. Uhrmacher, S. 23.

[22] Schmidt-Hidding; Wolfgang: Europäische Schlüsselwörter 1: Humor und Witz, München: Hueber 1963, S. 49.

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. Stierle, S.238.

[25]

[26] Vgl. Ernst Jandl / Peter Huemer Gespräch: ich sehr lieben den deutschen sprach, In: wespennest - zeitschrift für brauchbare texte und bilder nummer 125, 2002, S. 27.

[27] Tschizewskij; Dimitri: Satire und Groteske, In: Preisendanz; Wolfgang: Das Komische, München: Wilhelm Fink 1976, S. 278.

[28] Vgl. Uhrmacher, S. 28.

[29] Vgl. ebd., S. 31.

[30] Vgl. Siblewski; Klaus: Telefongespräche mit Ernst Jandl, München: Luchterhand 2001, S. 51f

[31] Siblewski: Telefongespräche, S. 51 f.

[32] Vgl. Uhrmacher, S. 33.

[33] Vgl. Siblewski; Klaus: a komma punkt - ernstjandl, München: Luchterhand 2000, S. 103.

[34] Vgl. Jandl / Huemer Gespräch, S. 22, 25.

[35] Jandl; Ernst: Die Kunst des schönen Schreibens, München: Luchterhand 1983, S. 117.

[36] Vgl. Siblewski: akommapunkt, S. 127.

[37] Gerstl; Elfriede: Vom damaligen Jandl in meinem jetzigen Kopf, In: Arnold; Heinz Ludwig:Text + Kritik - Zeitschrift für Literatur, München: Verlag edition text + kritik, Heft 129, 1996, S. 10.

[38] Vgl. Jandl / Huemer Gespräch, S. 27 f.

[39] Jandl / Huemer Gespräch, S. 27.

[40] Vgl. Siblewski: akommapunkt, S. 39.

[41] Vgl. Pataki; Heidi: Ohrfeigen für den guten Geschmack, Über die ästhetische und soziale Wirkung von Ernst Jandls Dichtkunst, In: wespennest - zeitschrift für brauchbare texte und bilder Nr. 125, 2002, S. 16.

[42] Jandl: Laut und Luise, S.51.

[43] Vgl. Uhrmacher, S. 43.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Komik und das Komische in der Lyrik Ernst Jandls während der 50er und 60er Jahre
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Literaturwissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
38
Katalognummer
V183255
ISBN (eBook)
9783656076995
ISBN (Buch)
9783656076766
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernst Jandl, konkrete Poesie, Dadaismus, Komik, Lyrik, wien: heldenplatz, loch, fünfter sein, laut und luise, famalaleikum, der künstliche baum
Arbeit zitieren
B.A. Mareen Friedrich (Autor), 2011, Komik und das Komische in der Lyrik Ernst Jandls während der 50er und 60er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183255

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