Der mittelalterliche Codex und die Funktionsgebundenheit seines Inhalts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beginn deutschsprachiger Schriftlichkeit in Form eines ‚Codex’

3. Die Herstellung eines ‚Codex’
3.1 Materialien & ihre Herstellung
3.1.1 Beschreibstoffe
3.1.2 Schreibgeräte
3.1.3 Tinte
3.2 Schreibprozess
3.2.1 Handschriftentypen
3.2.2 Formatierung
3.2.3 Schreibvorgang
3.2.4 Illumination
3.3 Buchbinden

4. Funktionsgebundenheit von Schriftlichkeit im Mittelalter

5. Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Woher wissen wir, wer unsere Vorfahren waren und wie sie gelebt haben? Woher wissen wir, dass es alle Wörter, die im mittelhochdeutschen Wörterbuch von Matthias Lexer verzeichnet sind, wirklich gegeben hat? Weshalb ist für uns als Literaturwissenschaftler, insbesondere der Älteren Deutschen Literatur, der Beginn von (deutschsprachiger) Schriftlichkeit ein so bedeutender Schritt in unserer Geschichte?

Der Beginn von (deutschsprachiger) Schriftlichkeit ist derart bedeutsam, da geschriebene Texte Kultur, Leben und – vor allem für uns als Literaturwissenschaftler wichtig – die Sprache einer längst vergangenen Zeit widerspiegeln. Schriftliche Artefakte bieten aber nicht nur Informationen über Sprache bzw. Literatur, sondern auch über den Schreibbetrieb selbst. Es sind jedoch nicht nur die schriftsprachigen Teile von Handschriften eine wichtige Quelle, sondern häufig auch die ihnen beigefügten und sie ergänzenden Illustrationen. Eine Illustration, die die einzelnen Arbeitsschritte zur Herstellung eines ‚Codex’ (von lat. „caudex“ = „Holzklotz“) darstellt, habe ich daher im Anhang beigefügt und beschriftet und werde an geeigneter Stelle darauf verweisen, um meine Aussagen mit einer historischen Quelle zu belegen.

Bevor ich zum eigentlichen Teil meiner Arbeit komme, werde ich Grundlegendes zum Beginn von (deutschsprachiger) Schriftlichkeit in Form eines ‚Codex’ darbringen.

Zu Beginn des Hauptteiles dieser Hausarbeit wird der Herstellungsprozess einer Handschrift dargestellt, um deutlich zu machen, dass solche handwerklich aufwändigen und kostspieligen Bücher nichts mit der billigen Massenware unserer Zeit gemein haben. Durch die Darstellung der einzelnen Arbeitsschritte, die zur Herstellung eines Codex notwendig waren, wird der Wert dieser Handschriften, nicht nur im Rahmen heutiger Forschung, sondern auch der damalige finanzielle Wert deutlich.

Daraus ergibt sich eine weitere Frage: Warum hat man angefangen (deutschsprachige) Bücher zu schreiben? Was war der Grund für diesen Medienwechsel? Welche Themen waren so wichtig, dass man sie auf solch eine aufwändige und kostspielige Art schriftlich konservieren wollte? In Punkt 4 „Funktionsgebundenheit von Schriftlichkeit im Mittelalter“ werde ich Antworten auf diese Fragen geben. Der Schwerpunkt des letzten Abschnittes meiner Hausarbeit wird also nicht mehr auf dem finanziellen Wert liegen, sondern auf dem Wert, den das Buch durch seinen Inhalt erfährt.

In einem Ausblick möchte ich den Leser abschließend dazu anregen, sich über die Zukunft des Buches und die Medialität im technischen Zeitalter Gedanken zu machen und immer wieder Rückbezüge zur Hausarbeit ziehen, um die Bedeutsamkeit der Erforschung von Handschriften hervorzuheben.

2. Beginn deutschsprachiger Schriftlichkeit in Form eines ‚Codex’

Der Beginn von Schriftlichkeit, i.S. einer Art der Text-Konservierung, reicht nach unserem Erkenntnisstand bis hin zu ägyptischen Grabinschriften und Höhlenmalereien. Dabei handelt es sich jedoch um einmalig verfasste, an einen bestimmten Standort und an eine bestimmte Situation gebundene Inschriften, die man von den ersten „buchähnlichen“ Papyrusrollen[1] eindeutig unterscheiden muss.

In Bezug auf das Thema dieser Hausarbeit ist vor allem der Beginn deutschsprachiger Schriftlichkeit (ca. ab dem 6. bzw. 7. Jh. n. Chr.) in Form des ‚Codex’ von Bedeutung.

Zu beachten ist hierbei, dass Anfänge einer schriftlichen Textkultur nicht das Ende der Mündlichkeit, i.S. von Vorträgen, Aufführungen etc., impliziert. Ganz im Gegenteil: Die Unterscheidung von einer nicht-schriftkundige Mehrheit und einer schriftkundige Minderheit zeigt deutlich, dass sogar die Notwendigkeit bestand, die Texte weiterhin vorzulesen, aufzuführen oder in einer anderen Form oral aufzubereiten. Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der Texte (noch) nicht deutschsprachig sondern lateinisch war und daher nur von lateinkundigen Klerikern gelesen werden konnten. Selbst am Hofe waren Lateinkundige und Literaten in der Minderheit.

Eine wichtige Veränderung in der Literaturgesellschaft ist der Eintritt der Laien in den Literaturprozess ab Mitte des 12. Jh. n. Chr. – bis dahin war die Literatur Geistlichen und Mönchen vorbehalten, die in den Klöstern Latein gelernt hatten. Deutsch wurde nur in bestimmten Situationen verwendet: z.B. bei der religiösen Unterweisung.

In der zweiten Hälfte des 12. Jh. begannen jedoch weltliche Fürsten als Mäzene in ihrem Sinne Einfluss auf die Literatur(-produktion) zu nehmen, obgleich sie noch auf die schriftgelehrten Kleriker angewiesen waren[2]. Nicht-schriftkundige Fürsten und Könige waren als Gönner und Auftraggeber an der Produktion geschriebener Literatur interessiert, die sie sich anschließend (immer wieder) vortragen lassen konnten.

Weitere Gründe des weltlichen, wie auch religiösen Kontextes, die dafür verantwortlich waren, dass sich Schriftlichkeit trotz immenser Kosten und Mühen neben dem Medium Mündlichkeit behaupten konnte, werden unter Punkt 4 näher beleuchtet. Folgend werde ich darstellen, wie aufwändig (finanziell und handwerklich) es war einen solchen Codex herzustellen.

3. Die Herstellung eines ‚Codex’

3.1 Materialien & ihre Herstellung

3.1.1 Beschreibstoffe

Wichtigste Grundlage für die Schriftlichkeit i.S. einer buchähnlichen Schriftrolle oder eines ‚Codex’, sind geeignete Beschreibstoffe. Es wurde Papyrus, Pergament oder Papier zur Beschriftung benutzt.

Papyrus wurde ab dem 3. Jh. v. Chr. verbreitet als durchgängig beschriebene Schriftrolle verwendet. Es bestand aus ineinander gewobenen, fest zusammen geklopften Streifen aus der Papyrusstaude.

Ab dem 11. Jh. n. Chr. löste widerstandsfähigeres Pergament Papyrus als Beschreibstoff ab. Der Grundstoff für Pergament war Tierhaut. Die einzelnen Arbeitsschritte werden von einem Autor um 800 wie folgt beschrieben: „Wie Pergament hergestellt werden soll. Lege [die Haut] in Kalkwasser und lasse sie 3 Tage in ihm liegen; spanne sie dann an einem Gestell aus, schabe sie auf beiden Seiten mit einem scharfen Messer ab[3] und lasse sie trocknen.“[4]. Aus den aufbereiteten Tierhäuten werden Doppelblätter gefertigt, die schließlich zu Lagen zusammengestellt werden, welche wiederum zu einem ‚Codex’ gebunden werden. Die Bindung erfolgte häufig erst nach Beschriftung der Blätter. Nicht nur das Material, sondern auch die aufwändige Herstellung war daher sehr kostspielig. Das ist auch der Grund dafür, dass man einige Handschriften komplett abgeschabt und neu beschriftet hat, um die wertvollen Tierhäute wieder zu verwenden: Solche Handschriften nennt man Palimpseste (von gr. „palimpsestos“ = „wieder abgeschabt“). Es kommt vor, dass abgeschabte Texte, die heute von größerem Interesse sind, als die neuen Texte über ihnen, unter ultraviolettem Licht[5] wieder lesbar gemacht werden. Oft gelingt das nur teilweise, sodass man aber wenigstens fragmentarisch einige verloren geglaubte Werke antiker Autoren wieder herstellen kann.

Der ‚Codex’, meist hergestellt aus Pergament, löste die bis dahin verbreitete Form der Papyrus-Schriftrolle ab. Der entscheidende Vorteil eines Buches gegenüber der Schriftrolle war, dass man den Text an einer beliebigen Stelle aufschlagen konnte, ohne die Schriftrollen aufwändig auf- und abrollen zu müssen. Der erste erhaltene ‚Codex’ besteht übrigens nicht aus Pergament, sondern aus Wachstäfelchen, die zu kleinen Büchern (Diptychen bzw. Polyptychen) gebunden wurden[6]. Griffel dienten zur Beschriftung und waren an einer Seite abgeflacht, sodass man das Geschriebene anschließend auch wieder löschen konnte. Wachstafeln fanden daher auch später noch Anwendung als eine Art Notizbuch oder zum „Vorschreiben“ von Texten[7].

Papier, unser heutiger Beschreibstoff, gelangte im 7./8. Jh. n. Chr. von China aus in die westliche Welt, wurde aber erst ab dem 14. Jh. bevorzugt als Beschreibstoff gewählt, da seine Haltbarkeit zunächst angezweifelt wurde, es jedoch weitaus preiswerter als Pergament war. Papier wurde aus in Stücken gerissenen Lumpen hergestellt, die in großen Behältern mit Wasser aufgeweicht und mehrfach gestampft wurden. Schließlich wurde das Faser-Wasser-Gemisch mit einem Sieb abgeschöpft. Eine in das Sieb eingearbeitete, schematische Figur aus Draht bildete im Papier ein Wasserzeichen ab, welches Rückschlüsse auf die Papiermühle zuließ. Indem man schüttelte, verfilzte das Gewebe und es entstand ein Bogen Papier, der durch mehrmaliges Pressen noch mehr Festigkeit gewann und von überschüssigem Wasser befreit wurde. Anschließend trocknete man die Bögen an einer Leine, zog sie durch ein Leimwasserbad, und presste und trocknete sie erneut. Im letzten Arbeitsschritt wurden die Blätter veredelt, indem sie mit einem Achatstein geglättet wurden.[8] Die einzelnen Lagen wurden wie beim Pergament hergestellt. Noch gefragter wurde das preisgünstig herzustellende Papier nach der Erfindung des Buchdruckes durch Johannes Gutenberg in der Mitte des 15. Jh. und den dadurch rapide steigenden Produktionszahlen von Büchern. Bis zur Erfindung des Buchdrucks wurden jedoch alle Texte per Hand produziert und mussten zur Vervielfältigung abgeschrieben werden.

3.1.2 Schreibgeräte

Bei den Schreibgeräten sind die Werkzeuge, die unmittelbar zur Beschriftung benötigt wurden, von den übrigen Werkzeugen zu unterscheiden.

Beim Schreiben auf Wachstafeln benutzte man einen Griffel aus Holz oder Bronze (ggf. auch Silber), der an der einen Seite spitz und an der anderen flach war. Somit konnte man mit der einen Seite Notizen ins Wachs zeichnen, während man diese mit der flachen Seite wieder löschen konnte. Natürlich konnte der Griffel auch zum einfachen Notieren auf Pergament dienen, im hohen Mittelalter wurde dieser jedoch vom ‚Silberstift’ verdrängt.

Der so genannte ‚Silberstift’ bestand aus einer gepressten Form aus Blei und Silber und gilt als Vorläufer unseres heutigen Bleistiftes.

[...]


[1] vgl. Punkt 3.1.1 „Beschreibstoffe“, S.3f.

[2] vgl. Bumke, S. 37.

[3] vgl. Abb. 1 im Anhang

[4] Zitiert in: Stammberger, S. 11.

[5] vgl. ebd., S. 14.

[6] vgl. Stammberger, S. 10.

[7] vgl. Abb. 1 im Anhang

[8] vgl. Stammberger, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der mittelalterliche Codex und die Funktionsgebundenheit seines Inhalts
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistik)
Veranstaltung
Von der Handschrift zum Buch
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V183277
ISBN (eBook)
9783668017887
ISBN (Buch)
9783668017894
Dateigröße
839 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
codex, funktionsgebundenheit, inhalts
Arbeit zitieren
Miriam Dauben (Autor), 2011, Der mittelalterliche Codex und die Funktionsgebundenheit seines Inhalts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183277

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