Der Kulturbegriff im bilingualen Geographieunterricht


Seminararbeit, 2011

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Begriffs „Interkulturelles Lernen“
2.1. Der Kulturbegriff im Kontext einer Internationalen/Interkulturellen Erziehung
2.1.3. „Kultur“ als Konstrukt
2.1.2. „Kultur“ als soziales Konstrukt
2.1.3. Der semiotische Kulturbegriff

3. „Kultur“ als Objekt der Wissenschaften
3.1. Wissenschaftskulturen
3.2. Die Verbindung zwischen Alltagsgesprächen und wissenschaftlichen Diskursen

4. Kulturalität durch Sprachlichkeit
4.1. Kultur durch Sprachlichkeit

5. Die Kulturalität in der didaktischen Erörterung
5.1. Die „Didaktische Rekonstruktion“
5.2. Die didaktische Erzeugung von Kultur
5.3. Interkulturelle Profilierung m bilingualen Sachfachunterricht

6. Bilingualer Unterricht als hybrider Raum
6.1. Ansätze für das Interkulturelle im bilingualen Unterricht

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Österreich wurde „Interkulturelles Lernen“ erstmals zu Beginn der 90er Jahre im Unterrichtsprinzip verankert. In den Lehrplänen der AHS und anderen Schultypen ist das „Interkulturelle Lernen“ im allgemeinen Bildungsziel, unter Punkt 5 (Bildungsbereiche), als Prinzip eines erfolgreichen Unterrichts angeführt.

Interkulturelles Lernen im didaktischen Raum findet gewissermaßen ständig statt, doch der bilinguale Unterricht, im Falle meiner Arbeit der bilinguale Geographieunterricht, bietet einen idealen Nährboden für kulturelle Phänomene und Erfahrungen, die es zu reflektieren gibt. Dabei sollten Völkerverständigung, interkulturelle Kompetenz, Europakompetenz („The European Dimension“1 ) und Verständnis gegenüber „benachteiligten“ Kulturen die pragmatischen Ziele des interkulturellen bilingualen Geographieunterrichts sein. Neben der Möglichkeit ein interkulturelles Verständnis im bilingualen Unterricht zu entwickeln, spielt die Sprache natürlich auch eine wichtige Rolle und kann als Instrument zur Optimierung der interkulturellen Kompetenz verstanden werden. Denn im bilingualen Geographieunterricht lernt man nicht nur den wissenschaftlichen Wortschatz und Grammatik der Zielsprache, man bekommt auch einen Einblick auf die Kultur des zielsprachigen (Fremdsprachigen) Raums und aufderen Interpretation von anderen kulturellen Gegebenheiten beziehungsweise Gesellschaften.

Dieser eingeleitete Perspektivenwechsel trägt aber nicht nur zum Erforschen fremder Kulturen sondern auch zur Identifikation mit der eigenen Umgebung und Tradition bei. Man spricht in diesem Zusammenhang von „cultural awareness“. Aus diesen und vielen anderen Grünen, die im Laufe meiner Arbeit formuliert werden, sollte der bilinguale Geographieunterricht nicht nur als reine Unterricht in einer fremden Sprache stattfinden, sondern auch durch inhaltliche Modifikationen die Dimension des interkulturellen Lernen bewusst mit einbeziehen.

Ich habe in dieser Arbeit versucht die Probleme und Konfliktzonen des „Interkulturellen Lernens“ zu erläutern. Ich habe versucht einen Überblick über die diffizile Thematik und scheinbar unmögliche Definition des Kulturbegriffs zu geben. Dies gesagt, wünsche ich viel Spaß beim Lesen der Zertifikatsarbeit.

2. Definition des Begriffs „Interkulturelles Lernen“

Der Begriff„Interkulturelles Lernen“ an sich ist bereits ein äußerst universell angelegter Terminus, der sich schwierig in einer engen Definition zusammenfassen lässt. Frederike Klippel versucht dem Interkulturellen Lernen durch drei didaktische Eckpfeiler beziehungsweise Zielbereiche ein Gesicht zu geben: Sprachliche Kompetenz, Informative Umgebungskorrespondenz und Toleranz gegenüber der eigenen sowie fremden Kultur.2 Robert Weberfasst in seinem Buch3 die teils verschiedenen Definitionen des Begriffs „Interkulturellen Lernens“ im europäischen Forschungsraum zusammen. „Gemeinsam ist sowohl der deutschen „Interkulturellen Erziehung“, derfranzösischen „education interculturelle“ und der englischen „multicultural education“, dass sie sich an ausländische und einheimische Schüler als Adressaten wendet und unter Einbeziehung der unterschiedlichen Kulturen versucht, ethnozentrischem Denken entgegenzuwirken und dadurch Vorurteile abzubauen.“4

Auch die UNESCO fasst im Rahen ihrer Empfehlung die Erziehung zu internationaler Verständigung, Zusammenarbeit und Weltfrieden sowie zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten unter dem Begriff „Internationale Erziehung zusammen und definiert sieben Ziele einer solchen Erziehung:5

a) eine Internationale Größenordnung und eine globale Anschauungsweise in der Erziehung auf allen Ebenen und in jeder Form;
b) Verständnis und Achtung gegenüber allen Völkern, ihrer Kultur, ihrer Zivilisation, ihren Werten und Lebensweisen; dies gilt für die Kultur des eigenen Volkes als auch der anderen Völker;
c) Erkenntnis der wachsenden Gegenseitigen Abhängigkeit der Völker und Nationen auf der ganzen Welt;
d) Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen;
e) Erkenntnis nicht nur der Rechte, sondern auch der Pflichten, die den einzelnen, den gesellschaftlichen Gruppen und den Völkern gegenseitig obliegen;
f) Verständnis für die Notwendigkeit internationaler Solidarität und Zusammenarbeit;
g) Bereitschaft des einzelnen, zur Lösung der Probleme der Gemeinschaft, in der es steht, seines Landes und der Welt beizutragen.

Die Empfehlungen der UNESCO beziehen sich zwar nicht singulär auf den Lernenden in der Schule, sondern wohl eher auf einen lebenslänglichen gesellschaftlichen Entwicklungsprozess, so ist ein inhaltliche Nähe zwischen den Termini „Internationale Erziehung“ und „Interkulturelle Erziehung“ gut erkennbar und häufig werden diese Begriffe auch synonym verwendet.6

2.1. Der Kulturbegriff im Kontext einer Internationalen/Interkulturellen Erziehung

Der Terminus der Internationalen Erziehung und Bildung verlangt dennoch eine genauere Eingrenzung des inhärenten Begriffs von Kultur, da die Verwendung dieses Wortes sowohl im allgemeinen als auch im fachwissenschaftlichen Gebrauch sehr vielschichtig und vieldeutig verwendet wird. Nieke geht sogar soweit, dass er von einer Undefinierbarkeit der Kultur zu sprechen. „Angesichts dieser Weite und Vieldeutigkeit des Begriffs Kultur halten vielejeden Versuch, den Begriff einzugrenzen und definieren zu wollen, von vornherein so problematisch, dass sie ihn erst gar nicht unternehmen.“7 Aus diesem Grund möchte ich kurz den Kulturbegriffskizzieren, mit den ich in diese Arbeit verwende. Ich lehne mich hier sehr stark an Andreas Bonnet und Stephan Breidbach an, die „Kultur“ als „[...] dasjenige Konzept in einem interkulturell orientierten Unterricht, das die größte Wirkungsmacht besitzt und das viele didaktische Entscheidungen offen und verdeckt determiniert“8 sehen. Dazu erstellen beide eine Skizze, die den Begriffvon drei Seiten beleuchten soll und wie sich zeigen wird, auch ergänzen.9

2.1.1 Kultur“ als Konstrukt

Reale Gegenstände und Elemente haben keine bestimmte Bedeutung, den Sinn erfahren Dinge erst durch eine mentale Repräsentation. Wir erschaffen ein Bild oder einen Begriff und konstruieren dadurch ein System, welches Stuart Hall als ,,a system, by which all sorts of objects, people or events are correlated with a set of concepts or mental representations which we carry around in our heads“10 bezeichnet. Auf diese Weise wird aus der undefinierten Wirklichkeit unsere definierte Lebenswirklichkeit und „Kultur“ entsteht. Dies wird natürlich dadurch begünstigt, dass eine große Zahl von Menschen, „[...] die im gleichen Kontext sozialisiert werden und leben, annähernd gleiche oder ähnliche konzeptuelle Strukturen entwickeln, im Diskurs zirkulieren und zur Grundlage ihres Verhaltens und Handelns machen“11. Nach dieser Definition bezeichnen wir „Kultur“ also eine Ansammlung von Beschaffenheiten, die eine Gruppe von Menschen ähnlich beziehungsweise gleich interpretiert und somit eine Bedeutung konstruiert.12

2.1.2. „Kultur“ als soziales Konstrukt

In jeder Gesellschaft gibt es eine vorherrschende gefestigte Definition des Konstrukts einer „Kulturgemeinschaft“. Dies umfasst Konzepte, die wir alle für selbstverständlich halten und auch tradieren. Dies führt zu der zentralen Illusion, dass die Wirklichkeit auch tatsächlich so ist, wie es die Gemeinschaft sieht. Klaus P. Hansen sieht darin die Standardisierungen als Kern einerjeden Kultur. „Kultur umfasst Standardisierungen, die in Kollektiven gelten.“13 Dies impliziert auch die Wechselwirkung, dass die eben genannten Kollektive auch als Träger der Standardisierungen gelten und sich nach diesen selbst konstituieren. Schmid bezeichnet die gemeinsame Akzeptanz dieser Standardisierungen in ihrer Gesamtheit als das „Wirklichkeitsmodell einer Gesellschaft“14. Mit diesem Modell sind alle gesellschaftlichen Vorschriften und Definitionen verbunden,

[...]


1 http://www.bayern-bilingual.de/gymnasium/userfiles/Allgemeine_Informationen/Ziele_des_BSU.pdf. zugegriffen am 25.09.11

2 Vgl. Klippel, Frederike: Zielbereiche und Verwirklichung interkulturellen Lernens im Englischunterricht, in: Der fremdsprachlicheUnterricht 1, 1991, S. 15.

3 Weber, Robert: Bilingualer Erdkundeunterricht und internationale Erziehung, Nürnberg 1993.

4 Weber: Internationale Erziehung, S. 4.

5 Deutsche UNESCO-Kommission 1975, Abs 1b. Zit. Nach Weber: Internationale Erziehung, S. 5.

6 Vgl. Weber: Internationale Erziehung, S. 6.

7 Nieke, Wolfgang: Interkulturelle Erziehung und Bildung: Wertorientierungen im Alltag, Wiesbaden 2008, S. 36

8 Hallet Wolfgang: Bilingualer Sachfachunterricht als interkultureller Diskursraum, in: Bonnet, Andreas; Stephan, Breidbach [Hrsg]: Didaktiken im Dialog: Konzepte des Lehrens und Wege des Lernens im bilingualen Sachfachunterricht, Frankfurt2004, S.141.

9 Vgl. Bonnet et al.: Didaktiken im Dialog, S. 142ff.

10 Hall, Stuart [Hrsg.]: Representation: Cultural representatiobs abd signifying practices. London 1997, S. 17.

11 Hallet: Interkultureller Diskursraum, S. 142.

12 Vgl. Hu, Adelheid: Interkulturelles Lernen - Eine Auseinandersetzung mit der Kritik an einem umstrittenen Konzept, in: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 10/2, S. 297f.

13 Hansen, Klaus P.: Kultur und Kulturwissenschaft: Eine Einführung, 2. Aufl., Tübingen 2000, S. 39.

14 Vgl. Schmidt, Siegfried; Zurstiege, Guido: Orientierung Kommunikationswissenschaft - Was sie kann, was sie will, Reinbek 2000, S. 162.

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Details

Titel
Der Kulturbegriff im bilingualen Geographieunterricht
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V183370
ISBN (eBook)
9783656076902
ISBN (Buch)
9783656077473
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturbegriff, geographieunterricht
Arbeit zitieren
Alexander Erhard (Autor), 2011, Der Kulturbegriff im bilingualen Geographieunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183370

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