Rolle und Identität - Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ und die Verfilmung durch Rainer Kaufmann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung – Vorgehensweise

2. Hauptteil
2.1. Literatur und Film
2.2. Identität und Rolle
2.3. Körperlichkeit bei Walser und bei Kaufmann
2.3.1. Helmut Halm
2.3.2. Klaus Buch
2.4. Identität und Rolle – Helmut Halm und Klaus Buch
2.4.1. Identität und Rolle bei Helmut Halm in Walsers Novelle
2.4.2. Halms Identitätskrise – Umsetzung in Kaufmanns Verfilmung
2.4.3. Klaus Buch in der Novelle
2.4.4. Klaus Buch in der Verfilmung

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung – Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit will einen Vergleich zwischen Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ und der gleichnamigen Verfilmung des Regisseurs Rainer Kaufmann aus dem Jahr 2007 leisten. Wie Tilmann Krause in seiner Rezension zu dieser neuen Verfilmung des Walserschen Stoffes schreibt, habe der Autor der literarischen Vorlage nicht nur kräftig am Drehbuch des Filmes mitgewirkt, sondern er lobe „Kaufmanns Arbeit über den grünen Klee“[1]. Walser selbst scheint mit dem Ergebnis der Adaption somit sehr zufrieden zu sein und findet seine Charaktere geglückt ins Medium Film transformiert.

Im Fokus der nun folgenden Komparation steht eine Figurenanalyse der beiden Hauptfiguren Helmut Halm und seinem Antagonisten Klaus Buch. Dabei werden auf der Basis eines psychoanalytischen Ansatzes Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Figurenkonzeption der Novellenvorlage und der Verfilmung durch Kaufmann zu zeigen sein. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Begriffe der Identität und der Rolle zu legen sein, die nicht nur für „Ein fliehendes Pferd“, sondern für das Gesamtwerk Martin Walsers prägend sind. Die Arbeit wird daher die Begriffe „Identität“ und „Rolle“ diskutieren, nicht ohne zuvor die spezifischen Merkmale der Literaturverfilmung im allgemeinen zu beleuchten. Danach tritt die Arbeit in den intermedialen Vergleich von Helmut Halm und Klaus Buch in ihrer je eigenen medialen Inszenierung. In einem abschließenden Teil werden die Erkenntnisse der Gegenüberstellung zwischen Buchvorlage und filmischem Text ausgewertet werden.

2. Hauptteil

2.1. Literatur und Film

Wie jedes neue Medium hatte auch das Medium Film Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine „schwere Kindheit“. So wie derzeit das Internet von vielen nicht unkritisch beäugt wird, wurde auch der Film in seinen Anfangsjahren nicht enthusiastisch als neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeit gewertet, sondern galt vielen „als ein Unterschichtenphänomen“[2] Als Teil der Kulturindustrie betrachteten Adorno und Horkheimer den Film wie alle anderen Massenmedien und somit als volksverdummendes, den Zuschauer zum passiven Konsumenten entstellendes Instrument. Heute ist der Film längst künstlerisches Ausdrucksmittel, er hat eine eigene „Sprache“[3], die beschriebenen Zweifel gegenüber dem Film scheinen eher auf das Medium des Fernsehens übergegangen zu sein. Der Film dagegen hat sich spätestens seit dem Entstehen des Autorenkinos von dem Vorwurf des nur Unterhaltenden erfolgreich gelöst. Diese Emanzipation verdankt das Medium Film seinen Möglichkeiten, die denen der Literatur durchaus nicht unähnlich sind – und die letztlich auch für die starke Bindung von Literatur und Film, für Buchvorlage und Verfilmung, für Film und Buch zum Film verantwortlich sind. Eine Reihe von Gemeinsamkeiten zählt etwa Binder auf, die sich bei den Medien Literatur und Film zweifelsohne wiederfinden:

„das Potenzial zum Erzählen (…) und die Lust, die mit dem Erzählen und mit dem Hören, Sehen und Lesen von Geschichten verbunden ist: die Gestaltung von Emotionen, die Augenblicke von Verstörung und Angst sowie von Mitleben und Mithoffen.“[4]

Neben der Fähigkeit zur Narration eint Film und Literatur die zeitliche Dimension des Linearen.[5] Einen der zentralen Unterscheidungspunkte stellt die Bildgewaltigkeit des Filmes dar: ein Film ist mit dem Abspulen von 20 und mehr Bildern pro Sekunde vor dem Auge des Betrachters ein durchaus konkretes Medium, gerade im Vergleich zur Literatur, zur Schrift im Allgemeinen, die den Gedanken des Rezipienten einen weitaus größeren Spielraum zu lassen vermag als die Bildgewaltigkeit des Films. Innenwelten von Protagonisten lassen sich zudem schwer ins Medium des Films übertragen. Filmisches Erzählen ist – den spezifischen Gegebenheiten geschuldet – in verschiedenen Dingen eingeschränkt, es kann etwa verschiedene Zeitebenen nur durch Tricks in der Montage der Bilder darstellen. Ein anderes, und das wird bei der Verfilmung von Martin Walsers Novelle augenscheinlich, ist der je eigene Umgang von Literatur und Film mit Perspektiven. Während sich Walser stark auf die Perspektive Helmut Halms konzentriert, ist eine analoge Leistung der Adaption von Kaufmann mit filmischen Mitteln schwer möglich: die Figur, der Charakter Helmut Halm muss sich im Film dem Rezipienten anders erschließen als die Novelle das zu tun vermag. Was Halm im Film denkt, muss von ihm artikuliert werden um vom Zuschauer erfasst zu werden.

So lässt sich für das Verhältnis von Literatur und Film ein erstes Zwischenfazit ziehen. Auf der einen Seite scheinen beide Medien füreinander geschaffen zu sein, da es sich um Narrationsmedien handelt, andererseits wäre es fatal zu meinen, Literatur ließe sich 1:1 als Film adaptieren und umgekehrt, weil beide Medien ihre je eigenen Stärken besitzen, die im jeweils anderen Medium so nicht umgesetzt werden können. Vielleicht ist es daher falsch von Literaturverfilmungen zu sprechen, weil der Begriff eine analoge Übertragung des Textes suggeriert. Passender scheint das Wort der Literaturadaption zu sein, da es von einer Anpassung der literarischen Vorlage an das Medium Film ausgeht. Gleich welchen Begriff man für sich fruchtbar machen mag, so wird doch deutlich, dass Literaturverfilmungen an der Nahtstelle zwischen zwei Medien beiden Seiten genügen müssen: sie müssen als eigenständiger Film funktionieren und ebenso den Anspruch erfüllen, die zu Grunde liegende Literatur adäquat umzusetzen.[6] Als Hindernis erweist sich dabei meist bereits die Stofffülle von Literatur, die der Filmtext kaum in Gänze abbilden kann; man muss daher von einem Prozess ausgehen, „der auf der Übertragung von Konzepten beruht, die aus dem literarischen Text abstrahiert werden“[7] Die Literaturadaption ist demnach eine „Variation der Geschichte“[8], ihre spezifische Leistung liegt in der „Reflexionsleistung und (…) Übersetzungsleistung in ein anderes Medium“[9].

Als solches ist auch die Verfilmung von Walsers „Ein fliehendes Pferd“ durch Rainer Kaufmann als Übersetzungsleistung und als Variation der Geschichte zu sehen. Nichtsdestotrotz werden zentrale Elemente der Novelle von Kaufmann aufgegriffen, dies zeigt sich nicht zuletzt an der zuweilen wörtlichen Zitation des Walserschen Textes, der den Schauspielern in den Mund gelegt wird. Identität und Rollenverhalten – für die Protagonisten in „Ein fliehendes Pferd“ ein zentraler Interpretationsansatz, spielen auch in der Verfilmung aus dem Jahr 2007 eine fokussierte Rolle. Sie können daher als Grundlage für einen Vergleich beider Texte herangezogen werden.

2.2. Identität und Rolle

Diesem Vergleich soll eine Diskussion der Begriffe „Identität“ und „Rolle“ beziehungsweise „Rollenverhalten“ vorangestellt werden, da diese in Walser Werk allgemein und in „Ein fliehendes Pferd“ im speziellen einen zentralen Platz einnehmen.

In der Diskussion um den Identitätsbegriff hat William J. James ein bis heute Anerkennung findendes Modell entworfen. Die menschliche Identität setze sich zusammen aus dem materiellen, dem sozialen und dem geistigen Selbst.[10] Identität ist dabei keineswegs statisch oder gar dem Menschen von Geburt an gegeben. Vielmehr entwickelt ein Individuum diese „im Verlaufe der Sozialisation durch Interaktionen mit anderen und durch das Lernen von sozialen Rollen“[11]. Es handelt sich bei der menschlichen Identität somit um ein sich ständig in Veränderung und Entwicklung befindliches Phänomen. Zudem ist Identität zu sehen als ein relationaler Begriff[12], der sich nur im Vergleich mit anderen konstituiert. Anschaulich kann diese These zum Beispiel an interkulturellen Prozessen gemacht werden; in einer fremdkulturellen Begegnungssituation werden (kulturelle) Unterschiede augenscheinlich – und mit der Feststellung dieser Differenz nimmt man freilich auch eine Definition der eigenen Identität vor.

[...]


[1] Krause 2007.

[2] Binder 2008. S.31.

[3] Zitiert bei Binder 2008. S.41.

[4] Binder 2008. S.42.

[5] Vgl. Binder 2008. S.42. Binder weist im gleichen Atemzug aber darauf hin, dass für den Film ein doppelter Spannungsbogen charakteristisch sei. Linear durch die Sprache, sei Film durch die Audiovision zusätzlich simultan codiert.

[6] Vgl.Binder 2008. S.46.

[7] Binder 2008. S.46.

[8] Zitiert bei Binder 2008. S.48.

[9] Binder 2008. S.47.

[10] Vgl. Engler 2001. S.77.

[11] Zitiert bei Engler 2001. S.77.

[12] Engler 2001. S.77.

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Details

Titel
Rolle und Identität - Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ und die Verfilmung durch Rainer Kaufmann
Hochschule
Universität Regensburg
Veranstaltung
Hauptseminar Literaturverfilmungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V183375
ISBN (eBook)
9783656075905
ISBN (Buch)
9783656643906
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Helmut, Halm, Klaus, Buch, Martin, Walser, Rainer, Kaufmann, fliehendes, Pferd, Rolle, Identität, Literaturverfilmung
Arbeit zitieren
Dominik Hämmerl (Autor), 2009, Rolle und Identität - Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ und die Verfilmung durch Rainer Kaufmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183375

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