Die Funktion der politischen Sangsprüche von Walther von der Vogelweide - Eine Untersuchung am Beispiel des Reichstones


Seminararbeit, 2000
19 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Reichston
2.1 Die Reichsklage
2.2 Die Kirchenklage

3 Die Weltklage

4 Die politische Funktion der Weltklage

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wenigen Dichtern der deutschen Literatur ist ein solches Interesse seitens der Forschung zuteil geworden wie Walther von der Vogelweide. Obwohl man über sein Leben nur sehr wenig weiß, ist der Umfang seiner Werke unerschöpflich. Der Reichston gehört zu seinen bekanntesten Werken, besonders die Reichsklage erlangte große Berühmtheit.

Der Reichston soll in dieser Arbeit näher untersucht werden. Der Schwerpunkt liegt hier in der politischen Funktion des Spruches. Er gilt als einer der ersten Sangsprüche Walthers, in denen er politische Themen verwendet. Dies ist besonders sinnvoll für die Arbeit, da anhand des Reichstons der Grund erkannt werden kann, was Walther zu dieser Innovation veranlaßte. Um dies herauszufinden, werde ich mich auf die Weltklage, die zweite Strophe der Reichsklage, konzentrieren. Sie gilt als die politisch konkreteste Strophe.

Zu Beginn untersuche ich die Entstehung des Reichstons und seine Besonderheiten. Ein Blick auf die erste und dritte Strophe soll einer besseren Grundlage dienen. Allerdings werden sie hier nur kurz zusammengefaßt. Anschließend bespreche ich die Weltklage und gehe ausführlich auf ihre politische Funktion ein. Beim Zusammenfassen der Ergebnisse wird deutlich werden, daß die Möglichkeiten der literarischen Umsetzung von politischen Themen ebenfalls ein wichtiger Bestandteil von Walthers Sangspruchlyrik sind.

2 Der Reichston

Zu Beginn der Arbeit möchte ich den Reichston von Walther von der Vogelweide vorstellen. Die historischen politischen Ereignisse werden dabei nur am Rande erwähnt.[1] Die Zusammengehörigkeit der drei Strophen sowie Walthers Beweggründe für den Wechsel von Minnesang zur Sangspruchdichtung spielen eine größere Rolle. Im Anschluß daran werde ich versuchen zu klären, ob der Reichston eine Auftragsarbeit war oder ob er von Walther selbst verfaßt wurde. Dies ist deshalb von Bedeutung, da das Ergebnis für die Interpretation der einzelnen Strophen eine wichtige Rolle spielt.

Der Reichston gilt als einer der ersten Sangsprüche Walthers[2] und besteht aus drei Strophen: der Reichsklage, der Weltklage und der Kirchenklage. Die ersten beiden Strophen sollen im Jahr 1198 und die dritte im Jahr 1201 von Walther verfaßt worden sein.[3] Der Reichston soll zum ersten Mal zwischen dem 8. März und 5. April 1198 zur Königswahl Philipps von Walther vorgetragen sein.[4]

Im Reichston verwendet Walther von der Vogelweide zum ersten Mal politische Themen. Bis dahin handelten die Sangsprüche von Religion, Weisheit, Moral oder dem sozialen Gefälle zwischen Autor und Herr.[5] Als mögliche Gründe für diese Innovation werden die damals aktuellen politischen Ereignisse, der typische Aufbau des Sangspruches und der plötzliche Lebenswandel von Walther von der Vogelweide genannt.[6] Im Jahr 1197 war nach dem Tod von Kaiser Heinrich VI. dessen Nachfolge nicht eindeutig geklärt. Der Thronstreit zwischen dem Welfen Otto von Poitou und dem Staufer Philipp von Schwaben war für Bevölkerung von großer Bedeutung. Die Menschen waren also an aktuellen politische Themen interessiert. Der Sangspruch bietet durch seine Einzelstrophe die Möglichkeit, einen bestimmten Sachverhalt konkret und präzise zu formulieren. Zu dem selben Zeitpunkt ändert sich auch noch die Lebenssituation von Walther durch den Tod seines damaligen Mäzen, Friedrich I. von Österreich. Er verliert am Wiener Hof seine Stellung und reist durch das Land, um eine neue Stellung zu finden. So greift er also zur Fahrendenlyrik, dem Sangspruch.[7] Walthers Wechsel von Minnesang zu Sangspruchdichtung ist also durch viele äußere Einflüsse begründet.

Die Zusammengehörigkeit der drei Strophen wird in ihrer einheitlichen Thematik deutlich. In jeder der drei Klagen spielt die Ordnung eine Rolle; die im Reich, in der Welt und der Kirche.[8] Auch die Einleitung (ich saz, ich hôrte, ich sach) läßt auf eine Zusammengehörigkeit schließen. So beginnt jeder Spruch mit dem Motiv des Sehers oder Visionärs.[9] Der Aufbau der drei Strophen ist ebenfalls ähnlich. So beginnen alle drei mit einem anschaulichen Beispiel oder einer einführenden Einleitung, erst zum Schluß wird die beabsichtigte Aussage deutlich. Aus diesen Gründen kann man also davon ausgehen, daß die drei Sprüche zusammengehören.

Für die Interpretation des Reichstones ist es wichtig zu wissen, aus welchem Grund Walther den Spruch verfaßte. In der Forschung werden drei unterschiedliche Meinungen vertreten. So soll der Reichston in Auftrag gegeben worden sein,[10] Walthers Reichsidee darstellen[11] oder nur von Walther verfaßt worden sein, um eine neue Stellung zu finden.[12]

Wurde der Reichston in Auftrag gegeben, so muß Walther hier nicht unbedingt seine eigene Meinung vertreten. Es ist dann viel eher möglich, daß sein Auftraggeber den Inhalt vorgab. So kann man also nur mit Vorsicht von der Aussage des Liedes auf Walther schließen. In der Forschung wird der Auftraggeber meist unter den staufisch gesinnten Fürsten vermutet, selten wird auch Philipp als Mäzen angenommen.[13] Es ist aber eher unwahrscheinlich, daß Philipp Walther beauftragte, da die gesellschaftliche Stellung des Sängers zu diesem Zeitpunkt nicht so hoch war, um mit Philipp persönlich bekannt gewesen zu sein.[14] Selbst die Wahrscheinlichkeit, daß ein staufischer Fürst der Auftraggeber war, wird in der Forschung nur als recht gering in Betracht gezogen. Eine Auftragsarbeit ist also eher auszuschließen.[15] Meines Erachtens konnte Walther trotz seines sicherlich guten Rufes in der kurzen Zeit vom Verlassen des Wiener Hofes bis zum Vortrag des Reichstones keinen höheren Adligen als neuen Auftraggeber gewinnen.

Der zweite mögliche Grund für die Entstehung des Reichstones soll Walthers politische Überzeugung gewesen sein. Walther habe sein ganzes Leben für seine Reichsidee gekämpft, die in der Stärkung der Zentralgewalt bestand. Mit diesem Anliegen wäre er bei Philipp richtig gewesen, da er für die Zentralgewalt eintrat.[16] Bezieht man in diese Überlegung Walthers spätere Werke mit ein, so wird deutlich, daß er für viele unterschiedliche Auftraggeber Lieder verfaßte, die in ihrer politischen Gesinnung gegen die Reichsidee stimmten.[17] Dies kann jedoch bedeuten, daß Walther diese Aufträge nur angenommen hatte, da er materielle und finanzielle Unterstützung brauchte. Dies ist durchaus möglich, würde aber bedeuten, daß Walther seine Reichsidee verleugnete. Es ist daher eher anzunehmen, daß Walther gar keine politischen Ideale hatte, für die er kämpfte.

Damit kann davon ausgegangen werden, daß der Reichston von Walther verfaßt wurde, um eine neue Stellung zu bekommen. Dafür spricht auch der von den Wissenschaftlern angenommene Vortragsort.[18] Zur damaligen Zeit war es wohl üblich, daß stellungslose Sänger zu großen Veranstaltungen oder Feiern reisten, um dort einen neuen Auftraggeber zu finden.[19] Dies kann auch auf Walther zutreffen. Er konnte davon ausgehen, daß nur staufisch gesinnte Fürsten anwesend waren, die für seine politische Parteiergreifung für Philipp empfänglich waren. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Wahl des Themas wahrscheinlich nur Berechnung gewesen.[20] Seine Propaganda für Philipp kann demnach nur Mittel zum Zweck gewesen sein.

Trotz der Argumente, der Reichston diente zur Bewerbung als Minnesänger, können die anderen Möglichkeiten nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Diese Problematik werde ich in den nächsten Kapiteln mit berücksichtigen.

[...]


[1] Eine ausführliche Darstellung der Geschehnisse findet sich bei Schweikle, Günther (Hrsg.): Walther von der Vogelweide. Werke, Bd. 1 Spruchlyrik, S. 335 ff; Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, S. 19; Hahn, Gerhard: Möglichkeiten und Grenzen der politischen Aussage in der Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, S. 338.

[2] Ulrich Müller, in: Brunner, u.a., Walther von der Vogelweide. Epoche-Werk-Wirkung, S. 145, der davon ausgeht, daß Walther schon vorher Sangsprüche verfaßt haben kann.

[3] Siehe Kern, Peter: Der Reichston – das erste politische Lied Walthers von der Vogelweide?, S. 344 f.; Nellmann, Eberhard: Spruchdicher oder Minnesänger? Zur Stellung Walthers am Hof Philipps von Schwaben, S. 39 f.; Mohr, Wolfgang: Der „Reichston“ Walthers von der Vogelweide, S. 46.

[4] Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, S. 37.

[5] Hahn, Gerhard, in: Brunner, u.a., Walther von der Vogelweide. Epoche-Werk-Wirkung, S. 16.

[6] Nellmann, Eberhard: Spruchdicher oder Minnesänger? Zur Stellung Walthers am Hof Philipps von Schwaben, S. 44 f.

[7] Siehe auch Nellmann, Eberhard: Spruchdicher oder Minnesänger? Zur Stellung Walthers am Hof Philipps von Schwaben, S. 44 ff.; sowie Göhler, Peter: „Ich hôrte ein wazzer diezen“, S. 981.

[8] Mohr, Wolfgang: Der „Reichston“ Walthers von der Vogelweide, S. 50.

[9] So Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, S. 15.

[10] Müller,Ulrich, in: Brunner, u.a., Walther von der Vogelweide. Epoche-Werk-Wirkung, S. 150; Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, S. 39, der aber auch eine Bewerbung in Betracht zieht.

[11] Göhler, Peter: „Ich hôrte ein wazzer diezen“, S. 991.

[12] Nolte, Theodor: Sänger des Reiches oder Lohndicher? Walther von der Vogelweide und die deutschen Könige, S. 335; Hahn, Gerhard: Möglichkeiten und Grenzen der politischen Aussage in der Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, S. 349; Nellmann, Eberhard: Spruchdicher oder Minnesänger? Zur Stellung Walthers am Hof Philipps von Schwaben, S. 46.

[13] Vernutlich im Auftrag eines staufischen Fürsten Müller, Ulrich, in: Brunner, u.a., Walther von der Vogelweide. Epoche-Werk-Wirkung, S. 150; Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, S. 39 zieht eine Bewerbung und Auftragsarbeit in Betracht.

[14] Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, S. 31.

[15] Nolte, Theodor: Sänger des Reiches oder Lohndicher? Walther von der Vogelweide und die deutschen Könige, S. 319.

[16] Göhler, Peter: „Ich hôrte ein wazzer diezen“, S. 993.

[17] Siehe Nolte, Theodor: Sänger des Reiches oder Lohndicher? Walther von der Vogelweide und die deutschen Könige, S. 334.

[18] Der Reichston soll von Walther entweder zur Wahl Philipps in Thüringen oder zu dessen Krönung in Mainz zum ersten Mal vorgetragen haben Marzo-Wilhelm, Eric: Walther von der Vogelweide. Zwischen Poesie und Propaganda, S. 22.

[19] Siehe Marzo-Wilhelm, Eric: Walther von der Vogelweide. Zwischen Poesie und Propaganda, S. 26.

[20] Marzo-Wilhelm, Eric: Walther von der Vogelweide. Zwischen Poesie und Propaganda, S. 27.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der politischen Sangsprüche von Walther von der Vogelweide - Eine Untersuchung am Beispiel des Reichstones
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar II: Walther von der Vogelweide, SS 1998
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V18349
ISBN (eBook)
9783638227179
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktion, Sangsprüche, Walther, Vogelweide, Eine, Untersuchung, Beispiel, Reichstones, Proseminar
Arbeit zitieren
Ellen Rennen (Autor), 2000, Die Funktion der politischen Sangsprüche von Walther von der Vogelweide - Eine Untersuchung am Beispiel des Reichstones, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18349

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