Internationale Wanderung in Afrika


Hausarbeit, 2011

31 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Internationale Migration – ein theoretischer Exkurs
2.1 Definition, Typisierung und generelle Ursachen
2.2 Zeitliche und räumliche Eingrenzung
2.3 Themenspezifische Bearbeitungsprobleme

3 Internationale Wanderungsprozesse in Afrika
3.1 Arbeitsmigration
3.1.1 Hauptregionen der Arbeitsmigration
3.1.2 Ursachen der arbeitsorientierten Migration
3.1.3 Folgewirkungen in Ab- und Zuwanderungsland
3.2 Flüchtlingsmigration
3.2.1 Herkunftsgebiete der afrikanischen Flüchtlingen
3.2.2 Ursachen für Fluchtbewegungen
3.2.3 Folgen der Zwangsmigration
3.3 Interkontinentale Migration
3.3.1 Irreguläre Migration
3.3.2 Abwanderung von Humankapital

4 Fazit und Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Abhängigkeit vom Geldtransfer - Die 10 abhängigsten Staaten 2004

Abbildung 2: Entwicklung der Flüchtlingszahlen Afrikas ab 1992

Abbildung 3: Anzahl bewaffneter Konflikte in den afrikanischen Länder seit 1964

Abbildung 4: Wichtigste Migrationsrouten (1997-2008) auf dem Land- und Seeweg irregulärer Migranten aus West- und Ostafrika in Richtung Europa

Abbildung 5: Anzahl der Todesopfer an der Außengrenze der EU

Tabelle 1: Anzahl ausländischer Arbeitskräfte in Nigeria nach Ursprungsland 1970 - 1984

Tabelle 2: Entwicklung der Flüchtlingszahlen in den Großregionen der Erde seit 1970 (in Millionen)

Tabelle 3: Die 10 größten Aufnahmeländer neuer Flüchtlingen 2009 und deren HDI-Rang

Tabelle 4: Durchschnittliche jährliche Netto-Migration 2005 bis 2010 (in Tausend)

Tabelle 5: Flucht des Humankapital in OECD-Länder (25+ Jahre, in % der heimischen Arbeitskraft)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Mit dem Aufflammen der Demokratiebewegungen in Nordafrika und den daraus resultierenden zum Teil bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den dortigen Ländern nahmen auch die Meldungen über Flüchtlingsboote aus Afrika, die an der Küste Italiens landen, zu. In der Regel wird durch diese vermehrte Berichterstattung eine Art „Schreckensszenario“ in der europäischen Bevölkerung verbreitet. Es wird von einer Flüchtlingswelle ungeahnten Ausmaßes ausgegangen. Es scheint die vermehrte Meinung in Europa zu bestehen, dass alle Afrikaner ihren Kontinent den Rücken kehren und nach Europa emigrieren wollen. Allerdings sind die Migrationsströme aus Afrika nach Europa, wie noch darzustellen ist, nur ein kleiner Bestandteil des Gesamtmigrationsbildes des afrikanischen Kontinentes. Ein weitaus größerer Teil der Bevölkerungsbewegungen finden auf dem Kontinent selber statt.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, diese skizzierte (europäische) Sichtweise auf die afrikanische Migration zu korrigieren und eine (möglichst) detaillierte Darstellung der internationalen Wanderungsbewegungen in und aus Afrika vorzunehmen. Zunächst wird im zweiten Kapitel ein kurzer theoretischer Überblick über die Migrationsproblematik gegeben, in dem der Begriff der „internationalen Migration“ definiert und eine allgemeine Typisierung der Migration vorgestellt wird. Zusätzlich wird auf die speziellen Probleme hinsichtlich der Beschreibung von internationalen Migrationsprozessen in Afrika eingegangen. Im Anschluss wird im dritten Kapitel ein umfassender Überblick über die wichtigsten Formen der internationalen Migration in Afrika, deren Hintergründe, Ausmaße, Ursachen und Folgen gegeben. Im letzten Kapitel wird ein Fazit vorgestellt sowie eine Zusammenfassung gegeben.

2 Internationale Migration – ein theoretischer Exkurs

In Anbetracht der Zielsetzung dieser Arbeit ist für das weitere Vorgehen eine klare Abgrenzung des Themenfelds „Migration“ notwendig. Neben einer kurzen räumlichen und zeitlichen Eingrenzung der Betrachtungsebene wird zunächst eine allgemeine Definition des Begriffs „internationale Wanderung“ vorgenommen, auf deren Typisierung und generelle Ursachen eingegangen. Im Anschluss werden einige problematische Aspekte, die sich im Rahmen einer Beschäftigung mit diesem Thema ergaben, vorgestellt.

2.1 Definition, Typisierung und generelle Ursachen

Bezüglich einer definitorischen Eingrenzung, der in dieser Arbeit im Fokus stehenden internationalen Migration, ist es sinnvoll sich zunächst dem übergeordneten Begriff der „Migration“[1] zu zuwenden. Grundlegend ist dieser als ein räumlicher Prozess, in dem ein „[…] permanenter oder zeitweiliger Wohnsitzwechsel aus einer administrativen Raumeinheit in einen anderen, oft weit entfernt gelegenen Wohnort […]“ (Marston & Knox, 2001, S 150) stattfindet, zu verstehen. Dieser Prozess kann hinsichtlich der zurückgelegten Distanz und/oder der Art der Grenze, die bei dieser räumlichen Bewegung überschritten wird, weiter differenziert werden. Findet eine Wohnsitzwechsel innerhalb einer staatlichen Grenze statt, bezeichnet man diesen Prozess als „Binnenmigration“, wohingegen die Überschreitung einer nationalen Grenze als „internationale Migration“ betitelt wird (Bähr, 2004; Marston & Knox, 2001). Nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) zählten Mitte 2010 rund 214 Millionen Menschen als internationale Migranten, vor 20 Jahre waren es rund 60 Millionen Menschen weniger, was die steigende Bedeutung eindrucksvoll unterstreicht (Voß, 2011). Als Ursache für den generellen Anstieg der internationalen Migration werden die „three d´s“ hervorgehoben: development, demography und democracy. Vielfach wird im Zusammenhang mit den Migrationsursachen die Push-and-Pull-Theorie verwendet. Dabei werden zum einen die Gründe für das Verlassen einer Region (Push-Faktoren) und zum anderen jene Faktoren, die eine Region als Ziel für die Migration attraktiv machen (Pull-Faktoren), betrachtet (Croll, 2011; Leser, 2005). Auf die genauen Ursachen der jeweiligen Migrationsform wird in den einzelnen Abschnitten des dritten Kapitels Bezug genommen.

Im Zuge dieser Arbeit wird ausschließlich das Augenmerk auf die grenzüberschreitenden Wanderungen gelegt und somit die innerstaatlichen Migrationsprozesse ausgeklammert. Bezüglich einer weiteren Untergliederung der internationalen Migration liegt in der wissenschaftlichen Literatur eine Vielzahl von Versuchen vor. Allerdings muss konstatiert werden, dass es bis zum jetzigen Zeitpunkt zu keinem „[…] befriedigenden Konsens gekommen wäre“ (Kemper & Kuls, 2002, S 193). Es liegen Typologien anhand verschiedener Kriterien vor, u.a. über räumliche Dimensionen, wie Zielrichtung oder die zurückgelegte Distanz, aber ebenso über zeitliche Aspekte, über den Umfang der Migration oder mittels der Wanderungsentscheidung bzw. – ursachen (Bähr, 2004). Auf eine genaue Darstellung dieses Diskurses wird an dieser Stelle verzichtet. Die für diese Arbeit ausschlagegebende Typisierung unterteilt die internationale Migration in „freiwillige Migration“ und „Zwangsmigration“, in denen sich aber wiederum spezielle Wanderungsformen unterscheiden lassen (Croll, 2011; Voß, 2011; Wiese, 1997).

2.2 Zeitliche und räumliche Eingrenzung

Seitdem der Kontinent im 19. Jahrhundert in den Fokus der modernen Wissenschaft rückte, waren Migration und Mobilität immer ein zentrales Thema im wissenschaftlichen Diskurs über Afrika. Dabei war aber vor allem der historische Migrationsstrom des Sklavenhandels ein zentrales Thema (Bilger & Kraler, 2005). Der Fokus dieser Arbeit wird allerdings auf die „modernen“ Migrationsgeschehnisse gelegt, d.h. auf die Zeit nach Beginn der Dekolonialisierung und Nationalstaatenbildung in den 1960er Jahren. Dies begründet sich u.a. aus der Nichtverfügbarkeit von Daten über internationalen Wanderungsbewegungen zu Kolonialzeiten sowie aus dem Aspekt, dass erst in den 60er und 70er Jahren eine deutliche Dynamisierung der Migrationsprozesse zu beobachten war.

Hinsichtlich der räumlichen Eingrenzung bezieht sich die Arbeit zum Großteil auf den afrikanischen Kontinent, lediglich im Kapitel 3.3 wird Bezug auf eine andere Region der Welt genommen. Im Laufe der Arbeit finden sich häufig bestimmte Regionsbezeichnungen, u.a. Westafrika, Zentralafrika, Ostafrika, Nordafrika, subsaharischer Raum, Afrika südlich der Sahara, südliches Sahara oder Maghreb-Staaten. Es wird versucht, eine gewisse Konsistenz bei der Verwendung dieser Begriffe einzuhalten, allerdings ist diese nicht in allen Fällen möglich, da vielfach in der Literatur keine Angaben über die genauen Länderzugehörigkeiten gemacht werden und auch bei den internationalen Organisationen die Regionsbezeichnungen und Zugehörigkeiten unterschiedlich sind[2].

2.3 Themenspezifische Bearbeitungsprobleme

Bezüglich der Beschäftigung mit dem Thema der internationalen Migration in Afrika sind insbesondere drei problematische Aspekte hervorzuheben. Zum ersten ist es die Verfügbarkeit von aussagekräftigen und aktuellen Daten. Generell ist die internationale Migration auf Grund von unterschiedlicher Qualität von Meldesystemen schwer erfassbar (Voß, 2011). Die Lage in den afrikanischen Ländern stellt sich aber noch weitaus problematischer dar, da mangels einer adäquaten statistischen Erfassung der Migration kaum verlässliche bzw. nicht aktuelle Daten vorliegen (Borchers & Breustedt, 2008; van Dijk, Foeken, & de Bruijn, 2002). Zum zweiten ergeben sich erhebliche Probleme aus dem bestehenden Begriffswirrwarr, insbesondere bezogen auf die Migrationsform der Flüchtlinge. In vielen Publikationen und Untersuchungen werden nur die Menschen, welche auf Basis der Genfer Flüchtlingskonvention als Flüchtlinge zählen, einbezogen (genaue Definition in Kapitel 3.2). Die weitaus größere Zahl der Binnenflüchtlinge („internally displaced persons“) werden unbeachtet gelassen, da sie zwar de facto meist aus den gleichen Gründen wandern, aber dabei keine Staatsgrenze überschreiten. Gleiches ergibt sich in Bezug auf die so genannten Umweltflüchtlinge[3]. Diese überschreiten zwar internationale Grenzen, unterscheiden sich aber auf Grund ihrer Beweggründe zu den „erfassten“ Flüchtlingen (Nuscheler, 2004). Ein drittes Problem liegt in der Priorität und Ausrichtung der wissenschaftlichen Untersuchungen. Eine Vielzahl von Studien und Untersuchungen sind punktuelle Arbeiten, die sich überwiegend mit den attraktivsten Migrationszielen – insbesondere Südafrika – beschäftigten. Zusätzlich steht die Süd-Nord-Wanderung im wesentlichen Fokus der Wissenschaft, wodurch auch die verzerrende Darstellung durch die Medien zum Teil begründet wird (van den Boom, 2003; Croll, 2011).

Infolge dessen ist eine detaillierte Darstellung der internationalen Wanderungsprozesse in Afrika kaum möglich. Daher beschränken sich die folgenden Ausführungen auf die wesentlichen Migrationsströme.

3 Internationale Wanderungsprozesse in Afrika

Afrika wird vielfach in der wissenschaftlichen Literatur als der Kontinent mit der höchsten Mobilität dargestellt[4] (Bilger & Kraler, 2005). Dabei finden aber ein Großteil der grenzüberschreitenden Wanderungen innerhalb des Kontinentes zwischen den einzelnen afrikanischen Staaten statt (Baraulina, Kreienbrink, & Riester, 2011; Bauer, 2009; Kohnert, 2006). Dieser Aspekt wird auch von einem UN-Bericht aus dem Jahr 2009 unterstrichten, in dem deutlich betont wird, dass die „[…] vorgestellten Erkenntnisse [in dem Bericht] ein neues Licht auf einige verbreitete Fehleinschätzungen“ hinsichtlich der internationalen Migration werfen (DGVN, 2009, S 2). Ein wesentlicher Fakt ist, dass weniger als 40 Prozent der internationalen Migration aus einem Entwicklungsland in ein Industrieland führen, sondern ein Großteil zwischen den Entwicklungsländern selber stattfindet (Düvell, 2006; Kahlweit, 2009; King, 2010). Die aktuellsten Schätzungen gehen davon aus, dass rund 15 Millionen Afrikaner als Migranten in einem anderen afrikanischen Land leben (Croll, 2011).

In diesem Kapitel werden die zwei wesentlichsten Migrationsformen des afrikanischen Kontinentes vorgestellt. Dafür wird sich zunächst der Arbeitsmigration als die Hauptform der freiwilligen Wanderung angenommen, um daran anschließend als eine Form der Zwangsmigration die Flüchtlingsproblematik vorzustellen. Zusätzlich wird in einem dritten Abschnitt auf zwei spezielle Migrationsformen, welche über die Grenzen des afrikanischen Kontinents führen, eingegangen. Diese sind in ihrem Umfang zwar weniger bedeutsam, werden aber auf Grund ihrer hohen Aktualität bzw. ihrer schwerwiegenden Folgen für die afrikanischen Länder in die Betrachtung einbezogen. Weitere Formen der internationalen Wanderungsbewegung in Afrika, wie die Migration von Händlern und Händlerinnen, Pilgermigrationen oder Nomadenwanderungen, werden auf Grund ihres zum Teil geringen Umfanges, aber insbesondere in Folge von Abgrenzungsproblemen, aus der folgenden Betrachtung ausgeschlossen (Bähr, 2004; Wiese, 1997).

3.1 Arbeitsmigration

Als eine der wesentlichsten Wanderungsformen in Afrika lässt sich die Arbeitsmigration identifizieren. Vielfach wird in diesem Zusammenhang auch von einer Form der „zirkulären Migration“ gesprochen. Darunter wird eine „[….] vorübergehende, wenn auch oft mehrere Monate oder gar Jahre andauernde Periode der Migration [verstanden]“ (Hahn, 2004, S. 383). Es liegen Schätzungen von rund 20 bis 25 Millionen[5] innerafrikanischen Arbeitsmigranten vor, wobei es vor allem junge Männer sind, die im überwiegenden Maße dieser Migrationsform praktizieren. Allerdings sind genauere Erkenntnisse über diese Migrationsgruppe kaum vorhanden (Nuscheler, 2004). Die internationale Arbeitsmigration findet dabei in großem Umfang in Nord-, Süd- und Westafrika statt (Wiese, 1997). Im Folgenden wird auf die einzelnen Regionen genauer eingegangen.

3.1.1 Hauptregionen der Arbeitsmigration

In Nordafrika waren es vor allem Libyen und in geringeren Maße auch Algerien, die Hauptziele für Arbeitsmigranten aus den Nachbarländern Mali, Niger und Tschad darstellten. Dabei zog Libyen auf Grund seines enormen Ölreichtums auch Migranten aus den anderen Maghreb-Staaten, aber auch teilweise aus Westafrika an (Baraulina u. a., 2011). Die aktuellen Entwicklungen lassen aber vermuteten, dass sich dieser Migrationsstrom umgekehrt hat. Viele der ausländischen Arbeitskräfte verlassen auf Grund der bürgerkriegsähnlichen Zustände das Land verlassen und versuchen in ihre Heimatländer zurückgekehrt (Netzwerk Migration in Europa, 2011).

Westafrika stellt die Hauptregion der innerafrikanischen Arbeitsmigration[6] dar. Dabei zieht es die Menschen vor allem aus der Savannen- und Sahelzone (Mali, Burkina Faso, Niger) in die Länder an der Küste Westafrikas, vorwiegend Ghana, Senegal, Elfenbeinküste und Nigeria (Hahn, 2004; Nuscheler, 2004). Allerdings sind diese Bewegungen kaum statistisch erfasst. Lediglich für die Elfenbeinküste und Nigeria lassen sich quantitative Aussagen treffen. Bereits seit den 60er Jahren war die Elfenbeinküste eines der Hauptziele für Arbeitsmigranten in Westafrika, was sich vor allem aus dem Bedarf an saisonallen Arbeitskräften im Kakaoanbau begründete. Bis Ende der 80er Jahre strömten so rund 2 Millionen Gastarbeiter in das Land und machten zu diesem Zeitpunkt rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Ein Großteil der Menschen stammte dabei aus dem benachbarten Burkina Faso sowie den Ländern Mali und Guinea. Im Zuge der wirtschaftlichen Rezession in den 80er Jahren verringerte sich die Nachfrage nach ausländischen Arbeitskräften[7]. Dennoch hielt die Arbeitsmigration in die Elfenbeinküste bis in die 90er Jahre an. Mit dem Einsetzen des Bürgerkrieges endete jedoch die Phase der Arbeitsmigration (van den Boom, 2003; van Dijk u. a., 2002; Wiese, 1997). Nigeria war auf Grund seiner Wirtschaftsleistung und seiner Erdölvorkommen gleichermaßen bevorzugtes Ziel der Arbeitsmigranten in Westafrika. Mit der wirtschaftlichen Rezession in Ghana in den 70er Jahren, welches zuvor selbst Ziel der Arbeitsmigration war, stieg die Zahl der ghanaischen Arbeitskräfte in Nigeria von 1970 bis 1984 sehr stark an. Aber auch aus anderen westafrikanischen Staaten strömten die Menschen nach Nigeria (vgl. Tabelle 1) (Nuscheler, 2004).

Tabelle 1: Anzahl* ausländischer Arbeitskräfte in Nigeria nach Ursprungsland 1970 - 1984

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: van den Boom (2003), S. 336, Tabelle 1

Als dritte Hauptregion der Arbeitsmigration lässt sich Südafrika identifizieren. Die dortigen Migrationsströme wurden bereits im 19. Jahrhundert durch die Kolonialmächte forciert, da durch den beginnenden Gold-, Diamanten- und Steinkohlebergbau eine große Zahl an Arbeitskräften benötigt wurde. Die Arbeitsmigration nach Südafrika fand ihren Höhepunkt mit der beginnenden Industrialisierung in den 60er Jahren, in dessen Folge bis zu Beginn der 80er rund 400.000 Arbeiter aus den Nachbarstaaten und rund 1,5 Millionen Arbeiter aus den kleinen Binnenstaaten und den Autonomiestaaten Swasiland und Lesotho im Bergbau und in der Plantagenwirtschaft beschäftigt waren. Mit der beginnenden wirtschaftlichen Rezession kam es zu einer Entlassungswelle. Dennoch arbeiteten in der Mitte der 90er Jahre immer noch rund 166.000 Ausländer in afrikanischen Minen, von denen ein Großteil aus Lesotho und Mosambik stammte. Das Land hat auf Grund seines hohen Wohlstandes auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten, trotz steigender Arbeitslosigkeit, eine hohe Sogwirkung, wodurch die reguläre Arbeitsmigration inzwischen der illegalen Zuwanderung gewichen ist. Immer mehr Menschen aus immer weiter entfernten afrikanischen Staaten suchen ihr Glück in Südafrika, wodurch nach Schätzungen zwischen 2,5 und 9 Millionen Ausländer in Südafrika leben (Bähr, 2004; Nuscheler, 2004; Wiese, 1997).

3.1.2 Ursachen der arbeitsorientierten Migration

Im Grunde bedarf es einer jeweiligen Einzelanalyse der Push- und Pull-Faktoren, die hinter der Arbeitsmigration stehen, da sie von Region zu Region differenzieren. Generell lässt sich jedoch festhalten, dass sich hinter dem Phänomen der Arbeitsmigration rein wirtschaftlich-beschäftigungsorientierte Motive verbergen (Bähr, 2004). Daher kann wiederum konstatiert werden, dass Länder, die eine – im afrikanischen Vergleich – relativ gute wirtschaftliche Entwicklung vollziehen oder vollzogen haben[8], im Fokus der Arbeitsmigranten stehen oder standen[9] (Wiese, 1997). Der wesentlichste Push-Faktor besteht in der vorherrschenden Armut, da rund 320 Millionen Menschen (rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung) in den Ländern südlich der Sahara in absoluter Armut[10] leben (Tetzlaff, 2008). Eine weitere Begründung der Arbeitsmigration findet sich in dem kolonialen Erbe. Die zur damaligen Zeit häufig willkürliche Grenzziehung hat vielerorts bestehende Siedlungs- und Wirtschaftsräume zerschnitten, zwischen denen traditionelle Wanderungsrouten bestanden. Diese Grenzen wurden im Rahmen der Dekolonisierung und Nationalstaatenbildung zum Großteil übernommen. Auf Basis dieses kolonialen Erbes und auch in Folge der „[…] Überformung und Umorganisation von Wirtschaft und Gesellschaft unter europäischen Einfluss […]“ (Bähr, 2004, S 285) haben sich daraus ergebene ökonomische Disparitäten zu einer Verschärfung der zwischenstaatlichen Bewegung in dieser Region geführt (Bähr, 2004; Düvell, 2006).

3.1.3 Folgewirkungen in Ab- und Zuwanderungsland

Die Auswirkungen der Arbeitsmigration (bzw. generell von Migration) müssen immer aus zwei Perspektiven betrachtet werden. Zum einen hat es Folgen für das Zielland. Hier kann festgestellt werden, dass zunächst eine positive Wirkung durch die Bedarfsdeckung an günstigen Arbeitskräften vorliegt. Im Zuge wirtschaftlicher Krisen wurde in vielen Fällen durch restriktive Einwanderungsbestimmungen versucht, die Zuwanderung zu stoppen bzw. zumindest zu reduzieren. Im Ergebnis führt dies zum Anstieg der irreguläre Zuwanderung, wodurch die ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert wird und die sozialen Spannungen und Probleme weiter steigen. Bei steigender Arbeitslosigkeit wird den Ausländern, insbesondere den illegalen Zuwanderern, der „Arbeitsplatzklau“ vorgeworfen. Außerdem werden diese von der einheimischen Bevölkerung häufig für den Anstieg der Kriminalität oder der Ausbreitung von Krankheiten verantwortlich gemacht (Bähr, 2004). Ein Beispiel dafür waren die Entwicklungen in der Elfenbeinküste. Im Rahmen rezessiver Entwicklungen wandelte sich die vorher positive Haltung gegenüber den Gastarbeitern, obwohl diese zuvor einen großen Beitrag am ökonomischen Aufstieg des Landes und des daraus resultierenden Wohlstands hatten. Infolge dessen kam es zu massenhaften Ausweisungen[11] und der Schaffung restriktiver Regelungen für eine legale Arbeitermigration. Im Ergebnis stieg die illegale Zuwanderung, wodurch sich in der jüngsten Vergangenheit die Bevölkerung der Elfenbeinküste immer noch zu rund ein Viertel aus Ausländern, davon rund die Hälfte aus Burkina Faso, zusammensetzt (Bähr, 2004; Wiese, 1997). Der im Jahr 2002 aufflammende Bürgerkrieg beruht im Wesentlichen auf den Auseinandersetzungen zwischen den aus Burkina Faso stammenden Migranten und der einheimischen Bevölkerung. Somit haben sich die einst positiven Aspekte dieser Form der Migration in den wohl negativsten Fall umgekehrt (Nuscheler, 2004).

Zum anderen ergeben sich weitreichende Folgen für die Abwanderungsgebiete. Bereits seit Mitte der 70er Jahren besteht eine übereinstimmende Meinung über die negativen Folgen der Arbeitsmigration, insbesondere auf die Nationalökonomien in Westafrika (Hahn, 2004). Problematisch ist vor allem die Tatsache, dass es sich bei der grenzüberschreitenden Arbeitsmigration um einen hoch selektiven Wanderungsprozess handelt, d.h. nur bestimmte Alters- bzw. Geschlechtsgruppen an der Wanderung teilhaben (Bähr, 2004). Für die Abwanderungsländer hat es einen zum Teil erheblichen Bevölkerungsverlust zur Folge, genannt wird das Beispiel des kleinen Binnenlandes Lesotho, welches mehr als 10 Prozent seiner Bevölkerung durch Arbeitsmigration an Südafrika verlor bzw. rund die Hälfte seiner arbeitsfähigen Männer. Hierbei wird ein weiterer negativer Aspekt deutlich. Es entwickeln sich teilweise erhebliche Abhängigkeitsbeziehungen zwischen dem Herkunfts- und Zielland im Zusammenhang mit den Transferzahlungen, die die Gastarbeiter in ihr Heimatland überweisen. Stellenweise machen solche Überweisungen einen Großteil des Familieneinkommens der Zurückgeblieben aus. Bei krisenhaften ökonomischen Entwicklungen hat das direkte negative Folgen für die Familien, aber auch insgesamt auf den Staatshaushalt des entsprechenden Landes (Bähr, 2004; Nuscheler, 2004; Voß, 2011). Im Jahr 2004 betrug die offiziell erfasste Transfersumme afrikanischen Migranten rund 14 Milliarden US-Dollar. In Nigeria und Kenia lag der Anteil dieser Überweisungen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei lediglich 3 Prozent, wohingegen Lesotho auf Grund eines Anteils von rund 40 Prozent am BIP extrem von diesen Zahlungen abhängig ist. In einer anderen Quelle liegt der Anteil zwar bei deutlich geringeren 25 Prozent, allerdings nimmt es damit hinsichtlich der Abhängigkeit des Landes von den Transferzahlungen im Jahr 2004 Platz 3 ein (Abbildung 1). Dabei kann davon ausgegangen werden, dass die tatsächlichen Zahlungen noch deutlich höher sind. Nach Schätzungen der IOM (International Organisation for Migration) liegt die Gesamtsumme durch Transfers auf informellen Wege um das Zwei- bis Dreifache höher (Kohnert, 2006).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Abhängigkeit vom Geldtransfer - Die 10 abhängigsten Staaten 2004 (Quelle: eigene Darstellung nach Daten der F.A.Z.)

3.2 Flüchtlingsmigration

Ein Großteil der Wanderungsbewegungen in Afrika beruht nicht auf freiwilligen Entscheidungen des Migranten, sondern werden erzwungen (Kohnert, 2006). In diesem Zusammenhang wird in der Regel von Flüchtlingen gesprochen. Nach der Genfer Flüchtlingskonvention aus dem Jahr 1951 handelt es sich bei einem Flüchtling um „[…] eine Person, die aus wohlbegründeter Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Nationalität sie besitzt“ (Wiese, 1997, S 120). Im globalen Vergleich haben sich die Flüchtlingszahlen in Afrika seit Mitte der 90er Jahre insgesamt positiv entwickelt, allerdings ausgehend von einem hohen Niveau (vgl. Abbildung 2 u. Tabelle 2).

[...]


[1] Im deutschsprachigen Raum wird häufig der Begriff „Wanderung“ als Synonym für Migration verwendet, so auch in dieser Arbeit.

[2] Lediglich für die Maghreb-Staaten besteht eine Klarheit über die Anzahl der Staaten, die diesem Teilraum zugehörig sind. Neben Tunesien, Algerien und Marokko sind auch Libyen und Mauretanien Mitglieder dieser Gemeinschaft.

[3] Darunter sind „[…] jene Personen zu verstehen, die ihre Heimatregion verlassen, weil ihr Leben aufgrund von natürlichen und anthropogenen Umweltschäden sowie aufgrund von ökologischer Überlastung durch Überbevölkerung erheblich beeinträchtig oder gefährdet wird“ (Stich & Schönleben, 2004, S. 20). Dieses Phänomen ist seit den 60er zu beobachten, insbesondere im Zusammenhang mit dem fortschreitende Prozess der Desertifikation (Verwüstung) (van Dijk u. a., 2002; Düvell, 2006; Nuscheler, 2004; Wiese, 1997).

[4] In dieser Aussage enthalten sind auch die innerstaatlichen Wanderungsprozesse, die im Rahmen dieser Arbeit, trotz ihres enormen Umfanges, unbeachtet bleiben. Das diese aber einen entscheidenden Anteil an der hohen Mobilität der afrikanischen Bevölkerung haben, verdeutlicht auch die Tatsache, dass lediglich 3 Prozent der Afrikaner im Ausland leben, in den Industrieländern sind es rund 8 Prozent (Kahlweit, 2009).

[5] Da diese Zahlen über dem eingangs genannten Gesamtwert der internationalen Migration liegen, ist davon auszugehen, dass hierbei auch die innerstaatliche Arbeitsmigration einbezogen wurde. Genaue Zahlen über die internationale Arbeitsmigration in Afrika liegen nicht vor.

[6] Generell gilt Westafrika als Hauptregion der internationalen Wanderung in Afrika, da rund 42 Prozent aller grenzüberschreitenden Wanderungen dort stattfinden (Kohnert, 2006).

[7] U.a. durch die Ölkrisen, aber auch durch das abgeschwächte Wachstum der Industrienationen sowie starken Schwankungen der Rohstoffpreise für pflanzliche und agrarische Erzeugnisse gerieten viele afrikanischen Staaten in eine Schuldenkrise, in Verbindung mit steigenden Zinsen und abnehmenden Direktinvestitionen (Ferdowsi, 2004).

[8] Im afrikanischen Kontext ist dies im überwiegenden Maße an das Vorhandensein von pflanzlichen oder mineralischen Rohstoffe gebunden.

[9] Es lassen sich aber durchaus spezifische Pull-Faktoren beschreiben. Beispielsweise sind für die Arbeitsmigration nach Südafrika die Lohnhöhe einer der ausschlaggebendsten (Pull-)Faktoren gewesen, aber auch das Infrastrukturangebot im Konsum- und Unterhaltungsbereich (Wiese, 1997).

[10] Darunter werden allen Menschen gezählt, die mit weniger als 1 US-Dollar pro Tag auskommen müssen.

[11] Ähnliche Maßnahmen gab es auch in Nigeria. Anfang der 80er Jahre erfolgten die bis dato größten Ausstoßungsprozesse in der Migrationspolitik Afrikas. Insgesamt wurden zwischen 1983 und 1985 rund 2 Millionen illegale Einwanderung ausgewiesen (van den Boom, 2003).

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Details

Titel
Internationale Wanderung in Afrika
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geowissenschaften und Geographie)
Veranstaltung
Internationale Migration
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V183582
ISBN (eBook)
9783656080268
ISBN (Buch)
9783656080138
Dateigröße
983 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
internationale, wanderung, afrika
Arbeit zitieren
B.Sc. Marcel Demuth (Autor), 2011, Internationale Wanderung in Afrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183582

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