Schönheit als Voraussetzung für politische Freiheit?

Die Genese des utopischen Staates in Schillers Ästhetik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Schiller und die Urteilskraft - Kantischer Einfluss und Voraussetzungen für Schillers ästhetischen Staat
1.1 Die Grundlegung der analytischen Ästhetik bei Kant und Schillersche Rezeption
1.2 Schillers These der Schönheit als Freiheit in der Erscheinung
1.3 Über Anmut und Würde: Schillers Antwort auf Kant
1.3.1 Die Differenz des Freiheitsbegriffs bei Kant und Schiller
1.3.2 Schiller über Anmut
1.3.3 Schiller überWürde

2 Die Begründung des ästhetischen Staats in den Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen
2.1 Die Augustenburger Briefe als Grundlage für die ästhetische Erziehung
2.2 Der Staat - das »vollkommenste aller Kunstwerke«
2.2.1 Die moralische Einheit von Natur und Vernunft für die Veredlung des Charakters
2.2.2 Die Dialektik des Spieltriebs
2.2.3 Von der Bestimmungslosigkeit zur ästhetischen Beschaffenheit
2.2.4 Der schöne Schein und die Freiheit im Staat

3 Kritik am ästhetischen Staat
3.1 Von der »Erziehung zur Kunst« zu einer »Erziehung durch Kunst«
3.2 Fazit - Schillers idealistisches Erbe

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

»Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher wird das Ästhetische.« [1]

Odo Marquard

Der Titel der Arbeit wirft einige Fragen auf: Aus welchem Grund bedarf es heute letztlich noch einer Auseinandersetzung mit Ästhetik? Sind die Wissenschaften der Gegenwart nicht bereits differenziert genug, um Theorien über Bewertung und Sinn der bildenden und musischen Künste dem Aufgabenbereich der Kunstwissenschaften zu überlassen? Sind die Diskussionen um Schönheit nicht zwangsläufig ein philosophisches Relikt der Aufklärung und des Idealismus - veraltet, fruchtlos und damit gegenwärtig nutzlos?

Nach einer anfänglichen Auseinandersetzung mit den mageren Resultaten der ästhetischen Bildung [2] liegt dieser Gedanke anfangs nicht allzu fern. Doch der Schein trügt. Die Rezeption des Schönen und dessen Bedingungen spielt auch heute noch - will sagen gerade heute - eine außerordentliche Rolle im Selbstverständnis von Moderne und Postmoderne, die einen philosophischen Diskurs unentbehrlich werden lässt. Lenzen, Erziehungswissenschaftler und Präsident der Universität Hamburg, spricht von einer »Renaissance des Ästhetischen, die bis heute andauert« [3] und Philosophieprofessor Vobkühler sieht in den ästhetischen Überlegungen Kants und Schillers gar den Ursprung einer Art neuer Religiosität - der Kunst als einer »neuen Mythologie im Zeitalter der Moderne«4. Es scheint, als strebe der oft gepriesene Fortschritt, Motor von Wirtschaft und Politik, ebenfalls zu einer Formvollendung. Es ist [4] nicht mehr der bloße Zweck, an dem die Gesamtheit von etwas gemessen wird - sondern auch sein Design, seine Architektur - kurzum seine Schönheit.

Es ist davon auszugehen, dass der Titel dieser Arbeit aufgrund seiner ungewöhnlichen Verknüpfung einer Staatstheorie mit dem transzendenten Begriff der Schönheit zunächst Verwirrung stiften wird. Hierzu sei angemerkt, dass bereits seine Zeitgenossen »Schillers Abhandlung daher auch als erste politische Ästhetik verstanden [haben].«5 Bei der Frage nach der »Kunstschönheit als Voraussetzung für politische Freiheit« handelt es sich also um eine leichte Modifikation der Schillerschen Hauptthese in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, die den Hauptteil der Arbeit bestimmen und kritisch beleuchtet werden sollen.

Der Fokus dieser Arbeit liegt also auf dem letzten großen Ästhetikprojekt Schillers,6 der seinerzeit, wenn auch fachfremd, wesentliche Anstöße und Beiträge zur philosophischen Forschung geleistet hat, »indem er die Kantischen Begriffe und Lehren seiner eigenen inneren Geistesform gemäß gestaltete, [...] die für den Fortgang der Nachkantischen Spekulation entscheidend geworden [sind].«7 Die enge Verknüpfung der Gedanken dieser beider Philosophen ist kein Zufall und so bleibt es Tatsache, dass Schillers ästhetische Schriften ohne ein Grundverständnis der analytischen Ästhetik Kants und dessen Moralphilosophie schwer zu durchdringen sind, wenn »die Briefe über die ästhetische Erziehung [auch] nichtkantische Einflüsse auf[weisen]«8. Aus diesem Anlass bietet der erste Teil der Arbeit, neben einem Abriss über die Hauptthese(n) der ersten ästhetischen Schrift Schillers in den Kallias-Briefen, auch eine Übersicht der Ästhetik Kants, mit der an dieser Stelle fortgesetzt werden soll.

1 Schiller und die Urteilskraft - Kantischer Einfluss und Voraussetzungen für Schillers ästhetischen Staat

Hauptaufgabe dieses Abschnitts ist es, den enormen Einfluss der Kantischen Philosophie auf die Schillersche Ästhetik bewusst zu machen und damit die Voraussetzungen für dessen ästhetische Überlegungen in frühen Schriften aufzuzeigen. Um zu den Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen hinzuleiten, werden zudem die relevanten Hypothesen in Schillers Kallias-Briefen9 und dessen Aufsatz Über Anmut und Würde behandelt und in Relation gesetzt. Die Auswahl der Schriften ergibt sich aus der Einteilung der Schillerschen Philosophie in eine vorkantische, Kantische und nachkantische Phase. Im ersten Teil dieser Arbeit liegt das Zentrum der Betrachtung ausdrücklich auf der Kantischen Phase, der die oben genannten Schriften zuzuordnen sind.10

1.1 Die Grundlegung der analytischen Ästhetik bei Kant und Schillersche Rezeption

Die Kritik der Urteilskraft stellt das letzte große Werk Kants und eine Verbindung seiner bisherigen Kritiken dar. Bei der Urteilskraft handelt es sich um »das Mittelglied zwischen den beiden [...] Erkenntnisvermögen, Verstand und Vernunft.«11 Aufgabe der transzendentalen Ästhetik ist es, »die Bereiche von Natur und Freiheit zu verbinden«12 - Kant geht es an dieser Stelle weder darum festzustellen, was von uns objektiv als schön erkannt wird, noch darum, einen normativen Begriff für das Schöne herauszuarbeiten. Vielmehr geht es ihm um eine analytische Betrachtung unserer ästhetischen Urteile, kurz um ein apriorisches Prinzip der Beurteilung.13 Eine rein metaphysische Betrachtung der Schönheit wird also, wie in den Kritiken üblich, von vornherein ausgeschlossen und via Verstand, unsere einzige Zugriffsmöglichkeit auf die Umwelt, soll das Phänomen des Geschmacksurteils erschlossen werden.

Bezeichnen wir etwas als schön, stellt Kant fest, so wird dies vom Urteilenden als allgemeingültige Aussage verstanden, um eine ästhetische Erfahrung mitzuteilen. Gebrauchen wir dieses Wort, erheben wir also einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und damit auf Objektivität. Kant sagt, dass es sich bei einem ästhetischen Urteil nicht um ein Erkenntnisurteil14 im üblichen Sinne handelt. Es wird demnach nicht nach seiner gängigen Methode in seine objektiven Einzelteile zerpflückt, sondern »x ist schön«15 bezeichnet lediglich einen Ausdruck des Bezugs zwischen dem Urteilenden und dem Gegenstand. Dieser Bezug erfolgt durch »das Gefühl der Lust oder Unlust«16 und stellt sich als in höchstem Maße subjektiv dar, da es sich lediglich um individuelle Empfindungen handelt, die an keinem weiteren Wahrheitskriterium überprüft werden können. Aus diesem Grund kann ein ästhetisches Urteil auch zu keinem Zeitpunkt den Anspruch auf Erkenntnis erheben. Aus der Konsequenz der obigen Argumente ergibt sich für Kant, dass »das Geschmacksurteil [...] also kein Erkenntnisurteil [ist. Es ist] mithin nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann.«17

[...]


[1] Marquard, Odo: Ästhetica und Anästhetica. Philosophische Überlegungen, Paderborn / München / Wien / Zürich 1989, S. 9.

[2] gl. Lenzen, Dieter, in: Ehrenspeck, Yvonne: Versprechungen des Ästhetischen, Opladen 1998, S.12

[3] Vgl. Ebd.

[4] Vobkühler, Friedrich: Kunst als Mythos der Moderne, Würzburg 2004, S. 17.

[5] Berghahn, Klaus L.: Entstehungsgeschichte, in: Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Stuttgart 2000, S. 206.

[6] Vgl. Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Stuttgart 2000.

[7] Cassirer, Ernst: Die Methodik des Idealismus in Schillers philosophischen Schriften, in: Ders.: Idee und Gestalt, Darmstadt 1994, S. 85.

[8] Janz, Rolf-Peter: Autonomie und soziale Funktion der Kunst, Stuttgart 1973, S. 61.

[9] Bei den Kallias-Briefen oder Über die Schönheit handelt es sich um eine Sammlung von sechs Briefen die Schiller dem Freund Körner in den Jahren 1792 und 1793 zukommen ließ. Geplant war eine größere Abhandlung, die Schiller aus Zeitmangel aber verwerfen musste. Vgl.: Safranski, Rüdiger: Schiller als Philosoph, Frankfurt am Main 2009, S. 18.

[10] Janz, Rolf-Peter: Autonomie und soziale Funktion der Kunst, Stuttgart 1973, S. 61.

[11] Klemme, Heiner F.: Einleitung, in: Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, Hamburg 2009, S. XXXVI.

[12] Ehrenspeck, Yvonne: Versprechungen des Ästhetischen, Opladen 1998, S. 42.

[13] Die Analytik des Schönen mit der hier operiert wird, ist auf keinen Fall zu verwechseln mit Kants transzendentaler Ästhetik, bei der die Prinzipien der sinnlichen Wahrnehmung im Zentrum der Untersuchung stehen und sich in Kants Kritikder reinen Vernunft finden. An dieser Stelle sei auf die exzellente Einführung von Otfried Höffe hingewiesen:
Höffe, Otfried: Immanuel Kant, München 2007 - zur Analytik des Schönen - S. 271-279; zur Transzendentalästhetik-S. 73-86.

[14] Bei einem Erkenntnisurteil macht sich der Verstand eine Vorstellung vom Objekt, auf das er sich bezieht. Das Urteil erfolgt hier aber (im Gegensatz zum Geschmacksurteil) auf einer intersubjektiven Grundlage, da es sich auf schlechthin gültigen Regeln gründet, die jedes Verstandesvermögen ausmachen und jeder Mensch besitzt.

[15] VoßKÜHLER, Friedrich: Kunst als Mythos der Moderne, Würzburg 2004, S. 25.

[16] Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, Hamburg 2009, S. 47 (§ 1).

[17] Ebd. S. 48.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Schönheit als Voraussetzung für politische Freiheit?
Untertitel
Die Genese des utopischen Staates in Schillers Ästhetik
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Ethnologie und Philosophie)
Veranstaltung
Hegels Ästhetik
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V183665
ISBN (eBook)
9783656082354
ISBN (Buch)
9783656082538
Dateigröße
1459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Ästhetik, Theoretische Philosophie, Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, Kallias-Briefe, Geschmacksurteil, Kant, Kritik der Urteilskraft, Schönheit, Kunst, Staat, Ästhetische Erziehung, Spieltrieb, Idealismus, Kategorischer Imperativ, Aufklärung, Würde, Anmut, Freiheit, Erscheinung, Phänomenologie
Arbeit zitieren
Björn Heigel (Autor), 2011, Schönheit als Voraussetzung für politische Freiheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183665

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