Kollaboration und Widerstand in Dänemark und Norwegen während der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg


Examensarbeit, 2011

78 Seiten, Note: 1,5

Hermann D. Janz (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die politische Situation bis zum deutschen Angriff 1940
2.1 Die Vorgeschichte der ,,Weserübung

3. Unternehmen ,,Weserübung’’

4. Die Zeit während der deutschen Besatzung
4.1 Dänemark
4.2 Das ,,Reichskommissariat’’ Norwegen

5. Kollaboration mit der Besatzungsmacht
5.1 Faschistische Bewegungen vor 1940
5.2 Kollaboration auf staatlicher Ebene
5.3 Dänische und norwegische Freiwillige in der Waffen-SS

6. Widerstand gegen das deutsche Okkupationsregime
6.1 Der Widerstand in Dänemark
6.2 Der Widerstand in Norwegen
6.2.1 Ziviler Widerstand
6.2.2 Widerstand in Verwaltung und Produktion
6.2.3 Militärischer Widerstand
6.2.4 Widerstand aus dem Exil

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese wissenschaftliche Arbeit innerhalb des Ersten Staatsexamens für das Lehramt Gymnasium soll die Thematik der Kollaboration und des Widerstandes in Dänemark und Norwegen während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg komplex darstellen und dem Leser veranschaulichen, welche unterschiedlichen Formen der erzwungenen Zusammenarbeit existierten, wie sich der Widerstand formierte und letztendlich welches Verhältnis diese beiden gegensätzlichen Pole zueinander entwickelten.

Dass der Untersuchungsgegenstand dieser Examensarbeit auf das einleitend genannte Thema fiel, hatte verschiedene Motive: Zum einen stieß ich in einer Tageszeitung auf einen Artikel über die von der Simon-Wiesenthal-Stiftung meistgesuchten Kriegsverbrecher, unter denen sich auch ein dänischer Angehöriger der Waffen-SS Division ,,Wiking’’ befand, der frühere SS-Obersturmführer Soeren Kam. Dies weckte mein Interesse daran, wie hoch denn eigentlich die Kollaborationsbereitschaft in den traditionell neutralen skandinavischen Ländern während der deutschen Besatzungszeit war, stand doch auch der Norweger Vidkun Quisling in der Nachkriegszeit stellvertretend für den Begriff des Kollaborateurs. Weiterhin wollte ich mehr über die deutsche Besatzungszeit in Dänemark und Norwegen an sich erfahren, nicht zuletzt weil der frühere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt diese Länder während seiner Flucht ins Exil aufsuchte. Schließlich konnte ich mir während einer Studienexkursion nach Nordjütland einen Eindruck davon machen, wie den Widerstandskämpfern gegen die deutschen Besatzer noch heute höchste Ehrbekundungen entgegengebracht und ihr Wirken in Erinnerung gehalten wird. Es warf sich bei mir Frage auf, wer diese Männer waren, die auch den Verlust des eigenen Lebens riskierten, damit ihr Vaterland von dem nationalsozialistischen Joch befreit wird.

In der Geschichtswissenschaft haben sich international bereits zahlreiche Historiker mit der deutschen Besatzungszeit in Dänemark und Norwegen und deren Folgen beschäftigt. Für den Themenkomplex ,,Reichskommissariat Norwegen’’ gingen die wichtigsten Impulse für die Forschung von den skandinavischen Historikern Ole Kristian Grimnes und Magne Skodvin, sowie dem deutschen Geschichtswissenschaftler und Dozenten der Christan-Albrechts-Universität zu Kiel, Dr. Robert Bohn, aus. Im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer sind die Publikationen der Historiker Terje Halvorsen, Aage Trommer und Joergen Haestrup zu nennen.

In der folgenden Arbeit wird der Versuch unternommen, zwei Facetten der Besatzungszeit zweier unterschiedlicher Länder zusammenzuführen, zu vergleichen und sich daraus ergebene Fragen zu klären. Um einen geeigneten Rahmen für die Betrachtung des zentralen Themas zu schaffen, beginnt diese Arbeit mit der Kriegssituation bis zum Jahr 1940 und der Vorgeschichte der ,,Weserübung’’. Im Anschluss wird dem Leser ein Abriss über die deutsche Militäroperation selbst und die Besatzungszeit in Dänemark und in Norwegen gegeben.

Der Kern dieser Arbeit stellen die zwei darauf folgenden Kapitel dar, in welchen sich detailliert mit der Kollaboration und dem Widerstand auseinandergesetzt wird. Im Fazit werden dann abschließend verschiedene Aspekte hinterfragt und aus der Sicht des Verfassers beantwortet.

Als Literatur dienten neben anderen Veröffentlichungen die Publikationen ,,Neutralität und totalitäre Aggression’’, herausgegeben von Robert Bohn, und ,,Ruhestörung’’ von Fritz Petrick. Besondere Sorgfalt musste bei der Auswahl der Lektüre über die skandinavischen Freiwilligen der Waffen-SS erfolgen, finden sich auf dem Büchermarkt doch zahlreiche tendenziöse Werke ehemaliger Soldaten. Die in diesem einführenden Kapitel nicht erwähnten, jedoch verwendeten Beiträge und Werke sind den Fußnoten und dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

2. Die politische Situation bis zum deutschen Angriff 1940

Nach dem erzwungenem ,,Anschluss’’ Österreichs 1938 und der Annexion des Sudeten- und Memellandes an das Deutsche Reich, bedurfte es keiner großen Spekulationen darum, welches Land wohl das nächste sein würde, das im Fokus der nationalsozialistischen Expansionspolitik lag.

Polen war das letzte Land, bei dem der Vorwand der Rückführung ehemaliger deutscher Gebiete anwendbar war, da bis zur Unterzeichnung des Versailler Vertrages weitgehende Teile Westpolens zum Deutschen Reich gehörten und nach 1919 teilweise gegen den Willen der dort lebenden Bevölkerung abgetreten wurden.[1] Hitler war sich unterdessen bewusst, dass nachdem am 31.März 1939 England und Frankreich Polen im Falle eines deutschen Angriffes ihre Hilfe zugesichert hatten, ein erfolgreiche Vollendung seiner politischen Interessen nur über die Unterstützung der Sowjetunion, also einer anderen Weltmacht, die gleichermaßen ein Nachbarstaat Polens war, realisiert werden könne.

Für die Sowjetunion unter der Führung Stalins gab es zwei relevante Motive, weshalb sie ebenfalls einem Militärschlag gegenüber dem kleinen Nachbarstaat nicht abgeneigt war: Zum einen die Angst vor der Isolation durch die Westmächte und eine Veränderung von Hitlers Interessen nach Osten, die er als Erweiterung des Lebensraumes in seinem während der Festungshaft in Landsberg entstandenem Buch ,,Mein Kampf’’ ausmalte.[2] Das zweite Motiv war die tradierte Feindschaft zwischen Russland und Polen, die ihren Ursprung unter anderem in dem von Polen siegreich beendeten Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920 hatte. Polen war ein Verfechter des Antibolschewismus, so dass Russland, welches bis 1918 noch den größten Teil Polens besaß, die bestehenden Grenzen nicht anerkennen wollte.[3]

Am 23. August 1939 unterzeichneten das Deutsche Reich und die Sowjetunion, die im Sinne ihrer Staatsideologien eigentlich Todfeinde waren, in Moskau einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Der durch die beiden Außenminister Ribbentrop und Molotow ratifizierte Vertrag beinhaltete die gegenseitige Verpflichtung zwischen Hitler und Stalin keinen anderen Staat zu unterstützen, der mit einem der beiden Vertragspartner im Krieg steht.[4] In einem geheimen Zusatzprotokoll regelte man überdies die ,,Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa’’. So einigte man sich, dass ,,für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung’’ Lettland, Estland, Finnland, sowie Bessarabien und die Hälfte Polens östlich der Flüsse Narew, Weichsel und San an die SU fallen sollten. Das Deutsche Reich sah Litauen und das polnische Territorium westlich der markierten Grenze als für sich relevant an.[5] Die Dauer des Vertrages war zunächst auf zehn Jahre angelegt und sollte sich selbständig um weitere fünf Jahre verlängern, wenn nicht einer der beiden Mächte den Vertrag ein Jahr vor Ablauf der Geltungsfrist aufkündigt. Dieses Abgekommen, welches trotz diplomatischer Intervention Frankreichs und Englands zustande gekommen war, erregte in der unmittelbaren Folgezeit internationales Aufsehen.

Sechs Tage nach der Unterzeichnung eines Bündnisses zwischen England und Polen und der Neutralitätserklärung des faschistischen Italiens erließ Adolf Hitler am 31.August 1939 seine ,,Weisung Nummer 1 für die Kriegsführung’’, in der folgende Punkte enthalten waren:

1. Nachdem nunmehr alle politischen Möglichkeiten zur Regelung der Lage an der Ostfront, die für Deutschland untragbar ist, mit friedlichen Mitteln erschöpft sind, habe ich eine gewaltsame Lösung beschlossen.
2. Der Angriff auf Polen muss gemäß den für ,,Fall Weiß’’ getroffenen Vorbereitungen durchgeführt werden, mit den Abänderungen, die sich, soweit das Heer betroffen wird, aus der Tatsache ergeben, dass sie inzwischen ihre Anordnungen fast vervollständigt hat. Zuweisung der Aufgaben und die Operationsziele bleiben unverändert.
Datum des Angriffs 1. September 1939, Zeit des Angriffs 0445
3. Im Westen ist es von Bedeutung, dass die Verantwortlichkeit für die Eröffnung von Feindseligkeiten unzweideutig auf England und Frankreich fällt. Gegen unbedeutende Grenzverletzungen soll zunächst an Ort und Stelle eingeschritten werden.[6]

In den Morgenstunden des 1.Septembers 1939 begann mit dem Beschuss der polnischen Garnison auf der Westerplatte durch das deutschen Linienschiff ,,Schleswig-Holstein’’ der deutsche Angriff auf Polen. Das Oberkommando des Heeres hatte seine Planungen für den Polenfeldzug unter dem Decknamen ,,Fall Weiss’’ am 15.Juni abgeschlossen und griff mit zwei Heeresgruppen[7], die von der deutschen Luftwaffe Unterstützung erhielten, an. Ziel war es, Polen in einer Zangenbewegung durch einen Angriff von drei Seiten schnellstmöglich in die Knie zu zwingen. Die deutsche Regierung ignorierte die in den Folgetagen erhaltenen Ultimaten Englands und Frankreichs, so dass beide Staaten am 3.September 1939 dem Deutschen Reich offiziell den Krieg erklärten.

Gemäß der getroffenen Vereinbarung marschierte die Rote Armee am 17.September über die fast ungesicherte Ostgrenze Polens ein. Am folgenden Tag trafen die Streitkräfte der Bündnispartner aufeinander, womit der Widerstand des weit unterlegenen polnischen Gegners endgültig gebrochen und der Feldzug in nur 18 Tagen beendet war.[8]

Entgegen der polnischen Erwartungen blieb eine wirkungsvolle Unterstützung der Briten aus, nachdem in London in den vorangegangenen Wochen der Sinn einer umfangreichen militärischen Intervention mitunter vehement in Frage gestellt wurde.[9] Noch am Tag der Besetzung teilte man dem polnischen Botschafter in Moskau mit, dass der polnische Staat nicht mehr existiere. In äußerst kurz bemessenen Nachverhandlungen wurde am 28.September in Moskau eine Modifizierung des geheimen Zusatzprotokolls zum deutsch-sowjetischen Vertrag unterzeichnet, welche nochmals die Abgrenzung der beiderseitigen Eroberungen und Interessensphären regelte: Die SU sicherte sich nun auch die Verfügungsgewalt über Litauen und die polnischen Woiwodschaften[10], hingegen Warschau und Lublin dem Deutschen Reich überlassen wurden.[11] Mit diesem Schritt war das Kalkül Hitlers und Stalins aufgegangen und die vierte Teilung in der Geschichte des polnischen Staates endgültig vollzogen. Dies brachte der ,,Führer’’ des Deutschen Reiches auch in seiner Siegesansprache am 19.September in Danzig zum Ausdruck: ,,Polen wird niemals wieder auferstehen. Dafür garantiert ja letzten Endes nicht nur Deutschland, sondern dafür garantiert ja auch Russland.’’. Kurze Zeit später feierte er die externe Regierung der beiden Siegermächte vor dem Reichstag mit den Worten: ,,Deutschland und Russland werden – jeder in seinem Raume – zur Wohlfahrt der dort lebenden Menschen und damit zum europäischen Frieden beitragen’’.[12]

Obgleich Hitler in dieser Reichstagsrede, welche sich offenkundig an die Westmächte wandte, versicherte, dass Deutschland fortan keine Territorialansprüche mehr stellen und nun eine Politik der Völkerverständigung und des Friedens betreiben werde, wiesen Chamberlain und Daladier, die Außenminister Englands und Frankreichs, die Angebote des deutschen Reichskanzlers eindringlich zurück. Auch die Einigungsversuche durch die Vermittlung der außenpolitischen Ämter Belgiens und der Niederlande blieben erfolglos. England und Frankreich, die sich auch nach dem Ende des Polenfeldzuges weiterhin im Kriegszustand mit Deutschland befanden, stürzte dieses Szenario in eine tiefe Krise. International wurde die Glaubwürdigkeit der englisch-französischen Widerstandspolitik und der Garantieverpflichtungen für andere Staaten vermehrt angezweifelt. Das Kriegsziel der beiden europäischen Mächte, die Rekonstruktion und der Schutz Polens, war durch die Intervention der Roten Armee vorerst nicht mehr zu realisieren. Ohne Aussicht auf Erfolg schien auch der Weg, den man mit der Kriegserklärung an Hitler eingeschlagen hatte, demonstrierte dieser durch den gewonnenen Blitzkrieg die militärische Vormachtsstellung Deutschlands in Europa. Die Situation an der Westfront blieb weiterhin angespannt. Die Streitkräfte beider Parteien standen sich hochgerüstet gegenüber, Kampfhandlungen blieben jedoch aus, weshalb diese Phase später als ,,the phoney war’’ bezeichnet wurde.

Auch der Sowjetunion blieb die bedrohliche Wirkung des Hitler-Stalin-Paktes auf andere Staaten nicht unbemerkt. Bereits im Oktober zwang Moskau Estland, Lettland und Litauen zur Unterzeichnung von sogenannten ,,Beistandspakten’’ und der Abtretung von Militärstützpunkten an die Rote Armee. Lediglich Finnland sperrte sich gegen ähnlich gelagerte Forderungen, woraufhin die UdSSR ab Mitte November mit der Vorbereitung eines Militärschlages gegen das angrenzende nordische Land reagierte. Nach den ,,Schüssen von Mainila’’ greift die SU am 30. September 1939 Finnland an und der sowjetisch-finnische Winterkrieg nimmt seinen Anfang. Als internationale Reaktion auf den Angriff kommt es infolgedessen auch zum letztmaligen Auftreten des zu jener Zeit bereits stark geschwächten Völkerbundes, aus welchem die SU, nach Antrag Finnlands, am 14.Dezember ausgeschlossen wird. Ungarn, Italien, Frankreich und Großbritannien unterstützen Finnland durch Waffenlieferungen, eine militärische Intervention scheiterte jedoch am Veto der skandinavischen Länder, die weiterhin ihre Neutralität wahren wollten und das bestehende Durchmarschverbot durch ihre Staaten nicht aufhoben. Gleichermaßen bestand die Möglichkeit, dass die Sowjetunion das Vorgehen der Westmächte höchstwahrscheinlich als Kriegserklärung gegen sie interpretiert hätte, was man um jeden Preis vermeiden wollte. Nach unerwartet harten Kämpfen, bei denen die UdSSR verhältnismäßig hohe Verluste verzeichnete, wird Finnland am 12. März 1940 ein Friedensvertrag oktroyiert. In diesem wurden der SU unter anderem finnisches Territorium und Marinebasen zugesichert.[13]

2.1 Die Vorgeschichte der ,,Weserübung’’

Etwa zehn Wochen nach der deutschen Besetzung des Memellandes schlossen das Deutsche Reich und Dänemark am 31.Mai 1939 einen Nichtangriffspakt, dessen Gültigkeit auf zehn Jahre befristet war. Die skandinavischen Staaten Norwegen und Schweden lehnten ähnliche Nichtangriffsverträge ab, da sie zu jenem Zeitpunkt keine akute Bedrohung durch andere Staaten empfanden. Am Tag des deutschen Einmarschs in Polen, dem 1.September 1939, gab die norwegische Regierung eine Neutralitätserklärung ab. Auch Schweden und Finnland hielten wie im Ersten Weltkrieg an einer Politik der strikten Neutralität fest.[14] Die Neutralität Norwegens besaß für das Deutsche Reich höchste Priorität, da mit einem zu erwartenden Kriegseintritt der Seemacht Großbritannien der deutsche Überseehandel zu Erliegen drohte. Die deutsche Führung war sich überdies darüber im klaren, dass dem Deutschen Reich in diesem Fall nur noch zwei Seewege zur Verfügung standen, um das für die Kriegswirtschaft dringend benötigte Eisenerz aus der Region Gällivare-Kiruna nach Deutschland zu transportieren, nämlich die Ostsee und die Seelinie entlang der norwegischen Neutralitätsgewässer bis Narvik.

Noch bevor England und Frankreich ihre Kriegserklärung an Deutschland bekanntgaben, überreichte der deutsche Gesandte in Oslo dem norwegischen Außenminister Professor Dr. Koht am 2.September 1939 eine Note, in der die deutsche Reichsregierung Norwegen versicherte, dessen Neutralitätspolitik zu unterstützen und auf jede Art von Neutralitätsmissachtung durch eine dritte Seite mit Gegenmaßnahmen zu reagieren.[15] Die Nachricht des Kriegseintrittes Englands und Frankreichs am 3. September 1939 wurde in der Reichskanzlei mit großem Unbehagen vernommen. Hitler hoffte bis zuletzt, dass es trotz seiner aggressiv geführten Außenpolitik zu keiner militärischen Intervention durch die Westmächte kommen würde. Weiterhin war für diese doch kalkulierbare Schicksalswendung kein konkreter Kriegsplan ausgearbeitet. Auch die deutsche Seekriegsleitung stufte die Lage als äußerst kritisch ein, da die Kriegsmarine für einen Kampfeinsatz gegen die Flotte der Royal Navy nicht ausreichend gerüstet war. Die Unterlegenheit der Überwasserstreitkräfte war sogar so prekär, dass Großadmiral Erich Raeder über das zu erwartende Schicksal der Schiffsbesatzungen schrieb, ,,dass sie mit Anstand zu sterben verstehen und damit die Grundlage für einen späteren Wiederaufbau zu schaffen bereit sind’’.[16]

Aufgrund der äußerst schlechten Ausgangssituation der Kriegsmarine bei Kriegseintritt der Westmächte sah sich der Vorsitzende der Seekriegsleitung gezwungen, den Ausbau seiner Waffengattung weiter voranzubringen. So gelang es Raeder bei einer Konferenz am 23. September 1939, Hitler von einem zügigen Ausbau der U-Bootwaffe, sogar bei gleichzeitiger Zurückstellung der Luftwaffe, zu überzeugen. Zugleich kam man überein, die sowjetische Offerte über einen Marinestützpunkt östlich von Murmansk zu prüfen und unter Umständen auch Basen in Norwegen zu errichten.

Am 3.Oktober 1939 hielt die deutsche Seekriegsleitung eine interne Lagebesprechung unter Vorsitz Raeders ab, bei der man den U-Bootkrieg gegen England plante. Bereits einen Monat zuvor hatte man eine Konferenz über dieses Thema abgehalten, bei der man jedoch unter dem Vorbehalt nicht das Völkerrecht verletzten zu wollen, vom uneingeschränkten U-Bootkrieg absah. Nun vermutete der Führer der U-Bootflotte, Kapitän zur See und Kommodore Dönitz, Erfolgsaussichten in einem ausgeweiteten Unterwasserkrieg gegen Geleitzüge, bei der jedoch die Küstenregionen rund um Großbritannien zu meiden waren. Im Bezug auf die Frage, welche Stützpunkte für dieses Vorhaben nützlich sein könnten, führte Raeder seine Erwägungen zur ,,Ausweitung der Operationsbasis nach Norden’’ aus.[17] Die gesamten Kalkulationen der Seekriegsleitung zur Errichtung von Stützpunkten in Norwegen hatten die Zielvorstellung, die geostrategische Ausgangssituation für einen Seekrieg gegen England zu verbessern.

Für die deutsche Abwehr ergaben sich zeitnah nach der Kriegserklärung der Westalliierten konkrete Hinweise auf ein britisch-französisches Vorhaben, in dem die norwegische Neutralität ignoriert werden sollte, um letztlich eigene Marine- und Luftlandestützpunkte an der norwegischen Küste zu errichten. Der später im Widerstand agierende Admiral Canaris, zu jener Zeit Chef des Amtes Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht, und Admiral Carls warnten Raeder in aller Deutlichkeit vor der großen Gefahr eines britischen Eingreifens in Norwegen.[18] Dass England die schwedischen Erzexporte nach Deutschland um jeden Preis, also auch unter Verletzung der Neutralität, unterbinden wollte, entsprach tastsächlich der alliierten Kriegsplanung. Nach eigenen Aussagen Raeders habe er Hitler persönlich bei einer Konferenz am 10.Oktober 1939 seine Bedenken bezüglich Norwegens mitgeteilt, doch wollte dieser zu jenem Zeitpunkt keine Entscheidungen fällen. Aus dem Gesprächsprotokoll jener Sitzung lassen sich Raeders Bedenken nicht belegen, gleichwohl sind aber seine Überlegungen zur Einrichtung eines Stützpunktes in Trondheim darin enthalten.

Letztlich fasste der britische Kriegsminister Winston Churchill den Entschluss, die Neutralität der skandinavischen Länder zu ignorieren um auf diesem Weg das Deutsche Reich zu einer frühzeitigen Kapitulation zu zwingen. Am 6.Januar 1940 überreichten die britischen Gesandten in Stockholm und Oslo eine Regierungserklärung Großbritanniens, in der das Königreich mitteilte, deutschen Handelsschiffen künftig das Passieren der norwegischen Hoheitsgewässer zu untersagen. In anderen Worten bedeutete dies, dass England fortan seine Seekriegsführung auf die norwegischen Gewässer ausdehnen werde und eine Blockade gegen Deutschland errichte.[19] In Schweden und Norwegen reagierte man mit Ablehnung und großer Empörung auf das britische Vorgehen. Der norwegische König Haakon ließ seine Bedenken unverzüglich Georg VI. von England zukommen und auch der norwegische Außenminister Dr. Koht konstatierte, dass noch niemals eine so starke Bedrohung der norwegischen Neutralität ausgesprochen worden sei und die Absichten Großbritanniens das alleinige Ziel hatten, einen deutschen Gegenschlag zu provozieren und damit den Krieg auf norwegisches Territorium auszuweiten.[20]

Durch einen großen Fauxpas des Ersten Generalstabsoffiziers der 7.Luftdivision kam der Aufmarschplan für den gesamten Westfeldzug am 19.Januar 1940 in die Hände der Alliierten. Dieser enthielt die konkreten Pläne für die Okkupation der Niederlande, Belgiens und schließlich Frankreichs. Obwohl von Seite der deutschen Kriegsgegner die Authentizität der Pläne mitunter bezweifelt wurde und man auch eine bewusste Täuschung nicht ausschließen wollte, drängte der französische Generalstab und auf eine Errichtung einer zweiten Front in Skandinavien, um auf diese Weise die deutschen Streitkräfte an der Westfront zu schwächen. Der Allied Supreme War Council entschied sich am 5. Februar in Paris dafür, drei oder vier Divisionen nach Narvik zu entsenden, von der schwedischen Regierung ein Durchmarschrecht zu erzwingen und die finnischen Truppen im Winterkrieg gegen die SU zu unterstützen. Nebenher sollte die Sicherung der Rohstoffe aus den Erzgruben von Gällivare und die Einnahme der norwegischen Hafenstädte Trondheim, Bergen und Stavanger durchgeführt werden.[21] Schweden beharrte allerdings weiterhin auf seiner Neutralität und wies die britischen Forderungen erneut zurück, weshalb der alliierte Kriegsrat erneut tagte. Diesmal kam man überein, 30 000 bis 40 000 Soldaten bei Narvik landen zu lassen, die von dort aus die Erzzufuhr nach Deutschland abschneiden und wenige Zeit später nach Finnland übersetzen sollten. Das man derweil auch bereit war die Neutralität der skandinavischen Länder zu ignorieren geht aus dem Umstand hervor, dass man nicht einmal darüber debattierte, würden sich Schweden und Norwegen dem alliierten Unternehmen nochmals widersetzen.

Ein weiteres äußerst relevantes Ereignis in der Vorgeschichte der ,,Weserübung’’ ist der Besuch des früheren norwegischen Kriegsministers Vidkun Quisling, auf dessen Person später noch einmal explizit eingegangen wird. Quisling war Führer der bis dahin wenig bedeutenden faschistischen ,,Nasjonal Samling’’ und pflegte bereits lange vor Kriegsbeginn einen guten Kontakt zum Reichsleiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, Alfred Rosenberg. Auf Vermittlung Rosenbergs kam es zunächst zu einem Treffen zwischen Großadmiral Raeder und Quisling am 11.Dezember 1939, bei welchem der norwegische Politiker von der eher zu England tendierenden Grundhaltung seiner Regierung und konkreten Hinweisen einer bevorstehenden britischen Landung in Norwegen berichtete.[22] Raeder erkannte umgehend, dass Quisling das geeignete Hilfsmittel sein sollte, um Hitler von seinem eigenen Vorhaben zu überzeugen. Infolgedessen arrangierte er eine Unterredung zwischen dem norwegischen Nationalisten und dem ,,Führer’’ des Deutschen Reiches, welches am 14.Dezember stattfand. Die Intuition des Großadmirals über die Wirkung Quislings bei Hitler bewahrheitete sich, so dass Hitler noch am gleichen Tag der Konsultation die ,,Studie Nord’’ in Auftrag gab. Dieser im Dezember fertiggestellte vorläufige Plan einer deutschen Invasion wurde zwar schnell wieder verworfen, da man nicht an die Realisierung des von Quisling angebotenen Staatsstreiches glaubte, dennoch wurde am 27.Januar 1940 auf Weisung Hitlers ein Sonderstab innerhalb des Oberkommandos der Wehrmacht eingerichtet. Dieser Stab stand unter der Leitung von Kapitän zur See Krancke und erarbeitete fortan einen detaillierten Operationsplan unter dem Decknamen ,,Weserübung’’.

Weltweite Aufmerksamkeit erhielt der sogenannte ,,Altmarkfall’’, bei welchem es in der Mitte des Februars 1940 zu einer deutlichen Neutralitätsverletzung durch britische Streitkräfte kam. Bei der ,,Altmark’’ handelte es sich um ein deutsches Marine-Troßschiff unter dem Kommando des Kapitäns Dau, welches die Versorgung des deutschen Panzerschiffes ,,Admiral Graf Spee’’ im Handelskrieg im Nord- und Südatlantik gewährleisten sollte. Bevor die ,,Graf Spee’’ auf Befehl ihres Kommandeurs Langsdorff am 17.Dezember 1939 im Hafen von Montevideo gesprengt wurde, nahm die ,,Altmark’’ die insgesamt 303 britischen Kriegsgefangenen des deutschen Panzerschiffes an Bord. Wohlbemerkt führte das Troßschiff als Hilfskreuzer die Reichsdienstflagge und war von der deutschen Seite nicht als Kriegsschiff eingestuft. Churchill vertrat allerdings eine andere Meinung zu diesem Standpunkt und gab die Weisung, das deutsche Schiff um jeden Preis zu stellen, da es mit dem Transport von Kriegsgefangenen seinen Neutralitätsstatus missbrauchen würde. Darüber hinaus bezeichnete der britische Minister das Schiff als ,,Trophäe von unschätzbaren Wert’’. So ereignete es sich, dass am 16. Februar 1940 der britische Zerstörer ,,Cossack’’ wider norwegischer Proteste in den Jössing Fjord einlief, die ,,Altmark’’ enterte und die gefangenen britischen Seeleute befreite, wobei es zum Tod von acht deutschen Seemännern kam. Die deutsche Propaganda griff das Ereignis umgehend auf und instrumentalisierte es als Exempel dafür, wie sich Norwegen unter Zwang der Westalliierten verhalten werde, bzw. das es im Falle eines alliierten Invasionsunternehmens nicht zur Aufrechterhaltung seiner Neutralität fähig sei. Die vor dem Unterhaus gehaltene Rede des britischen Premierministers Chamberlain, in welcher er die britische Vorgehensweise rechtfertigte, verlieh der deutschen Darstellung weiter Nachdruck. Schließlich rief Hitler am 20.Februar 1940 Nikolaus von Falkenhorst in die Reichskanzlei, wo der General der Infanterie am folgenden Tag in den geplanten Angriff gegen Norwegen eingewiesen und mit der Vorbereitung und Durchführung des Unternehmens beauftragt wurde.[23]

3. Unternehmen ,,Weserübung’’

Noch vor der praktischen Umsetzung des Militärschlags kam man zu der Erkenntnis, dass ein Erfolg des Unternehmens wohl nur über die Besetzung Dänemarks, insbesondere Jütlands, möglich sei. Hierfür waren mehrere Gründe ausschlaggebend: Die Luftwaffe benötigte für einen schnellen Zugriff auf Norwegen Flugplätze in Nordjütland, der Nachschub konnte über Eisenbahnverbindung von Deutschland nach Aalborg gewährleistet werden und letztlich wollte die Kriegsmarine die Passierwege durch die dänischen Hoheitsgewässer langfristig sichern. Außerdem sollte ein möglicher Zugriff Großbritanniens auf Dänemark präventiv unterbunden werden.[24]

Am 9.April 1940 begann um 5.15 Uhr, der sogenannten ,,Weserzeit’’, der deutsche Angriff auf Dänemark. Während die 170.Infanteriedivision und die 11.Schützenbrigade die dänische Grenze vom Festland aus überschritten, wurde eine Kampfgruppe der 198.Infantriedivision im Hafen von Kopenhagen abgesetzt. Diese setzte sich umgehend zur strategisch wichtigen Einnahme der Zitadelle Kopenhagens ab, in welcher sich der dänische Generalstab aufhielt. Nachdem die Flugplätze in Aalborg durch einen Fallschirmjägerzug eingenommen war und es vereinzelt zu Kampfhandlungen kam, gab der dänische König Christian X. um 7.20 Uhr den Befehl zur Einstellung der dänischen Gegenwehr. Bereits seit dem Beginn des Angriffes wurde die dänische Regierung durch den deutschen Generalmajor Himer dazu gedrängt, die Forderungen nach einer ,,friedlichen’’ Besetzung zu akzeptieren. Um weiteres Leid von seiner Bevölkerung abzuhalten, ließ Christian X. durch den dänischen Außenminister Munch mitteilen, dass man die deutschen Bedingungen akzeptiere, allerdings gegen die Verletzung der dänischen Neutralität ernsten Einspruch erhebe.[25] Hätte sich der dänische König den Konditionen der Aggressoren nicht gebeugt, so wäre, nach Androhung Himers, die Bombardierung Kopenhagen erfolgt. Um 7.45 bekamen alle im Einsatz befindlichen Wehrmachtsteile per Funk mitgeteilt, dass die dänische Regierung die deutschen Forderungen akzeptiere und alle festgesetzten dänischen Einheiten freizulassen und wiederzubewaffnen sind.[26]

Während die erfolgreiche Durchführung der ,,Weserübung Süd’’[27] für die deutsche Seite ohne nennenswerte Verluste verlief, entging sie bei der Einnahme Norwegens knapp einem Fiasko.

Für die erfolgreiche Durchführung der ,,Weserübung Nord’’ war bereits seit dem 7.April ein deutscher Flottenverband in Richtung Norwegen unterwegs.[28] Etwa zur gleichen Zeit begannen britische Seestreitkräfte mit der Verminung des Westfjordausgangs. Obwohl das deutsche Unternehmen planmäßig anlief und man bereits am Abend des 9.April dem Führerhauptquartier meldete, die Besetzung Dänemarks und Norwegens sei auftragsgemäß durchgeführt, entsprach die Nachricht zu jenem Zeitpunkt weder den militärischen, noch diplomatischen Realitäten. Der norwegische Außenminister Dr. Koht signalisierte dem deutschen Gesandten Dr. Bräuer, dass die Staatsführung das deutsche Ultimatum nicht akzeptiere und ließ im Einvernehmen mit seinen Kabinettskollegen ein Telegramm nach Berlin absetzen, welches das Scheitern der diplomatischen Bestrebungen der deutschen Regierung mitteilte. Die norwegische Regierung wollte das Land nicht freiwillig durch die Deutschen unterjochen lassen, was nicht minder daran lag, dass Hitler ausschließlich Quisling als künftigen Regierungschef akzeptieren wollte. Quisling galt beim norwegischen König Haakon als Repräsentant einer radikal gesinnten Minderheit, der auf keinen Fall Regierungsgeschäfte übertragen werden durften. Auch die von deutscher Seite geplante schnelle Festsetzung des norwegischen Königs war gescheitert. So konnte Haakon samt seiner Familie und nahezu alle Abgeordneten des Storting[29] die Stadt Oslo sicher verlassen. Die sichere Flucht des Königs und der wichtigsten politischen Würdenträger plante man bereits im Vorfeld des deutschen Angriffs und glückte mit Hilfe eines für diesen Zweck bereitgestellten Sonderzuges.

Die militärische Situation war nicht weniger heikel, da die Wehrmacht sowohl mit dem Widerstand der norwegischen Armee, als auch der entsandten britischen Streitkräfte konfrontiert war. Die deutschen Schlachtschiffe ,,Gneisenau’’ und ,,Scharnhorst’’ waren durch Kampfhandlungen mit der Royal Navy schwer beschädigt und der Schwere Kreuzer ,,Blücher’’ bereits im Oslofjord versenkt worden, was gleichzeitig gravierende Fehler in der Operationsplanung offenlegte[30]. Bei der für den Erfolg des gesamten Unternehmens äußerst wichtigen Einnahme Narviks stießen die deutschen Verbände auf heftige Gegenwehr, zu Wasser durch die Royal Navy, zu Land durch das britische Expeditionskorps. Die Kriegsmarine verlor während der maritimen Gefechte vor Narvik alle eingesetzten Zerstörer, samt dem befehlshabenden Offizier Kommodore Bonte. Zu Land leisteten die deutschen Gebirgsjäger unter dem Befehl General Dietls zähen Widerstand gegen die zahlenmäßig weit überlegenen alliierten Landungstruppen[31], wobei die deutsche Seite am 15.April zum Rückzug aus Narvik gezwungen wurde. Der Kampf um die norwegische Hafenstand und das Schicksal des gesamten Landes entschied sich schließlich dadurch, dass das Deutsche Reich am 10.Mai 1940 den ,,Fall Gelb’’[32] und ,,Fall Rot’’[33] einleitete, woraufhin Frankreich seine in Norwegen befindlichen Truppenteile abzog, um diese zur Verteidigung des eigenen Landes einzusetzen. Den übriggebliebenen britischen und norwegischen Streitkräften gelang es fortan nicht mehr, der Wehrmacht größere Verluste zuzufügen, so dass sich die britische Führung zur Evakuierung des Expeditionskorps entschied und Narvik wieder in deutsche Hand fiel. Am 10. Juni 1940 unterzeichnete das Norwegische Oberkommando in Drontheim die Kapitulation, womit die deutschen Interessen vorerst befriedigt wurden.[34] Bis heute ungeklärt bleibt die Frage, ob die ,,Weserübung’’ auch erfolgreich verlaufen wäre, hätten die Regierungen in Oslo und Kopenhagen am 4.April 1940 den konkreten Hinweisen des deutschen Widerstandskämpfers und damaligen Abteilungsleiter des Amtes Ausland/Abwehr, Oberst Oster, Bedeutung beigemessen und ihre Streitkräfte vor der deutschen Invasion mobilisiert.

4. Die Zeit während der deutschen Besatzung

4.1 Dänemark

Nachdem die dänische Regierung die Forderungen der neuen Besatzungsmacht akzeptierte, ließ sie mitteilen, dass sie ,,der Überfall auf ihr Land nicht als kriegerischen Akt und die Besetzung nicht als ,,occupatio bellica’’[35], sondern als völkerrechtlich nicht definierte ,,occupatio pacifica’’[36] betrachte.[37] Unter dem Schein einer ,,friedlichen’’ Besetzung wollte man das Ziel realisieren, dass das politische System und seine rechtmäßig gewählten Organe fortbestehen konnten und Verwaltung und Justiz weiter unter dänischer Obhut bleiben. Dieses Entgegenkommen wurde von deutscher Seite begrüßt, wollte man in Betracht der nahenden kriegerischen Auseinandersetzung mit Frankreich die Administration über Dänemark mit möglichst minimalen Aufwand durchführen.[38] Der neu eingesetzte ,,Gesandte und Bevollmächtigte des Deutschen Reiches bei der dänischen Regierung’’, der Botschafter Cecil von Renthe-Fink, teilte dem Auswärtigen Amt am 15.April 1940 mit, dass man ,,nach außen hin die dänische Souveränität schonen’’ wolle, damit ,,die dänische Regierung auch gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung manche unangenehmen Maßnahmen leichter rechtfertigen und durchsetzen kann’’.[39] General Kaupisch, der Befehlshaber der Besatzungstruppen, äußerte sich in einem Schreiben an das Führerhauptquartier vom 20.April in sehr ähnlicher Weise, allerdings unter der Diktion, dass man nur durch dieses Vorgehen möglichst viel für die deutsche Kriegsrüstung und Industrie herausholen könne.

Innerhalb der ersten beiden Jahre der Besatzungszeit konnten die gesetzten Ziele weitgehend erfüllt werden, was der Botschafter von Renthe-Fink am 11.Mai 1942 durch ein Memorandum auch Berlin wissen ließ. Die von Renthe-Fink genannten ,,erfüllten Wünsche’’ beinhalteten neben wirtschaftlichen Leistungen auch den Austritt aus dem Völkerbund (Juni 1940), den Beitritt zum Antikominternpakt[40] (November 1941), die Abtretung von Anlagen, Waffen und Geräten, Maßnahmen gegen den Kommunismus und Internierung von Mitgliedern kommunistischer Parteien, Maßnahmen gegen Emigranten, die Zusammenarbeit von dänischen Behörden und der Polizei mit den Besatzern und letztlich auch die Erlaubnis zur Werbung von Freiwilligen für die Waffen-SS.[41]

Gleichfalls muss in diesem Zusammenhang bemerkt werden, dass eine Vielzahl der dänischen Zugeständnisse vom Deutschen Reich unter teilweise erheblichen Widerstand erzwungen worden sind. Unterdessen gelang es der dänischen Regierung, die seit dem 10.4.1940 als ,,Sammlungsregierung’’ auch Vertreter der Konservativen Volkspartei und Venstre[42] einschloss, sich erfolgreich gegen die gestellten Forderungen nach antisemitischen Gesetzen, Deportationen, der Einführung der Todesstrafe und einer Wirtschaftsunion mit Deutschland zu widersetzen.

Eine Veränderung in der Politik mit den Besatzern erfolgte mit der Ernennung des parteilosen und als pragmatisch geltenden Erik Scavenius zum Außenminister im Juni 1940. Er war fortan auch der Hauptansprechpartner des deutschen Gesandten und ging mit seiner Politik des ,,guten Willens’’ weiter als die parteigebundenen Mitglieder des Kabinetts, welche auf die in der dänischen Bevölkerung vorherrschende Antipathie gegen die fremde Besatzungsmacht weiterhin Rücksicht nahmen. Nachdem die ersten Erfolgsmeldungen des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion eintrafen, entwickelte sich Scanvenius politisches Handeln immer weiter zu einem reinen Opportunismus. Infolgedessen veröffentlichte man eine Erklärung, die Hitlers Kriegspläne unterstützte, einflussreiche dänische Kommunisten wurden festgenommen und nach dem Beitritt zum Antikominternpakt strebte man mit der Stiftung des ,,Ostraumausschusses’’ auch eine Mitwirkung an der ökonomischen Ausbeutung der bis zu diesem Zeitpunkt eingenommenen Ostgebiete an. Gleichermaßen wuchs die Unmut innerhalb der dänischen Bevölkerung gegenüber ihrer Regierung, welche zunehmend als Werkzeug der deutschen Besatzer angesehen wurde. Dass das dänische Kabinett sich zunehmend der deutschen Einflussnahme beugte, lag seit Beginn der Okkupation auch in der Angst begründet, durch ein nationalsozialistisches Regime unter Führung des DNSAP-Führers Frits Clausen abgelöst zu werden. Jene Bedenken besaßen einen ernstzunehmenden Hintergrund: Clausen hatte bereits im Juni 1940 ein Bündnis mit der Landboernes Sammenslutning geschlossen um seine eigene Machtposition zu manifestieren. Weiterhin traten vereinzelt hohe Beamte wie der Preseattaché Gustav Meissner für eine Machtergreifung Clausens und der DNSAP ein, die auch finanzielle Unterstützung durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland erhielt.[43]

Ein weiterer Umschwung in der Besatzungspolitik setzte in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 ein: Der deutsche Vormarsch nach Osten konnte durch die Rote Armee allmählich aufgehalten werden und in Dänemark nahm die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ein immer größeres Ausmaß an. Im Königreich fanden immer häufiger Demonstrationen gegen die deutsche Fremdherrschaft statt, Kollaborateure wurden deutlicher mit Antipathien konfrontiert und die verbotene KP streute Flugblätter und verübte erstmalig Sabotageaktionen. Weiterhin war der frühere konservative Handelsminister Christmas Moeller schon im Mai nach London geflüchtet und wirkte von dort aus am Aufbau einer Exilregierung, während die deutsche Führung in Furcht vor einer Landung der Alliierten war. Die sogenannte ,,Telegrammkrise’’[44] im September 1942 wurde von deutscher Seite dazu instrumentalisiert, den zuvor beschlossenen schärferen Kurs gegen die dänische Regierung einzuschlagen. Daraus folgte der Austausch des Befehlshabers der deutschen Truppen in Dänemark, der von nun an Hermann von Hanneken war, und die Ablösung des Botschafters von Renthe-Fink durch den SS-Gruppenführer Werner Best. Best agierte allerdings nicht mehr als Gesandter, sondern als ,,Bevollmächtigter des Deutschen Reiches in Dänemark’’.[45] Obwohl Hitler nun ein weitaus aggressiveres politisches Vorgehen befahl und die Errichtung eines nationalsozialistischen Regimes in Dänemark forderte, rieten seine außenpolitischen Bevollmächtigten von einem radikalen Wechsel in der Okkupationspolitik ab. Als Kompromiss übertrug man Scavenius die Regierungsgeschäfte. Bei den Wahlen am 5.Mai 1943 erhielt die DNSAP lediglich 2,1% Prozent der Wählerstimmen, was einer breiten Ablehnung durch die Massen des Volkes gleichkam.[46] Es folgten Arbeitsverweigerungen, weitere Sabotageakte und ein Generalstreik im August 1943, bis die Regierung Scavenius schließlich abgesetzt wurde, da sie die Forderungen nach einem Ausnahmezustand und der Einführung der Todesstrafe zurückwies. Die sogenannte ,,Zweite Okkupation’’ wurde mit einer Welle an Festnahmen und der Entwaffnung des dänischen Heeres eingeleitet und verdeutlichten die massiven Probleme der Besatzer im früheren ,,Musterprotektorat’’. Auf Anregung Werner Bests sollte der Ausnahmezustand jetzt auch dazu genutzt werden, die in Dänemark befindlichen Juden zu deportieren.[47] Dies konnte durch ein Eingreifen der Widerstandsbewegung weitgehend verhindert werden. Mit dem Beginn des Jahres 1944 nahm die Besatzungspolitik immer weiter terroristische Formen an. Unter Einbezug dänischer Faschisten erfolgten politisch motivierte Morde, Anschläge auf öffentliche Einrichtungen und Erschießungen, wie auch während des ,,Volksstreiks’’ im Sommer 1944, bei dem etwa 100 Dänen liquidiert wurden. Ende 1944 wurde die Besatzpolitik stark von der fatalen Kriegssituation Deutschlands beeinflusst, die Befürchtung eines alliierten Landungsunternehmens wuchs täglich. Nach dem Suizid Hitlers am 30.April 1945 forderten einzelne Funktionsträger von Admiral Dönitz weiterhin die Verteidigung Dänemarks. Der neue Oberbefehlshaber schenkte den aussichtslosen Durchhalteparolen jedoch keine Beachtung und Bezog Dänemark in die Teilkapitulation der Wehrmacht ein. Die wurde vom britischen Feldmarschall Montgomery entgegengenommen und trat am 5.Mai 1945 in Kraft, womit auch die deutsche Besetzung Dänemarks ein Ende nahm.

4.2 Das ,,Reichskommissariat’’ Norwegen

Bereits in dem vorangegangenen Kapitel zur ,,Weserübung’’ wurde ausgeführt, dass die Errichtung eines Okkupationsregimes in Norwegen für die deutsche Seite mit großen Schwierigkeiten verbunden war, was vor allem mit der Versenkung der ,,Blücher’’ am 9.April 1940 zusammenhing. Der Verlust des Schiffes, auf dem sich auch die deutschen Kommandostäbe befanden, brachte den gesamten Operationsverlauf durcheinander und verzögerte ihn. Wie zuvor dargelegt, konnten sich König Haakon, die Regierung und Teile des Storting bereits am Vormittag in das Landesinnere nach Elverum absetzen und weitere Schritte zur Verteidigung des skandinavischen Landes einleiten.[48]

Weitaus nachhaltiger für das Schicksal Norwegens war allerdings ein anderes Ereignis, welches sich am 9.April ereignete: Vidkun Qusling, der Führer der faschistischen und politisch wenig bedeutenden ,,Nasjonal Samling’’, sah in den Wirren um den Untergang der ,,Blücher’’ die Gelegenheit, endlich die Regierungsgewalt über Norwegen an sich reißen zu können. Ohne Rücksprache mit der Wehrmacht oder dem Auswärtigen Amt gab er vom Osloer Funkhaus aus bekannt, dass die geflüchtete Regierung abgesetzt sei und fortan eine ,,Nationale Regierung’’ mit ihm als Ministerpräsidenten herrsche. In den folgenden Tagen zeigte sich allerdings das grandiose Scheitern von Quislings versuchten Staatsstreich, da er weder bei den Behörden, noch bei der Bevölkerung und letztlich auch bei seinen eigenen Anhängern nicht die nötige Autorität besaß um politischen Maßnahmen zu vollziehen. Selbst die deutschen Streitkräfte wandten sich lieber an die bestehende lokale Administration, was im engeren Kreis um Quisling auf große Verärgerung stieß.[49]

Nachdem die Verhandlungen zwischen dem deutschen Gesandten Dr. Bräuer und der norwegischen Regierung am 10.April scheiterten, wuchs sowohl auf deutscher, als auch auf norwegischer Seite das Interesse daran, das durch Quisling entstandene administrative Chaos zu beseitigen und den Usurpator schnellstmöglich wieder zu entfernen.[50]

Bereits wenige Tage später, am 15.April, veranlasste man Quisling samt seiner Anhänger dazu, die eingenommenen politischen Posten zu räumen, damit, so erhoffte man sich, doch noch eine Einigung mit der legalen norwegischen Regierung arrangiert werden konnte. Gleichzeitig wurde der sogenannte ,,Administrationsrat für die besetzten norwegischen Gebiete’’ ins Leben gerufen, bestehend aus Dr. Bräuer, dem dafür nach Oslo entsandten Unterstaatssekretär Habicht und Vertretern des Obersten Gerichtes in Oslo. Doch auch dieser von dem deutschen Diplomaten eingebrachte Lösungsversuch änderte nichts an der politischen Situation im Land, weshalb er auf Weisung Hitlers abberufen und somit seiner Karriere ein Ende gesetzt wurde.

Unterdessen kam dem ,,Führer’’ des Deutschen Reiches das Scheitern des Diplomaten nicht ungelegen, da er nun für die Lösung der ,,norwegischen Frage’’ freie Hand hatte. Nach dem Willen Hitlers sollte die Verwaltung des Landes einem Reichskommissar[51] unterstellt werden, womit sich zeigte, dass die Besetzung Norwegens für ihn nicht nur eine militärische, sondern auch eine politische Angelegenheit war. Für das Amt des Reichskommissars wurde Josef Terboven, ein Nationalsozialist der ersten Stunde und bis zu diesem Zeitpunkt der Gauleiter Essens, ausgewählt. Es wird vermutet, dass Terboven auf Empfehlung Herrmann Görings in das Amt gehoben wurde, da letztgenannter einen Mittelsmann für die Interessen der deutschen, bzw. rheinländischen Wirtschaft in Norwegen wollte. In den kriegswirtschaftlichen Planungen der deutschen Seite spielten die ökonomischen Ressourcen des skandinavischen Landes eine tragende Rolle, so dass sich Terboven im Mai 1940 gegenüber der norwegischen Öffentlichkeit als ,,der politische Führer der rheinisch-westfälischen Wirtschaft in allen ihren Zweigen’’ vorstellen ließ.[52]

Mit einem Erlass Hitlers war Terboven bereits am 24.April 1940 zum ,,Reichkommissar für die besetzten norwegischen Gebiete’’ ernannt worden und sollte im zivilen Bereich die oberste Regierungsgewalt ausüben, wenn nötig auch mit Rückgriff auf die deutschen Polizeiorgane[53]. Der Befehlshaber des Militärs, General von Falkenhorst, musste sich bei zivilen Angelegenheiten zwar dem Reichskommissar fügen, behielt aber weiterhin die Berechtigung ,,alle Maßnahmen anzuordnen, die zur Durchführung seines militärischen Auftrags und zur militärischen Sicherung Norwegens notwendig’’ erschienen.[54] Diese nicht sehr eindeutig formulierte Definition der Kompetenzbereiche sollte während der gesamten Okkupationszeit zu einem gespannten Verhältnis zwischen den beiden höchsten Vertretern der Besatzungsmacht führen. Terboven konnte seine eigene Machtposition allerdings immer wieder manifestieren, was vor allem auf seinem engen Kontakt zum ,,Höheren SS- und Polizeiführer’’ Friedrich Wilhelm Rediess zurückzuführen war. Weiterhin war das Amt des Reichskommissars direkt Adolf Hitler unterstellt, hingegen sich von Falkenhorst zunächst an Keitel zu wenden hatte.

Bereits mit seinem Amtsantritt achtete Terboven penibel darauf, dass er sowohl innerhalb, als auch außerhalb Norwegens als höchste Autorität des Landes angesehen wurde. Interventionen anderer Reichsbehörden in seine politischen Handlungen wurden von ihm konsequent unterbunden, was mitunter zu Konflikten mit dem Auswärtigen Amt führte. Mit dem Ende der Kampfhandlungen und der Flucht des Königshauses und der Regierung Nygaardsvold ins Exil nach England am 7.Juni 1940 begann Terboven mit der Schaffung eines Okkupationsregimes gemäß den ursprünglichen Planungen. Diese sahen die Einsetzung einer kollaborationsbereiten, norwegischen Regierung vor. Wohlmöglich beeinflusst von den Geschehnissen in Dänemark, zeigten sich auch die in Norwegen verbliebenden Mitglieder des Stortings, wohlbemerkt aller etablierten Parteien, verhandlungsbereit, allerdings nur unter der Prämisse, dass Quisling und seine Nasjonal Samling von den Verhandlungen ausgeschlossen blieben. Eine unmittelbar bevorstehende Einigung beider Seiten, in der als Resultat sogar die Absetzung des Königs und der im Exil befindlichen Regierung sowie die Installation eines politisch handlungsfähigen ,,Reichsrates’’ durch das Parlament vorgesehen war, wurde kurz vor Abschluss durch Eingreifen Alfred Rosenbergs verhindert.[55] Rosenberg sprach Ende Juli 1940 persönlich bei Hitler vor und äußerte seine Bedenken darüber, dass mit einer derartigen Einigung die ,,nationalsozialistische Revolution’’ in Norwegen gescheitert und dies wiederum ein schlechtes Signal an die anderen okkupierten Länder sei. Stattdessen beharrte der frühe Wegbegleiter Hitlers darauf, Quisling wieder in das politische Geschehen einzugliedern und einen weiteren Bevollmächtigten einzusetzen, der ermächtigt ist, wenn nötig, Einfluss auf die Politik des Reichskommissars auszuüben.[56]

Obwohl keine dementsprechende direkte Weisung Hitlers an Terboven erhalten ist, lässt sich doch aus einem Telegramm des Auswärtigen Amtes vom 29.August 1940 erkennen, dass Rosenbergs Forderungen berücksichtigt worden sind. In dem Telegramm heißt es ,,Führerbefehl, Quisling Führung norwegischer Staatsleitung zu sichern, (…) im Laufe nächster Woche zur Auflösung norwegischen Verwaltungsausschusses, Verbot sämtlicher Parteien mit Ausnahme von Nasjonal Samling, zur Gründung einer deutschen Partei und Einsetzung von Kommissaren in der norwegischen Verwaltung führen.’’[57]

Der Inhalt des Telegramms gibt auch Auskunft über die wesentlichen Züge der darauf folgenden Politik Terbovens, die mit der Einsetzung einer erneuten Regierung Quisling im Februar 1942 gipfelte. Zuvor erklärte er zunächst das norwegische Staatsoberhaupt und die Exilregierung für abgesetzt, die Tätigkeit des Administrationsrates für beendet und alle Parteien außer des Nasjonal Samling für aufgelöst.[58] Zur Unterstützung der ,,Neuordnung Norwegens’’ ernannte man nun 13 mehrheitlich dem nationalsozialistischen Lager angehörende Personen zu ,,kommissarischen Staatsräten’’, die mit der Leitung der Ministerien beauftragt wurden und unter Aufsicht des Reichskommissars standen.[59]

Die Herrschaft des neu errichteten Okkupationsregimes sollte für das norwegische Volk erst mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8.Mai 1945 enden. Bis dahin war der zivile Alltag vor allem durch Lebensmittelknappheit, Rationierungen und einem sich daraus ergebenden Schwarzmarkthandel geprägt. Terboven erhielt von der Führung des Deutschen Reiches den Auftrag die Ressourcen der norwegischen Wirtschaft möglichst effizient auszuschöpfen, da sich große Probleme bei der Regelung der Besatzungskosten und Wehrmachtsausgaben ergaben.

Welche Arten von Kollaboration und Widerstand es während der deutschen Besatzungszeit in den beiden skandinavischen Ländern gab, soll nun in den folgenden Kapiteln dargestellt und untersucht werden.

5. Kollaboration mit der Besatzungsmacht

5.1 Faschistische Bewegungen vor 1940

Wie im gesamten europäischen Raum erhielten mit dem Ende der 1920er Jahre auch in Dänemark und Norwegen die radikalen politischen Kräfte einen Zuwachs, unter ihnen waren auch Gruppen, welche offenkundig mit den radikalen Nationalisten in Deutschland und Italien sympathisierten und sich selbst ebenfalls als Nationalsozialisten bezeichneten.[60]

In Dänemark konnte der radikale Nationalismus mit der Wiedereingliederung Nordschleswigs 1920 weitgehend eingedämmt werden und schied, so Winston Churchill, als ,,konstitutives Element für faschistisches Denken aus’’.[61] Die Sozialdemokraten regierten unter Staatsminister Thorvald Stauning seit 1929 und vereinnahmten innerhalb der dänischen Politik eine unangefochtene Spitzenposition.[62] Die sozialdemokratische Partei war als Vertreter der Arbeiterklasse anerkannt und musste keine ernsthafte Konkurrenz durch die Kommunistische Partei fürchten, die bei den Wahlen 1932 lediglich 1,1% der Stimmen erreichte[63]. Im Gegensatz zu Deutschland existierte in Dänemark Anfang der 30er Jahre wenig politischer Spielraum für antidemokratische Kräfte, obwohl das skandinavische Land ebenfalls mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise konfrontiert war.[64] Vor allem der im Januar 1933 zur Bewältigung der vorherrschenden Krise geschlossene Vertrag zwischen der liberalen Bauernpartei Venstre und den Sozialdemokraten trug maßgeblich zur Stabilisierung der Demokratie bei.[65] Durch eine großangelegte Investition von Staatsfinanzen gelang es der Regierung Kaufkraft, Konsum und somit das Wirtschaftswachstum ab Mitte der 30er Jahre stabil zu halten und die Arbeitslosigkeit bis 1939 auf 18% zu senken.

Die unterschiedlichen Gruppierungen des politisch rechts gerichteten Lagers, welches auch Teile der konservativen Kräfte einschloss, strebten einen Austausch des demokratischen Systems durch einen ,,starken Staat’’ in Form einer Diktatur oder Elitenherrschaft an. Hitlers wirtschaftliche und außenpolitische Erfolge nach seiner Machtergreifung imponierten auch vielen Menschen im Ausland und weckten dort nicht selten das Interesse an der nationalsozialistischen Ideologie[66]. Mit Ausnahme der ,,Radikale Venstre’’ sahen sich die bürgerlichen Parteien nun auch in Dänemark mit einigen Splittergruppen konfrontiert, welche die Demokratie im Land ins Wanken bringen wollten.

Die während der dänischen Rezession gegründete ,,Landboernes Sammenslutning’’[67] war mit annähernd 100 000 Mitgliedern die zahlenmäßig mächtigste radikale Kraft im Land und kooperierte in der Folgezeit auch mit den dänischen Nationalsozialisten.[68] Aus ihr gründete sich 1935 noch die ,,Frie Folkepartie’’[69], welche sich vier Jahre später in ,,Bondepartiet’’[70] umbenannte und bei den Folketingswahlen 1939 immerhin 4 Mandate erreichte. Einige Landwirte fanden auch in der ,,JAK’’[71] ihre politische Heimat, eine 1931 von Kristian Engelbrecht gegründete und teilweise faschistisch geprägte Bewegung mit ca. 35 000 Mitgliedern.

Die wohl rechtsextremste Kraft im Land war die dänische nationalsozialistische Partei (DNSAP), die sich sehr ausgeprägt an der deutschen NSDAP orientierte. Wohl mit Obacht auf die dänische Wählerschaft spielte der Antisemitismus in ihrer Propaganda nur eine nebengeordnete Rolle, die ,,Überlegenheit der germanischen Rasse’’ und des bolschewistischen Feindbildes besaß allerdings den gleichen Stellenwert wie bei den Nationalsozialisten in Deutschland. Im Jahr 1935 gelang es der DNSAP zum ersten Mal die nötigen Unterschriften zur Teilnahme an einer Folketingswahl zu erhalten[72], wobei man die ersten Sitze im Parlament erst 1939 auf sich vereinnahmen konnte. Wie ihr deutsches Vorbild verfügte die DNSAP mit der ,,Sportafdeling’’ (SA) ebenfalls über eine paramilitärische Truppe.

Neben der DNSAP existierten noch weitere nationalsozialistisch gesinnte Klein- und Kleinstparteien, wie die ,,National Socialistisk Arbejder Parti’’ (NSAP) und der ,,Dansk Socialistisk Parti’’ (DSP), welche jedoch nie erwähnenswerten politischen Einfluss erreichen konnte.[73] Während der deutschen Besatzungszeit wurde aus diesen Gründen nur der DNSAP ein gewisser politischen Stellenwert eingeräumt, da sie von der NSDAP als ,,natürlicher Zusammenarbeitspartner’’ gesehen wurde.

Bewunderung für den Faschismus, insbesondere für dessen Ausprägung in Italien, trat auch vereinzelt bei Mitgliedern der Konservativen Volkspartei auf. Jene beklagten vornehmlich den politischen Machtverlust, mit dem ihre Partei seit Einführung des Parlamentarismus in stetig wachsenden Ausmaß konfrontiert war und befürworteten die Mittel Benito Mussolinis zur Eindämmung des Sozialismus. Besonders in der ,,Konservativ Ungdom (KU)’’, der Jugendorganisation der Partei, traten vermehrt antidemokratische Positionen auf. Sie verknüpfte rechtskonservative Ansichten mit faschistischen Elementen und konnte ihre Mitgliederzahl seit 1930 innerhalb von fünf Jahren verdoppeln[74].[75]

[...]


[1] Bracher 1960, S.427.

[2] Bracher 1960, S.428.

[3] Churchill 1985, S.185.

[4] Hildebrand 2003, S.66.

[5] Ebd., S.48.

[6] Churchill 1985, S.189.

[7] der Heeresgruppe Nord und Heeresgruppe Süd

[8] Churchill 1985, S.200.

[9] Bracher 1960, S.432.

[10] polnische Verwaltungsbezirke

[11] Hildebrand 2003, S.67.

[12] Bracher 1960, S.433.

[13] Bracher 1960, S.433.

[14] Ottmer 1994, S.18.

[15] Hubatsch 1960, S.14.

[16] Ottmer 1994, S.16.

[17] Ebd., S.20

[18] Ottmer 1994, S.21

[19] Hubatsch 1960, S.17.

[20] Ottmer 1994, S.23ff.

[21] Ottmer 1994, S.26.

[22] Ebd., S.25.

[23] Der eingerichtete ,,Sonderstab Gruppe XXI’’ unter der Leitung von General von Falkenhorst übernahm ab dem 26.Februar die Arbeit des zuvor eingerichteten Sonderstabes von Kapitän z.S. Krancke

[24] Werther 2004, S.28.

[25] Hubatsch 1960, S.129.

[26] Ottmer 1994, S.74ff.

[27] der Besetzung Dänemarks

[28] Dieser Verband bestand aus den Kriegsschiffgruppen 1 und 2 und wurde zusätzlich von der Schlachtschiffen ,,Gneisenau’’ und ,,Scharnhorst’’ gesichert. Insgesamt hatte die Seekriegsleitung fünf solcher Kriegsschiffgruppen für die Inavsion Norwegens zusammengestellt.

[29] Das Storting, wörtlich übersetzt etwa ,,große Versammlung’’, ist das nationale Parlament Norwegens.

[30] An Bord des versenkten dt. Flaggschiffs befanden sich alle militärisch relevanten Stäbe für die Einnahme Oslos.

[31] Bei Narvik landeten etwa 24.500 gut ausgebildete Marineinfanteristen und Gebirgsjäger, die auf ca. 2100 deutsche Soldaten trafen.

[32] Deckname für den Angriff auf Luxemburg, die Niederlande und Belgien

[33] Deckname für den Angriff auf Frankreich

[34] Hubatsch 1960, S.549.

[35] kriegerische Besetzung

[36] friedliche Besetzung

[37] Werther 2004, S.30.

[38] Bundesarchiv 1992, S.19.

[39] Ebd.

[40] Der Antikominternpakt 1936 war ein völkerrechtlicher Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Japanischen Kaiserreich zur Bekämpfung der Kommunistischen Internationalen (Komintern). 1937 trat Italien dem Pakt bei, weitere Länder folgten.

[41] Werther 2004, S.31.

[42] Venstre ist eine rechtsliberale Partei in Dänemark

[43] Werther 2004, S.32.

[44] Der dänische König Christian X. beantwortete die per Telegramm überbrachten Glückwünsche Hitlers zu seinem Geburtstag mit der gleichen Formel wie in den vorangegangenen Jahren ,,Spreche meinen besten Dank aus. Christian R.’’. Hitler interpretierte dies als ,,bewussten Affront’’.

[45] Ebd., S.33.

[46] Ebd.

[47] In Dänemark befanden sich etwa 6000 Juden mit dänischer Staatsbürgerschaft, sowie knapp 2000 jüdische Emigranten aus Deutschland und Österreich.

[48] Bohn 1991, S.136.

[49] Bohn 2000, S.163.

[50] Bohn 1991, S.138.

[51] Die Institution des Reichskommissars war die in der Weimarer Verfassung vorgesehene und vom nationalsozialistischen Regime beibehaltene Position eines Beauftragten der Reichsregierung oder des Reichspräsidenten mit weitreichenden Vollmachten zur Überwachung oder Übernahme regionaler Behörden, zur Wahrnehmung der Rechte des Reiches auf bestimmten Gebieten oder zur Erfüllung von Sonderaufgaben.

[52] Ebd., S.141.

[53] Darunter fielen Offiziere der SS und der Polizei, sowie die Sicherheitspolizei und der SD.

[54] Bohn 1991, S.142.

[55] Ebd., S.144.

[56] Bohn 2000, S.186.

[57] Bohn 1991, S.145.

[58] Dies erfolgte nachdem die Verhandlungen mit dem Stortingspräsidium am 25.September 1940 offiziell als gescheitert erklärt wurden.

[59] Ebd. S.146.

[60] Werther 2004, S.17.

[61] Wortlaut von Winston Churchill auf einer Pressekonferenz in London am 2. Februar, vgl. Werther, 2004, S. 17.

[62] Ebd., S.15ff.

[63] In den Jahren zuvor hatte man internationalistische Positionen zu Gunsten der nationalen Problembewältigung weitgehend aufgegeben

[64] Die negativen Folgen der Weltwirtschaftskrise erreichten ihren Höhepunkt in Dänemark zum Jahreswechsel 1932/33. Dänemark war noch sehr stark Agrarwirtschaftlich geprägt, weshalb die Landbevölkerung besonders unter finanziellen Einbußen zu leiden hatte. Die Arbeitslosenrate im Land stieg 1933 auf 43,5%.

[65] In der Übereinkunft zwischen den Parteien wurde festgelegt, dass die Regierung als Gegenleistung für die Gründung von 15 000 Kleinbauerstellen durch staatlichen Ankauf von Großgrundbesitzern sowie die Abwertung der Krone und die Einführung von Schutzzöllen die Zustimmung von Venstre für Sozialhilfe- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und ein gesetzlich manifestiertes Aussperrungsverbot für Streikende erhielt. Der führende Sozialdemokrat Stauning äußerte zu diesem Vergleich: ,,Wir haben einige Grundsätze geopfert, aber wir haben das Land gerettet’’,Vgl. Werther, 2004, S.18

[66] Auch einige dänische Intellektuelle verspürten eine Faszination für den Nationalsozialismus. Der wohl bekannteste war Kaj Munk, der letztlich zum Gegner und Opfer des späteren Okkupationsregimes werden sollte.

[67] zu deutsch ,,Zusammenschluss der Landbewohner’’

[68] Werther 2004, S.19.

[69] Freie Volkspartei

[70] Bauernpartei

[71] Jord, Arbejde og Kapital (Land, Boden, Arbeit und Kapital)

[72] Für die Teilnahme an den Parlamentswahlen waren 10 000 Unterschriften notwendig.

[73] Werther 2004, S.20.

[74] 1930 besaß die KU etwa 15 000 Mitglieder, fünf Jahre später 30 000.

[75] Werther 2004, S.20f.

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Kollaboration und Widerstand in Dänemark und Norwegen während der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
1.Staatsexamen
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
78
Katalognummer
V183779
ISBN (eBook)
9783656082262
ISBN (Buch)
9783656082408
Dateigröße
726 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kollaboration, widerstand, dänemark, norwegen, besetzung, weltkrieg
Arbeit zitieren
Hermann D. Janz (Autor), 2011, Kollaboration und Widerstand in Dänemark und Norwegen während der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183779

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