Dynamik und Tragik in Mastro-don Gesualdo von Gióvanni Verga


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997

31 Seiten, Note: 1-2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Haupttei
2.1. Die Dynamik
2.1.1 Mastro-don Gesualdos Kraftquelle
2.1.2 Die Roba als Religion in der Schicht der Adligen
2.1.3 Der Klerus und der Mammon
2.1.4 Besitzstreben im Proletariat
2.1.5 Handlungsmotive in der Familie
2.1.6 Die "disinteressati"

2.2. Die Tragik

3. Schluß

4. Bibliographische Angaben

1. Einleitung

Zwei Hauptelemente sind in Mastro-don Gesualdo auszumachen, die sich nachfolgend als roter Faden durch das gesamte Werk ziehen. Der Begriff des ersten stammt ursprünglich aus der Sprache der Physik, ist jedoch problemlos auf den Handlungsablauf eines Romans übertragbar. Es handelt sich um die Dynamik, den Zusammenhang zwischen Kräften und den durch sie verursachten Bewegungszuständen. Die in der Literatur beschriebenen Triebkräfte entspringen zumeist der Psyche oder Seele und befinden sich damit auf einer schwer durchschaubaren Ebene. Anders als die Naturwissenschaft, die für ein Gesetz der Dynamik eine immer anwendbare Gleichung hervorbringen konnte, gibt es bei Kräften, die auf Gefühlen beruhen eine Vielfalt ohne Regelmäßigkeit. Ängste, Liebe oder Süchte lösen individuell unvorhersehbare Bewegungszustände aus. Die Kräfte veranlassen die Personen zu immer neuen und verschiedenartigen Handlungen, die auf ihr Ziel ausgerichtet sind. Bei zu einseitiger oder blinder Kraftaufwendung kann diese eigentlich positive Energie durch Unerreichbarkeit des Ziels in Tragik, das zweite Hauptelement des Romans, umschlagen.

Der Terminus ist sowohl im antiken als auch im fatalistischen Sinne anwendbar. In der antiken Interpretation wird die Tragik als eine ins Maßlose gesteigerte Sühne für moralische Schuld angesehen. Die andere Deutung geht vom Walten eines unentrinnbaren, ungerechten Schicksals aus[1]. Diese Auffassung vertritt auch Attilio Momigliano in Bezug auf Vergas Schriftstück:

”I malanni nascono dalla forza stessa delle cose, dalla natura stessa degli uomini, dalla logica fatale delle rigide leggi che governano la nostra sorte"[2].

Welche Motive in Mastro-don Gesualdo welche Bewegungszustände auslösen und inwiefern sich tragische Elemente manifestieren, soll im Folgenden untersucht werden.

2. Hauptteil

2.1 Die Dynamik

2.1.1 Mastro-don Gesualdos Kraftquelle

Von Beginn des ersten Kapitels an wird deutlich, daß die treibende Kraft in jeder Überlegung, in jedem Gedanken in Mastro-don Gesualdo das Streben nach Besitz ist. "Il denaro" und "La terrra con i suoi prodotti" sind hier die Schlüsselwörter. Mit dem Begriff der "roba" werden sie zusammengefaßt. Möglichst viel Roba zu besitzen, ist das grundlegende Motiv der Bewohner des kleinen Ortes auf Sizilien. Die Habgier fast aller vorkommender Handlungsträger ist so groß, daß sie deren gesamtes Leben bestimmt. Darin besteht die Dynamik; auf dieser Basis "si genera tutta una rete fitta e complessa di rapporti sociali, tutta un'etica [...]"[3]. Das Verlangen nach Roba gehört für die Personen des Buches zum Gesetz des Lebens; jeder, der sich nicht daran hält, wird ausgestoßen:

"Esilia dunque dalla vita chi non ne riconosce le leggi, non indietreggia dinanzi alle estreme misure, tende a piegare ai suoi fini i movimenti politici, ad abbassare a strumento economico la stessa religione"[4].

An diesen Ausmaßen erkennt man, daß ökonomische Motive bei diesen Leuten vielmehr mit ethischen Motiven verschmelzen. Obwohl sich die Ökonomie in der Regel selten mit den Anforderungen moralischer Werte verträgt, wird sie hier ganz nach dem Prinzip der Ethik zur Rechtfertigung des menschlichen Handelns. So sieht man die Roba, "escludendo da se e negando ciò che nell'uomo v'ha di più nobile ed alto,[...]"[5], nicht als solche allein, sondern als das Gute und ihre Anhäufung als Tugend.
Allein durch diesen symbolischen Stellenwert des Vermögens ist in dem Roman neben aller Härte und ewiger Konkurrenz überhaupt Poesie denkbar.
Gerade die Hauptperson ist

"un personaggio per il quale la ricchezza non è sterile acquisizione di beni ma il segno di un'affermazione vitale, prima che economico"[6].

Dem Besitz schenkt sie so zärtliche Beachtung, daß es an Personifizierung grenzt. Wehmütig schwelgt Gesualdo in Erinnerungen:

"[...] le terre della Canziria, d'Alia e Donninga [...] gli facevano piangere il

cuore,[...], lontane dall'occhio del padrone, quasi fossero di nessuno“ (s. S. 435).

Man hat den Eindruck, es handele sich um verwaiste Töchter oder um Maitressen:

"la povera Canziria che era costato tante fatiche a don Gesualdo.[...] Donninga per cui si era tirato addosso l'odio di tutto il paese![...] le buone terre dell'Alia che aveva covato dieci anni cogli occhi, sera e mattina [...], sciolte così che le mani vi sprofondavano e le sentivano grasse e calde al pari della carne viva [...]" (s. S.435).

Er hat ein sehr inniges Verhältnis zu seinem Habe aufgebaut, so daß beide Ähnlichkeiten anzunehmen scheinen: "la campagna della Canziria si assopisce assieme al padrone, [...] stanco di una lunga e afosa giornata di lavoro" [7].
Die Ursache für die Verherrlichung seiner Roba liegt in seiner Vergangenheit. Gegen den Willen der traditionsgemäß autoritären Vaterfigur beschließt der frühere Tagelöhner zunächst, seinen eigenen Weg zu gehen und das überlieferte Handwerk zu verlassen.

"Il padre non voleva, perché aveva la sua superbia anche lui come uomo che era sempre stato padrone [...]" (s. S. 280).

Sieben Jahre verstreichen, ehe der Vater verzeiht, daß sein Sohn unter dem "comando" eines anderen gearbeitet hat.
Zudem erfolgt die Versöhnung nur, weil Gesualdo allein den ersten lohnenden Auftrag für den väterlichen Hochofen erhält und ausführt. So beschert er seiner Schwester Speranza die Mitgift und kommt fortan auch für alle übrigen Verwandten auf. Trotz dieser Ausgaben kann er von sich behaupten: "Ne aveva fatto della roba!" (s. S. 281). Es ist sein Stolz, daß er durch nichts als seine persönliche Willenskraft, welche die selbst auferlegten Entbehrungen einschließt, zu seinem Wohlstand gelangt ist. Er will den übrigen Menschen zum Trotz dem für ihn von Geburt an vorgesehenen Schicksal als armer Handlanger entrinnen. Dafür nimmt er jede Mühe in Kauf:

"Sempre in moto, sempre in piedi [...], le ossa rotte di stanchezza, dormendo due ore quando capitava, come capitava, in un cantuccio della stalla, dietro una siepe, nell'aia, coi sassi sotto la schiena; mangiando un pezzo di pane nero e duro dove si trovava, sul basto della mula [...] (s. S. 281).

Neben der Bereitschaft zu harter Arbeit ist ein zweites, dynamisches Moment zu beobachten. Seine Sucht nach mehr Kapital hat nämlich einen qualvollen Geiz gegenüber sich selbst zur Folge. "[...] la sua folla poesia della roba porta in se stessa il suo tribolo, il suo clizio quotidiano"[8]. So schleppt der Protagonist sich beispielsweise in glühender Mittagshitze zu Fuß hinter seinem schwerbeladenen Esel einen Berg hinauf, um ihn vor einem Zusammenbruch zu bewahren, obwohl er sich natürlich einen zweiten als Reittier leisten könnte, dies aber aus Gründen der Sparsamkeit gar nicht erst in Betracht zieht (vgl. S. 273). Deshalb entrüstet sich der Mann auch über die Verschwendungslust seines mit seinem Geld spekulierenden Schwagers und seines sein Geld verspielenden Bruders Santo:

"I denari che avesti lunedí te li sei giuocati. Ho capito! ho capito! eccoti il resto. E divertiti alle piastrelle, che a pagare poi ci son io ..." (s. S. 273).

Er will seine Besitztümer, die er unter so schwierigen Bedingungen angehäuft hat, um keinen Preis wieder einbüßen, da er seine gesamte Energie in sie investiert hat. Ein Verlust würde somit einer Sinnentleerung seines Lebens gleichkommen. Aus diesem Grund besteht seine Hauptsorge darin, seine Roba wie einen sich nicht selbst wehren könnenden Menschen zu beschützen: Er ist immer

"costretto di difendere la sua roba contro tutti [...]" (s. S. 281). "Mastro-don Gesualdo aveva a difendere la sua roba" (s. S. 430) usw.

Mit dieser eisernen Einstellung schafft er es, als ehemaliger Hilfsarbeiter reicher als die meisten Adligen im Ort zu werden. Was Erträge einbringt, liegt in seinen Händen:

"la coltura dei fondi, il commercio delle derrate, il rischio delle terre prese in affitto"

(s. S. 281).

Damit dies so bleibt, ist er nicht nur streng zu sich selbst, sondern auch zu seinen Angestellten. Er beschimpft sie, bemüht sich aber ebenso, als Vorbild angenommen zu werden, indem er ihnen seine tatkräftige Hilfe anbietet und indem er sich an Unternehmungen heranwagt, vor denen alle anderen zurückscheuen:
"Bravo! Ora mi fate capomastro! Datemi la stanga! Io non ho paura!" (s. S. 272).

Die letzte Möglichkeit, noch reicher zu werden und die durch einen Bauunfall entstandenen Schäden wieder in Ordnung zu bringen, sieht er in der Unterstützung durch die Noblesse. Doch da deren Mitglieder im allgemeinen seine größten Neider sind und ihm mißtrauisch gegenüberstehen, läßt er sich vom Domherrn Lupi dazu überreden, um die Hand der adligen Bianca anzuhalten,

"per avere un appoggio, per far lega coi pezzi grossi del paese... senza di loro non si fa nulla!" (s. S. 282).

Daß er sich sehr viel von solch einer Verbindung verspricht, erkennt man daran, daß er die Frau trotz ihrer Entehrung heiraten will und daran, daß er sogar auf eine Mitgift verzichtet, die die verarmten Brüder don Ferdinando und don Diego nicht aufwenden können. Er erwartet also, daß seine Geschäfte mit Hilfe der neuen Verwandtschaft bald den Wert einer Brautausstattung übersteigen.
Als sich das Ergebnis der Hochzeit schließlich als Gegenteil aller Hoffnungen entpuppt und sich nun erst recht alle Bewohner des Ortes gegen ihn wenden, bleibt ihm nur noch, List und Tücke, als weitere psychische Kraft, zu entwickeln um voranzukommen. Ohne Verbündete nimmt er zum Beispiel allein an einer Versteigerung zu verpachtender Grundstücke teil. Bei dieser finden Richter und Auktionatoren immer wieder Ausreden gegen Gesualdos Gebote, obwohl ihm genügend Geld zur Verfügung steht. Einmal heißt es, ein einstiger "manevole" könne nicht für seine hohen Offerten garantieren. Nach der Widerlegung dieses Scheinarguments durch das Vorzeigen mit Gold gefüllter Taschen, versuchen es die großen Herren mit der Betonung ihrer aller Verwandtschaft und mit herzlichen Umarmungen. Doch der Fabrikant merkt, daß über diese Freundschaftsbekundungen sein letztes Gebot in Vergessenheit gebracht werden soll. Erbost über seine Wachsamkeit droht man ihm nun, die Preise für die Ländereien durch Mitgebote so in die Höhe zu jagen, daß er am Ende das Doppelte zahlen müsse. Daraufhin greift Gesualdo ebenfalls auf eine Drohung zurück:

"Perciò spingerò l'asta in dove voialtri non potrete arrivare. Ma badate! a un certo punto, se non mi conviene, mi tiro indietro, e vi lascio addosso il peso che vi rompe la schiena" (s. S. 334).

Dank seiner Taktik gelingt es dem Einzelkämpfer, über den verschworenen Block der Adligen zu triumphieren, wobei "la sua vittoria si misura sulla contrazione del potere economico e politico delle camarille locali”[9]. Ein anderes Mal sticht er die Sippschaft aus, indem er Ninì Rubiera große Geldbeträge leiht, obschon dessen Mutter, Biancas Tante, ausdrücklich dazu aufgefordert hat, ihm nichts zu borgen. Sie selbst weigert sich, ihm auch nur einen Pfennig zu geben. Sie weiß nämlich, daß er der Komödiantin Aglae, in die er unsterblich verliebt zu sein scheint, allzu kostspielige Geschenke machen will:

"Fu un vero accesso di pazzia. Buccinavasi persino che onde farle dei regali si fosse fatto prestare dei denari da questo e da quello. La baronessa, disperata, fece avvertire gli inquilini di non anticipare un baiocco al suo figliuolo, se non l'avevano a fare con lei" (s. S. 371).

Diese für den Baron mißliche Lage nutzt Gesualdo aus. Erstens haben ihn die Mitbürger zu oft verärgert, als daß er Skrupel empfinden könnte, und zweitens hat er es auf das Vermögen der Rubieras abgesehen. Selbst wenn Ninì zur Zeit zahlungsunfähig ist, das macht der canonico Lupi Gesualdo klar, wird er einmal das Gut seiner Mutter innehaben:

" La baronessa giura che sinché campa lei non paga un baiocco. Ma non ha altri eredi, e un giorno o l'altro deve lasciargli tutto il suo" (s. S. 372).

Schließlich verlangt Gesualdo "la grossa somma che [...] aveva antecipata al barone" (s. S. 372) nach neun Jahren, jedoch noch vor dem Tod der Rubiera zurück. Ninì, der seit langem vergeblich auf das Dahinscheiden seiner Mutter hofft, sieht sich nun gezwungen, die gut situierte. aber ältliche Giuseppina Alosì zu heiraten,
"per salvare quel pò di casa che don Gesualdo voleva espropriargli" (s. S. 393). Nachdem er vorher den ganzen Ort inspiziert hat, um jemanden zu finden, der ihm den Betrag seiner Schulden auslegt, nimmt er bei seiner jetzigen Gemahlin eine Hypothek auf deren Ländereien auf und überträgt diese seinem Gläubiger, der damit zum wiederholten Male sein Ziel erreicht hat.

[...]


[1] vgl. ”Tragik” in Otto Bantel, Dieter Schaefer: Grundbegriffe der Literatur

[2] s. S. 145, Gorizio Viti: Guida a mastro don Gesualdo

[3] s. S. 141, Viti

[4] s. S. 141, Viti

[5] s. S. 141, Viti

[6] s. S. 97, Nino Borsellino: Storia di Verga

[7] s. S. 106, Gaetano Ragonese: Interpretazione del Verga

[8] s. S. 144, Viti

[9] s. S. 101, Borsellino

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Dynamik und Tragik in Mastro-don Gesualdo von Gióvanni Verga
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Romanistisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar Vom Verismus zu D'Annunzio
Note
1-2
Autor
Jahr
1997
Seiten
31
Katalognummer
V1838
ISBN (eBook)
9783638111317
Dateigröße
731 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Risorgimento; der Begriff der roba
Arbeit zitieren
Martina Ochs (Autor), 1997, Dynamik und Tragik in Mastro-don Gesualdo von Gióvanni Verga, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1838

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