Das Denken von Albert Camus angesichts der "condition humaine" unter besonderer Berücksichtigung des "Etranger"


Essay, 1979

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Dr. Georg Bergner

Kurzanalyse des Romans «L´ Etranger» von Albert Camus

Meursault, Erzähler und Antiheld des Romans, führt ein an den Augenblick hingegebenes Leben in Algier. Er nimmt ohne das geringste Anzeichen von Trauer an der Beerdigung seiner Mutter teil und fühlt sich inmitten der trauernden Gemeinschaft als Fremdling. Einen kurzen Augenblick beschleicht ihn die «impression ridicule»1) von dieser verurteilt zu werden. Ein Eindruck, der sich später durch eine Wendung des Schicksals als tragische Ironie herausstellt. Der Leser merkt schon bald, dass das Verhalten des Erzählers eine unbewusste Reaktion auf die Absurdität seiner condition humaine ist. Diese seine Intention arbeitet Camus in der Begräbnisszene auch stilistisch durch eine kontrastierende Farbsymbolik heraus2). Meursault steht gesellschaftlichen Werten und Konventionen wie der Ehe, der Freundschaft oder dem beruflichem Aufstieg völlig indifferent gegenüber. Liebe setzt er mit körperlicher Liebe gleich. Er gesteht, dass eine tote oder physisch von ihm getrennte Marie ihn nicht interessieren kann3). Da Meursault die Normen der Gesellschaft fremd sind, empfindet auch seine Freundin Marie sein Verhalten «bizarre»4). Der Titel des Romans findet spätestens hier seine Erklärung. Die Wiederkehr bestimmter Schlüsselwörter aus dem Mund von Meursault wie «cela m´était égal» oder «cela n´avait aucune importance»5) illustrieren sein Fremdsein in der Gesellschaft. Dem Inhalt des Romans entspricht auf formaler Ebene ein neutraler, lapidar-objektiver Erzählstil.

Für Meursault hat sich durch den Tod der Mutter nichts verändert und sein Leben geht den gewohnten Gang weiter. Aufgrund einer Verkettung von Zufällen und vor allem unter dem Einfluss der sengenden Sonne, die ein mechanisches Betätigen des Revolvers bewirkt, wird Meursault zum Mörder. In der Szene des Verbrechens symbolisiert die Sonne eine schicksalhafte Macht, die unwiderruflich die Katastrophe herbeiführt. Camus arbeitet dies stilistisch durch eine entsprechende Lichtsymbolik heraus. Das gesamte Kapitel (Kap. 6, Teil 1) ließe sich wegen des Verlaufs der dramatischen Spannungskurve unschwer in eine Tragödie mit 5 Akten umsetzen.

Der Untersuchungsrichter erwartet, dass ein Sohn beim Tod seiner Mutter weint und ein Verbrechen tief bereut. Da Meursault diesen Erwartungen nicht entsprechen kann und es auch nicht will, stellt er für den Untersuchungsrichter ein Rätsel dar. Der Fremdling entfacht daher den Missionarsseifer des Richters. Dieser versucht, in einer sehr emotional geladenen Rede und einem Kruzifix in der Hand, Meursaults Reue zu wecken. Als dieser schließlich Gott leugnet, verliert der Richter völlig die Fassung. Denn er sieht sich in die Verteidigerrolle gedrängt: «Voulezvous (...) que ma vie n´ait pas de sens?»6), ruft er erzürnt aus.

Freilich liegt es in der Intention des Autors, die moralische Überlegenheit des Atheisten Meursault gegenüber dem intoleranten und unbeherrschten Richter zu verdeutlichen. Als dieser kapituliert, hat er innerlich die Verurteilung Meursaults schon vollzogen. Zu Beginn des Verhörs sagt er zu Meursault: «ce qui m´intéresse, c´est vous»7), und als Leser vermutet man schon, dass Meursault in erster Linie nicht wegen seiner Tat zum Tode verurteilt wird. Denn der Richter kann für den Menschen Meursault und dessen einfache Wahrheit («J´ai dit que tout était très simple»8) ) nicht geöffnet sein. Der reuelose, ungläubige Titelheld von Camus lässt sich in kein Verhaltensschema einordnen und übersteigt das mit Vorurteilen zugemauerte Verständnis des Untersuchungsrichters9). Die spätere Freundlichkeit gegenüber «monsieur l´Antéchrist»10) ist nicht echt, sondern als solche zu verstehen, die man jemandem gewährt, der Narrenfreiheit genießt und in Wirklichkeit schon aus dem „Verkehr“ gezogen ist.

In den Szenen vor dem Tribunal (Teil II, Kap. 2 + 3) wird schnell deutlich, dass Meursault dem ganzen Gerichtswesen völlig hilflos ausgeliefert ist. Weder der Staatsanwalt noch der Gerichtspräsident und nicht einmal der Verteidiger von Meursault interessieren sich für die Fakten. Sein Anwalt beschwört ihn, die Gefühllosigkeit beim Tod der Mutter nicht zuzugeben und zu sagen, er habe nur seine natürlichen Gefühle beherrscht. Meursault lehnt dies aber ab, «parce que c´est faux»1). Er kann überhaupt nicht verstehen, was dieser Sachverhalt mit seiner Tat zu tun hat und warum dieses Detail ihm «un très sale tour»2) spielen könnte. Diese ehrliche Unbefangenheit Meursaults gegenüber dem Gang der Gerichtsmühle und die daraus resultierende Schwierigkeit der Juristen, ihn in ein gewohntes Verhaltensmuster einordnen zu können, machen aus ihm einen Fremden in der Gesellschaft.

Im Prozess werden zusammenhanglose Begebenheiten aus dem Leben Meursaults zu einer Kausalkette von schuldhaften Verhaltensweisen verknüpft. Er wird angeklagt «d´avoir enterré une mère avec un cœur de criminel»3). Die Entlastungszeugen werden kaum angehört 4) oder gegen ihren Willen zu Belastungszeugen5), denen von der Anklage das Wort im Mund umgedreht wird. Ebenso wie seine Ehrlichkeit wirkt sich die Intelligenz Meursaults zu seinen Ungunsten aus.6) Seine einfache Wahrheit («c´était à cause du soleil»7), unterliegt den übermächtigen Vorurteilen. Der Gerichtspräsident meint sogar, der Angeklagte habe eine raffinierte Verteidigungstaktik.

Der ganze Prozess gleicht einer einzigen Komödie, wo schauspielerisches Talent entscheidend wichtig ist8). So will Camus dem Leser deutlich machen, dass sein Titelheld in seinem eigenen Prozess nur passiver Zuschauer ist, welchen man gar nicht um seine Meinung fragt: «En quelque sorte, on avait l´air de traiter cette affaire en dehors de moi. Tout se déroulait sans mon intervention. Mon sort se réglait sans qu´on prenne mon avis»9). Schließlich klagt ihn der Staatsanwalt nicht nur des vorsätzlichen Mordes an dem Araber, sondern auch des Muttermordes an. Er fordert die Todesstrafe für einen Mann, der nichts zu tun habe mit einer Gesellschaft, deren elementare Regeln er nicht respektiere10). Meursault erkennt während des Prozesses seine Position als Außenseiter der Gesellschaft. In der Zeit vor der Hinrichtung sucht er zunächst einen Ausweg, um dem «mécanisme implacable» , also dem mechanischen Ablauf des Unausweichlichen zu entgehen11). Doch dann ringt er sich zur innerlichen Annahme des Todes durch, obgleich er die Todesstrafe wegen der Relativität der Rechtsprechung nicht akzeptieren kann12). Konsequent betreibt er ab diesem Zeitpunkt seine Trennung und Unabhängigkeit von der Gesellschaft, um die innere Freiheit im Angesicht des Todes zu gewinnen. Leben und Tod erkennt er als seine einzigen Wahrheiten an. Der Materialist Meursault lehnt jeden metaphysischen Trost ab. Daher kommentiert er die Überzeugungsversuche des Gefängnisgeistlichen folgendermaßen: «Pourtant, aucune de ses certitudes ne valait un cheveu de femme (...). Moi, j´avais l´air d´avoir les mains vides, Mais j´étais sûr de moi (…), plus sûr que lui, sûr de ma vie et de cette mort qui allait venir. Oui, je n´avais que cela. Mais du moins, je tenais cette vérité autant qu´elle me tenait»13). Er nimmt die in seinen Augen absurde Existenz an, weil er immer davon überzeugt war, dass «...rien n´avait d´importance (...) pendant cette vie absurde» 14). Er wird zum Märtyrer seiner Wahrheit, die sogar noch stärker ist als seine Liebe zum Leben.

[...]


1) Vgl. A. Camus, L´Etranger, Diesterweg 1968 und 1984, S. 12, Z. 4/5

2) Ebd., S. 16, Z. 19-24 und S. 17, Z. 13-16

3) Ebd., S. 79, Z. 9-12

4) Ebd., S. 33, Z. 9/10

5) Ebd., S. 24, Z. 26 / S.27, Z. 3+4 / S. 30, Z. 11/ S. 32, Z. 19, 31, 34 («cela ne signifiait rien») und Z. 36

6) Ebd., S. 49, Z. 15 + 16

7) Ebd., S. 47, Z. 28

8) Ebd., S. 47, Z. 31 + 32

9) Ebd., S. 49, Z. 12 + 13 sowie ebd. Z. 32 + 33

10) Ebd., S. 50, Z. 28

1) Vgl. A. Camus, L´Etranger, a.a.O., S. 46, Z. 31 + 32

2) Ebd., S. 46, Z. 35 + 36

3) Ebd., S. 67, Z. 12 + 13

4) Ebd., S. 66, Z. 1-6

5) Ebd., S. 65, Z. 32

6) Ebd., S. 69, Z. 17-19

7) Ebd., S. 71, Z. 17

8) Ebd. S. 71, Z. 35 + 36

9) Ebd. S. 68, Z. 10-12

10) Ebd., S. 70, Z. 33 + 34

11) Ebd., S. 74, Z. 22 und Z. 15 + 16

12) Ebd., S. 75, Z. 10-22

13) Ebd., S. 82, Z. 29-34

14) Ebd., S. 83, Z. 4-6

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Das Denken von Albert Camus angesichts der "condition humaine" unter besonderer Berücksichtigung des "Etranger"
Note
1,0
Autor
Jahr
1979
Seiten
5
Katalognummer
V183838
ISBN (eBook)
9783656089155
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zwei Studien: 1) Existenzialismus und Humanität im Werk von Albert Camus, 2) Kurzanalyse des Romans "L´Etranger"
Schlagworte
kurzanalyse, romans, etranger, albert, camus
Arbeit zitieren
Dr. Georg Bergner (Autor), 1979, Das Denken von Albert Camus angesichts der "condition humaine" unter besonderer Berücksichtigung des "Etranger", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183838

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