Deutschland auf dem Weg zur Basarökonomie


Bachelorarbeit, 2011

52 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis:

Tabellenverzeichnis:

Symbolverzeichnis:

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Das Heckscher-Ohlin-Theorem und der Faktorpreisausgleich
2.2 Verzerrung auf den Faktormärkten
2.3 Interpretation von Leistungsbilanzsalden

3 Die Basarökonomie
3.1 Definition der Basarökonomie
3.2 Deutschland im Jahre 2003
3.3 Kapitalintensität internationaler und deutscher Unternehmen
3.4 Empirische Überprüfung des Basar-Effekts
3.4.1 Outsourcing und Offshoring
3.4.3 Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes
3.4.4 Herkunft der Vorleistungsbezüge
3.4.5 Analyse des Statistischen Bundesamtes
3.4.6 Engagement deutscher Unternehmen im Ausland
3.4.7 Deutschland im internationalen Vergleich

4 Die Faktormärkte für Arbeit und Kapital
4.1 Der Arbeitsmarkt
4.2 Der Kapitalmarkt

5 Mögliche Ursachen für die Anpassungsschwierigkeiten

6 Agenda 2010 - Licht am Ende des Tunnels?

7 Fazit

Literaturverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Kapitalintensität, Faktor- und Güterpreisverhältnis

Abb. 2: Transformationskurven mit und ohne Handel

Abb. 3: Transformationskurve und Tauschgleichgewicht

Abb. 4: Transformationskurve und Lohnstarrheit

Abb. 5: Wohlfahrt und Exportvolumen bei Lohnstarrheit

Abb. 6: Kapitaleinsatz pro Arbeitnehmer

Abb. 7: Outsourcing und Offshoring

Abb. 8: Fertigungstiefe des verarbeitenden Gewerbes nach Branchen

Abb. 9: Anteil verschiedener Branchen am BIP

Abb.10: Entwicklung des Outsourcing nach dem IIGO-Index

Abb.11: Reale Bruttowertschöpfung und realer Produktionswert

Abb.12: Beschäftigung international tätiger Unternehmen

Abb.13: Fertigungstiefe im internationalen Vergleich

Abb.14: Nettoinvestitionsquote im internationalen Vergleich

Abb.15: Entwicklung der Lohnspreizung

Tabellenverzeichnis:

Tab.1: Vorleistungsbezüge des verarbeitenden Gewerbes

Tab.2: Importabhängigkeit der deutschen Exporte

Symbolverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Keine Volkswirtschaft in Europa war im letzten Jahrhundert mit solch starken wirtschaftlichen sowie politischen Veränderungen konfrontiert wie Deutsch- land. Nach zwei verlorenen Weltkriegen, in zwei politische Einflusssphären geteilt und vor dem wirtschaftlichen Ruin stehend, stieg die Bundesrepublik in nur 30 Jahren zur stärksten Volkswirtschaft auf dem europäischen Konti- nent auf. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg nahm auch der Wohlstand in allen Bevölkerungsschichten in beispielhaftem Maße zu. Das Land, welches in den 1950er Jahren noch zu den Niedriglohnländern zählte, erreichte Ende der 1980er Jahre eines der höchsten Lohnniveaus im internationalen Vergleich. Nach dem Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesre- publik Deutschland und dem sich nicht einstellenden wirtschaftlichen Erfolg in den fünf neuen Bundesländern, änderte sich das Bild in der nun wieder- vereinigten Republik. Trotz aller positiven Prognosen und der versprochenen „blühenden Landschaften“1 wurde das nun bevölkerungsreichste Land der Europäischen Union in den 1990ern und den ersten Jahren des neuen Jahr- tausends zum Wachstumsschlusslicht mit hoher Arbeitslosenquote in Euro- pa.2 Wie andere industrialisierte Staaten sah sich Deutschland einer Globali- sierungswelle gegenüber. Große Fortschritte in der Informationstechnologie und niedrige Transportkosten veränderten die Wirtschaft grundlegend.3 Im- mer mehr Unternehmen verlagerten ihre Produktionsstätten in Billiglohnlän- der. Deutschland baute seine Position im Welthandel weiter aus und steiger- te den Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt.4 Als Professor Hans- Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, am 15. No- vember 2003 das erste Mal seine These von der Basarökonomie Deutsch- land vorstellte, löste er damit eine langanhaltende Diskussion um die tatsäch- liche Lage der deutschen Wirtschaft aus.5 Die eine Seite fordert, den Ge- danken Prof. Sinns folgend, eine Reform des Arbeitsmarktes und eine Um- gestaltung des Sozialsystems, um der fortschreitenden Ausdünnung der In- dustrie zugunsten des Auslandes entgegenzutreten. Die Gegner seiner The- se hingegen klammern sich an dem Titel Exportweltmeister und plädieren für Lohnsteigerungen und staatliche Konjunkturprogramme um die Binnenkon- junktur anzukurbeln.67 Ziel dieser Arbeit soll es sein, zu untersuchen, ob in Deutschland eine empirisch nachweisbare Verlagerung von Arbeitsplätzen in das Ausland stattgefunden hat und sich auf dem Weg in eine Basarökonomie befindet.

1.2 Aufbau der Arbeit

Das 2. Kapitel gibt Aufschluss über die theoretischen Grundlagen des inter- nationalen Handels. Es wird beleuchtet, warum und wie Länder Handel be- treiben, welche Auswirkungen der Handel auf die Arbeitsteilung, den Wohl- stand und die Entlohnung der Produktionsfaktoren hat. Gleichfalls wird die Wirkung des Eingriffs von Staaten in den Marktprozess z.B. durch Mindest- löhne untersucht. Kapitel 3 widmet sich der Erläuterung der Basar-These und deren empirischen Nachweis. Es werden verschiedene Möglichkeiten zur Messung von Arbeitsplatzverlagerung betrachtet und der Vergleich mit ande- ren Industriestaaten gezogen. Im darauffolgenden Kapitel wird Deutschlands Anpassungsfähigkeit an die Herausforderung der Globalisierung anhand der Faktormärkte untersucht. In Kapitel 5 werden die Ursachen für die Anpas- sungsprobleme der Faktormärkte gesucht. Im letzten Kapitel werden die poli- tischen Antworten auf den Globalisierungsdruck, insbesondere der Agenda 2010 und deren Erfolg bzw. Misserfolg betrachtet.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Das Heckscher-Ohlin-Theorem und der Faktorpreisausgleich

Die Ökonomen Heckscher und Ohlin erklären die Richtung sowie das Aus- maß des Außenhandels aufgrund der relativen Ausstattung an Produktions- faktoren.8 Unterschieden werden z.B. die Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital. Unter dem Produktionsfaktor Arbeit versteht man einfache aus- führende Tätigkeiten. Das Kapital umfasst Sachkapital, Geldkapital und Hu- mankapital. Das Sachkapital sind Anlagen, wie z.B. Maschinen und Gebäude. Das Humankapital bezeichnet hochqualifizierte und gut ausgebildete Arbeits- kräfte. Der Produktionsfaktor Boden bezieht sich auf beispielsweise landwirt- schaftliche Anbauflächen und Bodenschätze. Eine Volkswirtschaft exportiert und spezialisiert sich laut Heckscher und Ohlin, bei Eintritt in den Außenhan- del, auf das Gut, welches den reichlich vorhandenen Produktionsfaktor hauptsächlich nutzt und importiert das Gut, welches mit dem relativ knappe- ren Produktionsfaktor hergestellt wird.9 In einem kapitalreichen Land hat Ka- pital einen relativ geringen Preis. Daraus ergibt sich, dass Güter, die zum größten Teil mit Kapital produziert werden, relativ billig sind. Güter, die in ei- nem Land mit einem hohen Anteil an Arbeit hergestellt werden, sind folglich relativ teuer. Zur Veranschaulichung wird im weiteren Verlauf ein Zwei- Ländermodell mit zwei Gütern und zwei Produktionsfaktoren betrachtet. Ein Land ist relativ reich am Produktionsfaktor Kapital (K) und das andere relativ reich am Produktionsfaktor Arbeit (L). Wie die Formel (1) zeigt, ist das kapi- talreiche Land das Inland und steht bildlich für eine Industrienation wie z.B. die Bundesrepublik Deutschland. Das arbeitsreiche Land wird als das Aus- land (*) betrachtet und steht für ein Schwellen- oder Entwicklungsland wie z.B. die Volksrepublik China.10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Für das Modell werden folgende Annahmen getroffen:11
- Konstante Skalenerträge
- Identische Kostenfunktionen und gleiches technologisches Wissen
- Konstante und identische Nachfragepräferenzen
- Keine Transportkosten und internationale Faktorimmobilität
- Freie Faktor- und Gütermärkte vollkommene Konkurrenz
- Substitutionale Produktionsfaktoren flexibles Faktoreinsatzverhält- nis

Gut 1 wir mit einer relativ großen Arbeitsintensität und einer relativ kleinen Kapitalintensität hergestellt. Hierbei handelt es sich z.B. um Textilprodukte. Gut 2 wird hingegen mit relativ viel Kapital und relativ wenig Arbeit hergestellt. Für Gut 2 nehmen wir an, dass es sich um Maschinen handelt. Gut 1 ist das arbeitsintensive und Gut 2 das kapitalintensive Gut. Der obere Teil der Abbil- dung 1 zeigt den Zusammenhang zwischen dem Faktorpreisverhältnis [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Die Preise der Faktoren werden durch den Lohn für Arbeit und den Zins für Kapital determiniert. Im Fall ohne Handel, dem sogenannten Autarkiefall, ist das Faktorpreisverhältnis des In- landes höher als das des Auslandes [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Es ist zu entnehmen, dass zu je- dem Preisverhältnis Maschinen also Gut 2, kapitalintensiver produziert wer- den als Textilien. Die Nutzung des Faktors Kapital steigt bei der Produktion jeden Gutes, wenn der Faktor Kapital relativ zum Faktor Arbeit billiger wird. Die optimale Faktorallokation der Unternehmen führt zu einer Erhöhung der Kapitalintensität, da es sich lohnt Kapital durch Arbeit zu ersetzen.12 Der rela- tiv hohe Arbeitsreichtum des Auslands und das daraus resultierende geringe Faktorpreisverhältnis führt zu einer niedrigeren relativen Nutzung des Pro- duktionsfaktors Kapital. Der untere Teil der Abbildung 1 zeigt den Zusam- menhang zwischen dem Faktorpreisverhältnis ω und dem Güterpreisverhält-[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] . Steigt z.B. die Entlohnung des Produktionsfaktors Arbeit, so steigt auch das Güterpreisverhältnis, da Arbeit relativ teurer wird und so auch das arbeitsintensive Gut (Textilien) relativ teurer wird.

Kommt es zu einer Aufnahme von Außenhandel, so besagt das Faktorpreis- ausgleichstheorem, dass sich die Faktorpreise zwischen den handeltreiben- den Ländern angleichen.13 Durch diesen Mechanismus nähern sich die Fak- torpreise gegenseitig an und es bildet sich ein internationales Faktorpreis- verhältnis und Güterpreisverhältnis. Das Preisverhältnis im Ausland [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] nimmt zu und jenes im Inland ρ nimmt ab. In Abbildung 1 bildet sich so das interna- tionale Faktorpreisverhältnis und das Güterpreisverhältnis .

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Kapitalintensität, Faktor- und Güterpreisverhältnis

Quelle: Vgl. Sauernheimer (2006a), S. 437, eigene Darstellung.

Wenn also das kapitalintensive Land (Deutschland) Handelsbeziehungen mit dem arbeitsintensiven Land (China) aufnimmt, so kommt es zu einer Anpas- sung der Faktorpreise. Unter den bekannten Annahmen hat dies zur Folge, dass in Deutschland das Faktorpreisverhältnis ω sinkt und in China ω* steigt.14 Die Abbildung 2 verdeutlicht graphisch die oben beschriebe Theo- rie von Spezialisierung und Faktorpreisausgleich anhand der Transformati- onskurven des In- und Auslands. Die Transformationskurve zeigt die mögli- chen effizienten Produktionskombinationen an Gütern einer Volkswirtschaft und wird deshalb auch als Produktionsmöglichkeitenkurve bezeichnet. Eine Volkswirtschaft kann jede Güterkombination innerhalb und auf der Transfor- mationskurve erreichen.15 Produktionspunkte außerhalb der Kurve sind nur zu erreichen, wenn Volkswirtschaft durch Nettoinvestition, demographische Veränderungen oder Technologieänderungen wächst und sich somit die Kur- ve nach außen verschiebt.16 Wird der effiziente Pfad verlassen und es wird eine Güterkombination innerhalb der Kurve gewählt, sind Produktionsfakto- ren falsch oder nicht beschäftigt.17 In Abbildung 2a ist der Schnittpunkt zwischen der Transformationskurve und der Preislinie im Autarkiefall. Die Steigung der Preislinie mit dem Anstiegswinkel γ wird durch das negative Güterpreisverhältnis aus Textilien und Maschinen determiniert. ist die gewinnmaximale Outputkombination.18 In diesem Punkt ist die Steigung der Transformationskurve gleich der Steigung des negativen Güterpreisverhält- nisses . Ohne Außenhandel konsumiert die Volkswirtschaft alle Güter, die sie produziert und der Konsumpunkt liegt auf dem Produktionspunkt . An den Produktionskurven aus Abbildung 2 ist zu erkennen, dass das arbeitsrei- che Ausland relativ viel Textilien und das Inland relativ viele Maschinen her- stellt. Im Inland war durch die relative Arbeitsknappheit, wie in Abbildung 1 zu sehen ist, das Güterpreisverhältnis relativ hoch und deshalb verläuft die in- ländische Preislinie steiler als die ausländische. Kommt es zu einer Aufnah- me von Handel zwischen den beiden Ländern, verändern sich wie in Abbil- dung 2 verdeutlicht wird, die Preisverhältnisse. Sie nähern sich an und bilden ein internationales Preisverhältnis, welches sich in den Abbildungen 1 und 2 als [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] widerspiegelt.

Abbildung 2: Transformationskurven mit und ohne Handel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. Sauernheimer (2006a), S. 433, eigene Darstellung.

Die Abbildung 2 zeigt, dass die Preislinie des Inlandes nach Aufnahme des Handels flacher verläuft und der Produktionspunkt[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] wandert. Der Anstiegswinkel der Preislinie wird flacher, weil der relative Textilpreis von ρ auf [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] sinkt. Deutschland produziert weniger Textilien und mehr Maschinen. Es hat durch die Aufnahme von Außenhandel eine Veränderung des Preis- verhältnisses und der Produktionsstruktur gegeben. Im Inland sind die Pro- duktionsfaktoren in den kapitalintensiven und im Ausland in den arbeitsinten- siven Sektor gewandert. Abbildung 3 zeigt nun den Außenhandel nach der Anpassung der Preisverhältnisse. Der Punkt , in dem sich die gesellschaft- liche Indifferenzkurve und die Preislinie schneiden, stellt den neuen Konsumpunkt dar. Die Indifferenzkurve spiegelt alle Kombinationen von Textilien und Maschinen wider, die den gleichen gesellschaftlichen Nutzen stiften. Je weiter die Indifferenzkurve vom Ursprung entfernt ist, umso höher ist der ge- stiftete Nutzen. Es wird angenommen, dass die beiden Länder über die gleichen Präferenzen verfügen.19 Der neue Konsumpunkt liegt außerhalb der Transformationskurve. Das Inland exportiert Maschinen in der Menge und importiert Textilien in der Menge [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Das relativ arbeitsreiche Aus- land exportiert Textilien in der Menge [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und importiert Maschinen in der Menge [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Der neue Konsumpunkt ist weiter vom Koordinatenursprung entfernt, als und[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Transformationskurve und Tauschgleichgewicht

Quelle: Vgl. Sauernheimer (2006a), S. 484, eigene Darstellung.

Der Außenhandel hat die Wohlfahrt beider Nationen verbessert, da insge- samt mehr Güter konsumiert werden können. Die benötigten Produktionsfak- toren in der inländischen Textilindustrie sinken und steigen in der Maschi- nenproduktion. Aufgrund der unterschiedlichen Faktornutzung der zwei In- dustrien ist die Nachfrage nach Kapital in der Maschinenproduktion bei gleichbleibender Verzinsung größer als das in der Textilproduktion freige- setzte Kapital. Die relative Knappheit von Kapital wird erhöht, wodurch die Verzinsung steigt. Umgekehrt können die freigesetzten Arbeitskräfte unter dem gegebenen Lohnsatz nicht voll beschäftigt werden, sodass der Lohn sinken muss, um Vollbeschäftigung wieder herzustellen. Der durch den Han- del in Kraft gesetzte Mechanismus führt im Inland zum Sinken des Faktor- preisverhältnisses und damit verzeichnen Personen, die ihr Einkommen aus Arbeit beziehen Einbußen und Kapitaleigner erzielen Zuwächse. Zu den Pro- fiteuren des Außenhandels gehören somit die Gruppen, die ihr Einkommen aus dem reichlich vorhandenen Produktionsfaktor erzielen.20

2.2 Verzerrung auf den Faktormärkten

Die unter 2.1 betrachteten Sachverhalte führen zu einem anderen Ergebnis, sobald die obigen Annahmen nicht oder nur begrenzt zutreffen. Können sich d ie Güter- und Faktorpreise am Markt nicht mehr frei bilden und sind Produk- tionsfaktoren nicht effizient beschäftigt, so hat dies Auswirkungen auf die Spezialisierung und Wohlfahrt einer Volkswirtschaft. Es wird im Folgenden das Heckscher-Ohlin-Modell mit einer nach unten starren Lohngrenze be- trachtet. Diese Starrheit kann beispielsweise durch hohe Sozialeinkommen, die in Konkurrenz zu den Arbeitseinkommen stehen oder durch gesetzliche Mindestlöhne hervorgerufen werden.21 Abbildung 4 zeigt gestrichelt, die kon- vexe Produktionsmöglichkeitenkurve EK, des Inlandes unter Vollbeschäfti- gung aller Produktionsfaktoren. Die Linie EFRK zeigt die Produktionsmög- lichkeitenkurve der Volkswirtschaft mit Mindestlohn. Im Punkt R wird ein nach unten starrer Lohn eingeführt und die Volkswirtschaft produziert im Optimum ungeachtet des Mindestlohns mit dem Preisverhältnis . Durch den Außen- handel kommt es zu einer Verschiebung der Produktionsstruktur in Richtung kapitalintensiver Industrie. Die Nachfrage nach kapitalintensiven inländischen Gütern steigt. Normalerweise würde es zu einer Veränderung des Preisver- hältnisses durch sinkende Löhne und steigende Zinsen kommen. Der Min- destlohn fixiert jedoch im Inland das Preisverhältnis aus Lohn und Zins. Je- der Punkt auf der Gerade FR ist ein möglicher Berührungspunkt zwischen dem Preisverhältnis und der neuen Produktionsmöglichkeitenkurve.

Abbildung 4: Transformationskurve und Lohnstarrheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. Brecher (1974), S. 102, eigene Darstellung.

Jeder Punkt auf FR steht für eine unterschiedliche Zahl an Beschäftigten. Das Einsatzverhältnis von Arbeit und Kapital ist zwischen F und R kon- stant.22 Steigt die Nachfrage nach kapitalintensiven Gütern, wandern die Faktoren von F in Richtung R und es nimmt die Beschäftigung des Produkti- onsfaktors Arbeit permanent ab. Die Preisfixierung verhindert eine Aus- bremsung des Spezialisierungseffekts. Sinkt das Güter-Preis-Verhältnis und die Steigung verändert sich von[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]auf[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], wird die Produktion von Gut 2 im Vergleich zu Gut 1 auf FR unprofitabel.23 Durch die Veränderung des Preis- verhältnisses kommt es zu einer kompletten Verlagerung bzw. Spezialisie- rung auf Gut 1, da kein Profitmaximierungslevel in der Textilindustrie erreicht werden kann. Steigt hingegen der relative Textilpreis von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]auf [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], steigt der profitmaximierende Lohn über den Mindestlohn. Der Mindestlohn hat kei- ne Auswirkungen auf das Gleichgewicht und es herrscht Vollbeschäftigung aller Produktionsfaktoren.24

Abbildung 5 zeigt den für die Betrachtung einer starren Lohnuntergrenze wichtigen Teilausschnitt aus der Abbildung 4. Es sind die Produktionspunkte bei Handel ohne Mindestlohn B und unter Handel mit Mindestlohn D einge- zeichnet. Wie oben bereits geschildert, kommt es durch die Produktionsver- lagerung zur Freisetzung von Arbeitskräften in der Textilindustrie, die in der Maschinenproduktion, aufgrund der Fixierung von Lohn und Zins, nicht auf- genommen werden können.

Abbildung 5: Wohlfahrt und Exportvolumen bei Lohnstarrheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. Brecher (1974), S. 105 und Sauernheimer (2006b) S. 10, eigene Darstellung.

[...]


1 Vgl. Kohl (1990).

2 Vgl. Sinn (2005), S.18.

3 Vgl. Laaser et al. (2009), S.183.

4 Vgl. Statistisches Bundesamt (2006).

5 Vgl. Sinn (2003), S.6.

6 Vgl. Grimm (2006).

7 Vgl. Hickel (2004).

8 Vgl. Ohlin (1933), S.163 ff.

9 Vgl. ebenda.

10 Vgl. Bhagwati et al. (1998), S. 59.

11 Vgl. ebenda, S. 53 ff.

12 Vgl. Sauernheimer (2006a), S.434.

13 Vgl. Baghwati (1999), S. 84 ff.

14 Vgl. Ohlin (1933), S.165 f.

15 Vgl. Baghwati (1999), S. 9 f.

16 Vgl. Krugman et al. (2009), S. 142.

17 Vgl. Baghwati (1999), S. 10.

18 Vgl. Krugman et al. (2009), S. 93.

19 Vgl. Sauernheimer (2006), S. 473 ff.

20 Vgl. Ohlin (1933), S.165 f.

21 Vgl. Brecher (1974), S.101.

22 Vgl. Brecher (1974), S.103 ff.

23 Vgl. ebenda.

24 Vgl. ebenda.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Deutschland auf dem Weg zur Basarökonomie
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
52
Katalognummer
V183878
ISBN (eBook)
9783656084143
ISBN (Buch)
9783656084365
Dateigröße
1593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Basar, Offshoring, Outsourcing, Arbeitsplatzverlagerung, Basarökonomie, Heckscher Ohlin, Verarbeitendesgewerbe
Arbeit zitieren
Tom Kindervater (Autor), 2011, Deutschland auf dem Weg zur Basarökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183878

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