Kinästhetik: Praktische Anwendung für Betreuer

Gezeigt am Beispiel von Menschen mit Multipler Sklerose


Diplomarbeit, 2011

54 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Abstract

2 Motivation

3 Einleitung
3.1 Was ist Pflege eigentlich?
3.2 Was bedeutet Mobilisation?

4 Konzepte der Kinästhetik
4.1 Funktionale Anatomie
4.1.1 Massen und Zwischenräume
4.1.2 Orientierung im Raum und im eigenen Körper
4.2 Menschliche Bewegung
4.2.1 Haltungs- und Transportbewegungen
4.2.2 Parallele und spiralige Bewegungsmuster
4.3 Anstrengung
4.3.1 Zug und Druck
4.4 Zwischenstand
4.5 Interaktion
4.5.1 Bewegungselemente
4.5.2 Sinne
4.5.3 Interaktionsformen
4.6 Menschliche Funktion
4.6.1 Grundpositionen
4.6.2 Komplexe Funktionen
4.7 Umgebung
4.7.1 Raumgestaltung
4.7.2 Hilfsmittel
4.8 Zusammenfassung

5 Kompatibilität
5.1 Mäeutik
5.2 Pflegemodell nach Dr. Krohwinkel
5.3 Studie Kinästhetische Mobilisation

6 Implementierung

7 Diskussion
7.1 Die Grenzen des Machbaren

8 Conclusio

9 Literaturverzeichnis
9.1 Mäeutik
9.2 Pflegemodell nach Krohwinkel
9.3 Studie Kinästhetische Mobilisation
9.4 Abbildungsverzeichnis

10 Glossar
10.1 Definition der Pflege
10.2 Selbstständigkeitsklassifikation nach Jones
10.3 Fatigue – Syndrom
10.4 Induktiv
10.5 Amaurose
10.6 Charcot – Trias

11 Anhang
11.1 Studienbewertung „Kinästhetische Mobilisation“
11.2 Implementierung der Kinästhetik
11.2.1 Arbeitsblatt: Implementierung der Forschungsergebnisse in die Pflegepraxis

12 Ehrenwörtliche Erklärung

1 Abstract

Diese Fachbereichsarbeit zum Gesundheits- und Krankenpfleger hat den Schwerpunkt Mobilisation von Menschen, welche an Multipler Sklerose erkrankt sind.

Im Pflegealltag konnte ich beobachten, dass ein Schwerpunkt das Bewegen und Mobilisieren von Menschen ist. Besonders Personen mit Multipler Sklerose sind hierbei stark gefährdet, ihre Selbstständigkeit zu verlieren. Auch für betreuende Personen und Pflegekräfte ist die Mobilisation sehr aufwendig. Oft erfordert das Mobilisieren von MS Kranken viel Kraft und Anstrengung.

Da die Erkrankung Multiple Sklerose, auch genannt „Die Krankheit der tausend Gesichter“, ein breites Spektrum an Bewegungsproblemen liefert, können mithilfe der kinästhetischen Mobilisation vielfältige, individuelle Lösungen erarbeitet werden.

Ich erhebe nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern möchte mit dieser Abschlussarbeit ein paar Anregungen liefern.

Erstens möchte ich alle Leser für den Bereich der Bewegung und Mobilisation sensibilisieren. Das schließt sowohl die eigene Bewegung als auch das Bewegen von anderen Menschen mit ein.

Zweitens führe ich an, wie mithilfe der Kinästhetik die Selbstständigkeit für Multiple Sklerose Kranker lange Zeit erhalten werden kann.

Und drittens gebe ich dem betreuenden Pflegepersonal einen Anreiz zum rückenschonenden und kraftsparenden Arbeiten.

Im Folgenden werden anhand von Praxisbeispielen die Grundlagen der Kinästhetik erläutert. Diese Praxisbeispiele sind Fälle aus meinen Praktika, welche ich für diese Fachbereichsarbeit modifiziert und aus Datenschutzgründen depersonalisiert habe. Die anderen Praxisbeispiele sind Selbstversuche, in denen der Leser am eigenen Leib die Kinästhetik erfahren kann.

Ich hoffe hiermit Ihr Interesse geweckt zu haben und wünsche mir, mit dieser Arbeit einen leichteren Zugang für die Betreuung von Menschen mit Multipler Sklerose geschaffen zu haben.

2 Motivation

Um meine Motivation zu diesem Thema zu beschreiben, möchte ich folgende Fragen bearbeiten:

Die erste Frage lässt sich in meinen Augen sehr leicht beantworten. Mobilisation findet in der Pflege ständig statt. Mobilisation findet sowohl bei der körperlichen Pflege als auch zwischendurch bei jeder Bewegung statt. Somit sind für mich die Pflege und die Mobilisation untrennbar miteinander verbunden. Aufgrund dieser Annahme finde ich, dass diesem Teil des Pflegealltags mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

Warum aber ausgerechnet das Konzept der Kinästhetik? Ich finde die Kinästhetik sehr ansprechend, da sie die Lebens- und Arbeitsqualität aller Rezipienten verbessern kann. Das Pflegepersonal vermeidet durch dieses Konzept belastende, ruckartige Bewegungen. Die zu Pflegenden bekommen die Möglichkeit mit ihren vorhandenen Ressourcen selbstständig zu werden und eventuell auch zu bleiben.

Die Antwort auf die letzte Frage ergibt sich beim Lesen meiner Fachbereichsarbeit. Soviel sei hier nur kurz erwähnt: Anhand des Krankheitsbildes MS können eine Vielzahl der Probleme bei der Mobilisation dargestellt werden. Weiters können durch die unterschiedlichen Ausprägungen und Erscheinungsbilder der an MS Erkranken auch verschiedenste mögliche Lösungen gezeigt werden.

Bevor wir uns den Praxisbeispielen widmen, möchte ich meine persönliche Grundeinstellung zum Kerngebiet dieser Arbeit erläutern. Im Vergleich zu dieser, führe ich die Ansichten der Autoren, der von mir verwendeten Literatur, an.

3 Einleitung

Das Kernthema ist die Mobilisation. Gesetzlich verankert findet sie sich

im eigenverantwortlichen, mitverantwortlichen und auch im interdisziplinären Tätigkeitsbereich der professionellen Pflege. Die Mobilisation umfasst somit den gesamten Tätigkeitsbereich eines diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegers und bildet einen wesentlichen Bestandteil des täglichen Arbeitsfeldes.

3.1 Was ist Pflege eigentlich?

Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, da es meiner Meinung nach zwei Auffassungen von Pflege gibt. Die öffentliche und die professionelle Sicht1 auf die Pflege.

Die öffentliche Pflege wird von uns allen durchgeführt. Es ist die Pflege der Mutter für ihr Kind, der Schwester für ihren Bruder, der Frau für ihre beste Freundin, des Mannes für seine Gattin und natürlich die eigene Pflege. Das bedeutet Fürsorge, Betreuung, „sich kümmern“ und sorgen um einen anderen Menschen oder sich selbst. Diese Art der Pflege führt jeder Einzelne nach eigenem Ermessen selbstständig durch. Wir handeln nach unserem Gefühl und mit besten Absichten.

Etwas anders verhält es sich da mit der professionellen Pflege. Diese wird von Pflegehelfern und diplomiertem Personal durchgeführt, welche eine spezielle Ausbildung absolviert haben und deren Hauptaufgabe es ist, zu pflegen. Hierbei umfasst das Pflegen jedoch viel mehr als bei der öffentlichen Pflege. Professionell Pflegen beinhaltet die Anleitung, Unterstützung oder Übernahme eines zu Pflegenden beim Waschen, Ankleiden, Betten machen und Essen. Des Weiteren zählen auch noch Aufgaben wie das Aufsetzen, Hinlegen, Lagern, Kommunizieren, Versorgen von Infusionen, Auftragen von Lokaltherapeutika, Organisieren, Administrieren und Dokumentieren zum Tätigkeitsbereich einer diplomierten Pflegekraft. Somit lässt sich sagen, dass diemoderne Pflege sich mit allen anderen Berufsgruppen der Patientenbetreuung überschneidet.

So wie keine andere Profession steht die Pflege im Mittelpunkt der Betreuung. Ihre tägliche Arbeit setzt sich zusammen aus Bereichen der medizinischen, paramedizinischen2 und sozialen Betreuung. Somit vermitteln Pflegekräfte auch zwischen all diesen Berufsgruppen und nehmen eine zentrale Rolle bei der Betreuung von Patienten ein.

Das Pflegepersonal arbeitet direkt mit dem Patienten an bestehenden und neuen Behandlungsformen. Diplomierte Pflegekräfte sind umgeben von allen anderen Berufsgruppen und finden sich somit in einer einzigartigen Rolle wieder.

Um sich dem Thema meiner Fachbereichsarbeit wieder zu nähern, möchte ich noch eine weitere Frage klären:

3.2 Was bedeutet Mobilisation?

Sowohl in der Fachliteratur als auch in allgemeinen Lexika ist der Begriff Mobilisation verschieden definiert3. Für die Koryphäen der Kinästhetik, Hatch und Maietta bedeutet Mobilisation „(…)den Patienten zu helfen, die erforderlichen Bewegungsfähigkeiten zu entwickeln, die sie zur Ausführung ihrer menschlichen Funktionen brauchen.“ [Frank Hatch, Lenny Maietta; Kinästhetik 2. Auflage, Seite 78].

Für mich persönlich bedeutet Mobilisation die Art und Weise, mit welcher Bewegung durchgeführt wird. Mobilisation findet sich im Alltag eines Pflegenden des Öfteren wieder. Bei genauerer Betrachtung findet sich Mobilisation auch im täglichen Leben eines jeden Menschen wieder. Das reicht vom morgendlichen „Aufstehen“, über das „zur Arbeit gehen“, sowie bei allen anderen Aktivitäten. Auch am Ende eines langen Tages findet sich Mobilisation. Zum Beispiel beim abendlichen „baden Gehen“ und anschließenden „Hinlegen“.

Bei Pflegekräften findet die Mobilisation indes oft bei erkrankten oder körperlich beeinträchtigen Personen statt.

Während meiner Praktika hörte ich oft Sätze wie: „Jetzt muss ich den Herrn Y in den Rollstuhl heben“, „Das Raufrutschen im Bett ist so schwer, kannst du mir als starker Mann nicht helfen?“, „Jetzt müssen wir die Fr. X ins Bett bringen, das ist immer so anstrengend“.

Das vermittelte mir den Eindruck, dass Mobilisieren Schwerstarbeit ist und ich dachte mir: „Oh je, wenn ich diesen Beruf länger ausübe, werde ich später sicher Kreuzschmerzen haben!“

Doch als ich vom Konzept der Kinästhetik erfuhr, verflogen meine Befürchtungen rasch. Das praktische Erleben der Kinästhetik war für mich so einschneidend, dass ich begann, mich näher mit dieser Technik zu beschäftigen.

Gleich zu Beginn der Recherche stolperte ich über die sechs Konzepte der Kinästhetik. Diese gelten als Grundlage zum Verständnis und bei der Anwendung. In dieser Fachbereichsarbeit möchte ich die sechs Konzepte anhand von Beispielen aus meiner Praxis erklären. Auch finden sich in meinen Beispielen mögliche Lösungswege zur Mobilisation von Betreuenden mit MS.4

4 Konzepte der Kinästhetik

Die Kinästhetik ist in sechs Konzepte gegliedert. Diese sind eine Struktur, um Kinästhetik besser verstehen und anwenden zu können. Jedes einzelne Konzept betrachtet Bewegung aus einem anderen Gesichtspunkt. Bei jedem Konzept können Veränderungen zu einer verbesserten Betreuung führen und ermöglichen es, Schritt für Schritt auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen. Das erste Konzept welches ich vorstellen möchte, befasst sich mit der Anatomie des Menschen.

4.1 Funktionale Anatomie

Um die Verbindung zur Praxis herzustellen, beginne ich gleich mit einem Beispiel.

Beispiel

Frau S. hat seit 10 Jahren MS. Ihr Zustand hat sich innerhalb der letzten zwei Jahre stark verschlechtert. Anfangs litt sie unter einer ausgeprägten Sehschwäche. Doch in den folgenden Jahren fiel ihr zunehmend das Sprechen schwerer, und auch die Muskelkraft ließ langsam nach. In den letzten zwei Jahren veränderte sich ihr Selbstständigkeitszustand der Mobilität nach Jones5 von teilweise selbstständig auf unselbstständig. Dieser Zustand belastet sie sehr. In der Früh ist die Mobilisation in den Rollstuhl besonders schwierig, da ihre Muskulatur sehr verkrampft ist. Daher sollte während der Ganzkörperwäsche im Bett durch ausstreifende Linienführung die Muskulatur gelockert werden. Bei der Bewegung ihrer einzelnen Extremitäten muss sehr darauf geachtetwerden, dass sie bei den Gelenken stabilisiert werden. Sonst gibt Frau S. Schmerzen und Unwohlsein an.

Zum Transfer in den Rollstuhl hat sich für Frau S. eine rollende Bewegung als ansprechend herausgestellt. Vorbereitend wird Frau S. mit einer spiralförmigen Bewegung an die Bettkante gebracht. Dabei wird zuerst ein Bein nach dem Anderen aufgestellt und zur Seite gestellt.

Anschließend wird das Becken auf die flache Hand gerollt, um dann mit dieser das Becken in Richtung Bettkante zu ziehen. Am Schluss wird der Oberkörper auf die gleiche Weise wie die Hüfte mobilisiert. Von der Bettkante wird Frau S. aus Sicherheitsgründen mithilfe zweier Pflegepersonen einmal um die Längsachse, in den Rollstuhl gedreht. Diese Art der Mobilisation ist für Frau S. nicht unangenehm und dem Pflegepersonal werden anstrengende Hebegriffe erspart.

In diesem Beispiel wird deutlich, dass es Zonen im Körper gibt, welche für eine Bewegungsunterstützung besser geeignet sind als andere. Bei Stabilisierung der Extremitäten am Gelenk treten bei Frau S. keine Schmerzen auf. Wenn jedoch eine Extremität zwischen den Gelenken stabilisiert wird, empfindet Frau S. dies als unangenehm. Dieser Einzelfall deckt sich mit den Erfahrungen der Kinästheten. Der Körper besteht, vereinfacht ausgedrückt, aus festen und weichen Anteilen, eben aus Knochen und Muskeln. Im kinästhetischen Jargon werden diese als Massen und Zwischenräume bezeichnet.

4.1.1 Massen und Zwischenräume

Es werden sieben Massen und sechs Zwischenräume beschrieben.

1. Abbildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die sieben Massen sind: Kopf, Brustkorb, Becken, zwei Arme und zwei Beine.

Die sechs Zwischenräume befinden sich genau zwischen den Massen, sind also Hals, Taille, die zwei Schultergelenke und die zwei Hüftgelenke. Für die Praxis ist es wichtig sich diesen Unterschied bewusst zu machen, um einen Betroffenen richtig bewegen zu können.

Anhand des oben beschriebenen Beispieles von Frau S. sehen wir bereits drei wichtige Grundlagen der Kinästhetik.

Erstens: Massen werden am besten nacheinander bewegt. In unserem Beispiel findet sich das bei der schrittweisen Mobilisation der Klientin an die Bettkante wieder.

Zweitens: Zwischenräume sollten zur Bewegung der Massen verwendet werden. Dafür ist es erforderlich, dass Zwischenräume immer frei beweglich sind. Im Falle unseres Beispieles erfolgt die Mobilisierung und Stabilisierung einer Extremität an den Gelenken und nicht am Knochen.

Drittens: Das Gewicht des Körpers wird besser über die Massen transportiert. Bei Frau S. werden sowohl die Bewegung zur Bettkante über die großen Knochen, wie Becken und Brustkorb, als auch die Mobilisation in den Rollstuhl über die Längsachse, also den gesamten Knochenapparat durchgeführt. Dadurch wird das Gesamtgewicht auf mehrere Massen aufgeteilt und ist somit leichter zu bewegen.

Diese Grundlagen ermöglichen es den Betreuenden, MS-Betroffene auch im fortgeschrittenen Stadium kraftschonend zu bewegen.

Solange sich aber eine Person noch nicht in diesem Stadium befindet, ist eine Anleitung zu diesen Bewegungen erforderlich.

Für diese Anleitung bedarf es aber noch einer kleinen Überlegung über die Richtungsangaben, genauer gesagt über die Orientierung. Hier unterscheiden die Kinästheten zwischen zwei Orientierungspunkten.

4.1.2 Orientierung im Raum und im eigenen Körper

Wichtig bei der Anleitung zu neuen Bewegungsmustern ist, dass für jeden klar ist wo oben und unten ist.

Bei der Orientierung im Raum gehen wir von den Gegebenheiten aus. Oben ist an der Decke und unten ist der Fußboden. Diese Orientierung ist für uns kein Problem, solange wir uns aufrecht bewegen. Ein Problem entsteht erst, wenn ich vor einem liegenden Patienten stehe und ihn auffordere, nach oben zu kommen. Um solche Missverständnisse zu beseitigen, wird bei der kinästhetischen Orientierung immer von der Orientierung des Körpers ausgegangen.

Demnach ist oben beim Kopf und unten bei den Füßen. Die Mitte stellt die Hüfte dar. Das ist wichtig, da ich somit in allen Körperpositionen klar angeben kann, in welche Richtung sich eine Bewegung richtet.

Ein weiterer Punkt bezüglich der Orientierung betrifft die Vorder- und Rückseite. Hier bezieht sich die kinästhetische Pflege auf die Funktion.

Die Rückseite bietet eine Stützfunktion und ermöglicht Haltepositionen. Demnach befinden sich dort auch die Knochen relativ knapp unter der Haut. Des Weiteren befinden sich auf der Rückseite die ausdauernden Streckmuskeln. Zur Rückseite gehören Hinterkopf, Rücken, Schulterblatt, Ellbogen, Unterarmaußenseite, Hüfte, Knie und Unterschenkelvorderseite. Die bekannteste Position bei der wir hauptsächlich unsere Rückseiten gebrauchen, ist das Liegen.

Die Vorderseite hingegen ist wesentlich sensibler, aber auch beweglicher als ihr Gegenpart. Auf der Vorderseite befinden sich hauptsächlich die Beugemuskeln.

Diese Unterscheidung ist ein zentrales Thema für die Durchführung und die Anleitung einer Bewegung. Bewegungen sollten immer über die stabilen Rückseiten stattfinden und den Vorderseiten möglichst viel Bewegungsspielraum lassen.

Zurück zum Beispiel von Seite 9. Bei Frau S. wird die seitliche Bewegung über die stabile Hüfte und die Schulterblätter durchgeführt und somit die Stützfunktion dieser Rückseiten genutzt.

Bei genauerer Betrachtung wird jedoch noch ein weiterer Faktor deutlich: Die für die Mobilisation wichtige spiralige und die rollende Bewegung. Der Hintergrund zu diesem Bewegungsmuster findet sich im nächsten kinästhetischen Konzept. Das Konzept der menschlichen Bewegung.

4.2 Menschliche Bewegung

Bevor wir uns den Parallel- und Spiralbewegungen widmen, möchte ich einen Schritt zurückgehen. Unser Körper mitsamt seinen Knochen und Gelenken ist geschaffen für Bewegung. „Wir haben keinen Ruheapparat, wir haben einen Bewegungsapparat.“6

Bei der menschlichen Bewegung gibt es zwei Grundbewegungsformen.

4.2.1 Haltungs- und Transportbewegungen

Haltungsbewegungen dienen der Stabilisation unserer Massen. Bei dieser Bewegungsform gibt unser Körper Gewicht über unsere Massen auf eine feste Unterlage ab. Dies geschieht meistens über die Rückseiten unseres Körpers (vgl. Kapitel Massen und Zwischenräume, Seite 10). Dabei stehen Haltungsbewegungen für eine Verbindung zwischen unseren Körperteilen.

Transportbewegungen hingegen stehen für die Bewegung einzelner Körperteile im Raum. Es kommt zu einem Ortswechsel. Anders ausgedrückt: Ein Körperteil wird an einen anderen Platz gebracht.

In der Kinästhetik ist es das Ziel, die Haltungs- und Transportbewegungen abwechselnd anzuwenden. Durch gute Bewegungsvorbereitung kann eine Mobilisation viel angenehmer für Betreuer und Betroffenen durchgeführt werden.

Im Beispiel von Seite 9 wird bei der seitlichen Bewegung von Frau S. zur Bettkante nicht der gesamte Körper mit einem Ruck bewegt. Der Körper wird vorbereitet in dem zuerst die Füße, anschließend das Becken und zuletzt der Oberkörper zur Bettkante gebracht werden. Die Gesamtbewegung wird auf kleinere Bewegungen aufgeteilt und ermöglicht somit ein Wechselspiel von Haltungs- und Transportbewegung. Des Weiteren bewirkt diese Aufteilung auch eine Verteilung der Körpermassen. Es muss nicht bei einer Bewegung das gesamte Körpergewicht bewegt werden, sondern jeweils nur ein Teil nach dem Anderen. (Vgl.: Anstrengung, Seite 15)

Durch die Kombination beider Grundbewegungsarten, Haltungs- und Transportbewegung, ergeben sich zwei Bewegungsmuster: Die parallele Bewegung und die drehende Bewegung.

4.2.2 Parallele und spiralige Bewegungsmuster

Ein paralleles Bewegungsmuster bedeutet, dass sich unsere beiden Körperhälften gleichzeitig in dieselbe Richtung bewegen. Dies erfordert jedoch relativ viel Kraft, verglichen mit der spiraligen Bewegung.

Das spiralige Bewegungsmuster entsteht, wenn sich unsere Körperhälften nacheinander, beziehungsweise unterschiedlich zueinander bewegen. Diese Art der Bewegung ist wesentlich weniger anstrengend und sie braucht auch weniger Platz. Zum besseren Verständnis können Sie folgende Situation selbst ausprobieren.

Selbstversuch:

Setzen Sie sich bequem auf einen Sessel. Nun stehen Sie auf, in dem sie den Oberkörper gerade nach vorne beugen, und beide Knie anschließend gleichzeitig durchstrecken. Das war ein paralleler Bewegungsablauf. Nun setzen Sie sich wieder zurück in den Sessel. Ziehen Sie nun beide Füße in Richtung des Sessels und stellen den rechten Fuß vor den linken. Stützen Sie sich mit der linken Hand auf der linken Seite des Sessels ab. Sie stehen mit einer drehenden Bewegung auf, sodass Sie am Ende um 180 Grad gedreht, leicht neben dem Sessel zu stehen kommen. Diese Art der Bewegung war ein spiraliger Bewegungsablauf. Führen Sie diese zwei Möglichkeiten des Aufstehens ein paar Mal durch und achten Sie erstens darauf, welche Bewegungsart mehr Muskelkraft beanspruchtund zweitens, bei welcher Bewegung Sie jederzeit ohne Probleme stoppen können.

Bei diesem Selbstversuch sollten Sie merken, dass die Ausführung des spiraligen Aufstehens weniger Kraft beansprucht. Anatomisch betrachtet ist diese Form der Bewegung physiologischer, denn vor allem in den Extremitäten umlaufen die Muskeln unsere Knochen spiralförmig7.

Außerdem sollte sich gezeigt haben, dass es beim spiraligen Bewegungsablauf wesentlich einfacher ist, die Bewegung an einer beliebigen Stelle zu unterbrechen.

Sich diese Erkenntnisse vor Augen zu führen ist sehr wichtig für die Pflege und Mobilisation von MS – Kranken. Falls Sie bei einer eigenen Mobilisationsvariante auf Probleme stoßen, beobachten Sie zuerst einmal den Bewegungsablauf. Anschließend überlegen Sie, ob diese Form der Bewegung auch in einem mehr drehenden Bewegungsmuster möglich ist. Dadurch unterstützen Sie die Selbstständigkeit des Betroffenen.

Falls er Ihre Unterstützung dennoch brauchen sollte, müssen Sie bei einem spiraligen Bewegungsablauf weniger Kraft investieren als bei einer parallelen Bewegung.

Somit sind wir bei den Komponenten Kraft und Anstrengung angelangt. Das ist das nächste kinästhetische Konzept.

4.3 Anstrengung

Beispiel:

Im folgenden Fallbeispiel ist eine eher ungewöhnliche Lösung gefunden worden, mit der dieser Patient allerdings am Besten zurechtkommt. Sie ist nicht als Standard zu verstehen. Sie wird hier vorgestellt um Mut zu geben, auch Lösungen zu suchen und anzuwenden, die nicht alltäglich sind.

Herr E. leidet seit sieben Jahren an einer chronisch progredienten Form der MS. Er ist im elektrischen Rollstuhl selbstständig mobil und braucht untertags keine Unterstützung.

Die Betreuer unterstützen ihn beim Aufstehen und am Abend beim zu Bett Gehen. Da Herr E. spasmolytische Medikamente ablehnt, ist er in der Früh sehr spastisch. Die Spastik löst sich erst nach einer warmen Dusche, welche er in einem Duschsessel selbst durchführt. Das Problem für die Betreuer besteht beim Transfer vom Bett in den Duschsessel und nach dem Ankleiden vom Bett in den elektrischen Rollstuhl. Beim Umsetzen bekommt Herr E. des Öfteren eine Streckspastik, welche dazu führte, dass er nur noch auf den Duschsessel gerutscht wurde. Dieses Hinüberrutschen von der Bettkante auf den Sessel konnte nur mit hohem Kraftaufwand durchgeführt werden und barg eine Gefahr. Wenn die Streckspastik während des Transfers einsetzte, rutschte Herr E. zu Boden. Um dieSicherheit während des Transfers zu erhöhen, wurde nach Alternativen gesucht. Es kam die Überlegung auf, die Streckspastik aktiv für den Transfer zu nutzen. Herr E. sitzt auf der Bettkante. Beim Ziehen des Oberkörpers nach vorne und gleichzeitigem Druck auf seine Knie nach hinten kann die Streckspastik ausgelöst werden und somit steht Herr E. fast von alleine gerade vor dem Bett. Mit einer kleinen Drehung kann er auf den, neben dem Bett stehenden Sessel gesetzt werden. Die Streckspastik lässt im Sitzen rasch nach.

Diese Variante des Transfers empfindet der Betroffene, im Vergleich zum Hinüberrutschen, sicherer und unkomplizierter. Auch für die Betreuer erfordert diese Möglichkeit weniger Kraft und Anstrengung. Sobald Herr E. mit seiner Streckspastik zu Stehen kommt, muss die Pflegeperson nur noch auf das Gleichgewicht des Patienten achten und eine kleine Drehung zum Sessel durchführen.

Diese außergewöhnliche Art der Mobilisation kann sowohl für den Duschsessel als auch für den elektrischen Rollstuhl angewendet werden und brachte in diesem Fall für Herrn E. und seine Betreuer eine erhebliche Erleichterung. Außerdem ging die Angst vor der Streckspastik verloren, da sie bewusst in den Bewegungsablauf eingebaut werden konnte.

Die Idee die Spastik aktiv für den Transfer zu nutzen, wurde in einem Gespräch mit Frau Maren Asmussen, die Autorin von „Praxisbuch Kinaesthetics“, geboren. Sie konnte diese Variante schon einige Male erfolgreich anwenden.

Dieses Beispiel zeigt, dass Kraft sinnvoll eingesetzt werden kann. Auch sehen wir, dass selbst bei ungewöhnlichen Lösungen kinästhetisch mobilisiert werden kann.

Eine weitere Problematik betrifft das mit dem Patienten gegenseitige Ziehen und Drücken. Es erweist sich als schwer diese Technik so einzusetzen, dass die noch vorhandene Kraft der an MS erkrankten Person, optimal genützt werden kann.

4.3.1 Zug und Druck

Ziehen und Drücken sind an sich zwei unterschiedliche Formen der Kraftübertragung. Beim Ziehen wird ein anderes Spannungsmuster aufgebaut als beim Drücken. Somit kann es passieren, dass ich als Pflegeperson den Patienten komplett irritiere, wenn ich ihn falsch unterstütze. Bei halbwegs selbstständigen Patienten kann es auch schon sehr hilfreich sein, wenn ich eine helfende Hand nur anbiete. Dadurch kann sich der zu Betreuende selbst entscheiden, ob er sie zum Ziehen oder Drücken gebrauchen will. Dieser Ansicht ist auch Frau Asmussen. „Häufig ist es ausreichend, wenn Pflegende mit ihrem Körper ein Angebot ma-chen, sodass die pflegebedürftige Person selbst drücken oder ziehen kann.“ [Maren Asmussen; Praxisbuch Kinaesthetics 2. Auflage; Seite 48 Absatz 3]

Mit der Zeit entwickelt man für sich selbst ein Feingefühl, an welcher Stelle der Bewegung eine ziehende und an welcher eine drückende Unterstützung Sinn macht.

Das war das Kapitel Anstrengung

Bevor wir zu den letzten drei Konzepten der Kinästhetik kommen, möchte ich das bisher erwähnte kurz zusammenfassen.

[...]


1 Genaue Definition der professionellen Pflege im Glossar auf Seite 43

2 Hiermit sind unter anderem Physiologen, Ergotherapeuten, Psychologen, Logopäden und ähnliche Berufsgruppen gemeint

3 vgl. Anna Maria Eisenschink et. Al; Kinästhetische Mobilisation, Kapitel 2.1

4 Die Grundlagen zu den Konzepten beruhen auf den Büchern:
1) Frank Hatch, Lenny Maietta; Kinästhetik; 2. Auflage, Kapitel 2
2) Maren Asmussen; Praxisbuch Kinaesthetics; 2. Auflage, Kapitel 2

5 Selbstständigkeitsindex nach Jones im Anhang auf Seite 44

6 Zitat von Dr. Helmut Aigelsreiter, aus die Presse (Lenoble, 25./26. September 2010)

7 Vgl.: Frank Hatch, Lenny Maietta; Kinästhetik 2. Auflage; Seite 47

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Kinästhetik: Praktische Anwendung für Betreuer
Untertitel
Gezeigt am Beispiel von Menschen mit Multipler Sklerose
Veranstaltung
Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflegeschule OWS der Stadt Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
54
Katalognummer
V183919
ISBN (eBook)
9783656457824
ISBN (Buch)
9783656458326
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinästhetik, Multiple Sklerose, MS, Pflege, Bewegung, bewegen
Arbeit zitieren
Maurice Fahrngruber (Autor), 2011, Kinästhetik: Praktische Anwendung für Betreuer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183919

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kinästhetik: Praktische Anwendung für Betreuer



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden