Grausame Manieren und Rohheit der Sitten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Ähnlich wie mit der Zeitung vom Vortag verhält es sich mit der Mode der Manieren, wer sein Auftreten nicht dem neusten Stand angepasst, wird auffallen. Und das in einer fatalen Art und Weise. Anstatt sich durch konformes Verhalten in die gute Gesellschaft zu integrieren, wird man ausgeschlossen werden. Kenner der ak­tuells­ten Anstandscodes werden ihr gnadenloses Urteil fällen, ähn­lich wie es Edgar Allan Poe seinen Protagonisten in der Kurz­ge­schichte ‘Der Mann in der Menge’ feststellen lässt:

„Erschienen mir diese Leute als die vollkommene Nachahmung des­sen, was vor zwölf bis achtzehn Monaten ›bon ton‹ gewesen war. Sie hatten die abgelegten Manieren der ersten G2esellschafts­krei­se, und das, glaube ich, ist am bezeichnendsten für diese Grup­pe.“1

Bei der beschriebenen Gruppe handelt es sich um Dienst­boten in einer Klassengesellschaft, beflissentlich darauf bedacht, durch Nachah­mung der Anstandsregeln ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer exklusiven Gruppe zu erlangen. Durch Gebrauch veralteter Manieren offenbaren sie nicht nur ihre Zugehörigkeit zu einer in der gesellschaftlichen Hierarchie niedriger stehenden Klasse, sondern auch den Wunsch nach sozialem Aufstieg. In ihrem Bestreben, sich gegen soziale Mobilität von unten abzugrenzen, war es vor allem die Oberschicht, die immer differenziertere und komplexere Umgangsformen entwickelte. Manieren spiegeln die soziale Ordnung und dienen zur Abgrenzung, aber auch zur Integration.

Eine Anekdote aus dem Leben des Bankies Carl Fürstenberg illustriert, wie sich der gesellschaftliche Wandel hin zu einer demokratischen Gesellschaft im Gebrauch der Manieren ausdrückt.

„Als der Krieg zu Ende ging und die und die Spartakisten lärmend und in die Luft schießend vorbeimarschierten, forderte Fürstenberg seinen Diener auf: ‘Willhelm, kiek mal nach, wat dat für`n Lärm is’ Willem wurde steif: ‘Herr Fürstenberg es ist Revolution. Wir sind jetzt ein Volksstaat, und ich möchte als dessen gleichberechtigter Bürger von nun an mit ‘Sie’ angeredet werden.’“2

Der Anekdote nach verständigen sich Fürstenberg und sein Diener Willem schließlich darauf sich gegenseitig zu duzen.

Mit der in demokratischen Staaten allgemein verwendeten Anrede ‘Herr’ werden nun nicht mehr die Standesunterschiede hervorgehoben, sondern aufgelöst. Indem sie für alle Bürger eines Landes gleichermaßen verwendet wird, impliziert sie die Vollwertigkeit des einzelnen.

Manieren stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zu den Strukturen einer Gesellschaft. Einerseits setzen bestimmte Manieren entspre­chen­de Strukturen voraus, andererseits befördern bestimmte Strukturen entsprechende Manieren. Dienstboten mit dem Vornamen anzureden, setzt die Struktur der Klassengesellschaft voraus und innerhalb der Strukturen einer Feudalgesellschaft ist physische Gewaltanwendung kein gesellschaftlich geächtetes Verhalten, sondern gebräuchliches, für das Funktionieren der Gesellschaft notwendiges Verhalten3.

Elias hat in seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ auf diesen kausalen Zusam­menhang hingewiesen. Manieren werden demnach von den gesellschaft­lichen Erfordernissen bestimmt. Nur durch die Einbeziehung der Gesellschaftsform wird individuelles Verhalten erklärbar. Baumgart und Eichner sehen genau darin seine „originäre wissenschaftliche Hauptleistung“4.

Bereits an diesen zwei Beispielen zeigt sich, dass Manieren nicht nur dazu dienen, einen angenehmen zwischenmenschlichen Umgang zu gewährleisten, sondern vielfältige Funktionen erfüllen. Manieren ähneln somit in ihrem integrierenden oder exkludierenden Potential „symbolischen Systemen“ wie sie Bourdieu beschreibt:

„...symbolische Systeme sind als Unterschei­dungs­merkmal dazu geschaffen, eine gesellschaftliche Funktion von Trennung und Verbindung zu erfüllen, genauer gesagt: die Unterscheidungsmerkmale auszudrücken, die für die Struktur einer Gesellschaft jeweils kennzeichnend sind, indem sie sie die konstitutiven Elemente dieser Struktur, Gruppen oder Individuen der Bedeutungslosigkeit entreißen.“5

Hier zeigen sich Manieren in jener konfliktträchtigen Ambivalenz, die für sie gewissermaßen kennzeichnend ist. Manieren „als Zeremoniell des sozialen Kontaktes“6 sind wie die Strukturen der Gesellschaft einem steten Wandel unterworfen.

Ihre Legitimation gründet sich, wie bereits erwähnt, auf die jeweilige Gesellschaftsstruktur, keineswegs liegt ihnen eine universelle Moralvorstellung zugrunde. So erklärt sich denn auch „die Ratlosigkeit des späteren Betrachters“ bei Betrachtung von „Sitten und Gebrächen der frühen Phase (…), die einen anderen Standard des Schamgefühls ausdrücken“7. Sitten und Gebräche Etikette und Manieren vergangener Zeiten oder geographisch weit entfernt gelegener Kulturen wirken oft befremdlich auf den Betrachter. Kritik an der Rohheit der Sitten meint in diesem Zusammenhang zweierlei: zum einen das niedrige Niveau, den eines simplen Benimm und Verhaltenscodex, zum anderen eine stärkere Gegenwart von Rohheit als solcher. Rohheit, verstanden als physische Gewalt,wird in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nur in Ausnahmefällen toleriert und stellt in aller Regel ein sanktionswürdiges Verhalten dar.

Tatsächlich ist Gewalt, auf Grund gewisser Struktureigenheiten ein zentrales Problem menschlicher Vergesellschaftung. Zumindest physische Gewalt ist abgesehen von der Verletzbarkeit des menschlichen Körpers, und im Gegensatz zu anderen Gewaltformen wie etwa der psychischen Gewalt völlig voraussetzungslos. Neidhardt bezeichnet physische Gewalt als „Universalsprache“8, die ohne gemeinsame Kommunikations-ebene funktioniert. Jeder kann von ihr voraussetzungslos Gebrauch machen und auf andere Menschen unmittelbar zugreifen.

Luhmann hat in diesem Zusammenhang auf die hohe Strukturunabhängigkeit9 von Gewalt hingewiesen. Physische Gewalt kann sich auf Grund dieser Strukturmerkmale völlig willkürlich vollziehen. Daraus folgt, dass jeder, immer und überall Opfer von physischer Gewalt werden kann. Genau deshalb wird sie gefürchtet.

In jedem sozialen Kontakt liegt auch ein gewisses Konfliktpotential. Manieren stellen in diesem Kontext eine Möglichkeit bereit, um der Eskalation des Konfliktpotentials vorzubeugen. Sie stellen standardisierte Verhaltensmuster zur Verfügung, die es den Kommunikationspartnern ermöglichen, ihre Ziele zu vermitteln und zu erreichen, ohne sich ‘wilder’, unberechenbarer Verhaltensweisen zu bedienen. Durch Verwendung eines gemeinsamen Codes mit überschaubaren möglichen Handlungsoptionen werden Reaktion und Aktion im sozialen Kontakt kalkulierbar.

Manieren dienen nicht nur zur Zügelung der unberechenbaren menschlichen Natur, mit ihnen ist auch ein beträchtliches Machtpotential verbunden. Als Sollvorstellung des sozialen Kontaktes kommt ihnen entscheidende Bedeutung bei der Organisation sozialer Umgangs zu. Macht, verstanden als Möglichkeit der Einflussnahme auf die Handlungen anderer Menschen, entfaltet sich überhaupt erst in Beziehungen und sozialen Kontakten.

Den Menschen als isoliertes Einzelwesen ohne soziale Kontakte gibt es überhaupt nicht, so sieht es zumindest Norbert Elias. Menschen stehen in wechselseitigen Abhängigkeiten, diese Verflechtungsfigur bezeichnet Elias als Figuration, ein zentrales Konzept in seinem Werk. Sie können keine „totale Autonomie“ erlangen, sondern sind „Zeit ihres Lebens auf andere Menschen ausgerichtet und angewiesen“10. Weder ist der Mensch ohne soziale Kontakte möglich, noch sind soziale Kontakte ohne die Gegenwart von Macht möglich. Macht ist eine „Struktureigentümlichkeit menschlicher Beziehungen“ und somit allgegenwärtig11.

Manieren sind also auch ein Machtmittel, sie sind ein Instrument, um soziale Kontakte zu organisieren, zu gestalten aber auch um sie zu manipulieren. Daher ist das scheinbar große Interesse12, dessen Benimm- und Verhaltensratgeber dieser Tage in der Geschäftswelt erfreuen, auch nicht weiter verwunderlich.

„Mit guten Manieren zum Erfolg“13 ist aber nicht nur der Titel eines Benimm-Buches für Führungskräfte, sondern auch Methode von Hochstaplern und Heiratsschwindlern. Dem Potential von guten Manieren als Mittel der Manipulation und dem daraus resultierenden Nutzen, war sich schon Freiherr von Knigge bewusst, wenn er über den Umgang an Höfen und in besseren Gesellschaftskreisen schreibt:

„Man muß (…) manchen Menschen sehn, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schätzt, auch sucht man ja in diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften oder wenigstens unser Ansehn befestigen, wo es wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehn fühlen.“14

Verkäufer werden geschult, durch standardisierte Fragenkataloge scheinbares Interesse an ihrem Gegenüber zu suggerieren, damit die Distanz zu verringern und Nähe vorzutäuschen, um den Ausgang eines Verkaufsgespräches in ihrem Sinn erfolgreich zu gestalten. Einzelnen Branchen eilt diesbezüglich ein gewisser Ruf voraus. Dabei machen sie sich die relative Verbindlichkeit von Manieren zu Nutze. Der Gebrauch von gewissen Umgangsformen, wie einer freundlichen Begrüßung, verpflichtet den Kommunikationspartner seinerseits den Gruß zu erwidern und appelliert ebenfalls seinerseits eine freundliche Haltung zu einzunehmen.

Nicht nur für Verkaufspersonal, auch beim gehobenen Management herrscht großer Bedarf an Seminaren und Literatur zu ‘Business-Etikette’. Kenntnisse guter Manieren suggerieren nicht nur gute Erziehung, gute Bildung und daraus resultierend große Kompetenz, sondern auch eine gesteigerte Wertschätzung der eigenen Person. Manieren können zur Demonstration von Souveränität und Selbstsicherheit dienen. Machwirth stellt in seiner Schilderung des typischen Gentlemans fest:

„Er handelt aus dem Bewußtsein seiner eigenen Würde heraus und bestätigt das eigene Werturteil, die eigene Wertschätzung im Benehmen. …der Gentleman bekundet im Benehmen, welche Erziehung des Charakters er erhalten, welchen Grad von Selbstbeherrschung und Beherrschung seiner Gefühle er erreicht hat.“15

Manager und sogenannte Führungskräfte lernen auf Benimm-Seminaren, sich die Außenwirkung manierlichen Auftretens zu nutze zu machen. In der Werbung für ein Seminar mit dem Titel „Manieren!“ der Akademie für Führungskunst heißte es:

„In diesem Seminar zeigen Ihnen in einer einzigartigen Kombination der Bestsellerautor und „Manieren-Papst“Prinz Asfa-Wossen Asserate und die Personal-Image-Trainerin Inge Geisberg, wie leicht Manieren zu handhaben sind und wie Sie Ihre Persönlichkeit glaubwürdig und authentisch „ins rechte Licht setzen“16.

Aber auch Hochstapler und Heiratsschwindler bedienen sich häufig formvollender Manieren mit der Absicht, soziale Kontakte zu manipulieren. Helg Sgarbi, derzeit wohl bekanntester Gigolo Europas eroberte mit Charme und perfekten Manieren, so ist es der Presse zu entnehmen, das Vertrauen von Susanne Klatten, Erbin des Milliardenvermögens der Quandts.

Manieren können also als Sekundärstrategie17 benutzt werden und dazu dienen die eigentlichen Ziele zu verschleiern. Wie bereits erwähnt, sind sie aber auch von großer Bedeutung, um ein befriedetes, oder zumindest friedlicheres Zusammenleben zu ermöglichen.

Physische Rohheit (der Sitten) ist auch das Kernproblem menschlicher Vergesellschaftung bei Elias:

„Wenn man heute versuchen wollte, das Schlüsselproblem jedes Zivilisationsprozesses auf seine einfachste Form zu bringen, dann könnte man sagen, es ist das Problem wie Menschen für ihre elementaren animalischen Bedürfnisse im Zusammenleben miteinander Befriedigung finden können, ohne daß sie sich bei der Suche nach dieser Befriedigung immer von neuem gegenseitig zerstören frustrieren erniedrigen oder in anderer Weise schädigen, also ohne dass die Befriedigung elementarer Bedürfnisse des einen Menschen oder der einen Gruppe von Menschen auf die Bedürfnisbefriedigung des anderen oder einer anderen Gruppe geht. 18

Kaum ein anderer Soziologe hat Gewalt und die Potentiale ihrer Bändigung derart ins Zentrum seines Schaffens gesetzt wie Elias. Gleichmann führt dies in einem Artikel der Kölner Zeitschrift für Soziologie auch auf Elias` Lebensumstände zurück:

„Wer bereits in der Jugend erlebt hat, wie ein Mitschüler von Rechtsradikalen zu Tode gequält wird, wer als Soldat das Martyrium des erschöpfenden Schützengrabenkrieges bis 1918 durchlitten hat und nach dem nächsten Krieg schließlich die Widmung in seinem neu aufgelegten Hauptwerk an seine Mutter formulieren muß: ‘gest. Auschwitz 1941(?)’ der hat nicht zu begründen, weshalb ihm als Sozialforscher das Zähmen der menschlichen Gewalt und das Erlernen von sozialen Mustern der Mäßigung und der Selbstkontrolle zum Lebensthema werden“19.

Auf dieses Bestreben stößt man auch in seinem Werk, über den Prozess der Zivilisation.

Gradmesser des erreichten kulturellen Niveaus einer Gesellschaft ist nach Elias, neben qualitativer Ausprägung externer oder intrinsischer Kontrollmechanismen, das Maß der erlaubten Gewalt. Die Kontrolle von physischer Gewalt ist unverzichtbar, um das Zusammenleben in einer differenzierten Gemeinschaft zu gewährleisten. Parallel zu der Kriminalisierung20 des privaten Gewaltgebrauchs durch Herausbildung eines staatlichen Gewaltmonopols leisteten permanente Weiterentwicklung und Verfeinerung der Sitten und Manieren einen entscheidenden Beitrag zur Zähmung der physischen Gewalt, so Elias. Dämpfung und Modellierung der natürlichen Spontanität des menschlichen Affektapparates hin zu verlässlichen, prognostizierbaren und kalkulierbaren Handlungen ist fürdas Funktionieren einer ausdifferenzierten Gesellschaft elementar.

Das menschliche Affektgefüge sieht Elias als Ganzes, von entscheidender Bedeutung für „das Fluidum“21 von Einzelnem und Gesellschaften. Er betont Einheit und Ganzheit des Triebhaushaltes, Affektäußerungen, gleich welcher Art, sind nur ihrer Ausprägung nach verschieden. Die Vorzüge einer vom Ideal der Affektvermeidung beherrschten Gesellschaft führt Elias eindrücklich in der Gegenüberstellung von Mittealter und Neuzeit vor Augen.

Menschen in der Kriegergesellschaft des Mittelalters sahen sich weniger Restriktionen ausgesetzt, das Ausleben der Affekte konnte ungebundener realisiert werden als in der Neuzeit. Seine ausführlichen Schilderungen der größeren Präsenz von Sadismus und Gewalt in der mittelalterlichen Epoche sind für Elias` Kritiker zum zentralen Ansatzpunkt geworden. Diese Kritik wird weiter unten im Text noch einmal aufgegriffen werden.

Eine entscheidende Weiterentwicklung erfährt die Höflichkeit in der Darstelllung von Elias zur Zeit der Renaissance22. „Um im wirklichen Sinn ‘civilité’, ‘höflich’ sein zu können, muß man (…) auf die Menschen und ihre Motive achten.“23

Psychologische Aspekte, der Seelenzustand des Gegenübers und dessen Empfinden werden stärker in den Prozess der Abwägung des eigenen höflichen Handels mit einbezogen. Darin erkennt Elias nicht bloß eine Verfeinerung des Verhaltens, sondern vielmehr auch das Resultat einer weitreichenden Persönlichkeitsmodellierung. Eine, wie Elias schreibt „neue Beziehung von Mensch zu Mensch“ entwickelt sich, man sieht differenzierter auf den anderen und auch auf sich selbst.

Durch eine verfeinerte Betrachtungsweise differenziert sich nicht nur der Verhaltenscodex weiter aus, auch „die Menschen formen sich und andere mit größerer Bewusstheit.“24 Elias erwähnt allerdings nicht, dass die Erfindung und Weiterentwicklung der Höflichkeit, wenn auch keine neue so doch eine erweiterte Verletzungsmächtigkeit in Form der Unhöflichkeit mit sich bringt. Zwar erwähnt Elias in seinen Beschreibungen der sozialen Realität am französischen Hofe den instrumentellen Einsatz von Etikette als Herrschaftstechnologie25 und Notwendigkeit einer „möglichst genauen Überwachung der Untertanen“26, ohne aber die qualitative Veränderung der Gewalt zu erwähnen. Gewalt im direkten sozialen Kontakt, der „feindlichen Zusammenstoß zwischen Mensch undMensch“27, scheint immer nur körperliche Gewalt zu meinen.

Mit dem „Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle“28 entsteht auch eine weiterentwickelte Empfindsamkeit. Das geschärfte Sensorium ist auch empfindlicher gegenüber Schmähungen, Kränkungen und anderen Formen von psychologischer Gewalt. Schmidbauer beschreibt die Folgen dieser Entwicklung folgendermaßen:

„Das Ideal, welches die eigene emotionale Spontanität unterdrückt, schafft eine trügerische Überlegenheit, die Isolation und nach innen gerichtete Aggression mit sich bringt“29

Keineswegs führen höflicher Umgang und distinguierte Manieren zur Verwirklichung des Ideals einer pazifizierten Gesellschaft. Indem ausdifferenzierte Manieren die ‘heißen’ Affekte kanalisieren und verformen, erweitern sie auch die Handlungsoptionen. Zuneigung und Mitgefühl können genau wie Macht und Zwang vielfältig ausgedrückt werden. Gewalt als Instrument und Medium zur Vermittlung von Macht erfährt durch die Verfeinerung der Manieren eine Erweiterung des Optionsspektrums. Manieren werden als Machtmittel bedeutender, ihr Einsatz zur Waffe.

[...]


1 Edgar Allan Poes Werke. Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen, Band 3: Verbrechergeschichte. Herausgegeben von Theodor Etzel, Berlin: Propyläen-Verlag, [1922], S. 11-23

2 Cziffra (1981), S.59f. Diese Anekdote wird in gleicher Form auch über den Mahler Max Liebermann erzählt. Tatsächlich hatten sich während der Novemberrevolution monarchistische Freikorps in Liebermanns Stadtwohnung verschanzt und sich einen Schusswechsel mit den Spartakisten geliefert.

3 Vgl. Elias (1976), Band I, S.268f

4 Vgl. Baumgart, Eichner (1991), S. 94.

5 Bourdieu (1974), S. 62.

6 Machwirth (1970), S. 281.

7 Elias (1976), Band I, S. 324.

8 Neidhardt (1986), zitiert nach Imbusch (2005), S.22.

9 Imbusch (2005) S. 22.

10 Elias (1976), Band I, S. LXVII.

11 Vgl. Baumgart/Eichner (1991), S. 115.

12 Ein ausgesprochen reichhaltiges Angebot an neueren Veröffentlichungen legt dies zumindest nahe.

13 Helga Gfader, Mit guten Manieren zum Erfolg –Knigge für den internationalen Manager-, Verlagshaus Langen Müller, 1994.

14 Knigge (1788), III Kapitel, Textteil 326

15 Machwirth (1979), S. 263

16 http://www.growfuehrungskunst.com/files/uploads/op/manieren__die_pers_nlichkeit_macht_den_unterschied/offenes_seminar_manieren.pdf

17 Valtl S. 197

18 Elias (1992), S. 46, bei Imbusch S. 253.

19 Gleichmann (1987), S. 406, zitiert nach Imbusch 2005. „Im Prozess der Zivilisation“ beschäftigt er sich intensiv mit der Gewaltproblematik, ebenso wie in Studien über Deutsche und Betrachtungen der Menschheit am 40. Jahrestage eines Kriegsendes. In vielen anderen seiner Schriften geht er partiell auf diese Thematik ein.

20 Imbusch (2005), S. 290

21 Elias (1976), Band I, S. 263.

22 Ebd. S. 100 ff.

23 Ebd. S.101.

24 Elias (1976), Band I, S. 102.

25 Ebd. Band II, S. 268ff.

26 Ebd. S.274.

27 Ebd. Band I, S. 265

28 Ebd. S. 135.

29 Schmidbauer 1980 S. 393.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Grausame Manieren und Rohheit der Sitten
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Ethos und Etikette: Anstandsbüchern und ihre Philosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V183943
ISBN (eBook)
9783656089261
ISBN (Buch)
9783656089421
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nobert Elias, Adolph Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge, Adorno, Höflichkeit, Scham
Arbeit zitieren
Ben Breuer (Autor), 2009, Grausame Manieren und Rohheit der Sitten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183943

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