Vorschläge und Kritiken zur Sprechaktklassifikation


Seminararbeit, 2003

15 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung

B) Vorschläge und Kritiken zur Sprechaktklassifikation
1. Zum Begriff des Sprechakts
2. Austins Vorschlag zur Sprechaktklassifikation
3. Searles Kritik an Austin und sein Klassifikationsvorschlag
4. Ballmers Kritik an Searle
4.1 Willkürliche Vorentscheidungen bei der Formulierung der illokutionären Zwecke
4.2 Mangelnde Differenzierung des Kriteriums der Anpassungsrichtung
4.3 Abhängigkeit der Sprechakttypzuordnung vom jeweiligen propositionalen Gehalt
4.4 Klassifikation von Sprechaktaspekten, nicht von Sprechakten

C) Zusammenfassung

D) Verzeichnis der verwendeten Literatur

A) EINLEITUNG

„Statt dauernd nur zu reden, sollten wir lieber endlich mal handeln !“ Ein oft gehörter Satz, dessen Aussage auf den ersten Blick der Sprechakttheorie der linguistischen Pragmatik völlig widerspricht. Denn diese besagt, dass man schon handelt, indem man nur etwas sagt. Durch sogenannte Sprechakte vollziehen wir Handlungen. Das ist etwa am Beispiel einer Kriegserklärung leicht nachzuvollziehen, nach deren Äußerung die Welt erheblich verändert ist.

Der Sprechakt oder auch illokutionäre Akt ist der zentrale Begriff in der linguistischen Pragmatik. Für sie ist er ungefähr das, was für die Morphologie das Morphem, oder für die Phonologie das Phonem ist: die Grundeinheit dieses Bereichs der Linguistik. Es sind einige Versuche unternommen worden, für die vielen verschiedenen Sprechakte ein Schema zu finden, mit dem sie in einzelne Klassen eingeteilt werden könnten. Um diese Klassifikationsvorschläge und die Kritik daran wird es in vorliegender Arbeit gehen.

Zunächst soll noch einmal kurz der Sprechaktbegriff erläutert werden, seine Glückensbedingungen, sowie John R. Searles Definition des Sprechakts über drei Teilakte. Danach beginnt mit John L. Austins Klassifikationsvorschlag das eigentliche Thema. Es folgt Searles Kritik daran, und dessen eigener Verbesserungsvorschlag. Als Beispiel für eine der vielen Kritiken an Searle soll anschließend auf Thomas T. Ballmers vier Einwände gegen dessen Taxonomie genauer eingegangen werden.

B) VORSCHLÄGE UND KRITIKEN ZUR SPRECHAKTKLASSIFIKATION

1. Zum Begriff des Sprechakts

Eine Zeitlang gingen Philosophen (z.B. Gottlob Frege) davon aus, dass Sprache einzig und allein dazu diene, über die Welt zu reden. Äußerungen wurden als ausschließlich deskriptiv betrachtet, waren sie das nicht, konnte man sie gewissermaßen als bedeutungslos ansehen. Man untersuchte die ‚Wahrheitsbedingungen‘ von Sätzen, um herauszufinden, unter welchen Umständen ein Satz wahr oder falsch ist.

John L. Austin machte als einer der ersten in seinen Vorlesungen[1] darauf aufmerksam, dass es Äußerungen gibt, die - obwohl in der Form von Aussagesätzen - überhaupt nicht in der Absicht gemacht werden, Tatsachen zu beschreiben. Er gibt u.a. folgende Beispiele:

- ‚Ich taufe dieses Schiff auf den Namen Queen Elizabeth. ‘ – geäußert während man eine Flasche gegen den Bug schlägt
- ‚Ich vermache meine Uhr meinem Bruder.‘ – in einem Testament
- ‚Ich wette einen Sixpence, dass es morgen regnet.‘

Diese Sätze dienen vielmehr dazu, Tatsachen zu schaffen; man verändert die Welt bzw. vollbringt eine Handlung, indem man sie ausspricht. Deshalb fasst Austin sie zunächst unter dem Namen „Performative“ zusammen, um sie von den feststellenden, beschreibenden „konstativen“ Äußerungen abzugrenzen. Performative Sätze können nicht wirklich als wahr oder falsch bezeichnet werden[2], sondern sie können entweder misslingen oder glücken, je nach den Umständen, unter denen sie ausgesprochen werden.

Dazu formuliert Austin Glückensbedingungen (felicity conditions), die erfüllt sein müssen, damit eine Äußerung gelungen ist[3]. Sein Schüler Searle entwickelt diese zu folgenden Bedingungen weiter:

Bed. des propositionalen Gehalts: inhaltliche Anforderungen an den Sprechakt

1. Einleitungsbedingung: Anforderungen an Hörer und Sprecher
2. Einleitungsbedingung: Anforderungen an Hörer, Sprecher und Situation

Aufrichtigkeitsbedingung: Anforderung an Haltung / Einstellung des Sprechers

essentielle Bedingung: Anforderung an Zusammenhang v. Äußern und Handeln[4]

Für den Sprechakt des Warnens würden die Glückensbedingungen beispielsweise so aussehen:

propositionaler Gehalt: künftiges Ereignis (E)

1. Einleitung: Sprecher (S) glaubt, E wird geschehen und es ist nicht im

Interesse des Hörers (H)

2. Einleitung: S glaubt, für H sei nicht offensichtlich, dass E geschehen wird

Aufrichtigkeit: S glaubt, E ist nicht in Hs Interesse

Essentiell: Gilt als ein Unternehmen, dass E nicht in Hs Interesse ist.[5]

Weiter definiert Searle jeden Sprechakt als zusammengesetzt aus drei Teilakten:

dem Äußerungsakt, der in der bloßen Äußerung von Wörtern und Sätzen besteht,

dem propositionalen Akt, der Referenz und Prädikation beinhaltet (auf was man Bezug nimmt, und was man darüber aussagt)

und dem illokutionären Akt, d.h., die Handlung, die man mit der Äußerung vollzieht (wie etwa Warnen, Versprechen, Wetten).[6]

2. Austins Vorschlag zur Sprechaktklassifikation

Im Laufe seiner Argumentation kommt Austin zu dem Schluss, dass seine anfängliche Einteilung in Performative und Konstative falsch war, da im Grunde alle sprachlichen Äußerungen performativ sind. Allerdings könne man Unterkategorien zu diesen performativen Äußerungen finden. Am Ende von „How to do things with words“ schlägt er eine solche Einteilung in 5 Klassen vor, die sich an den verschiedenen illokutionären Akten orientiert[7]:

- Verdiktiva (verdictives) – Äußerungen, mit denen ein Sprecher ein Urteil über Werte oder Tatsachen fällt, wie Schiedsrichtersprüche oder Gerichtsurteile. Beispiele sind etwa beurteilen, schuldigsprechen, freisprechen, bewerten.
- Exerzitiva (exercitives) – Äußerungen, mit denen ein Sprecher Macht, Rechte oder Einfluss ausübt, etwa Befehle, Ernennungen, Ratschläge, Stimmabgaben, Warnungen.
- Kommissiva (commissives) – Äußerungen, mit denen ein Sprecher sich auf bestimmte Handlungen festlegt und Verpflichtungen eingeht, wie etwa Versprechen, Garantien, Vertragsabschlüsse, Willenserklärungen.
- Konduktiva (behabitives) – Äußerungen, mit denen ein Sprecher eine Einstellung ausdrückt, oder einem sozialen Verhaltensmuster folgt. Dazu gehören z.B. sich entschuldigen, danken, grüßen, Beileid aussprechen, beglückwünschen.
- Expositiva (expositives) – Äußerungen, mit denen ein Sprecher klar macht, welche Funktion seine Äußerung in einem Gespräch oder Diskussion haben soll, etwa „ich behaupte“, „ich betone“, „ich stimme zu“, „ich fasse zusammen“.

[...]


[1] Nach seinem Tode veröffentlicht. Austin, John L.: How to do things with words, Oxford University Press 1962.

[2] Z.B. klingt die Sequenz „Ich wette einen Sixpence, dass es morgen regnet“ – „Das ist unwahr“ äußerst ungewöhnlich.

[3] Austin, John L. a.a.O., S. 14f.

[4] Stöckl, Hartmut http://www.tu-chemnitz.de/phil/al/Lehrveranstaltungen/Kommentierung/WS02_03/Einfuehrung/ Vorlesung/Pragmatik_Glueckensbedingungen_fuer_SA.pdf, 2002.

[5] Levinson, Stephen C.: Pragmatik (ins dt. übs. von Ursula Fries), Tübingen (Niemeyer) 1994, S. 240.

[6] Meibauer, Jörg: Pragmatik, Tübingen (Stauffenburg) 2001, S. 86.

[7] Austin, John L.: How to do things with words, Oxford University Press 1962, S. 150 ff.

[8] „We should be clear from the start that there are still wide possibilities of marginal or awkward cases, or of overlaps“ Austin, a.a.O, S. 151.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Vorschläge und Kritiken zur Sprechaktklassifikation
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Proseminar "Einführung in die linguistische Pragmatik"
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V18399
ISBN (eBook)
9783638227582
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Professors: Ihnen ist eine insgesamt voll überzeugende (1,0) Darstellung gelungen. Diese ist: gut aufgebaut, sehr gut formuliert,formal prima präsentiert. (...) Sie gibt einen knappen, präzisen, informativen und zutreffenden Einblick in den gewählten Themenbereich, mit dem Sie sich intensiv und erfolgreich befasst haben. (...) Ihre Ausarbeitung kann als Einleitung in den Fragebereich gelesen werden. Dies ist für eine Arbeit im Rahmen eines Ib Seminars eine beachtliche Leistung.
Schlagworte
Vorschläge, Kritiken, Sprechaktklassifikation, Proseminar, Einführung, Pragmatik
Arbeit zitieren
Judith Huber (Autor), 2003, Vorschläge und Kritiken zur Sprechaktklassifikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18399

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