Arbeitsmärkte der mittel- und osteuropäischen Staaten in der Europäischen Union aus der Perspektive von Matching-Modellen


Diplomarbeit, 2009

94 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Matching-Funktion und Beveridgekurve
2.1 Die Vermittlungsfunktion
2.2 Die Beveridgekurve
2.2.1 Herleitung
2.2.2 Einflüsse auf die Lage der Beveridgekurve
2.3 Jobschaffung und Lohnbestimmung
2.3.1 Jobschaffung der Unternehmer
2.3.2 Arbeitnehmerverhalten
2.3.3 Lohnbestimmung
2.4 Gleichgewicht und komparative Statik
2.5 Abseits der Beveridgekurve

3.Datenbeschreibung und deskriptive Auszahlung
3.1 Datenquellen
3.2 Eigenschaften des Datensatzes
3.3 Deskriptive Analyse
3.3.1 Bulgarien
3.3.2 Tschechische Republik
3.3.3 Estland
3.3.4 Ungarn
3.3.5 Litauen
3.3.6 Lettland
3.3.7 Polen
3.3.8 Rumänien
3.3.9 Slowenien
3.3.10 Slowakei
3.3.11 Zusammenfassung

4. Okonometrische Analyse
4.1 Arbeitsmarktinstitutionen
4.2 Erläuterung des Modells
4.3 Schätzungen für die MOE-Länder
4.3.1 Schätzung der Beveridgekurve
4.3.2 Schätzung mit institutionellen Variablen
4.4 Kritik

Resumee

Anhang
A. Beschreibung der Daten
B. Herleitungen
B.1 Herleitung von Gleichung (2.21)
B.2 Herleitung der Lohngleichungen
B.3 Analyse der Dynamik im Modell
C. Stata Code
D. Auswahl der Daten

Literatur

Abbildungsverzeichnis

1 Zusammenhang von Arbeitsmarkt und Beveridgekurve

2 Gleichgewichtige Marktenge und Reallohn

3 Vakanzen bei einem Anstieg der Arbeitslosigkeit

4 Arbeitslosenquote und Vakanzenrate im Gleichgewicht .

5 Auswirkungen eines strukturellen Schocks

6 Anpassungen nach Produktivitätsschocks

7 Bulgarien: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

8 Bulgarien: Trajektorie im u - v -Raum

9 Tschechische Republik: Wachstum und Arbeitslosigkeit .

10 Tschechische Republik: Trajektorie im u - v -Raum

11 Estland: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

12 Estland: Trajektorie im u - v -Raum

13 Ungarn: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

14 Ungarn: Trajektorie im u - v -Raum

15 Litauen: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

16 Litauen: Trajektorie im u - v -Raum

17 Lettland: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

18 Lettland: Trajektorie im u - v -Raum

19 Polen: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

20 Polen: Trajektorie im u - v -Raum

21 Rumänien: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

22 Rumänien: Trajektorie im u - v -Raum

23 Slowenien: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

24 Slowenien: Trajektorie im u - v -Raum

25 Slowakei: BIP-Wachstum und Arbeitslosenquote

26 Slowakei: Trajektorie im u - v -Raum

27 Geschätzte Beveridgekurven für 2007 im u - v -Raum

Tabellenverzeichnis

1 OECD: Regression ln u it

2 OECD: Schätzung der logarithmierten Inflowrate

3 MOE: Regression ln u it

4 MOE: Regression ln u it mit Institutionen

5 MOE: Regression ln ir it mit Institutionen

6 Kennzeichnung der Daten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Seit der Osterweiterung der Europäische Union stellen sich für die Po- litik, die Gesellschaft, aber auch für die Wissenschaft neue Herausfor- derungen. Politikempfehlungen, die für entwickelte Volkswirtschaften gelten, sind für Transitionsländer eventuell wirkungslos oder gar kontra- produktiv. Mit Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, der Tschechischen Republik, Slowenien, Slowakei und Ungarn befinden sich zehn ehemals sozialistische Länder in der Europäischen Union.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse der Arbeits- märkte der mittel- und osteuropäischen Länder. Arbeitsmärkte können nicht durch ein einfaches Marktmodell mit Angebot, Nachfrage und ei- nem gleichgewichtigen Lohn dargestellt werden, wie die Koexistenz von Arbeitslosigkeit und vakanten Stellen in allen Ländern beweist. Matching-Modelle, beispielsweise beschrieben von Pissarides (2000), die den kosten- und zeitintensiven Prozess des Zusammenfindens vakanter Stel- len und arbeitsloser Personen abbilden, ohne konkret auf den komple- xen Vorgang einzugehen, helfen hierbei. Sie schaffen eine theoretisch fundierte Basis, um mithilfe deskriptiver Auswertungen wie sie Münich und Svejnar (2007) in ihrer Arbeit ausführen, Erkenntnisse über die Hin- tergründe der Veränderungen auf den Arbeitsmärkten zu gewinnen.

Es existieren zahlreiche empirische Untersuchungen, die Matching-Mo- delle nutzen. Dabei kann zwischen Artikeln unterschieden werden, die verschiedene Spezifikationen der Matchingfunktion und deren Eigen- schaften untersuchen und bewerten und Artikeln, die mithilfe des theo- retischen Konstrukts des Matching-Modells von Pissarides (2000) unter- suchen, welche Faktoren die gleichgewichtige Arbeitslosenrate und Va- kanzenquote beeinflussen. Nickell u. a. (2003) untersuchen mittels einer Panelschätzung den Einfluss institutioneller Variablen auf die Arbeitslo- sigkeit in den OECD-Ländern.

Kern dieser Arbeit ist die Analyse der Arbeitsmärkte in den MOE-Län- dern. Basis bildet ein selbst erstellter Datensatz mit Beobachtungen für die MOE-Länder zu verschiedenen Variablen. Die Untersuchung wird dabei zuerst mit deskriptiven Methoden durchgeführt. Danach folgen eine ökonometrische Schätzung der Beveridgekurve sowie eine Analyse des Einflusses institutioneller Variablen.

Die vorliegende Arbeit ist wie folgt gegliedert: Im zweiten Kapitel wird der theoretische Rahmen der Arbeit erläutert. Dazu werden das Modell von Pissarides (2000) vorgestellt und die Verbindung zur Beveridgekur- ve aufgezeigt. Im dritten Teil werden die MOE-Länder einer deskripti- ven Analyse unterzogen. Kapitel 4 beschäftigt sich mit der empirischen Vorgehensweise bei Nickell u. a. (2003) und führt ökonometrische Un- tersuchungen für die MOE-Länder durch. Die Zusammenfassung der zentralen Punkte im Resümee bildet den Abschluss der Arbeit.

2 Matching-Funktion und Beveridgekurve

Der Arbeitsmarkt ist wegen seiner gesellschaftlichen Relevanz ein be- liebtes Forschungsgebiet in der Volkswirtschaftslehre. Um der Politik fundierte Empfehlungen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit geben zu können, muss auf die Besonderheiten des Arbeitsmarktes eingegangen werden. Die große Varianz an Qualitätsmerkmalen des individuellen Arbeitsangebots und an den geforderten Voraussetzungen für die Be- setzung einer vakanten Stelle erschweren die Koordination von Arbeits- losen und freien Arbeitsstellen. Zusätzlich treten Friktionen durch Ein- schränkungen in der Mobilität der Arbeitskräfte, durch eine unvollstän- dige Informationslage am Arbeitsmarkt sowie durch weitere Faktoren auf, die sich auf die Lage am Arbeitsmarkt signifikant auswirken. Die Konsequenz ist das gleichzeitige Auftreten von vakanten Stellen und nicht beschäftigten Personen. Um trotzdem in der Theorie ein Markt- gleichgewicht modellieren zu können, wird der Vorgang der Jobvermittlung durch aggregierte Matching-Funktionen dargestellt. Konventionelle Marktmodelle können damit um die Berücksichtigung von Friktio- nen erweitert werden. Die Komplexität der Modelle nimmt dabei aber kaum zu, da die eigentlichen Quellen der Friktionen nicht modelliert werden. Das Modell von Pissarides (2000) zählt dabei zu den meistver- wendeten in wissenschaftlichen Arbeiten. Die empirische Untersuchung der mittel- und osteuropäischen Arbeitsmärkte in Kapitel 3 setzt fun- dierte Kenntnisse über die Funktionsweise und Fähigkeiten des Modells voraus. Im folgenden Abschnitt werden daher die wichtigsten Implika- tionen des Modells vorgestellt. Der Abschnitt orientiert sich dabei an Kapitel 1 der Monografie von Pissarides (2000) über die Theorie der Gleichgewichte in Arbeitsmärkten und an der Arbeit von Jackman u. a. (1990).

2.1 Die Vermittlungsfunktion

Die Matching-Funktion in ihrer einfachsten Form kann durch die Gleichung

M = m (U, V) (2.1)

beschrieben werden. Sie ist vergleichbar mit einer aggregierten Produk- tionsfunktion, bei der U und V als „Inputs“ zur Produktion von er- folgreichen Jobvermittlungen M verwendet werden. U ist die Anzahl der Arbeitslosen, V steht für die Anzahl der vakanten Stellen in einer Volkswirtschaft. Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitneh- mer sind zeit- und kostenaufwändig. Weiter sei angenommen, dass exis- tente Jobs Gewinne generieren, die unter anderem dafür verwendet wer- den, die Kosten für Besetzung vakanter Stellen zu decken. Der Prozess zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen läuft unter voller Kenntnis des Vermittlungs- und des Seperationsprozesses ab. Jedoch agieren Ar- beitslose und Unternehmen unkoordiniert und treten untereinander als Konkurrenten um die beste Stelle bzw. um den besten Arbeiter auf. Die Vermittlungsfunktion ist in beiden Argumenten zunehmend und kon- kav. Ist ein Argument Null, gilt M = m (0, V) = m (U, 0) = 0. Für die Ver- mittlungsfunktion werden konstante Skalenerträge angenommen. Das Modell ist in kontinuierlicher Zeit spezifiziert.

Die Effizienz des Matchingprozesses hängt von zahlreichen Einflüssen ab und ist hauptverantwortlich für die durchschnittliche Dauer der Ar- beitslosigkeit. Das Humankapital der Beschäftigungslosen wird in der Volkswirtschaft nicht produktiv eingesetzt. Damit ist die Effizienz des Vermittlungsprozesses eine wichtige Determinante für den Nutzungs- grad des Faktors Arbeit in einem Land. Das Hauptaugenmerk der Öf- fentlichkeit erstreckt sich meist nur auf Bestandsgrößen der Volkswirt- schaft und deren Nettoveränderungen. Beispielsweise finden sich in den Medien meist nur Angaben über die Höhe der Arbeitslosigkeit und der vakanten Stellen zu einem bestimmten Zeitpunkt und die Veränderung zum Vormonat. Bleakly und Fuhrer (1997), S. 4, bemerken, dass die Dy- namik eines Arbeitsmarktes erst durch die Strom-Größen wie Inflow (Strom in die Arbeitslosigkeit) und Outflow (Strom aus der Arbeitslosig- keit) ersichtlich wird. Diese Brutto-Beschäftigungsströme betragen ein Vielfaches des Nettostroms und damit der Veränderung der Beschäf- tigung. Die Stromgrößen werden dabei durch Ein- und Austrittswahr- scheinlichkeiten, im Folgenden meist bezogen auf eine besetzte Stelle, determiniert.

Die Wahrscheinlichkeit, mit der aus Unternehmenssicht eine Stelle be- setzt wird, beschreibt der Poisson-Prozess q (θ). Die Vermittlung erfolgt durch Verhandlung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und tritt ein, sobald ein Vertrag zwischen beiden Parteien geschlossen wird. θ steht für die Arbeitsmarkt-Anspannung, die aus Sicht der Unternehmen herrscht. Die Anspannung ist umso größer, je höher das Verhältnis von vakanten Stellen zu der Anzahl der Arbeitslosen ist. Es gilt also

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Variablen in Kleinbuchstaben stehen für den Anteil der Variable am Erwerbspersonenpotential L der Volkswirtschaft.1

q (θ) ist der Anteil der Vermittlungen an den gesamten offenen Stellen und kann wie folgt beschrieben werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Je größer die Marktenge θ, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Vakanz besetzt wird, da mehr vakante Stellen auf jeden einzelnen Arbeitslosen kommen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unternehmen können davon ausgehen, dass die Dauer, bis eine vakante Stelle neu besetzt werden kann, im Durchschnitt 1/ q (θ) beträgt. Die Besetzung einer Stelle kann neben dieser eben beschriebenen Sicht von Unternehmensseite auch von Erwerbspersonenseite betrachtet wer- den. Die Chance der Personen, ohne Beschäftigung durch eine Jobver- mittlung aus der Arbeitslosigkeit auszuscheiden, wird ähnlich wie q (θ) durch den Poisson-Prozess p (θ) beschrieben. Jetzt gilt jedoch p ′ (θ) 0, da die Wahrscheinlichkeit einen Job zu finden mit der Marktenge zu- nimmt. Eine höhere Anzahl an vakanten Stellen bei konstanter Zahl der Arbeitsuchenden erhöht die Wahrscheinlichkeit, eine passende Stelle zu finden. Im einfachen Modell werden keine Vermittlungen von bereits beschäftigten Personen berücksichtigt (on-the-job search), sondern nur Vermittlungen von Arbeitslosen mit vakanten Stellen.2 p (θ) kann für die weitere Verwendung wie folgt mit q (θ) in Bezug gesetzt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Strom aus der Arbeitslosigkeit (Outflow) kann daher mit θ q (θ) uL beschrieben werden. q (θ) und p (θ) sind abhängig von der Enge des Marktes. Sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitslose werden die individuellen Matching-Chancen durch zusätzliche Konkurrenten ver- ringert. Dies ist ein Beispiel für eine Externalität, die eine zentrale Rolle im vorliegenden Modell spielt. Änderungen der Marktenge haben für Unternehmen und Arbeitslose immer entgegengesetzte Auswirkungen. Steigt die Marktenge, so steigen die Chancen für Arbeitslose, da mehr vakante Stellen pro Beschäftigungslosen zur Verfügung stehen und die Chance des Unternehmens, eine Stelle zu besetzen, fällt. Wird die Mark- tenge geringer, verhält es sich umgekehrt. Die Annahme, dass der Such- prozess für beide Parteien ressourcen- und zeitaufwändig ist, Externali- täten eine Rolle spielen und das Matching einem stochastischen Prozess unterliegt, unterscheidet das Pissarides-Modell von Walrasianischen Ar- beitsmarktmodellen.

Beschäftigte Personen in Unternehmen werden mit Rate λ freigesetzt. Gründe für die Freisetzung können strukturelle Nachfrageänderungen oder Produktivitätsschocks sein, die die jeweilige Arbeitsstelle für das Unternehmen unrentabel machen. Damit kann der Strom in die Arbeitslosigkeit (Inflow) durch

λ (1 − u) L (2.6)

dargestellt werden.

Die beiden gerade vorgestellten Stromgrößen Inflow und Outflow deter- minieren die Veränderung der Arbeitslosenquote pro Zeitintervall. Die Veränderung ergibt sich aus der Differenz von Zustrom zu Abstrom.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nimmt man an, dass der Strom in die Arbeitslosigkeit genauso groß ist wie der Strom von der Arbeitslosigkeit in vakante Stellen, dann verän- dert sich die bestehende Arbeitslosenquote nicht. u wäre dann Null und somit die linke Seite der Gleichung (2.7) gleich Null. Dieses steady-state- Gleichgewicht kann dazu verwendet werden, die sogenannte Beveridge- Kurve herzuleiten.

2.2 Die Beveridgekurve

Die Beveridgekurve beschreibt den negativen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und freien Stellen einer Volkswirtschaft im Gleichgewicht und wurde nach Sir William Beveridge benannt. Dieser nutzte die Darstellung, um zu veranschaulichen, wie weit eine Volkswirtschaft von Vollbeschäftigung entfernt war.3

2.2.1 Herleitung

Eine Volkswirtschaft im Gleichgewicht bedeutet in diesem Zusammen- hang, dass der Strom aus der Arbeitslosigkeit dem Strom in die Arbeits- losigkeit entspricht und somit die Veränderung der Arbeitslosigkeit Null (u = 0) ist. Diese Bedingung gilt für jeden Punkt einer Beveridgekurve. Befindet sich eine Volkswirtschaft in einem Punkt über der Kurve, dann gibt es mehr vakante Stellen, als bei einer gegebenen Arbeitslosenquo- te durch Friktionen unbesetzt bleiben. Die Stellen werden besetzt, und die Arbeitslosigkeit sinkt. Der Punkt, der die Situation in der Volkswirt- schaft repräsentiert, wandert nach links auf die Beveridgekurve. Liegt der Punkt jedoch anfangs unterhalb der Beveridgekurve, so verschiebt er sich nach rechts, und die Arbeitslosigkeit steigt.4 Die Kurve selbst ist im u - v -Raum konvex zum Ursprung. Die Konvexität ergibt sich wegen der Inputs U und V der Matching-Funktion, deren Erträge abnehmend sind. Gibt es viele freie Stellen, dann ist davon auszugehen, dass nur we- nige Arbeitslose auf Stellensuche sind. Umgekehrt sind bei einer hoher Arbeitslosenquote relativ wenige Stellen vakant.

Stellt man die Gleichung 2.7 unter der Annahme u = 0 um, erhält man

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Strom der Zuflüsse ist gleich dem Strom der Abflüsse. Setzt man für [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] einundlöstdannnachuauf,erhältman

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gleichung 2.9 sagt aus, dass es eine eindeutige gleichgewichtige Arbeits- losenquote für ein gegebenes λ und θ gibt. Die Seperationsrate λ ist ein Parameter des Modells und, wie schon beschrieben, exogen. Die De- terminanten der realisierten Marktenge θ werden in Kapitel 2.3 näher untersucht.

Zeichnet man eine 45 -Linie durch den Ursprung, gilt u = v. Arbeits- angebot und -nachfrage entsprechen sich. Jede größere Steigung im u - v - Raum würde einen Nachfrageüberhang (v > u) und damit eine größere Marktenge θ bedeuten. Je weiter entfernt die Beveridgekurve vom Ur- sprung liegt, desto ineffizienter geschieht die Vermittlung in der Volks- wirtschaft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zusammenhang von Arbeitsmarkt und Beveridgekurve

Ochsen (2003) verdeutlicht den Zusammenhang von Arbeitsmarkt und Beveridge-Kurve mit einer Grafik. Im linken Teil der Grafik wird der Arbeitsmarkt mit der Nachfragekurve E D und der vollkommenen unelas- tischen Angebotskurve E S modelliert. Auf der Abszisse wird die Anzahl der Beschäftigten und auf der Ordinate der Reallohn abgetragen. Die ef- fektive Beschäftigung liegt jedoch aufgrund der Friktionen jeweils links von Arbeitsnachfrage bzw. Arbeitsangebot.5 Das ist sogar der Fall, wenn man nur minimale Friktionen im Arbeitsmarkt, wie z. B. den Zeitauf- wand zum Finden einer passenden Stelle bzw. eines passenden Arbeit- nehmers, annimmt. Wird auf dem Arbeitsmarkt der gleichgewichtige Reallohn [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] am Schnittpunkt zwischen Arbeitsangebots- und Arbeits- nachfragekurve realisiert, ist die Zahl der Arbeitslosen und der vakanten Stellen gleich groß.6 Die Grafik zeigt Anstieg des Arbeitsangebots. Dies kann beispielsweise auf eine Erhöhung der Erwerbspersonenanzahl zu- rückgehen. Konsequenz ist eine Verschiebung der Beveridge-Kurve nach rechts, falls sonst alles unverändert bleibt. Der Reallohn sinkt von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] 1auf [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] 2 ab, und die Arbeitslosenquote steigt auf [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten].WeitereGründefürdie Verschiebung der Beveridge-Kurve werden in Kapitel 2.2.2 diskutiert.

2.2.2 Einflüsse auf die Lage der Beveridgekurve

Es gibt mehrere Gründe für die Verschiebung der Beveridge-Kurve:7

- Reallokation
- Veränderungen beim Erwerbspersonenpotenzial
- Veränderung der Effizienz des Matching-Prozesses

In der Boomphase des Wirtschaftszyklus’ ist die Reallocation auf dem Arbeitsmarkt sehr hoch. Durch Expansion der Unternehmen können neue Stellen nachhaltig geschaffen werden, die mit Arbeitslosen oder durch Abwerben von Arbeitskräften aus konkurrierenden Unternehmen besetzt werden. Dadurch erhöht sich die Zahl der vakanten Stellen im Arbeitsmarkt und wahrscheinlich auch die Zahl der freiwilligen Kündi- gungen. Bleakly und Fuhrer (1997) treffen dabei die Annahmen, dass die freiwilligen Kündigungen (kurzzeitig) zu Arbeitslosigkeit führen. Die Vereinbarkeit dieser Annahme mit der Realität ist zweifelhaft, da frei- willige Kündigungen normalerweise nur erfolgen, wenn eine Zusage zu einer lukrativeren Arbeitsstelle schon vorliegt. Führt man den Gedanken von Bleakly und Fuhrer (1997), S. 8, fort und impliziert, dass eine größere Marktenge θ zu einer geringeren Arbeitslosigkeit führt, würde eine stei- gende Reallocation auf dem Arbeitsmarkt zu einer Rechtsverschiebung der Beveridgekurve führen. Blanchard und Diamond (1989) merken an, dass Reallocationen keine großen Auswirkungen auf die Veränderungen der Arbeitslosen- und der Vakanzenrate haben.

Ähnliche Konsequenzen folgen aus der Zunahme des Arbeitskräftewachs- tums. Wenn immer mehr Arbeitskräfte auf den Markt und damit in die Arbeitslosigkeit strömen, ist kurzfristig eine Rechtsverschiebung der Be- veridgekurve die Folge, da sich die Vakanzenzahl erst mit Verzögerung an die Arbeitskräftezahl anpasst. Nachprüfbar ist dies beispielsweise beim Eintritt der Babyboom-Generation in den Arbeitsmarkt.

Der Matching-Prozess wird im vorgestellten Modell nur vereinfacht dar- gestellt. Wovon die Effizienz des Prozesses konkret abhängig ist, wird in den nächsten Kapiteln dieser Arbeit untersucht. Jedoch kommen bei- spielsweise verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten, eine höhere Mo- bilität der Arbeitskräfte oder veränderte institutionelle Rahmenbedin- gungen in Frage.8 Eine höhere Vermittlungseffizienz würde die Beveridgekurve nach links schieben.

2.3 Jobschaffung und Lohnbestimmung

Die Beveridgekurve allein gibt keine Auskunft über die Gleichgewichtswerte von Reallohn, Vakanzen- und Arbeitslosenquote einer Volkswirtschaft. Dazu sind zusätzliche Überlegungen zum Verhalten von Unternehmen und Arbeitslosen nötig, die Aufschluss über die Schaffung von vakanten Stellen (betrifft Unternehmer) und den Prozess der Lohnbestimmung (betrifft Unternehmer und Arbeitslose) geben.

2.3.1 Jobschaffung der Unternehmer

Unter der realistischen Annahme von abnehmenden Grenzerträgen der Arbeit gibt es eine optimale Anzahl an Beschäftigten für jedes Unter- nehmen. Durch den zuletzt eingestellten Arbeitnehmer wird ein zu- sätzlicher Gewinn von Null für das Unternehmen erwirtschaftet. Jeder zusätzliche Arbeitnehmer würde zu einer Verringerung des Unterneh- mensgewinns führen, da der marginale Beitrag kleiner den marginalen Kosten des Arbeiters ist. Dies soll unter der Voraussetzung eines kon- stanten Lohnniveaus gelten. Pissarides (2000) nimmt zur Vereinfachung an, dass es nur Unternehmen mit einer Arbeitsstelle gibt. Der Eintritt in den Markt ist frei und die Schaffung und Zerstörung von Vakanzen kostenlos. Das bedeutet, dass jedes Unternehmen im Markt einen Null- gewinn erwirtschaftet.

Die Variable J beschreibt den abgezinsten Wert des erwarteten Gewinns eines besetzten Jobs, V steht für den abgezinsten erwarteten Gewinn ei- ner vakanten Stelle. Der Zinssatz ist konstant und wird mit r bezeichnet. Sowohl die unbesetzte als auch die besetzte Stelle wird im Modell von dem Unternehmen wie ein Asset behandelt. Nimmt man einen perfek- ten Kapitalmarkt an, dann sind die Kapitalkosten des Assets rV gleich dem Nettoertrag, der bei Einsatz des Assets erzielt wird. Der Ertrag ei- ner besetzten gegenüber einer unbesetzten Stelle kann durch J − V aus- gedrückt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Stelle besetzt wird, ist durch einen Possion-Prozess mit Rate q (θ) determiniert. Aktiv nach einer passenden Person für eine vakante Stelle zu suchen, kostet das Un- ternehmen pc, wobei p den Wert des Outputs einer Stelle angibt, wenn er auf dem Markt verkauft wird. Im perfekten Kapitalmarkt mit unendlichem Zeithorizont und konstanten Parametern kann man die Bewertung mit folgender Gleichung darstellen:

rV = − pc + q (θ)(J − V). (2.10)

Die Suchkosten pc sind negativ mit der Höhe der Arbeitslosigkeit korreliert, da die durchschnittliche Dauer zur Besetzung der Stelle mit steigender Arbeitslosigkeit abnimmt. Dazu fällt, wenn viele beschäftigungslose Personen ihre Arbeitskraft anbieten, der Marktpreis der Arbeit. Ceteris paribus ist es daher für Unternehmen gerade bei hoher Arbeitslosigkeit attraktiv, ihre Belegschaft zu vergrößern.

Im Gleichgewicht sind alle zusätzlichen Gewinnmöglichkeiten durch neue Jobs erkannt und ausgebeutet bzw. unrentable Stellen zerstört. Der abgezinste Wert einer zusätzlichen vakanten Stelle V ist Null: V = 0. Eingesetzt in Gleichung 2.10 ergibt sich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Gleichgewicht ist die Marktenge θ genau so groß, dass der erwartete Gewinn einer neuen Stelle Jq (θ) so groß ist wie die erwarteten Kosten der Suche nach einem geeigneten Arbeiter pc.

Die Bewertung einer besetzten Stelle folgt einer ähnlichen Idee. Die Kapitalkosten der besetzten Stelle sind r J. Der Nettoerlös der Stelle kann durch den Wert des Outputs p abzüglich der Lohnkosten w berechnet werden. Mit Wahrscheinlichkeit λ tritt ein adverser Schock auf, und der abgezinste erwartete Gewinn J kann nicht realisiert werden. Die Situation kann durch die Gleichung

rJ = p − w − λ J (2.12)

veranschaulicht werden. Der Wert des Produkts auf dem Markt p sowie das Zinsniveau sind exogen, da ein kleines Unternehmen ohne Preisset- zungsmacht angenommen wird. Die Lohnhöhe wird jedoch direkt zwi- schen Unternehmen und Angestellten ausgehandelt. Setzt man J von Gleichung (2.11) in Gleichung (2.12) ein, so erhält man eine marginale Arbeitsnachfragebedingung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sind die Personalbeschaffungskosten c = 0, dann ist leicht zu sehen, dass der Lohn gleich der Produktivität des Arbeitnehmers entspricht. Plottet man die Kurve aus Gleichung (2.13) im θ - w -Raum, dann ergibt sich wegen der Eigenschaften von q (θ) eine Kurve mit negativer Stei- gung wie in Abbildung 2. q (θ) fällt, wenn θ steigt. Die Kurve wird im fol- genden Vakanzenkurve (VC) genannt. Sie veranschaulicht im θ - w -Raum die Entscheidung der Unternehmer, vakante Stellen zu öffnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Gleichgewichtige Marktenge und Reallohn

Die Kurve verschiebt sich nach rechts, wenn die Produktivität der Beschäftigten zunimmt oder wenn die Suchkosten fallen. Eine Linksverschiebung findet bei einem Anstieg der Suchkosten oder der Beschäftigungskosten (abgesehen vom eigentlichen Lohn) statt.

2.3.2 Arbeitnehmerverhalten

Im verwendeten Modell sind das Erwerbspersonenpotenzial und das Engagement der Arbeitssuche für jeden Arbeiter konstant. Eine weite- re Modellvereinfachung ist die Annahme, dass die Produktivität jedes Arbeiters in der Volkswirtschaft identisch ist. Die Gruppe der Arbeiter ist damit homogen, die Anzahl der Personen in der Gruppe fixiert. Um Kohorteneffekte zu vermeiden, leben die Modellindividuen ewig. Der Einfluss der Arbeiter auf das Arbeitsmarktgleichgewicht geschieht also nur über die Lohnverhandlungen.

Ein Arbeiter verdient w, wenn er in einem Unternehmen beschäftigt ist, und z, wenn er arbeitslos ist. z kann verschieden interpretiert werden, wird aber stets in Geldeinheiten gemessen. Zu z zählen Arbeitslosenun- terstützung, Erträge aus Heimproduktion oder der Wert der Freizeit. Al- le Einkommen, die das Individuum unabhängig vom Beschäftigungssta- tus erzielt, bleiben im Modell unberücksichtigt. Ähnlich wie im voran- gegangenen Kapitel werden abgezinste Werte von erwarteten Einkom- mensströmen gebildet, wobei U für den Wert der Arbeitslosigkeit, W für den der Beschäftigung steht.

rU = z + θ q (θ)(W − U). (2.14)

Nicht beschäftigte Personen erhalten während der Arbeitslosigkeit das Einkommen z und wechseln mit Wahrscheinlichkeit θ q (θ) zu den Be- schäftigten. Dort wäre ihr Netto-Zugewinn der Wert des Einkommens der Beschäftigten W abzüglich dessen, was als Arbeitsloser an Wert ge- neriert wird (U). Damit ist rU genau der Wert, den ein Arbeitsloser er- halten müsste, um indifferent zwischen Abbruch der Suche nach einer neuen Stelle bei Auszahlung von rU und der weiteren Suche nach einem Arbeitsplatz zu sein. rU ist also der Reservationslohn.

Für beschäftigte Personen kann das permanente Einkommen durch

rW = w + λ (U − W) (2.15)

beschrieben werden. Die Seperationsrate λ gibt an, welcher Anteil des Erwerbspersonenpotenzials pro Zeiteinheit arbeitslos wird. Durch das Risiko der Arbeitslosigkeit vermindert sich das erwartete permanente Einkommen der Beschäftigten um λ (U − W). Im Modellrahmen wird on-the-job-Suche nicht berücksichtigt. Daher arbeiten alle Personen in ihrer Stelle, solange W ≥ U gilt.

Löst man Gleichung (2.14) und (2.15) nach U und W auf, so ergeben sich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ist w ≥ z, dann ist das abdiskontierte Einkommen der Beschäftigten rW größer als das der Arbeitslosen rU. Wird nicht abdiskontiert, dann verschwinden diese Unterschiede. Werden nämlich ein unendlicher Zeit- horizont und gleiche Zeitanteile von Arbeitslosigkeit und Beschäftigung für jede Person angenommen, dann spielt es keine Rolle, wann diese Zustände eintreten. Der erwartete Wert der Einkommen ist gleich.

2.3.3 Lohnbestimmung

Der Gesamtertrag, der durch eine besetzte Stelle erwirtschaftet wird, ist immer größer als die erwarteten Erträge eines Unternehmens mit einer vakanten Stelle und eines Arbeitslosen auf Arbeitssuche zusam- mengenommen. Sowohl für Unternehmer als auch für Arbeiter ist es daher lohnend, wenn eine Vermittlung erfolgreich ist. Die Renten, die von den Produkten auf dem Markt erzielt werden, fließen dem Unter- nehmen zu. Durch Lohnverhandlungen werden diese Renten zwischen Unternehmen und Arbeiter aufgeteilt. Modelliert wird dies durch ein Nash-Verhandlungsproblem.

Bei der Vermittlung der Stelle wird ein Lohnsatz zwischen Unterneh- men und Arbeiter festgelegt. Dieser ist im Modell für alle Individuen identisch, da die Arbeiter als homogene Gruppe angenommen werden. Im Arbeitsvertrag wird festgelegt, dass jede Periode vom Unternehmen der Lohn w i an den Arbeiter ausbezahlt wird, solange der Arbeiter vom Unternehmer beschäftigt ist. Daneben wird bestimmt, dass bei Eintritt ideosynkratischer Schocks das Arbeitsverhältnis aufgelöst wird. Immer, wenn neue Informationen bekannt werden, beispielsweise über die Pro- duktivität oder Marktpreis des Produktes etc., treten Arbeiter und Un- ternehmen sofort in neue Verhandlungen über den Lohn. Daraus folgt, dass der Lohn in jedem Zeitpunkt der Nash-Verhandlungslösung ent- spricht.

Für den abgezinsten Wert des erwarteten Gewinns einer besetzten Stelle J gilt für Lohnsatz w i die Gleichung

rJ i = p − w i − λ (J i − V). (2.18)

Der Wert der unbesetzten Stelle V ist, wie schon erläutert wurde, unter den gegebenen Annahmen Null. Der Wert der Stelle für die Beschäftigten ist W i. Dabei gilt analog zu Gleichung (2.18):

rW i = w i − λ (W i − U). (2.19)

Die Nash-Verhandlungslösung w i maximiert das gewichtete Produkt des Nettozugewinns durch eine Vermittlung von Arbeitern und von Unter- nehmen. Der Arbeiter erhält durch die Arbeit genau W i − U mehr, das Unternehmen steigert den Ertrag durch Besetzung der Stelle von V auf J i.

w i = argmax(W i − U) β (J i − V)1 − β (2.20)

β gibt die relative Verhandlungsstärke der Arbeiter an, wobei bei Pissarides (2000) vor allem der Fall β =12, also gleich starke Verhandlungspartner, betrachtet wird. Die Funktion argumentum maximi (arg max) legt w i so fest, dass die angegebene Funktion ihr Maximum erreicht. Die Bedingung erster Ordnung für Gleichung (2.20) lautet

W i − U = β (J i + W i − V − U). (2.21)

Eine Herleitung zu Gleichung (2.21) findet sich im Anhang B.2. β ist unter den getroffenen Annahmen der Anteil des gesamten Wertzuwachses, der an die Arbeiter geht. Gleichung (2.21) lässt sich durch Einsetzen der vorangegangen Gleichungen in die Form einer aggregierten Lohngleichung überführen. Zur besseren Nachvollziehbarkeit wurden die Zwischenschritte ebenfalls in Anhang B explizit gemacht.

w = z + β (p − z + pc θ) (2.22)

Wie in Abbildung 2 dargestellt, ist die Steigung der Lohnkurve im θ - w -Raum positiv. Unter der Annahme, dass sich β zwischen 0 und 1 bewegt, lassen sich die Parameter der Gleichung wie folgt interpretie- ren. Je höher das Einkommen bei Arbeitslosigkeit, also je größer z, de- sto höher ist auch der durchschnittliche Lohn, wobei, wie in Kapitel 2.3.2 erwähnt, auch beispielsweise der Wert der Freizeit mit in z ein- fließt. pc θ sind die durchschnittlichen Personalbeschaffungskosten pro Arbeiter, die sich der Unternehmer nach Besetzung der Stelle erspart und damit auch anteilig dem Arbeiter zufließen. Dabei beeinflusst die Marktenge θ die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer und damit den durchschnittlichen Lohn. Sind ceteris paribus mehr Vakanzen in einer Volkswirtschaft verfügbar, so steigt die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer, da sie ggf. verschiedene Jobangebote zur Auswahl haben. Je höher die Konkurrenz zwischen den Firmen um geeignete Personen ist, desto mehr Lohn bieten die Unternehmen den Arbeitnehmern an, um Sie dauerhaft an sich zu binden. Mehr Vakanzen führen also zu einem höheren Lohnniveau und zu einer Rechtsverschiebung der Lohnkurve im θ - w -Raum, wenn alles andere unverändert bleibt.

Eine Rechtsverschiebung wird laut Jackman u. a. (1990) auch immer dann ausgelöst, wenn exogene Faktoren Einfluss auf die Lohnhöhe neh- men. Dies wäre beispielsweise c. p. bei steigender Gewerkschaftsmacht sowie bei Steuererhöhungen der Fall, die sich negativ auf die Kaufkraft der Beschäftigten auswirken. Die Lohnkurve unterscheidet sich deutlich von der üblichen Arbeitsangebotskurve, da sie in gleichem Maße von den Umständen in der Arbeitsnachfrage als auch im Arbeitsangebot ab- hängt.

Das Lohngleichgewicht und die Marktenge im Gleichgewicht werden durch den Schnittpunkt von Vakanzenkurve (VC) und Lohnkurve be- stimmt. Verbindet man nun das gerade erläuterte Konzept mit der Idee der Beveridgekurve, können Aussagen über die gleichgewichtige Ar- beitslosenrate und Vakanzenquote getroffen werden, auch wenn sich das Erwerbspersonenpotenzial in der Volkswirtschaft verändert.

2.4 Gleichgewicht und komparative Statik

Um sich den Verlauf der JC-Kurve im u - v -Raum zu verdeutlichen, stellt Jackman u. a. (1990) die Vakanzenkurve und die Lohnkurve im w - v - Raum dar. Angenommen wird, dass die Arbeitslosigkeit durch einen Schock ansteigt. Zum einen senkt eine steigende Arbeitslosenquote das Lohnniveau wegen der geringeren Verhandlungsmacht der Arbeitneh- mer, was eine Linksverschiebung der Lohnkurve zur Folge hat, zum an- deren verschiebt sich die Vakanzenkurve nach rechts, da mehr Auswahl auf dem Arbeitsmarkt geringere Such- und Beschäftigungskosten für die Unternehmen bedeutet und es sich dadurch lohnt, zusätzliche Beschäf- tigte einzustellen.

Im u - v -Raum lassen sich diese Schlussfolgerungen durch eine positive Steigung der Job-Creation-Kurve abbilden (siehe Abbildung 4). Eine ma- thematische Abbildung der Gerade kann durch die Substitution von w

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Vakanzen bei einem Anstieg der Arbeitslosigkeit

in Gleichung (2.13) mit Gleichung (2.22) erzeugt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Schnittpunkt von (2.23) mit der Beveridgekurve liefert die gleichgewichtige Arbeitslosen- und Vakanzenquote. Im Gleichgewicht gibt es also ein u, θ und w, welche die Gleichgewichtsbedingungen von Gleichung (2.9) für das Stromgleichgewicht, Gleichung (2.13) als Jobschaffungsbedingung und die Lohngleichung (2.22) erfüllen. Das reale Zinsniveau wird als exogen und konstant angenommen.

Eine höhere Produktivität führt zu einem Anstieg von p und damit zu einer Rechtsverschiebung der Vakanzenkurve im θ - w -Raum. Die Lohn- kurve verschiebt sich gleichzeitig nach links. Wenn β < 1, dann steigen sowohl die Marktenge als auch der Reallohn im Gleichgewicht an. Die JC-Kurve im u - v -Raum wird wegen des steigenden θ s steiler, was einen Rückgang der Arbeitslosenquote und einen Anstieg der Vakanzenrate zur Folge hat.

Aggregierte wirtschaftliche Störungen zeigen sich durch Verschiebun- gen der Job-Creation-Kurve. Dabei können drei Arten von Schocks un- terschieden werden. Aggregierte Nachfrageschocks, die auch Einflüsse aus Fiskal- und Geldpolitik erhalten, bestimmen das Niveau der Ar- beitsnachfrage für ein gegebenes Reallohnniveau. Fällt diese, dann ver- schiebt sich die Vakanzenkurve im θ - w -Raum nach links. Ein heftiger Rückgang der Nachfrage kann zu Freisetzungen bei den Unternehmen führen. Dies würde sogar zu einer Rechtsverschiebung der Beveridgekurve führen. Jedoch geht in Krisenzeiten normalerweise die Anzahl der Personen, die freiwillig aus den Unternehmen ausscheiden, stark zurück. Dies wirkt laut Jackman u. a. (1990), S. 463, der verstärkten Freisetzung der Arbeitskräfte entgegen.9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Arbeitslosenquote und Vakanzenrate im Gleichgewicht

Veränderungen bei der Ausgangssituation zu den Lohnverhandlungen, Steuererhöhungen oder ein Anstieg der Verhandlungsmacht bei der Ar- beitnehmerseite beeinflussen vor allem die Lohnkurve (Abbildung 3). Dadurch verschiebt sich auch die JC-Kurve im u - v -Raum. Eine dritte Art von Schock wird durch einen Wandel bei der Höhe der Arbeitslosenunterstützung hervorgerufen. Dies betrifft sowohl die JC- Kurve (ausgelöst durch eine Verschiebung der Lohnkurve) als auch die Beveridgekurve, die sich durch den Einfluss der Höhe der Unterstüt- zungsleistungen auf die Suchintensität der Arbeitsnehmer verschiebt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Auswirkungen eines strukturellen Schocks

[...]


1 Es gilt also v = V L und u = L.

2 In fortgeschrittenen Kapiteln der Monografie von Pissarides (ab Kapitel 4) wird onthe-job search bei der Analyse des Marktgleichgewichts berücksichtigt.

3 Beveridge definierte Vollbeschäftigung als Existenz ebenso vieler vakanter Stellen, wie es arbeitslose Personen gab (Vgl. Solow (2000), S. 4).

4 Vgl. Jackman u. a. (1990), S. 459.

5 Ausführlichere Überlegungen dazu finden sich bei Hansen (1970), S. 6. 6 Vgl. Ochsen (2003), S. 3.

7 Ausführliche Diskussionen dazu finden sich bei Bleakly und Fuhrer (1997), S. 6 ff., und bei Blanchard und Diamond (1989).

8 Vgl. Bleakly und Fuhrer (1997), S. 8.

9 Ein Grund für die freiwilligen Beendigungen der Arbeitsverhältnisse wird meist ein lukrativeres Jobangebot in einem anderen Unternehmen sein. Da in Zeiten rück- läufiger Arbeitsnachfrage lukrative Stellen ebenfalls seltener werden, lässt sich der Rückgang des freiwilligen Ausscheidens so plausibel erklären. Da freiwillige Kün- digungen größtenteils aber nicht in der Arbeitslosigkeit enden, ist die Annahme, dass die Verschiebung der Beveridgekurve durch eine Gegenreaktion abgeschwächt wird, zweifelhaft.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Arbeitsmärkte der mittel- und osteuropäischen Staaten in der Europäischen Union aus der Perspektive von Matching-Modellen
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
94
Katalognummer
V184006
ISBN (eBook)
9783656086062
ISBN (Buch)
9783656086291
Dateigröße
1457 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang finden sich der in dieser Arbeit verwendete STATA-Code.
Schlagworte
Arbeitsmarkt, MOE-Länder, Matching, Beveridge, Institutionen, E24, J23, J41, J63, P23
Arbeit zitieren
Andreas Gmeiner (Autor), 2009, Arbeitsmärkte der mittel- und osteuropäischen Staaten in der Europäischen Union aus der Perspektive von Matching-Modellen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184006

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