Rechtsextremistische Jugendliche in der DDR

Reproduzierung faschistischer Denk- und Handlungsmuster in der DDR-Jugend


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung:

Einleitung

I. Verordneter Antifaschismus und seine Durchführung

II. Die Entwicklung rechtsextremer Jugendlicher in der DDR

III. Die Zerschlagung der Punk-Szene

IV. Rechtsextremistische Skinheads auf dem Vormarsch

Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

In der Verfassung der DDR heißt es in Artikel 6: „Die Deutsche Demokratische Republik hat getreu den Interessen des Volkes und den internationalen Verpflichtungen auf ihrem Gebiet den deutschen Militarismus und Nazismus ausgerottet.“1 Die angebliche „Ausrottung“ des Nazismus kann allerdings nicht überzeugen, schließlich sind noch heute gewalttätige Übergriffe rechtsextremer bzw. neonazistischer deutscher Jugendliche auf Ausländer, Juden, Homosexuelle, Punks, Linke - kurzum auf alle, die anders aussehen, denken oder leben, alltäglich und allgegenwärtig. So besitzt das Thema „Rechtsextremismus“ mit gutem Grund noch immer höchste Aktualität und Brisanz, wie aus einer Analyse des Volltextarchivs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) seit 1993 deutlich hervorgeht.2 Laut dem Tagesspiegel suchen „die Rechten“ ihre „Opfer“ mittlerweile sogar bevorzugt in Szenegegenden auf und beanspruchen vormals linkes „Territorium“ für sich.3 Doch auch zu DDR-Zeiten wurde das Problem offensichtlich und ebenso zu einem Bestandteil des Alltags.

Es stellt sich nach diesem Blick auf die Verfassung der DDR, einem Staat, gegründet von Widerstandskämpfern und dem Selbstverständnis nach grundlegend antifaschistisch, folgerichtig die Frage, wie ein solcher Staat Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus reproduzieren konnte. Dem an sich „guten Willen“ der Gründungsväter der DDR, aus der jungen Republik einen Hort antifaschistischen Denkens und Handelns zu machen, kann man wohl nicht ganz von der Hand weisen. Doch weder konnte sich die Regierung ihr „Volk“ aussuchen, noch eine Situation der Harmonie innerhalb der Grenzen der DDR schaffen, da die äußere Bedrohung durch den Westen zu Zeiten des Kalten Krieges das Misstrauen gegen die eigenen Bürger schürte und so keine Zeit zur hinreichenden Verarbeitung der Vergangenheit gegeben waren. Stattdessen bildeten sich repressive Strukturen heraus und alte Werte, wie Fleiß, Ordnung, Sauberkeit und Disziplin, also soldatische Tugenden, gewannen wieder an Einfluss.4

Weiter steht in Artikel 6 der Verfassung: „Militaristische und revanchistische Propaganda in jeder Form, Kriegshetze und Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhaß werden als Verbrechen geahndet.”5 Der Staat hatte sich also verpflichtet, gegen jegliches Vorkommen von Rechtsradikalismus bzw. -extremismus, Faschismus oder Nazismus vorzugehen. Inwiefern kam die Staatsgewalt dieser Pflicht aber nun nach? Wie gut waren das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und die weiteren Vertreter der Staatsgewalt, wie die Volkspolizei (VoPo), wirklich über die steigende Rate rechtsextremistischer Jugendlicher informiert? Diesen Fragen soll in der vorliegenden Hausarbeit nachgegangen und, soweit es die Kürze dieser Arbeit erlaubt, beantwortet werden.

Ferner bleibt zu erwähnen, dass ich in meiner Hausarbeit die neue deutsche Rechtschreibung verwende.

I. Verordneter Antifaschismus und seine Durchführung

Das in der DDR oft als „Stunde Null“ bezeichnete Jahr 1945 sollte ein Neubeginn mit der Möglichkeit einer moralischen Selbstreinigung und ewig währenden Lossagung vom Nationalsozialismus sein. Die Parteienlandschaft der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), neben KPD auch CDU, SPD und LDPD, sah die Aufgabe der Deutschen darin, die strukturellen Voraussetzungen des Nationalsozialismus zu beseitigen, den NS-Opfern Wiedergutmachung zu leisten und schließlich einen Staat, aufgebaut auf einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung, zu errichten. Neben Entmilitarisierung, Demokratisierung und der Enteignung von Nazi- und Kriegsverbrechern im Juni 1946 stand vor allem eine personelle Säuberung von Verwaltung und Wirtschaft auf dem Plan. Die Hauptschuld wurde dabei besonders Großindustriellen, Junkern und Militärs zugeschrieben, während Angehörige des Mittelstandes lediglich als Mitläufer eingestuft wurden. Der Arbeiterklasse sprach man fälschlicherweise einen antifaschistischen Mythos zu, um ihre politische Führungsrolle innerhalb der SBZ zu untermauern. Ihre Mitschuld sollten die frischgebackenen DDR-Bürger abtragen, indem sie auf dem neuen Weg ihrer Gesellschaft Mitverantwortung übernahmen. Zunächst noch zurückhaltend, führte die Übernahme des stalinistischen Gesellschaftsmodells von 1948 bis 1950 zu nachhaltigen Modifikationen im ideologischen Selbstverständnis der SED und in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.6

Wie sich im Verlaufe dieser Hausarbeit herausstellen wird, blieb das Programm der „Entnazifizierung“ ein Etikett, welches die psychologischen Wurzeln des Faschismus unberührt ließ, weshalb derselbe tief in der Gesellschaftsstruktur verankert blieb und so reproduziert werden konnte. Die millionenfache Begeisterung wurde nie als umfassender psychischer Prozess aufgearbeitet, die grundlegende Bedeutung der autoritären Verhältnisse in der Gesellschaft, im Zusammenleben und in der Erziehung für die destruktive, extreme Gewalt Nazi-Deutschlands wurde verleugnet oder schlicht ausgespart. Man vermied es tunlichst personale Betroffenheit hervorzurufen. Die Ursachen für dieses schwärzeste Kapitel deutscher und europäischer Geschichte blieben in den Menschen unberührt und konnten so weiter verdrängt werden.7

Durch die Bezeichnung der Gründung der DDR als Wendepunkt in der Geschichte setzte ein geistiger Verdrängungsprozess im Hinblick auf die unliebsame Vergangenheit ein, der nicht zuletzt durch den Kalten Krieg und die Polarisierung der beiden deutschen Staaten begünstigt wurde. Die Begriffe Faschismus und Antifaschismus verloren im Verlaufe der Zeit dabei zunehmend an Inhalt und dienten fast nur noch zu Propagandazwecken. In den 60er und 70er Jahren sah ein Großteil der DDR-Bevölkerung voller Stolz die NS-Vergangenheit als bewältigt an oder aber man scheute die Auseinandersetzung mit diesem Thema. Erst in den 80er Jahren entstand innerhalb der Jugend zunehmend Skepsis und Ablehnung gegenüber diesen offiziellen Mythen und Propagandaformeln. Die antifaschistische Erziehung, die ein fester Bestandteil der Volksbildung war, bestand aus vielerlei Pflichtübungen in allerlei Jugendorganisationen und der Schule, ihr erzieherischer Effekt blieb hingegen oft fragwürdig.8

Wesentlich in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit war der Geschichtsunterricht. Dabei wurden allerdings viele wichtige Details verschwiegen oder nur unzureichend behandelt. Die Frage nach der Schuld bzw. Mitschuld der Deutschen wurde immer weniger diskutiert, besonders im Zusammenhang mit dem Holocaust. Besonders die falsche Darstellung, das deutsche Volk wäre durch eine Hand voll Nationalsozialisten belogen und verführt worden und so in den Zweiten Weltkrieg hineingeraten, konnte sich nur negativ auf das Selbstverständnis der DDR-Bürger auswirken. Ebenso die Feststellung, das deutsche Volk habe neben dem sowjetischen die größten Kriegsopfer zu tragen gehabt, was ganz selbstverständlich sein muss, da es maßgeblicher Urheber für den Zweiten Weltkrieg war. Es war nicht sehr förderlich für die Aufarbeitung der Vergangenheit mehrheitlich auf den deutschen antifaschistischen Widerstand einzugehen. Differenzierte wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus fanden insgesamt nur schwer Zugang zu den Lehr- und Erziehungsinhalten der DDR und wurden oft auch wieder verdrängt. Die Schule trug dazu bei, der heranwachsenden Generation eine echte Fragestellung zum Nationalsozialismus abzugewöhnen. Man sah sich und seine Vorfahren nicht mehr für die faschistischen Verbrechen der NS-Diktatur verantwortlich, da viele zu der Überzeugung gelangten, ein Großteil der deutschen Bevölkerung sei in den Jahren unter Hitler antifaschistisch gewesen. Letztlich war die Annahme, Millionen Menschen könnten quasi über Nacht zu Erbauern des Sozialismus erzogen werden, naiv. Und diese Naivität übertrug sich nun, neben einer Bestürzung und Fassungslosigkeit, auf den Umgang mit rechtsextremen, nationalistischen und neofaschistischen Erscheinungen in der DDR. Faschismus sollte in der DDR keinerlei Existenzgrundlage haben, weshalb faschistische Einflüsse nur außerhalb der eigenen Grenzen zu verorten waren und dem „imperialistischen Ausland“ sowie der unter deren Einfluss stehenden zweiten deutschen Nation, der BRD, zugeschrieben wurden.9

Doch muss auch der DDR-Führung klar gewesen sein, dass faschistische Tendenzen im eigenen Lande vorhanden waren. Wie sichtbar waren diese aber nun und wie viel war der Regierung bekannt? Darauf soll folgend eingegangen werden.

II. Die Entwicklung rechtsextremer Jugendlicher in der DDR

Die Identitätskrise, in der sich viele, vor allem junge, DDR-Bürger befanden sowie die Selbstzerstörung des Systems und nicht etwa die Infiltration faschistischen Gedankenguts aus dem Ausland, haben auch den Rechtsextremismus in der DDR wieder aufleben lassen. Zunächst ist zu erwähnen, dass Rechtsextremismus in der „pseudo-sozialistischen“ Gesellschaft latent in den alten Gesellschaftsstrukturen vorhanden gewesen ist, mit weiten Systembedingungen vereinbar war und somit integrierbar wurde. Rechtsextremistische Denk- und Handlungsmuster wurden durch den sozialistischen Überwachungsstaat und dessen Spezifika der Machthandhabung also zwangsweise reproduziert.10

Mit der Entwicklung der Skinhead-Szene in der DDR in den 80er Jahren kam auch der Jugendrechtsextremismus verstärkt auf. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass SkinheadSzene und organisierter Rechtsextremismus keinesfalls wesensgleich sind. Der Begriff „Skinheads“ steht für verschiedene Strömungen eines jugendkulturellen Zusammenhangs, mit dem differenzierte ideologische Orientierungen und politische Anschauungen verbunden sind, die von links- bis rechtsextrem reichen (Bsp. S.H.A.R.P.-Skins, Redskins, Nazi-Skins, Oi-Skins etc.). Im Verlaufe der 80er Jahre durchlief die Skinhead-Szene verschiedene Entwicklungsstadien, die verschiedene Formen und Strömungen hervorbrachten und in der DDR von Anbeginn mit rechtsextremen Parolen und Symbolen als Protest gegen das sozialistische System verbunden waren.11

[...]


1 Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 6. April 1968, in der Fassung des Gesetzes zur Ergänzung und Änderung der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 7. Oktober 1974, Abschnitt 1, Artikel 6. Online-Ressource: http://www.ddr-im- www.de/Gesetze/Verfassung.htm#grundlagen, Quelle: Gesetzesblatt der DDR Teil I Nr. 47 - Ausgabetag: 27. September 1974.

2 Vgl. Klaus Boehnke/Daniel Fuß/John Hagan (Hrsg.), Jugendgewalt und Rechtsextremismus, Soziologische und psychologische Analysen in internationaler Perspektive, Weinheim/München 2002, S. 7.

3 Vgl. Jörn Hasselmann/Johannes Radke, Neonazis im Partykiez - Erneut gehen Rechtsextreme und Linke aufeinander los. Die Rechten suchen sich ihre Opfer immer öfter in Szenegegenden. In: Der Tagesspiegel, Ausgabe 19827 / Montag, 25. Februar 2008, S. 12.

4 Vgl. Bernd Siegler, Auferstanden aus Ruinen - Rechtsextremismus in der DDR. Berlin 1991, S. 7.

5 Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, a. a. O.

6 Vgl. Wilfried Schubarth u. Thomas Schmidt, Sieger der Geschichte - Verordneter Antifaschismus und die Folgen. In: Karl-Heinz Heinemann/Wilfried Schubarth (Hrsg.), Der antifaschistische Staat entlässt seine Kinder - Jugend und Rechtsextremismus in Ostdeutschland, Köln 1992, S. 12f.

7 Vgl. Hans-Joachim Maaz, Sozialpsychologische Ursachen von Rechtsextremismus - Erfahrungen eines Psychoanalytikers. In: Karl-Heinz Heinemann/Wilfried Schubarth (Hrsg.), Der antifaschistische Staat entlässt seine Kinder - Jugend und Rechtsextremismus in Ostdeutschland, Köln 1992, S. 117.

8 Vgl. Ebd., S. 13ff.

9 Vgl. Schubarth/Schmidt, a. a. O., S. 15ff.

10 Brück, Wolfgang: Skinheads als Vorboten der Systemkrise - Die Entwicklung des Skinhead- Phänomens bis zum Untergang der DDR. In: Karl-Heinz Heinemann/Wilfried Schubarth (Hrsg.), Der antifaschistische Staat entlässt seine Kinder - Jugend und Rechtsextremismus in Ostdeutschland, Köln 1992, S. 37.

11 Vgl. Bernd Wagner (Hrsg.), Handbuch Rechtsextremismus - Netzwerke, Parteien, Organisationen, Ideologiezentren, Medien. Hamburg 1994, S. 185.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Rechtsextremistische Jugendliche in der DDR
Untertitel
Reproduzierung faschistischer Denk- und Handlungsmuster in der DDR-Jugend
Hochschule
Universität Potsdam  (Department Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Pädagogik und Geheimdienst in der DDR
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V184038
ISBN (eBook)
9783656086895
ISBN (Buch)
9783656086734
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Pädagogik, Punks, Rechtsextremisten, Subkultur, Überwachungsstaat, Rechtsextremismus, Radikalisierung, Stasi, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Nachkriegszeit
Arbeit zitieren
Magister Artium Steve R. Entrich (Autor), 2008, Rechtsextremistische Jugendliche in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184038

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