Die kleinen Golfstaaten - Fokussierung versus Diversifizierung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Themenstellung

2. Fokussierung versus Diversifizierung

3. Analyse der kleinen Golfstaaten
3.1 Bevolkerung
3.2 Erdgas- und Erdolreserven
3.3 Fazit

4. Probleme der Fokussierung auf den Erdolsektor
4.1 Technologischer Fortschritt und Energiepolitik
4.2 Abnehmer und Planungsunsicherheit
4.3 Rentierstaatstheorie
4.4 Fazit

5. Diversifizierung: Fallbeispiel Dubai
5.1 Dubai
5.2 Physische und Support Infrastruktur
5.3 Freihandelszonen
5.4 Tourismus und Freizeit
5.5 Real Estate
5.6 Fazit

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Themenstellung

Auf dem in Paris stattfindendem G20-Gipfel steht neben Haushaltsdefiziten und Wechselkursstreitereien die allgemeine Ausrichtung der amerikanischen, europaischen und chinesischen Volkswirtschaften auf der Diskussionsagenda. Den USA wird vorgeworfen einseitig enormen Konsum auf Kredit zu finanzieren, China und Deutschland das daraus resultierende Leistungsbilanzdefizit mit ihren exportorientierten und -fokussierten Volkswirtschaften noch zu unterstutzen. Diese Staaten haben in jahrelanger Muhe ihren Exportsektor gefordert und sich so einen ertragsreichen und erfolgreichen Wettbewerbsvorteil anderen Staaten gegenuber aufgebaut und profitieren nun von diesen Unterfangen.

Bezug nehmend auf diese Thematik zahlt es sich aus auch einen Blick auf die kleineren Golfstaaten Kuwait, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate zu werfen, um die es seit der Stabilisierung des Olpreises stiller geworden ist. Zweifelsohne haben diese ebenso eine unausgeglichene Leistungsbilanzen durch Wettbewerbsvorteile. Es handelt sich in diesem Fall um naturliche Wettbewerbsvorteile im Erdol- und Erdgassektor, welche den Exporten ubermaBige Bedeutung zukommen lassen.

Diese Arbeit untersucht die Moglichkeiten und Risiken der Nutzung dieser Wettbewerbsvorteile. Ein Staat kann diese durch eine Fokussierung auf einen bestimmten Wirtschaftssektor fordern, oder durch diversifizierende Wirtschaftspolitik entgegenwirken. Kapitel 2 beschreibt das Spannungsfeld dieser beiden Extreme. Darauf folgend werden die kleinen Golfstaaten vorgestellt, auf die sich diese Analyse bezieht. Diese eignen sich durch ihre naturlichen Ol- und Gasreserven als Beispiele von Staaten, welche sich auf naturliche Wettbewerbsvorteile fokussieren konnen. Kapitel 4 befasst sich mit den grundsatzlichen Risiken dieser Fokussierung und Kapitel 5 stellt exemplarisch Dubai und dessen Diversifizierungspolitik als Gegenbeispiel dieser Entwicklung vor. Ein kritisches Fazit schlieBt die Arbeit zum Thema ,,Die kleinen Golfstaaten - Diversifizierung versus Fokussierung" ab und zeigt auf, dass die einseitige Praferenz des einen oder des anderen Extrems - je nach den Voraussetzungen des jeweiligen Staates - nicht das Fundament einer nachhaltig erfolgreichen volkswirtschaftlichen Entwicklung sein kann.

2. Diversifizierung versus Fokussierung

Von den Begriffen Diversifizierung und Fokussierung wird vor allem in der betriebswirtschaftlichen Literatur Gebrauch gemacht. Gemeint ist das Produktspektrum eines Unternehmens. Das Management kann sich auf ein Produkt bzw. auf eine kleine Auswahl an Produkten fokussieren, oder das Produktspektrum erweitern. Diese Erweiterung, also das sich Wegbewegen von der Spezialisierung auf wenige Produkte, nennt man Diversifizierung. Es beschreibt eine Streuung von Ressourcen fur die Herstellung unterschiedlicher Produkte. In dieser Arbeit werden diese beiden Begriffe und ihre Bedeutungen vom betriebswirtschaftlichen auf ein volkswirtschaftliches Level gehoben und bedeutungsgleich verwendet. Die Volkswirtschaft entspricht dem Betrieb, der Staat entspricht dem Management und die volkswirtschaftlichen Sektoren entsprechen den betrieblichen Produkten.

Allgemein wird zwischen der vertikalen, horizontalen und lateralen/ diagonalen Diversifizierung unterschieden. Eine vertikale Diversifizierung bewegt sich entlang der Wertschopfungskette, wie die zusatzliche Produktion von Treibstoffen neben der Forderung des Vorprodukts Rohol. Die horizontale Diversifizierung entspricht einer Erweiterung des Produktspektrums auf derselben Wirtschaftsstufe. Gemeint sein kann eine Ausweitung der Produktion von Diesel auf weitere verschiedene Treibstoffe wie Super oder Benzin. Entscheidet sich das Unternehmen ein ihm vollkommen neues Produkt zu produzieren, oder will der Staat einen bisher vernachlassigten Sektor fordern, wird von der lateralen oder diagonalen Diversifizierung gesprochen. Neben der Olforderung und dem Verkauf von Diesel werden beispielsweise landwirtschaftliche Produkte in das Sortiment aufgenommen. Der Staat konnte neben dem Erdolsektor den Finanzsektor aktiv fordern.[1]

Es gibt verschiedene Methoden die Diversifizierung einer Volkswirtschaft zu messen: Equiproportional Measures, Type of Industries Measures, Portfolio Measure, Input- Output Measure etc... Jede dieser Methoden betrachtet und vergleicht einen bestimmten Aspekt, wie die Anzahl der Beschaftigung, die Anzahl der Betriebe oder den Wert des Outputs der diversen Wirtschaftssektoren.

Infolgedessen muss man sich im Vorhinein genauestens im Klaren sein, welche Variablen uberhaupt aussagekraftig sind. Der hier weiter untersuchte Olsektor kann einen sehr hohen Output haben, jedoch als wenig arbeitsintensiver Sektor geringe Auswirkungen auf die Beschaftigung haben. Ebenso konnen die Ertrage durch Preisschwankungen extrem schwanken und das Bild verzerren. Da in dieser Arbeit vor allem Rentierstaaten untersucht werden, welche auf die Gewinne ihrer Unternehmen bzw. auf die Olrenten angewiesen sind, wird der Anteil des Outputs der einzelnen Wirtschaftssektoren am BIP als Bewertungsgrundlage genommen.[2]

Anhand dieser Annahmen tritt die Bedeutung der Begriffe Fokussierung und Diversifizierung fur den Staat hervor. Eine Fokussierung ist eine Spezialisierung, ist eine Bundelung des Einsatzes der zur Verfugung stehenden Ressourcen. Ahnlich wie beim Handel mit Aktien kann diese zu hoheren Ertragen fuhren, im Falle einer falschen Investition jedoch ebenso zu hoheren Verlusten. Die Streuung der Ressourcen auf mehrere Sektoren im Falle der Diversifizierung fuhrt zu einem geringeren Risiko und zu hoherer Stabilitat. Jedoch geht dies in der Regel mit geringeren Ertragen einher. Jeder Staat muss sich daher diesem Trade-Off stellen und abwagen, ob er durch potentiell vorhandenen Wettbewerbsvorteilen eine Fokussierung auf einen bestimmten Wirtschaftssektor fordert, mit der Chance, ein hohes Wirtschaftswachstum und damit einhergehende Ertrage zu erhalten, doch auch mit dem Risiko von der Entwicklung dieses einen Sektors abhangig zu werden. Alternativ entscheidet er sich fur eine Forcierung der Diversifizierung, welche ihm zwar potentiell ein geringeres Wachstum, doch als Ausgleich Nachhaltigkeit und ein stabiles wirtschaftliches und politisches Klima verspricht.[3] Wie erwahnt, kann (technologische) Marktfuhrerschaft oder das Vorhandensein von naturlichen Rohstoffreserven eine Voraussetzung fur eine mogliche Fokussierung sein. Nach dem Kriterium der Rohstoffreserven werden im folgenden Kapitel die kleinen Golfstaaten Kuwait, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate untersucht.

3. Analyse der kleinen Golfstaaten

3.1 Bevolkerung

Unter der Bezeichnung der kleinen Golfstaaten versteht man Kuwait, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie alle haben gemein, dass sie relativ klein sind und geringe Bevolkerungszahlen mit einem hohen Auslanderanteil aufWeisen. Das Auswartige Amt beziffert Kuwaits Bevolkerungszahl auf 3,4 Mio. Einwohner, inklusive 2,3 Mio. Auslander. Bahrain kommt auf 1,2 Mio., inklusive 600.000 Auslander, Katar auf 1,7 Mio. Einwohnern, inklusive 1,5 Mio. Auslander und die Vereinigten Arabischen Emirate auf 7 Mio. Einwohner, inklusive 5,8 Mio. Auslander. Diese Auslander sind vor allem hochqualifizierte Expatriotes aus Westeuropa und den USA und geringqualifizierte Arbeitsmigranten aus der MENA-Region und Sudasien. Damit stellen diese beiden Bevolkerungsgruppen die Majoritat in den kleinen Golfstaaten. Ihre Anzahl ist hohen Schwankungen unterworfen und wenige planen langfristig in dieser Region zu bleiben.[4]

Verbunden mit der niedrigen Bevolkerungszahl der „Natives“, sind die volkswirtschaftlichen Daten, die auf die Einwohnerzahlen bezogen werden, mit Vorsicht zu genieBen. Grund fur die hohe Anzahl an Auslandern ist ein Wirtschaftsboom, der durch die im Erdol- und Erdgassektor verdienten Renten und die auslandischen Direktinvestitionen verursacht wurde. Dies resultierte in einem hohen Bedarf an auslandischen Fachkraften und geringqualifizierten Arbeitskraften.

3.2 Erdgas- und Erdolreserven

Ein weiteres gemeinsames Merkmal der kleinen Golfstaaten ist ihr Reichtum an Bodenschatzen, vornehmlich an Erdol und Erdgas. Katar und die VAE rangieren unter den Top 10 der Lander mit den hochsten Erdgasreserven weltweit. Katar wird von der OPEC mit Reserven von uber 25 Trillionen Kubikmetern auf dem dritten Platz hinter Russland mit 45 und der Islamischen Republik Iran mit 30 Trillionen kbm gelistet. Die VAE haben den siebten Platz mit Reserven uber ca. 7 Trillionen kbm inne und rangieren somit zwischen den weiter oben gelisteten USA und Venezuela. Die weltweiten Gasreserven werden von der OPEC auf 187 Trillionen kbm geschatzt. Somit besitzt Katar uber 13% und die VAE uber 3% der weltweiten Reserven. Die anderen kleineren Golfstaaten tauchen in dieser Statistik nicht auf. Ihnen kommt jedoch bei den Erdolreserven umso groBere Bedeutung zu.

Abbildung 1: “Erdgasreserven Ende 2009, Top 10 Lander”

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OPEC: ,,World Oil Outlook 2010”,

www.opec.org/opecjweb/en/publications/340.htm (Stand 11.02.2011), S. 52

Die OPEC schatzt die weltweiten Erdolreserven auf uber 1.300 Milliarden Barrel. 1064 davon, bzw. knapp 80% konnen die OPEC-Mitglieder ihr Eigen nennen. Im Gegensatz zu Bahrain gehoren Kuwait, Katar und die VAE der OPEC an. Auf diese 80% bezogen, entfallen knapp 10% auf Kuwait, um die 9% auf die VAE und etwas uber 2% auf Katar. Ihr Anteil an den weltweiten Erdolreserven liegt somit bei ca. 8%, 7% und 1,6%. Es muss beachtet werden, dass diese Werte durch neu entdeckte Vorkommen, oder verschiedene andere Variablen, schwanken. Dennoch ist das grobe Bild erkennbar. Mit uber 16% der weltweiten Erdolvorrate haben diese drei kleinen Staaten enorme Reserven, welche eine langfristig gesicherte Einnahmequelle darstellen.[5]

3.3 Fazit

Zusammengenommen verfugen die kleinen Golfstaaten uber 16% der weltweiten Gasreserven und einen ebenso hohen Anteil an den weltweiten Erdolreserven. Bahrain, das bisher noch nicht berucksichtigt wurde, besitzt ebenfalls, auf seine GroBe bezogen, bedeutende Vorkommen. Bezieht man nun die geringe Bevolkerungszahl mit in die Rechnung ein, ergibt sich ein Bild, das langfristig eine vielversprechene Kapitalausstattung dieser Lander verspricht. Nicht umsonst werden diese Staaten als klassische Rentierstaaten gelistet. Verbreitet ist deshalb die groBe Bedeutung des Staatssektors, welcher seinen Einwohnern eine groBe Bandbreite von kostenfTeien Diensten im Gesundheits-, Arbeits- und Bildungssektor anbietet. Er steuert tiefgreifend die Entwicklung der Wirtschaft und bindet mit Hilfe eines Patronagesystems die Bevolkerung politisch wie okonomisch an sich.[6]

Ganz offenkundig sind diese Reserven ein naturlicher Wettbewerbsvorteil, der gewinnbringend genutzt werden will. Es ist zumindest unbestreitbar, dass eine Fokussierung der Okonomien auf den Erdgas-, bzw. den Erdolsektor noch fur Jahrzehnte hohe Renten einfahren kann, zumal der Olpreis im Fall einer Verknappung der Rohstoffe mittelfristig noch steigen sollte. Die im vorherigen Kapitel angesprochene These legt somit eine Fokussierung auf diesen Sektor nahe, um die Wettbewerbsvorteile zu nutzen und hohe Ertrage zu erwirtschaften.

[...]


[1] Vgl. Zube, Claudia: “Management diversifizierter Unternehmen”, Norderstedt 2006, S. 3

[2] Vgl. Wagner, John E.: ’’Regional Economic Diversity: Action, Concept or State of Confusion”; In: “The Journal of Regional Analysis & Policy”; 2000 (30:2), http://www.jrap-journal.org/pastvolumes/2000/v30/30-2-l.pdf (Stand 20.02.2011), S. 4 - 14

[3] Vgl. Shediac, R./ Abouchakra, R./ Moujaes, C. N./ Najjar, M. R. (Booze & Co.): „Economic Diversification, The Road to Sustainable Development “,

http://www.booz.com/media/uploads/Economic-Diversification.pdf (Stand 20.02.2011), S. 10-14

[4] Vgl. Auswartiges Amt, http.V/www.auswaertiges- amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laender_Uebersicht_node.html (Stand 14.01.2011)

[5] Vgl. OPEC: “Annual Statistical Bulletin 2009”, http://www. opec. org/opec_web/static _files _project/media/downloads/publications/ASB2009.pdf (Stand 01.02.2011), S. 22

[6] Vgl. Gause, F. Gregory: “Oil Monarchies, Domestic and Security Challenges in the Arab Gulf States”, New York 1994, S. 42 - 44

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die kleinen Golfstaaten - Fokussierung versus Diversifizierung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V184044
ISBN (eBook)
9783656085997
ISBN (Buch)
9783656085898
Dateigröße
1107 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Middle East, GCC, Dubai, Golfstaaten, Diversifizierung, Naher Osten, Arabisch
Arbeit zitieren
Adrian Wille (Autor), 2010, Die kleinen Golfstaaten - Fokussierung versus Diversifizierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184044

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