Gordon Matta-Clark - Anarchitecture - Einriss bis Abriss


Seminararbeit, 2010
15 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werkbeispiele

3. Wohin mit der Kunst?
3.1.Splitting(1974)
3.2.Conical Intersect(1975)
3.3.0ffice Baroque(1977)

4. Bemerkung

Literatur

Zum Autor

Anarchitecture

1. Einleitung

Gordon Matta-Clark ist ein Architekt/Künstler, der seine Bekanntheit dadurch begrün­dete, dass er tradierte Architekturnormen und die traditionelle Wahrnehmung von Ar­chitektur hinterfragte und umkehrte. Er prägte Begriffe wie Anarchitecture und Anti­Monument (Non-uments), welche im Folgenden noch zu erläutern sein werden. Matta- Clark wuchs in Paris und New York auf. Der Kontext seines Schaffens muss in Frankreich im 20. Jh., als auch in der zeitgenössischen Kunst der 70er und 80er Jahre Amerikas ge­sucht werden. Viele Tendenzen in seiner Arbeit wie Reduktion, Dekonstruktion und Transformation können im Bereich der Minimal-Art oder Konzept-Kunst verortet wer­den.

Mit seinen Splittings und Cuts, bei denen er abrissreife Gebäude mit den unterschied­lichsten Gerätschaften aufschnitt, durchbohrte oder teilte, um das Innenleben einer sol­chen Architekturform freizulegen, gelang ihm der internationale Durchbruch als Künst­ler.

Er studierte ab 1962 Architektur an der Cornell Universität und anschließend französi­sche Literatur in Paris. Sein Studienaufenthalt in Cornell hatte maßgeblichen Einfluss auf seine spätere Arbeit, da er auf dieser Universität in New York die Bekanntschaft von Ro­bert Smithson und Dennis Oppenheim machte.

Matta-Clarks Arbeiten sind heute nur noch auf Video-, oder Fotomaterial erhalten. Da sich der Architekt/Künstler für seine Dekonstruktionen und Aufspaltungen immer an zum Abriss freigegebene Gebäude band, sind seine Performances nur temporär gewe­sen. Die Frage die sich hier auftut ist, inwieweit Matta-Clarks Werk heute noch fassbar sein kann, wenn die eigentliche, vom Künstler angestrebte Performance auch an Bet­rachterinnen gebunden gewesen war.

Matta-Clark steht aus heutiger Sicht kanonisiert neben Smithson und Oppenheim. Diese Generation an Künstlerinnen wird in der Rezeption im Bereich der sozio- ökonomischen Kritik verortet.

Splittings, Cuts sind Variationen von Zerstörung. Wo wird konstruiert, wo dekonstruiert. Baut der/die Architekten immer nur auf? Ist die Aufgabe der Künstlerinnen zu zerstö­ren?1

2. Werkbeispiele

Im Laufe der Arbeit werde ich drei Werke von Matta-Clark beleuchten.

- Splitting (1974). bei der er ein Haus aus den 1930ern in Englewood entzwei­schnitt und die Fundamente einer Hälfte des Gebäudes schräg absägte. Mit Hilfe eines Wagenhebers hub er eine Haushälfte um einige Grade, bis eine Kluft zwischen den Haushälften zu sehen war.
- Conical Intersect Í1975T Im Rahmen der Pariser Biennale schnitt er eine runde Öffnung in ein Haus, durch welches Passantinnen einen Blick auf das entstehende Cent­re Pompidou werfen konnten.
- Office Baroque (1977). Das letzte große Projekt von Matta-Clark, indem er meh­rere Kreisformen aus einem Bürogebäude in Antwerpen sägte.

3. Wohin mit der Kunst?

Die Frage, inwieweit der Galerieraum noch als Projektionsfläche künstlerischer Arbeit in den Mittelpunkt gerückt werden soll, war eine umstrittene in den 70er Jahren, vor allem in Amerika2. Die etwas provokative Frage dieses Abschnitts der Arbeit, bezieht sich auf die sogenannten Erdkünstler3 (z.B. Smithson). Diese verorteten die künstlerische Arbeit nicht mehr nur in der Galerie, obwohl diese wiederrum nicht obsolet sein konnte. Gor­don Matta-Clark äußerte sich zu dieser Thematik einmal wie folgt: „Ich besuchte mehr­mals eine Ghetto-Gegend... ging in die Häuser [und]... schnitt mit einer Handsäge Recht­ecke aus den Böden und Wänden. So konnte man von einem Raum in den anderen se­hen. Die ausgesägten Stücke nahm ich... und trug sie in eine Galerie."4

Die Galerie hat die Alleinfunktion der Präsentation und Reflektion des Kunstbetriebs verloren. Sie wurde eingebettet in ein Geflecht von Kunstproduktion, wie sie auch zu einem Puzzleteil des gesamten Kunstkonzepts der einzelnen künstlerischen Arbeiten mutierte.

Matta-Clark arbeitete an Gebäuden, die ein Ablaufdatum in ihrer Existenz bereits bein­halteten, da ihnen allen der Abriss bevorstand. Es scheint, als wäre auch die künstleri­sche Arbeit an ihnen nur eine temporäre, flüchtige. Die Werke Splittings, Office Baroque oder auch Conical Intersect sind einerseits nicht mehr existent, in Form der dekonstru- ierten Gebäude, allerdings scheinen sie auch erhalten, da sie bis heute den Weg in die Galerieräume und Museen finden. Diese Dichotomie lässt auf die Fragen schließen:

„Wo ist das eigentliche Werk?" „Was ist das eigentliche Werk?"5

Robert Smithsons Spiral Jetty (1970) machte es bereits vor. Das Werk an sich ist dabei schwer zu fassen. Die Videoaufnahmen, die unzähligen Fotografien und dokumentari­schen Berichte stellen Zeugen der Spiral Jetty in Utah im Präsentationsraum dar. Smithson vernetzt die endliche Arbeit mit medialen Mitteln, die überdauern und nutzt die Galerie als Projektionsfläche. Matta-Clark arbeitet unter sehr ähnlichen Konditionen. Die Verabschiedung eines hegemonialen Galeriewesens, darf dadurch nicht als singulä­res Ziel verstanden werden. Der Kontext in dem Matta-Clark, wie auch schon Smithson arbeitete, stand immer in engem Kontakt zur Galerie. Speziell in Clarks Arbeit spiegelt sich ein Dialog zwischen Architektur, Kunst und der Galerie wieder, der die Galerie nicht als Standort repressiver Architektur in Bezug auf das Establishment sieht, sondern ver­sucht eine Kommunikation zwischen allen drei Komponenten6 im urbanen Lebensraum herauszubilden.7

3.1. Splitting(1974)

In der Arbeit Splitting zerschneidet der Architekt/Künstler ein Haus, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Haus befand sich in der Humphrey Street in Englewood, New Jersey. Mit Hilfe von Sägen und unterschiedlicher Gerätschaften entzweite er das Gebäude mit ei­nem vertikalen Schnitt durch die mittlere Achse. Das simple Design lässt den Eindruck eines regelrechten Prototyps des amerikanischen Familienhauses entstehen. Das Haus, das dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, wurde zuvor von Matta-Clarks damali­gen Galeristen Horace und Solly Solomon erworben. Aus der erhaltenen Videoaufnahme sehen wir, wie die Kamera jenem Schnitt entlang gleitet, der das Haus in zwei Hälften teilt. Unter dem steinernen Fundament der einen Gebäudehälfte entfernte Matta-Clark einen schmalen Keil, um dadurch die darüber liegende Holzkonstruktion derart abzu­senken, dass sich der Einschnitt zu einem recht breiten, auseinanderklaffenden Spalt verbreitete. „The abandonned home was filled by a silver of sunlight that passed the day throughout the rooms", ist als Textzeile im Video eingeblendet. Die Kamera dirigiert den Blick der Betrachterinnen auf die Schnitte an der Vorder- und Rückseite des Ge­bäudes. Der Fokus der Kamera zielt danach direkt auf den Schnitt und blendet uns durch die hellen Sonnenstrahlen, die durch den Spalt zwischen den beiden Haushälften durch­dringen. Es erweckt den Eindruck, dass dem Gebäude erneut das Skalpell angesetzt wird und durch einen ruckartigen Schnitt das Gemäuer entzweit wird. Im letzten Akt werden noch vier Eckkanten des Daches entfernt. Die letzte Großaufnahme des Videos zeigt, wie die Kamera aus dem Inneren des Gebäudes, durch eine Öffnung, einen Blick auf das Au­ßen erhaschen lässt. Die Betrachterinnen können nun, durch die frisch erzeugten Auf­risse, Spalten, Öffnungen, die außerhalb des Gebäudes von der sommerlichen Luft und des hellen Lichtes durchdrungene Natur sehen.

Ein Gebäude, das in seiner Konstruktion, seiner Beschaffenheit und seinem Charakteris­tikum als abgeschlossenes Objekt gilt, wird aufgerissen, gespaltet und von seinem ur­sprünglichen Originalitätszustand entfremdet. „Ein Gebäude zu zerstören anstatt zu bauen (oder wiederaufzubauen) kommt einer Umkehrung der funktionalistischen Dokt­rin gleich... Matta-Clark [arbeitet] mit Rißstellen, leerstehenden Räumen, mit denen niemand etwas angefangen [hätte]. In der modernen Architektur existiert Letzteres aus-

[...]


1 Vgl. Graham 1996, S. 225.

2 Es wurden etablierte Institutionen kritisiert. Vgl. http://eipcp.net/transversal/0106/sheikh/de. am 21.12.2011.

3 Graham 1996, S. 215.

4 Matta-Clark 1977, S. 8. Nach Graham 1996, S. 215.

5 Diese Frage stellt sich auch Lisa Lefeuvre. http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:K8ZtBMlBmdsi:www.artmonthlv.co.uk/lefeuv re.htm+matta+clark+interview&cd=l&hl=de&ct=clnk&gl=at. am 09.06.2010.

6 Vgl. Graham 1996, S. 217. Graham sieht den Dialog in Matta-Clarks Arbeit als einen zwischen Kunst und Architektur, nennt allerdings nicht explizit die Galerie in Bezug auf das Marktwesen und deren Präsentati­onformen und -möglichkeiten. Ich sehe in Matta-Clarks Werk alle drei Komponenten inhärent.

7 Vgl. Fusi 2008. Lorenzo Fusi kontextualisiert auch die politische Ebene die sich aus den drei Komponen­ten ergibt: „...the cuts become a system and acquire a strong political connotation, beyond their aesthetic value, because of their ephemerality and being beyond the confines of traditional exhibiting places." Zitiert nach: Leutgeb 2009, S. 60.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gordon Matta-Clark - Anarchitecture - Einriss bis Abriss
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Kunstgeschichte)
Note
1,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V184161
ISBN (eBook)
9783656089131
ISBN (Buch)
9783656089049
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Matta-Clark, Anarchitecture, Architektur, Stadtplanung, Institutsionskritik
Arbeit zitieren
Daniel Skina (Autor), 2010, Gordon Matta-Clark - Anarchitecture - Einriss bis Abriss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184161

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